work wise · Anita Wölk

Cool bleiben im Chaos: Was wir von der Psychologie im Cockpit lernen können

Cool bleiben im Chaos: Was wir von der Psychologie im Cockpit lernen können
Erschienen
Lesezeit4 Min · 744 Wörter

Krisen, Chaos, Katastrophen – willkommen im echten Leben! Doch wie bleibt man in diesem Wahnsinn cool und auf Kurs? Und was hat es mit diesem ganzen „Fehler sind super“-Gerede wirklich auf sich? Anita Wölk, Psychologin beim Lufthansa Innovation Hub, erklärt uns, wie man den Kopf über Wasser hält, warum psychologische Sicherheit der Gamechanger ist und wieso kleine Schritte oft der größte Unterschied sind.

Anita, du arbeitest im Lufthansa Innovation Hub – einem Ort, wo es um Innovationen geht, aber auch um komplexe Herausforderungen. Wie bleibt man da cool, wenn es mal so richtig knallt?

Fokus und Resilienz – das sind zwei entscheidende Stichworte. Im Innovation Hub und generell im Berufsalltag geht es oft darum, sich nicht von Herausforderungen und Krisen erdrücken zu lassen. Wichtig ist, herauszufinden, was in deinem sogenannten „Circle of Influence“ liegt, also was du wirklich beeinflussen kannst. Statt dich vom großen Ganzen erschlagen zu lassen, machst du kleine Schritte – ein Prozent Innovation reicht manchmal schon. Selbst wenn es nur bedeutet, mal einen anderen Weg zur Arbeit zu nehmen, um den Kopf frei zu bekommen.

Ein Thema, das du immer wieder ansprichst, ist psychologische Sicherheit. Was genau meinst du damit?

Den Begriff psychologische Sicherheit hat die Harvard-Professorin Amy Edmondson bereits in den 1990er Jahren eingeführt. Gemeint ist damit, dass Menschen sich in ihrem Arbeitsumfeld sicher fühlen, Fragen zu stellen, Fehler einzugestehen oder neue Ideen vorzubringen – ohne Angst vor negativen Konsequenzen. Studien zeigen, dass Teams, die psychologische Sicherheit haben, produktiver, innovativer und erfolgreicher sind. Es ist kein „nice-to-have“, sondern ein elementarer Erfolgsfaktor.

Das klingt einleuchtend. Aber wie sieht das konkret in eurem Alltag aus? Hast du ein Beispiel aus der Praxis?

Ein gutes Beispiel ist unser Stage-Gate-Prozess. Wir arbeiten oft an unfertigen Ideen und präsentieren diese in bestimmten Stufen. Das heißt, wir zeigen auch mal „unperfekte“ Sachen oder Fehler – bewusst. Es geht darum, Feedback einzuholen und gemeinsam zu entscheiden, ob ein Projekt weitergeht. Was dabei wichtig ist: Es gibt keine disziplinarischen Konsequenzen, wenn eine Idee verworfen wird. Es betrifft die Idee, nicht die Person. Das schafft eine Umgebung, in der sich Menschen trauen, Risiken einzugehen und offen zu kommunizieren.

Wie erreicht man das? Gerade in einem internationalen Team mit unterschiedlichen Kulturen?

Psychologische Sicherheit ist ein Prozess, kein Schalter. Ein Beispiel ist das Modell von Timothy Clark, das sich in vier Stufen entwickelt: Zuerst ein „Wir-Gefühl“ („Inclusion Safety“), dann die Sicherheit, Fragen zu stellen („Learner Safety“), anschließend die Sicherheit, aktiv beizutragen („Contributor Safety“), und schließlich die Freiheit, den Status quo in Frage zu stellen („Challenger Safety“). Wichtig ist, Teams dort abzuholen, wo sie stehen. In manchen Kulturen ist es beispielsweise schwerer, den Chef zu hinterfragen. Da hilft es, durch kleine Schritte Vertrauen aufzubauen, zum Beispiel durch anonyme Umfragen oder strukturierte Feedback-Prozesse.

Gibt es Beispiele, wie Fehlerkultur in der Praxis zu besseren Entscheidungen geführt hat?

Ein beeindruckendes Beispiel ist die Landung auf dem Hudson River, die durch exzellente Kommunikation und Entscheidungsprozesse erfolgreich war. Im Cockpit nutzen Piloten Entscheidungsmodelle wie FORDEC: Facts, Options, Risks, Decision, Execution und Check. Alles basiert auf Dialog und Feedback, selbst der Kapitän holt die Meinung des Co-Piloten ein. Das zeigt, wie wichtig psychologische Sicherheit ist, gerade in Stresssituationen.

Und was passiert, wenn psychologische Sicherheit fehlt?

Dann gibt es Katastrophen wie das Flugzeugunglück 1977 in Teneriffa. Hierarchien und schlechte Kommunikation haben zu über 500 Toten geführt. Das zeigt: Ohne Offenheit und gute Abstimmung kann es richtig schiefgehen.

Gibt es etwas, das du im Hinblick auf Fehler für dich selbst gelernt hast?

Auf jeden Fall. Ich glaube, wir alle haben Momente, in denen wir uns fragen: Hätte ich das anders machen können? Mir hat besonders geholfen, mich mit dem Konzept von Vulnerabilität auseinanderzusetzen. Die Autorin Brené Brown sagt: „Vulnerabilität ist das größte Maß an Mut.“ Sich Schwäche einzugestehen und daraus zu lernen, ist unglaublich kraftvoll – im Beruf und im Privaten.

Dein bester Tipp für den Umgang mit Krisen und Fehlern?

Hör auf dich selbst und mach’ kleine Schritte. Schaff’ dir ein Umfeld, in dem du Fehler machen darfst. Und denk dran: Es ist völlig okay, einfach mal nur einen Prozent besser zu sein – das reicht oft schon.

Anita, Dank dir für das Gespräch.

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Anja Horn