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Christian Lindner: Das Comeback

Christian Lindner: Das Comeback
Henning Ross
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit20 Min · 4.095 Wörter

Ein regnerischer Donnerstagabend Ende Juni – Christian Lindner lässt auf sich warten. An diesem Abend findet im Ballhaus in der Berliner Chausseestraße, einem charmant aus der Zeit gefallenen Ort mit Tischtelefonen, purpurroten Lampen und vergoldeten Säulen, die Veranstaltung „Get Started Policy Pitch“ statt. Der Lobbyverband Bitkom hat Politiker eingeladen, die Digitalagenda ihrer Parteien für die anstehende Bundestagswahl vor der Berliner Startup-Szene zu präsentieren. Schnell, konkret, unterhaltsam, soweit das eben geht. Dabei soll diese Veranstaltung bitte auch irgendwie lässig sein, freie Rede, vielleicht Powerpoint und, total gut gemeint: ein Popsong als Einlaufmusik für die Politiker, wie beim Boxen.

Bei Bitkom haben sich 2 500 Unternehmen aus der Digitalwirtschaft, darunter 400 Startups, zusammengetan. Wenn eine politische Veranstaltung für Christian Lindner ein Heimspiel ist, dann diese. Wie wichtig auch die anderen Parteien das Pitch-Spaßevent nehmen, zeigt die Besetzung: Die SPD hat Generalsekretär Hubertus Heil geschickt. Sein CDU-Pendant Peter Tauber hatte ebenfalls zugesagt, ist jedoch verhindert. Nun sitzt Helge Braun, Staatsminister bei der Bundeskanzlerin, im Saal. Daneben Petra Sitte, Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken, und Kerstin Andreae, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen. Wo aber bleibt Lindner?

Als der mit fast 20 Minuten Verspätung in den dunklen Saal tritt, geht ein Raunen durch die Reihen. „Das isser, da isser!“, flüstern sich zwei aufgeregte Jungunternehmer zu. Lindner steigt als Letzter für den Pitch auf die Bühne. Dazu spielt die Band „Jein“ von Fettes Brot, einen über 20 Jahre alten Partyhit, aber egal: Cool genug für diesen Abend ist das allemal. Und dann bringt Christian Lindner die Veranstaltung auch nach Hause wie ein Boxer gegen einen hoffnungslos unterlegenen Gegner: Eine kurze Ode ans Scheitern, ein paar Punchlines zu Digitalisierung, digitaler Verwaltung und Glasfaserausbau, der Saal gehört ihm.

Wie verdammt konnte das passieren? Wie konnte ausgerechnet die FDP, diese über Jahre verlässlich uncoole Partei, dieser Hort der Herzenskälte zu etwas werden, was in Berlin-Mitte euphorisch beklatscht wird? Wie konnte eine Partei, deren Fans es bis vor wenigen Jahren ernsthaft lässig fanden, in der Oberstufe mit Aktenköfferchen und Polohemd und an der Uni mit schlecht sitzenden Konfirmationsanzügen und Zigarillos aufzutreten, für so viel Aufregung sorgen? Und vor allem: als sympathisch gelten? Um zu verstehen, wie das passieren konnte, muss man fast vier Jahre zurückgehen.

Als Christian Lindner am 22. September 2013 gegen halb fünf nachmittags unter die Dusche steigt, liegt seine Welt in Trümmern. Es ist der Tag der Bundestagswahl. In den Umfragen lag die FDP immer knapp über fünf, manchmal sogar bei sechs Prozent. Von Anfang an war klar, dass es knapp werden würde. Doch die ersten Exit-Polls, die Lindner wie alle wichtigen Funktionäre der großen Parteien um kurz nach 16 Uhr erhalten hat, zeigen: Es wird nicht knapp werden – es wird nicht reichen. 4,8 Prozent, die FDP fliegt aus dem Bundestag. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wird die Freie Demokratische Partei nicht mehr dem Parlament angehören. Das politische Königreich, das Lindner hatte erben wollen, ist in diesem Augenblick vor seinen Augen zerbröselt. Gleich muss er, damals Fraktionsvorsitzender im Landtag von NRW, ins FDP-Präsidium, anschließend in die Parteizentrale. Alle Kameras werden an diesem Abend auf die vernichtete FDP gerichtet sein. Was für ein unfassbarer Niedergang einer einst stolzen, wichtigen Partei. Der Tod eines Dinosauriers. „The End“.

Doch als Christian Lindner um Viertel vor fünf wieder aus der Dusche steigt, da hat er einen Plan. Er will Vorsitzender der FDP werden. Er will kämpfen. Will Frieden in die unfassbar zerstrittene Partei bringen, Menschen für die FDP gewinnen, die Liberalismus eigentlich gut finden – das großkotzige Auftreten älterer, wohlhabender Männer aber nicht abkönnen. Er will sich vor allem endlich nicht mehr dafür schämen, wie die FDP in Deutschland wahrgenommen wird. Lindner hat den Plan, ausgerechnet die pullundrige FDP zum Prototyp einer modernen, schnellen Partei zu machen. Das wird ein langer Weg werden, das weiß er. Und ein schwieriger Weg. Aber was sind die Alternativen?

Später am Wahlabend stehen Rainer Brüderle und Philipp Rösler, der FDP-Spitzenkandidat und sein Parteivorsitzender, beide bleich, mit langen Gesichtern in dunklen Anzügen vor den Kameras. „Es ist nicht das Ende der Partei“, sagt Brüderle mit brüchiger Stimme, und es klingt eher nach vager Hoffnung denn nach Gewissheit. Im Publikum weint eine Frau.

Die Suche nach der Idee

Zwei Tage darauf setzt sich Lindner selbst den Kameras aus, müde, angespannt, in einem etwas zu großen Anzug und grün-weiß-gestreifter Krawatte. Er setzt zu einer harschen Abrechnung mit seiner eigenen Partei und ihrer Arbeit in der Regierung an: „Zum Schluss war die liberale Idee verschüttet – unter Klientelverdacht, Lobbyvorwürfen und Häme.“ Christian Lindner hebt die Hand: „Es geht darum, eine glaubwürdige und sichtbare Erneuerung der FDP als liberaler, eigenständiger und unabhängiger Kraft zu erreichen.“ Seine Idee: eine FDP als mehr oder minder ordoliberale Partei, die einen Staat mit starken Regeln, aber wenig Einmischung fordert. Lindner weiß damals, keine 48 Stunden nach der krachenden Niederlage, auch schon, woher er die notwendigen Stimmen für den Wiedereinzug in den Bundestag bekommen will: von liberal denkenden Müttern und Vätern, ehrgeizigen Frauen, jungen Menschen, Facharbeitern und Azubis. Er nennt das Ganze – ausgerechnet – „Projekt 2017“.

Christian Lindner
Neuanfang: “Als alles runtergerockt war, habe ich gesagt: Jetzt musst du´s machen.“ (Foto: Henning Ross)

Eine beeindruckende Dreistigkeit. Gerade eben hatte die FDP noch ein massives Misstrauensvotum von ihrer Kern­klientel bekommen, da spricht Lindner bereits davon, Menschen als Wähler zu gewinnen, die zur FDP bis dato im besten Falle ein humoristisches Verhältnis hatten, um es mal vorsichtig zu formulieren: Facharbeiter! Frauen! Junge Menschen! Zwei Tage nach dem Debakel klingt Lindners Plan wie die Weihnachtswunschliste eines Vierjährigen und eher nach politischem Selbstmord als nach vernünftiger Strategie. Zumal im gleichen Moment die alte Garde der FDP ohne Ausnahme zurücktritt. Philipp Rösler: weg. Rainer Brüderle: weg. Daniel Bahr: weg. Dirk Niebel: weg. Guido Westerwelle: weg. Wäre die FDP ein Startup, wäre dies der Zeitpunkt, an dem man einsehen müsste, dass es mit einem simplen Pivot nicht mehr getan ist. Hier muss man noch einmal ganz neu denken – oder es vernünftigerweise lieber gleich sein lassen.

Natürlich war die FDP an all dem selbst schuld. Wenn eine Partei mit langer Tradition und funktionierenden Strukturen plötzlich derart am Abgrund steht, hat das mit Inhalten, mit der Umsetzung und Inszenierung von Politik zu tun. Und die FDP hatte 2013 eine Reihe Probleme, für die sie ganz allein verantwortlich war: Sie war komplett zerstritten und ohne jeden inhaltlichen Kompass. Das Einzige, was man gemeinsam noch konnte, war, laut zu sein. Die eine Forderung, auf die sich die einst liberale Partei noch mehrheitsfähig verständigen konnte: Steuern senken. Damit hatte sie bei der Bundestagswahl 2009 ihre Stimmen geholt – um dann außer der verhängnisvollen Senkung der Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen keine Forderung spürbar umsetzen zu können.

Eine Partei als Opfer

Trotzdem ist all das nur die halbe Wahrheit. Die FDP war nämlich nur das erste Opfer eines viel größeren Wandels der Politik, an dessen Ende keine Partei mehr sein wird, wie sie war. In Europa und im Grunde der ganzen westlichen Welt findet seit einigen Jahren ein fundamentaler Niedergang der traditionellen Parteien statt. Er beginnt damit, dass diese in Deutschland alle Vereine älterer Menschen sind und starre Organisationen, von denen sich junge Menschen zunehmend weniger repräsentiert fühlen.

Es geht damit weiter, dass die Wähler von der derzeitigen Politkultur genervt sind. Der öffentlich aufgeführte Streit der Parteien, die gespielte Empörung in Talkshows unter langjährigen Koalitionspartnern, die ängstlich zusammengestrichenen Interviews mit Spitzenpolitikern, die ganze bemühte Art, Politik zu inszenieren, funktioniert nicht mehr. Es ist nicht bloß, dass es ein falsches Spiel ist – es ist, viel schlimmer, auch noch furchtbar langweilig.

Und es endet damit, dass kaum ein Mensch unter 50 noch Lust hat, seine Abende bei einem mehr oder weniger politischen Stammtisch zu verbringen. Ganz davon zu schweigen, dass Parteitage immer ein bisschen wie auf Ketamin aufgeführte Theaterstücke aus einer längst vergangenen Zeit wirken, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Parteifreunde, meine sehr verehrten Damen und Herren. ZZZZzzzzzzz.

Je nachdem, wie man es heute sehen will, war es bloß eine Verkettung misslicher Umstände oder Glück, dass es in Deutschland zuerst die FDP getroffen hat. Die Grünen kämpfen auf ähnliche Weise seit einigen Jahren um ihre Relevanz. Die SPD bräuchte schon lange einen grundsätzlichen Neuaufbau. Und wie es bei der Union nach Angela Merkel weitergehen soll, wofür CDU und CSU inhaltlich eigentlich stehen, das kann derzeit auch niemand so genau sagen.

Es genügt ein Blick nach Frankreich, um zu verstehen, dass Tradition und Organisation nichts mehr gelten und für exakt nichts mehr garantieren: Frankreichs Sozialistische Partei ist vor Kurzem von 280 auf 30 Mandate in der Nationalversammlung zusammengeschrumpft. Die regierende Kraft hat faktisch innerhalb weniger Jahre einfach komplett aufgehört zu existieren. Todesurteil: zu starr, zu stur, nicht reformfähig. Doch wenn man weiter so durch Europa schaut, zeichnet sich gleichzeitig bereits ab, wie die neue Welt aussehen wird: jung, smart und immer gut drauf. Und auch, wie sie organisiert sein wird: schlank, schnell und schlagfertig.

Da wäre Leo Varadkar, der eben gewählte, indischstämmige und offen schwul lebende Premierminister Irlands. Oder Sebastian Kurz, Außenminister Österreichs und Vorsitzender der konservativen ÖVP, der gerade die auf den ersten Blick irrsinnig klingende „Bewegung Sebastian Kurz – die neue Volkspartei“ gegründet hat, um der verknöcherten ÖVP eine bunte Mischung an Wahlkreiskandidaten nach seinen Vorlieben diktieren zu können. Und da ist natürlich vor allen Dingen Emmanuel Macron, der junge, gut aussehende Präsident Frankreichs, dessen Bewegung „En Marche!“ ihre Kandidaten durch ein zentralisiertes Auswahlverfahren ausgesucht hat – und so die unter Gender-, Religions- und Klassengesichtspunkten vielfältigste Parlamentsfraktion, die Frankreich je gesehen hat, zusammenstellen konnte. Sie alle organisieren Politik wie auch Justin Trudeau in Kanada oder einst Barack Obama in den USA nicht bloß anders, sie kommunizieren nicht nur einfach neu – sie sind sämtlich vergleichsweise jung. Macron ist 39, Kurz 30, Varadkar 38 – genau wie Christian Lindner. Eine neue Generation sucht sich neue Wege zur Macht.

Christian Lindnder
Bestätigung: “Der Erfolg in NRW war sozusagen mein Proof of Concept.“ (Foto: Henning Ross)

Wenn man wissen will, wie groß der Unterschied zwischen der alten und der neuen Welt ist, muss man sich nur die Youtube-Videos des ersten FDP-Parteitags nach der verlorenen Bundestagswahl 2013 anschauen: ein Meer von älteren Herren, dunklen Anzügen, herrlich unmodische Krawatten, dunkelblaue Rückwand, senfgelbes Parteilogo. Ein Bild wie aus den späten 70ern. Falls sich Historiker irgendwann mit den letzten Atemzügen der alten FDP befassen wollen: Hier können sie fündig werden.

Abgerocktheit als Chance

Knapp dreieinhalb Jahre später sitzt Christian Lindner in seinem Büro im Landtag in Düsseldorf und ist leicht aufgekratzt. Der Anzug passt besser, die Frisur ebenfalls, und Lindner genießt es sichtlich, dass sich neuerdings alles um ihn dreht. Es ist der Tag der Vereidigung Armin Laschets zum neuen Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens. Lindner hat gleich im Anschluss einen Termin mit der ARD, die FDP wird wieder im größten deutschen Bundesland mitregieren. Und nicht nur das: In NRW wie in Schleswig-Holstein hat Lindners Partei zweistellige Wahlergebnisse geholt. Kein schlechter Augenblick, um mit dem Parteichef darüber zu sprechen, wie er aus der abgehalfterten, innerlich zerstrittenen, weitgehend inhaltslosen FDP eine Partei gemacht hat, die bald wieder in den Bundestag einziehen könnte.

„Ich habe in dieser Sekunde, in der alles runtergerockt war, gesagt: Jetzt musst du’s machen“, sagt Lindner über den Moment damals in der Dusche am dramatischen Wahlabend 2013. Denn so schlimm es um die FDP stand, für Lindner persönlich lief es. ­Einerseits hatte er bei der NRW-Landtagswahl 2012 zeigen können, dass man mit seiner Idee von liberaler Politik Stimmen hinzugewinnen kann. „Der Erfolg in NRW war sozusagen mein Proof of Concept“, sagt Lindner. Andererseits hatte er damals eine Partei vor sich, die keine Energie mehr für interne Diskussionen aufbringen mochte. Und, hart formuliert, eigentlich keine andere Wahl, als sich Lindner an den Hals zu werfen. Man wählte ihn zum neuen Vorsitzenden, nun konnte Lindners Plan greifen.

Erster Schritt: die Partei hinter sich zu versammeln, über die Ausrichtung und Inhalte zwar zu reden, aber mit klarem Profil. Das hieß auch, Richtungen klar auszuschließen. „Es wurde ja viel diskutiert und empfohlen, die FDP möge wieder anknüpfen an die Zeit von 1969 und linksliberal und gefällig werden“, sagt Lindner. „Das haben wir nicht gemacht. Aber wir haben auch gesagt: Wir werden nicht den Euro-Hassern hinterherlaufen, weil das am Ende immer in autoritärer und damit antiliberaler Politik mündet.“ Schon in den zwei Wochen nach der verlorenen Wahl verfassen die FDP-Fraktionen, die in den Landtagen geblieben sind, die „Stuttgarter Erklärung“. Darin zeigen sich die ersten Umrisse einer anderen Partei. Einer, die eine „faire Wirtschaftsordnung“ fordert, „die die Fleißigen und nicht die Rücksichtslosen belohnt“, dazu „die demokratische Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an politischen Entscheidungen“, „die marktwirtschaftliche Gestaltung der Energiewende“ und „die aktive Toleranz gegenüber vielfältigen Lebensentwürfen“. Es ist Lindners ganz persönliches Verständnis von Liberalismus, das da aufgeschrieben wurde.

Dann kamen die Berater

Schritt zwei: Analyse statt Meinung. Wenige Wochen nach der Wahlniederlage meldet sich ein Partner der Boston Consulting Group (BCG) bei Lindner. Der Unternehmensberater ist FDP-Mitglied und hat ein Angebot: Er will die Partei einmal komplett durchmessen, die Marke, die Mitglieder, die Werte und die Wertschätzung. „Wir haben dann den Status quo der FDP analysieren lassen“, sagt Lindner. Die Unternehmensberatung habe zwar nicht die Strategie entwickelt, „aber mal die Demoskopie ausgewertet, Fokusgruppen gebildet und uns den Spiegel vorgehalten“. In den folgenden Wochen erforscht BCG in groß angelegten Umfragen im Gegenwert von 30 000 Euro, was die Leute in Deutschland über Lindners Partei denken: Wie sehen die Menschen die FDP? Wie sieht die Marke aus, was sind die Erwartungen? Warum ist die Partei nicht gewählt worden? Wo gibt es Potenziale? Harte Erkenntnis: Die Deutschen mögen liberale Positionen. Aber sie glauben nicht, dass die FDP eine wahrhaft liberale Partei ist. BCG gibt Lindner eine Idee mit auf den Weg, in Form einer so knappen wie smarten Formulierung: „Die Partei, die Chancen ermöglicht“, das solle die FDP werden.

Schritt drei: Demut lernen. Das passiert quasi von allein. Im Bundestag ist die FDP nicht mehr vertreten, in Talkshows werden ihre Mitglieder kaum mehr eingeladen. Was der Parteivorsitzende einer außerparlamentarischen Opposition zu sagen hat, ist faktisch schlicht egal. Also will Lindner, wie er sagt, „die oft unterschätzten Regionalzeitungen pflegen“ und entwickelt eine einfache Faustformel: acht Interviews in Regionalzeitungen gleich ein Interview in der „Süddeutschen Zeitung“. Tatsächlich nimmt es Lindner mit der neuen Demut sehr ernst, lehnt bis heute fast keine Interviewanfrage, fast keine Einladung zu einem Panel, einer Podiumsdiskussion oder Eröffnung ab, vom Diskussionsabend beim Schwarzwälder Dübelhersteller bis zum Startup-Lunch der FDP Bayern.

Schritt vier: anders kommunizieren. Von BCG wusste Lindner, dass die FDP trotz allem noch als wertige Marke galt. Quasi: der Adidas Stan Smith unter den Parteien – deutlich aus der Mode gekommen, aber mit dem richtigen Marketing durchaus mehrheitsfähig. Doch die Werbeagenturen, die Lindner und seine Leute zum Pitch bitten, überzeugen nicht. Also ruft er Andreas Mengele von der Agentur Heimat Berlin an. Die ist vor allem durch ihre preisgekrönte Werbung für den Heimwerkermarkt Hornbach bekannt geworden, und Mengele winkt ab. „Die hatten schon mal FDP gemacht und hatten gesagt: Never ever again“, erinnert sich Lindner an die Abfuhr. Aber er bleibt hartnäckig, trifft den Heimat-Geschäftsführer Mengele zum Kaffee und erzählt, was er mit der FDP vorhat. Mengele bittet sich Bedenkzeit aus. Ein paar Tage später ruft er an und sagt zu. Der Agentur- und der Parteichef einigen sich auf eine Zusammenarbeit. „Ohne dass wir ein Konzept oder nur eine Pappe gesehen hätten“, sagt Lindner. „Einfach nur, weil die Chemie gestimmt hat.“

Schritt fünf: professioneller werden. Heimat verpasst der FDP nicht nur komplett neue Farben, sondern auch einen neuen Namen. Ein knalliges Blau, leuchtendes Gelb und neu dazu: Magenta. „Freie Demokraten“ statt „Die Liberalen“. Vor allem installieren Lindner und Heimat eine zentrale Kampagnenführung für alle Wahlkämpfe in jedem Bundesland. Seitdem geben die Bundes-FDP und Heimat bei sämtlicher Wahlwerbung den Ton an – ganz einfach, weil es immer dieselbe Partei ist, die zur Wahl steht. Und weil in Zeiten von Social Media und bundesweiter Berichterstattung ohnehin keiner mehr versteht, warum eine Partei in Hamburg anders auftritt als in Sachsen, in Bayern anders als in Berlin. „Das einzuführen wäre nicht möglich gewesen in einer Situation, in der die FDP stabiler gestanden hätte“, sagt Lindner. Überhaupt drängelt er seine Partei hart in Richtung eines moderneren Erscheinungsbilds. Jede, wirklich jede FDP-Publikation wird überarbeitet, jede Homepage, jede Kandidatenseite, selbst die „Liberale Depesche“, die altehrwürdige und traditionell saulangweilige Mitgliederzeitung, präsentiert sich seit 2015 unter dem Namen „fdplus“ in kräftigen Farben. Der Bundesparteitag 2015 wird zur Bühne für den radikalsten Relaunch einer deutschen Partei. Großer Slogan: „German Mut“ – als Gegenstück zur legendären „German Angst“. Ja, gaga und eine Spur zu aufgekratzt für die alte Tante FDP. Aber es zeigte: Der Wahlverlierer von 2013 war noch nicht tot, war irgendwie anders und hatte keine Angst, sich lächerlich zu machen.

Schritt sechs: Gefühle zeigen. Ende Januar 2015, als es im Landtag von NRW um Startups und digitale Wirtschaft geht, will Christian Lindner ein paar kritische Anmerkungen an die rot-grüne Landesregierung richten. Da stichelt ein SPD-Abgeordneter mit einer hämischen Bemerkung über Lindners eigenes, wenig erfolgreiches Intermezzo zu New-Economy-Zeiten. Lindner hält inne. Was dann auf das Parlament niederregnet, ist eine Brandrede, eine große Eloge aufs Scheitern – und eine Abrechnung mit der Doppelmoral derjenigen, die mehr Mut fordern, sich aber über jeden Misserfolg belustigen. Das kann Lindner wie derzeit kein Zweiter in Deutschland: aus dem Stegreif grundsätzlich werden. Schnelle, schlaue Sätze, spitze Pointen.

Lindner selbst hakt den Ausbruch direkt ab. Im Internet aber macht sein Rant schnell die Runde. „Mein Sprecher rief mich am Sonntag darauf an und sagte: ,Christian, deine Rede ist auf Youtube, das ist schon ein paar hunderttausendmal gelaufen.‘ Ich dachte erst, das ist ein Shitstorm.“ An diesem Tag platzte nicht nur ein Knoten, wie Lindner selbst sagt. Seine spontane Eloge auf den Mut zum Scheitern wird die endgültige Neupositionierung der FDP aus einem Zufall heraus. „Das war echte Empörung“, sagt Lindner, „bei der es mal nicht um die Gewinner des Lebens geht, sondern um Menschen, die gerade mal nicht erfolgreich waren.“ Dann muss Lindner los: Ein Team der „Tagesschau“ wartet schon auf ihn, in drei Minuten soll er vor der Kamera stehen. In 30 Minuten muss er ins Plenum und Armin Laschet zum neuen Ministerpräsidenten von NRW wählen, als Regierungschef einer schwarz-gelben Koalition. Einer vor nicht allzu langer Zeit tot geglaubten Konstellation, die bald vielleicht sogar in der Bundespolitik wieder eine Option sein könnte. Wer hätte vor vier Jahren darauf gewettet?

Christian Lindner allein gegen den AStA

Ein paar Tage später, Mitte Juli, Christian Lindner ist an der Ruhr-Uni Bochum zu Gast. Die Jungen Liberalen haben eingeladen, Lindner soll zur „Zukunft der Hochschulen“ sprechen. Die fast 900 Plätze im Hörsaal HZO 10 sind komplett belegt, doch dann stürmen etwa ein Dutzend Studierende ins Publikum. Sie stammen offenbar aus dem Umfeld des linken AStA der Universität, tragen Plakate. Ein langhaariger Student tritt ans Mikrofon, beklagt Studiengebühren für EU-Ausländer und versucht, Lindner in die Defensive zu bringen.

Ein großer Fehler. Etwas Besseres hätte nicht passieren können, Lindner ist jetzt ganz in seinem Element: dem bissigen Schlagabtausch. Der FDP-Chef, der ein Ansteckmikrofon hat, lässt sich nicht in die Defensive treiben, hält einen kurzen Vortrag über Meinungsfreiheit, Demokratie und Toleranz, bringt den ohnehin vor allem mit Jungen Liberalen und freundlich Interessierten gefüllten Saal mit ein paar ebenso lustigen wie gemeinen Sprüchen hinter sich. „Jetzt mal still – wir sind hier nicht in Hamburg“, ruft er zum Ende seiner Gegenrede den Störern noch zu. Die trollen sich, Sieg nach K. o. für Christian Lindner.

Natürlich weiß der, dass sein aktueller Erfolg kein Grund zur Entspannung ist. Und natürlich ist die FDP keine komplett neue Partei. Allein 2017 landeten über 600 000 Euro an Parteispenden auf ihren Konten – fast so viel wie CDU, SPD und Grüne zusammen bekamen. Noch immer schaltet der Verband der Deutschen Automatenwirtschaft große Anzeigen in FDP-nahen Publikationen, in der Hoffnung, dass die Partei unter Freiheit auch versteht, seinen Monatslohn in die Spielothek zu tragen. Und noch immer findet die FDP, dass Erbschaften deutlich niedriger besteuert werden sollten als selbst erarbeitetes Einkommen.

Auch organisatorisch steht die Partei vor einer Reihe von Problemen: Wenn es im Herbst für Schwarz-Gelb reicht, wird Lindner schneller in einer Bundesregierung sitzen, als es für seinen Fahrplan sinnvoll wäre. Ginge es nach ihm, dürfte die FDP in den kommenden vier Jahren ihr Programm vertiefen, sich finanziell erholen und personell breiter aufstellen. Ganz zu schweigen davon, dass die Partei in Ostdeutschland derzeit kaum existent ist, im Grunde komplett neu aufgebaut werden müsste. Und dafür, das sagt Lindner so deutlich natürlich nicht, wäre es viel besser, wenn er Oppositionsführer im Bundestag wäre – und nicht als Wirtschaftsminister das, was er laut einfordert, unter einer Kanzlerin Merkel selbst umsetzen müsste.

Auf jeden Fall würde ein zu großer Wahlerfolg sofort Lindners wichtigsten Vorteil kassieren: die inhaltliche Wendigkeit. Wie auch Macron, Trudeau und Obama ist Lindner wahnsinnig gut darin, sich als gesellschaftlichen Seismografen, als Entscheider und als Macher, als eine Art Steve Jobs der Politik zu inszenieren.

Demokratie aber, vor allem in Parlamenten und noch mehr in Regierungen, funktioniert meist anders: langsam, mühselig, mit viel inhaltlicher Arbeit, großer Beharrlichkeit und den Wählern schwer zu vermittelnden Kompromissen. Das ist viel komplizierter als diese etwas rockyhafte Comebackgeschichte der FDP. Dass die neuen Parteien und neuen Politiker von Lindners Schlag großartige Wahlkämpfer sind, dass sie Parteimitglieder und Fans hinter sich versammeln können und aus dröger Politik humorvolle Unterhaltung machen können, ist das eine. Aber können sie auch das politische Klein-Klein, die Steuerung von Ministerien, das Durchboxen unbeliebter Entscheidungen?

Nachdenkliche Bilder

Zwei Monate vor der Bundestagswahl präsentiert die FDP im The Gate, einem kleinen Museum direkt am Brandenburger Tor, auf einer 270-Grad-Panoramaleinwand die Motive ihrer Kampagne zur Bundestagswahl. Die Partei steht in diesem Moment in Umfragen bei soliden sieben bis neun Prozent. „Das macht uns nicht selbstzufrieden, das macht uns dankbar. Und es zeigt uns, dass das der richtige Weg ist“, sagt FDP-Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann. Dann tritt Lindner vor den sehr weiß leuch­ten­den Screen, auf dem gleich die Kampagne zu sehen sein soll, und spricht: „Nicht jedem gefällt das, was wir an politischen Grundüberzeugungen haben. Unser Vertrauen auf das Individuum, unser optimistisches Menschenbild, das daran glaubt, dass jeder Einzelne bereit ist zur Übernahme von Verantwortung, dass Menschen ihr Leben selbstbestimmt leben wollen, dass sie von Natur aus eher großzügig, tolerant und solidarisch sind.“ Ganz kurz hält Lindner inne. Und es passiert einfach: nichts. Da stellt sich der FDP-Vorsitzende vor die versammelte Presse und wirbt mit den Schlagwörtern Toleranz und Solidarität für die FDP – und es hebt kein Geraune an, keiner lacht. Wenn das ein Test war, dann hat er funktioniert: Die Erinnerung an die kaltherzige Besserverdienendenpartei FDP, deren einziger politischer Erfolg einmal die Senkung einer Hoteliersteuer war, sie scheint komplett verblasst.

Dann werden die Motive gezeigt. Groß und weiß leuchten sie an der Wand: lange Texte in kleiner Schriftgröße und viele Fotos von Lindner – ohne Krawatte, dafür mit Dreitagebart. „Ungeduld ist auch eine Tugend“ steht daneben in schrillem Gelb auf Magenta. Und: „Manchmal muss ein ganzes Land vom 10er springen.“ Die Fotos in Schwarz-Weiß, noch viel größer als die Sprüche, nachdenkliche Bilder von Christian Lindner, geschossen von einem Fotografen, der sonst Coldplay, Sting und die Toten Hosen ablichtet. Eigenartige Plakate, mit viel Text, ungewöhnlichen, übergroßen Fotos, kaum Schnickschnack, absolut auf den Spitzenkandidaten zugeschnitten. Modern, interessant, für eine Partei überraschend selbstkritisch und humorvoll.

Nur ein Element wirkt auf den Lindner-Plakaten eigentlich verzichtbar: das Logo der FDP.

 

 

Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.