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„Coinbase ist das neue Goldman Sachs“: Techjournalist Jeff John Roberts im Interview

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Lesezeit7 Min · 1.323 Wörter

Vor zehn Jahren nahm Coinbase dem Kauf von Bitcoin und Co. die Hürden. Techjournalist Jeff John Roberts hat die Firma von Anfang an begleitet – und ein bemerkenswert kritisches Buch geschrieben:

Herr Roberts, am Anfang Ihres Buches beschreiben Sie Ihre erste Begegnung mit der Idee und dem ganzen Ökosystem von Bitcoin. War Ihnen sofort klar, wie mächtig Coinbase einmal werden würde?

Nicht wirklich. Ich meine, ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte es von Anfang an gesehen – aber nein, das habe ich nicht. Ich war damals Techreporter in New York City und habe über alle Arten von Startups in Nordkalifornien, aber auch in New York berichtet. Ich hörte eine Zeit lang von Bitcoin, und schließlich gab es eine Veranstaltung in New York, zu der man gehen konnte, ein Bitcoin-Treffen namens Satoshi Square. Und ich dachte mir: Ich werde mir tatsächlich einen Bitcoin zulegen! Ich dachte, es wäre eine Art Straßenfest mit Leuten, die T-Shirts oder so etwas verkaufen.

Wie war es wirklich?

Es war eine seltsame Mischung von Leuten, denn New York ist New York. Aber die Wall Street war nicht allzu weit entfernt, und da waren diese Typen in 5 000-Dollar-Anzügen und gleichzeitig diese ganzen Krypto-Anarchisten. Sehr seltsam. Außerdem hatte ich nicht die technische Raffinesse, um Bitcoin zu bekommen, denn damals gab es nur Umwege – man hat irgendwo Bargeld überwiesen und gehofft, dass der Bitcoin dann auch im eigenen Wallet ankommt. Ich dachte damals: Nee, das mache ich mal nicht. Und dann kam Coinbase – und alles wurde viel einfacher. Plötzlich war Kryptowährungen zu kaufen so einfach wie Onlinebanking.

Wenn Sie sich die Entwicklung von Coinbase anschauen: Welche Faktoren waren für den Erfolg entscheidend?

Das Wichtigste war das Timing. Oft kommt eine neue Technologie ja zu früh raus – aber es ist eben extrem wichtig, dass es eine Nachfrage gibt. Genau wie bei Uber: Es gab schon vorher Fahrdienstleister, aber sie waren zu früh. Ein weiterer wichtiger Faktor war das vereinfachte Produktdesign. Und: die Zusammenarbeit mit den Aufsichtsbehörden.

Warum das?

Die frühe Bitcoin-Szene war so ideologisch, und viele Kriminelle nutzten Bitcoin! Es war damals radikal, in dieser Frage einen anderen Weg einzuschlagen, eben nicht konfrontativ zu sein und mit den Regulierungsbehörden zusammenzuarbeiten und sie zu überzeugen. Aber Coinbase war klug beraten, genau das zu tun. Und der letzte wichtige Faktor ist die Magie des Silicon Valley. Im Guten wie im Schlechten hat die Unterstützung durch Andreessen Horowitz geholfen, ein Kryptomonster zu schaffen.

Die legendäre Venturecapital-Firma von Marc Andreessen?

Brian und Fred waren gerade Mitte 20, als sie Coinbase gründeten. Aber Marc Andreessen als Coach zu haben, der schon Mark Zuckerberg gecoacht hatte, überhaupt dieses Netzwerk und dieses Kapital waren ein wichtiger Faktor. Drei Dinge waren entscheidend: das richtige Produkt, die Zusammenarbeit mit den Regulierungsbehörden – und dann einfach die richtigen Freunde im Silicon Valley zu haben.

Wenn man Ihr Buch liest, bekommt man den Eindruck: Coinbase ist für die Bitcoin-Bewegung, was Blink 182 für Punk war: die Spaßversion ohne die Politik. Würden Sie sagen, dass Brian Armstrong sich bewusst war, was die Einführung von Coinbase mit der gesamten Bitcoin-Bewegung macht?

Ich denke, schon, ja. Armstrong ist ein Pragmatiker. Man kann, je nach Perspektive, auch den größten Verräter sehen, den Mann, der Bitcoin verraten hat – und es gibt tatsächlich Leute, die das denken. Aber viele andere sind pragmatischer. Trotzdem ist es lustig zu beobachten, wie Armstrong sich in einen weiteren Silicon-Valley-CEO verwandelt, der ein Haus für 100 Mio. Dollar kauft und mit Hollywood-Leuten abhängen will. Coinbase schaltet jetzt TV-Werbung, aber Armstrong schreibt immer noch seine superwichtigen Blogposts über Freiheit und Unabhängigkeit.

Nicht ganz konsequent, ja.

Es gab schon immer eine Art grundlegende Spannung im Herzen der Kryptoszene. Wenn an der Wall Street jemand extrem reich wird, sagt er: Ich werde extrem reich. Wenn jemand im Silicon Valley extrem reich wird, sagt er: Ich verändere die Welt zum Guten. Ich würde sagen: Ja, die Technologie verändert die Welt. Aber ich bin nicht überzeugt, dass Bitcoin den armen, entrechteten Menschen hilft, wie es Kryptoleute wie Brian Armstrong gerne behaupten.

Der Erfolg von Bitcoin im Mainstream hat viel damit zu tun, dass es eben nicht mehr das komplizierte Geflecht aus Wallets und Codes ist, als das es begann. Hat die Kryptoszene letztlich auf so was wie Coinbase gewartet?

Ja, vollkommen. Der Witz ist: Krypto ist eine Mainstream-Technologie, die eine Subkultur sein will. Und Krypto ist zu einer Frage der Identität geworden, fast wie Sneaker. Beides hat die anfängliche Feindseligkeit gegenüber Coinbase befeuert. Die Szene ist sehr tribalistisch. Um zu zeigen, dass man zur In-Group gehört, musste man lange speziellen Slang sprechen und archaische, unnötig schwierige Technologie verwenden. Aber ich für meinen Teil habe überhaupt keinen Spaß am Programmieren, ich möchte einfach, dass so etwas wie Bitcoin funktioniert. Ich glaube, dass Bitcoin ohne Coinbase einfach nur eine seltsame Subkultur geblieben wäre.

Trotzdem ist es vielen wichtig, dass Kryptowährungen diffus „gegen den Staat“ sind.

Das ist ein bisschen so, als würden die Leute Green Day oder Blink 182 mögen, weil die so Punk sind. Absurd. Das sind einfach Corporate Rockbands. Aber ich glaube, dass ein Teil des Erfolgs der Kryptowährungen daher kommt, dass man sich wie ein Rebell fühlen kann.

Der Witz ist ja, dass Coinbase ein stabilisierender Faktor für Bitcoin geworden ist – weil es kein Spiel von Punks mehr ist, weil durch Coinbase so viele Leute mitmachen und weil Coinbase selbst ein so großes Unternehmen ist. Stabilisiert Coinbase damit die ganze Kryptoszene?

Ja, kann man sagen. Ich denke, je länger Bitcoin existiert, je mehr Leute Kryptowährungen besitzen, desto mehr werden sie zu einem Konsens im Internet. Ich denke, die Technologie ist zu grundlegend und wichtig, als dass sie jemals verschwinden wird.

Was erwarten Sie von Coinbase in Zukunft?

Im Silicon Valley heißt es immer wieder: Du fängst als kratzbürstiges Startup an, du willst die Dickschiffe disrupten, und dann wirst du selber zu diesem Dickschiff. Die Pointe ist also: Coinbase wird zu dem werden, was es eigentlich bekämpfen wollte. Da wir in Amerika sind, bestimmen Lobbyarbeit und Geld sehr, was man tut: Du kämpfst gegen die Regulierungsbehörden und versuchst, nicht von ihnen zermahlen zu werden – und dann bringst du sie dazu, dich zu mögen. Und sobald man dann im Zirkus drin ist, bezahlt man die Aufsichtsbehörden und die Lobbyisten, um potenzielle Konkurrenten zu bekämpfen. Und dann bist du der neue Kalif anstelle des alten Kalifen.

Was heißt das konkret?

Faktisch wird Coinbase einfach das neue Goldman Sachs. Das hat schon eine gewisse Ironie, aber das ist eben der Kreislauf der amerikanischen Wirtschaft. Du gehst los, um ein Monopol zu zerstören … und dann wirst du der neue Monopolist. Amazon, Google, das ist einfach der Lebenszyklus von Unternehmen. Schauen Sie sich Google jetzt an, es ist nicht anders als Exxon, Boeing oder jedes andere große, reiche Unternehmen.

Weiß Brian Armstrong, dass er das nächste Goldman Sachs leitet?

Coinbase ist immer noch ein gründergeführtes Unternehmen, und Brian Armstrong hält sich immer noch für eine Art Visionär. Wenn Sie ihn fragen würden, ob Coinbase tatsächlich eine große Bank wird, würde er sagen: Niemals! Sein Selbstbild ist, dass er die Bankingbranche disruptet hat. Doch wenn man es von außen betrachtet? Ihr habt ein großes Lobbying-Budget, ihr arbeitet jetzt mit der staatlichen Steuerbehörde zusammen, und ihr dürft Bankkonten anbieten. Brian Armstrong mag sich weigern, es zuzugeben, aber aus der Ferne betrachtet ist ganz klar: Natürlich ist Coinbase eine fucking Bank!


Das ist ein Text aus unserer Ausgabe 2/22. Außerdem zu lesen: Krypto-Art-Dossier. Big-Wave-Surfen in Portugal. Der CEO der Online-Uni Coursera. Und Cannabis aus Sachsen. Am Kiosk oder hier.

Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.