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Der Baumflüsterer!

Green Forest Fund
Green Forest Fund
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit17 Min · 3.357 Wörter

Vom Banker zum Baumflüsterer – klingt wie der Plot eines Abenteuerromans, ist aber die reale Geschichte von Thorsten Walter, Gründer des Green Forest Fund. Was einst als mutiger Schritt raus aus der sicheren Bankkarriere begann, hat sich inzwischen zu einem wegweisenden Projekt für den Natur- und Artenschutz entwickelt. Thorsten, der heute mit seinem Hund Eddie durch Wälder streift, hat nicht nur 33.000 Bäume gepflanzt, sondern auch den kritischen Blick auf den Spagat zwischen Idealismus und den Herausforderungen einer modernen Non-Profit-Organisation geschärft. Seine Vision: Mehr unberührte Lebensräume für Flora und Fauna.

Und auch wenn ihn das hektische Business-Leben nicht ganz losgelassen hat – seine Mission ist klar: Urwälder schaffen, Natur schützen, und dabei den Kapitalismus ein wenig in die Schranken weisen. Mit dem jüngsten Erwerb von 38 Hektar Land im UNESCO-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg pflanzt der Green Forest Fund nicht nur Bäume, sondern auch Hoffnung – auf eine grünere, wildere Zukunft.

Thorsten, von der Bank zum Baumflüsterer – wie erklärt man diesen Karrierewechsel eigentlich beim Klassentreffen?

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich mir die Frage stellte: Wie erkläre ich diesen Karriereschritt meinen Eltern und anderen Verwandten? Hey, ich höre mit dem Bankjob auf und pflanze jetzt Bäume. Das, was ich da aus der Verwandtschaft einstecken musste, war hart. Insbesondere die ständige Verunsicherung. Aber ich denke, dass das auch nachvollziehbar ist. Jeder, der aus dem Kreis der Herdenmentalität austritt, wird erstmal versucht zurück in den Kreis der Herde zu holen. Und natürlich könnte man bei Erfolg des Projektes den Beweis antreten, dass das Leben der anderen, die „nine-to-five“ Leben als normale Angestellte, langweilig war und damit womöglich nicht das ganze Potenzial aus dem eigenen Leben herausgeholt wurde. Es steckt also auch eine gewisse Schutzfunktion der anderen für sich selbst dahinter. Ich weiß noch, wie wir bei „Loot für die Welt“ im YouTube Space Berlin waren und wir während eines Interviews in 10 Minuten etwa 10.000 Euro Spenden einsammelten. Mein dem Projekt kritisch gegenüberstehender Schwiegervater rief mich direkt danach an und meinte: „Thorsten, mach weiter damit, ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel Geld eingenommen.“ Alles sprach damit für ein erfolgreiches Projekt, eine neue große NGO in Deutschland zu etablieren. Heute sind alle stolz auf mich und das Erreichte. Wir schmunzeln, wenn wir heute daran zurückdenken. Ich habe es durchgezogen und an mich geglaubt. Ich war mir und meinen Stärken selbst bewusst – selbstbewusst.

Du hast mit deinem Hund Eddie die Wälder erkundet, bevor der Green Forest Fund entstand. Was glaubt Eddie – wer von euch ist der eigentliche Chef?

Das ist ganz klar. Eddie ist der Chef. Ohne ihn gäbe es GFF tatsächlich nicht. Ich liebe ihn dafür. Ich sage immer: Ich habe ihm so ein Zeug wie Sitz und Platz beigebracht. Er mir Dinge wie Achtsamkeit, die Liebe und Verbundenheit zur Natur, dass auch Tiere fühlen, gute und schlechte Tage haben, Wut und Trauer, Freude und Genuss. Wie Henri Matisse sagte: „Es gibt für jeden Blumen, der sie nur sehen will.“

Tiere haben nur leider in den meisten Ländern nicht die gleichen Rechte wie der Mensch. Obwohl ich sehr dafür wäre. Dann wäre übrigens die Jagd auch Mord. Doch Tiere werden nach § 90a BGB wie Sachen behandelt.

Der Moment, als „dein“ Baum gefällt wurde, war offenbar ein Wendepunkt für dich. War das der klassische „Das war’s!“-Moment oder gab es auch Zweifel, ob der Wald wirklich der richtige Weg für dich ist?

Es war schon ein Wendepunkt, der mich dazu bewegte, mich mit dem Thema sehr intensiv auseinanderzusetzen. Doch ohne Eddie wäre ich nie im Wald gelandet und hätte mich mit Bäumen beschäftigt. Andererseits hat leider mittlerweile etwa 90% unserer täglichen Arbeit nicht direkt mit dem klassischen „im Wald draußen sein“ zu tun. Es geht mehr um interne Projekte wie die Einführung eines Logins, die Digitalisierung unseres Projektes, der Buchhaltung, dem Marketing und Fundraising. Die Bäume werden mittlerweile zum Großteil durch professionelle Forstunternehmen für uns gepflanzt. Ab und zu bin ich aus Freude und Leidenschaft auf unseren Flächen, schaue nach, ob alles gut ist und pflanze auch selbst Bäume. Ich kann mich dabei sehr gut entspannen.

Vom Unternehmensberater zum Natur-Retter – fehlt dir nicht manchmal das hektische Business-Leben, oder hat der Wald dich komplett entschleunigt?

Mein Leben ist immer noch sehr Business-like. Wir wollen Green Forest Fund an die Spitze der deutschen NGOs führen und auch weltweit bekannt machen. Dafür benötigt man viel Zeit und Kraft. Dazu kommt, dass ich seit einigen Jahren Vater bin und natürlich auch hier gefordert werde. Und Eddie würde gerne auch mit mir Quality Time verbringen. Wenn ich im Wald bin, entschleunigt es mich und natürlich habe ich vermutlich einen der schönsten Jobs in Deutschland.

Ihr seid ein kleines, aber engagiertes Team. Wie haltet ihr die Balance zwischen Idealismus und den harten Realitäten einer Non-Profit-Organisation?

Wir sind nur klein, weil wir vieles digitalisiert haben und deshalb klein sein können. Das hat sehr viel Kraft gekostet, dorthin zu kommen. Wir wollten immer die digitalisierteste NGO in Deutschland sein, wie eine Direktbank. Dadurch auch wenig Personal haben, um hohe Fixkosten zu vermeiden. Natürlich kostet die Digitalisierung am Anfang sehr viel, doch in the long run lohnt sich das dann auch durch niedrigere laufende Kosten.

Was sind die harten Realitäten? Für mich war es erschreckend und enttäuschend festzustellen, wie viel Schlechtes in diesem Sektor auch passiert und versucht wird unter dem grünen Deckmantel (wir sind die Guten) zu vertuschen. Egal, ob gemeinnützig oder nicht. Darüber hinaus gibt es immer mehr nicht gemeinnützige Wettbewerber, die erkannt haben, dass man mit Wilderness und Bäume pflanzen viel Geld verdienen kann. Dieser Baumpflanzer, der nicht gemeinnützig ist, sondern zum Beispiel als GmbH gewinnorientiert arbeitet, hat im Gegensatz zu gemeinnützigen Organisationen die Möglichkeit, diese eingenommenen Gelder irgendwann ins Privatvermögen zu überführen. Bei uns geht das nicht. Wir verwalten die Gelder treuhänderisch, haben Berichtspflichten und werden als gemeinnütziger Verein streng kontrolliert. Leider agieren wir am selben Markt und die Unterstützer erkennen diese Unterschiede häufig nicht und lassen sich von Lockangeboten oder deren Werbung verleiten oder soll ich sagen fehlleiten?

Wenn du zurückblickst, was war der mutigste Schritt auf deiner Reise vom Bankangestellten zum Naturaktivisten? Und was würdest du dem Thorsten von damals raten?

Sicherlich der Schritt weg von einem sicheren Job, hin zu einer ungewissen Zukunft mit der Gründung eines Vereins, keinem Investor und dem Verkauf einer gemeinsamen Vision: Mehr Urwälder in Deutschland. Es war nicht klar, ob unsere Vision von so vielen Menschen geteilt wird und diese uns dann auch finanziell unterstützen. Denn nur mit finanziellen Mitteln können wir weiter Flächen kaufen und der Natur und Tierwelt zurückgeben. Ich würde Thorsten raten, es wieder genauso zu machen.

Thorsten Walter, Gründer des Green Forest Fund

Mal ehrlich, gibt es Momente, in denen du dich fragst, ob der Kampf für die Natur gegen den Klimawandel jemals wirklich gewonnen werden kann? Wie motivierst du dich, wenn es mal schwierig wird?

Für mich ist es nicht nur ein Kampf gegen den Klimawandel, sondern wir setzen uns für mehr Lebensräume für die Natur und Tierwelt ein. Das eine geht mit dem anderen einher. Ein amerikanischer Biologe E.O. Wilson stellte die These auf, dass wir nur überleben können, wenn wir 50% unseres Planeten der Natur und Tierwelt überlassen. Und warum sollten wir es nicht tun? Ist es nur unser Planet? Er gehört niemandem oder jedem Lebewesen und damit auch jedem Tier und jeder Pflanze. Wir betreiben gerade einen Kampf gegen die Natur, gegen die Arten und damit gegen uns selbst. Diesen Kampf werden wir nicht gewinnen können. Entweder wir erkennen das und ändern unser Mindset oder es wird den Menschen eben irgendwann nicht mehr geben. Dann ist das eben so. Wir retten das Klima nicht nur für uns. Wir haben damit Lebensräume für viele Menschen, aber auch viele Pflanzen und Tiere zerstört und eine Verantwortung auch ihnen gegenüber. Wir möchten gerne mit eurer Unterstützung Lebensräume für die Natur in die Gemeinnützigkeit kaufen und unter Schutz stellen. Heute sind es nahezu 1.000.000 qm Land, die wir seit 2017 geschützt haben. Warum sollen es 2030 nicht 1.000.000.000 qm oder mehr Land sein. Und nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit. Wir arbeiten daran. Mehr Bekanntheit und mehr Leuchttürme, die unsere Botschaft in die Welt hinaustragen, können uns helfen. Und es ist wichtig, dass die Flächen in die Gemeinnützigkeit gekauft werden, so dass sie nicht irgendwann doch zu einem Supermarkt werden. Und: Nur weil es schwierig ist, heißt es ja nicht, dass es nicht richtig ist. Wir tun das Richtige und viele werden das bemerken und uns dabei unterstützen. Im Rahmen einer sozialen oder freien Marktwirtschaft der westlichen Welt ist diese Vorgehensweise die Richtige, um dem Flächenfraß entgegenzutreten. Allein in Deutschland werden jeden Tag etwa 66 ha Fläche versiegelt, weg von Natur, hin zu Parkplatz, Supermarkt, Straße und Co. Das sind mehr als 66 Fußballfelder, jeden Tag und nur in Deutschland. Wir sprechen von Insektensterben und Artenrückgang, aber wo sollen die Insekten und Tierarten denn ihr Zuhause haben?

Wenn du eine Superkraft für den Naturschutz wählen könntest, welche wäre es – und warum genau diese?

Dass Tiere und Pflanzen sprechen und Menschen zuhören könnten. Wobei Tiere und Pflanzen das können, aber der Mensch versteht sie nicht und glaubt, dass seine Sprache die einzig richtige ist und dass Tiere und Pflanzen das nicht können.

38 Hektar im UNESCO-Biosphärenreservat – ein ordentliches Stück Natur. Ist das nur der Anfang des Waldimperiums von GFF, oder sind euch schon die Forstwirtschafts-Lobbyisten auf den Fersen?

Wir haben in Lenzen mittlerweile mehr als 60 Hektar im UNESCO-Biosphärenreservat und sind gerade dabei, weitere 20 Hektar zu erwerben. Es soll erst der Anfang sein. Und Lobbyisten der Forstwirtschaft haben uns schon von Beginn an im Visier. Zunächst einmal hat mich einer davon damals zum Start unseres Projektes über viele Dinge aufgeklärt, die er mir so heute vermutlich nicht mehr sagen würde, nachdem er weiß, was ich daraus gemacht habe. Aber ich wusste damals selbst nicht, was ich mit den Informationen anfangen soll. So kam eins zum anderen. Heute haben wir leider keinen Kontakt mehr. Er war ein Freund meiner Familie und im Forstbetrieb BW eine bedeutende Größe.

Brachland und Kiefermonokulturen in Urwälder zu verwandeln klingt nach einer Menge Arbeit – wie viele Baum-Tracker müsst ihr denn aufstellen, um sicherzustellen, dass alles so natürlich wächst, wie es soll?

Der Baumtracker ist nur ein Instrument, das der Transparenz des Projekts dient, denn Spenderkönnen damit ihren gespendeten Baum tracken und nachvollziehen, wann er wo gepflanzt wurde – sozusagen das Leben des gespendeten Baumes nachvollziehen. Aber das Umwandeln von Brachland und Kiefernmonokulturen ist viel Arbeit, mehr als ich mir damals vorstellte. Und zwar nicht forstwirtschaftlich, sondern vor allem wegen der Bürokratie und den erforderlichen Genehmigungen, die einem eine Umwandlung schwer machen. Als Beispiel ist nicht klar, wann in Deutschland Wald als Wald zu bewerten ist, denn nur für Wald benötigt man eine Aufforstungsgenehmigung, die aus vier einzelnen Genehmigungen besteht und leitend vom Landwirtschaftsamt erstellt werden muss. Für mich ein Fehler im System, denn fragen Sie mal einen Metzger, ob Sie vegan werden sollen. Genauso wissen sie, wie die Meinungen und Sympathien verteilt sind, wenn man aus einem Acker Wald machen will und dass die Landwirtschaftsbehörde entscheidet, die die Genehmigungen der unteren Naturschutzbehörde einholt, die wiederum einen Ehrenamtsbeauftragten an die Flächen schickt, um zu sehen, ob dort seltene Orchideen, Feldhamster oder Feldlerchen zu finden sind. Hier genügt im Übrigen die reine Behauptung eines solchen Fundes, und wir müssen gutachterlich das Gegenteil beweisen. Oft spielt hier Politik und das erfundene Vorhandensein solcher Tierchen eine Rolle. Und dann ist da noch die Forstbehörde, die das Vorhaben genehmigen muss, die Behörde, die man wegen der hohen forstwirtschaftlichen Nutzung der Wälder kritisiert. Und zu guter Letzt muss das Vorhaben durch den Gemeinderat oder Stadtrat mit Mehrheitsentscheid genehmigt werden; erst dann wird die Genehmigung erteilt. Ein häufig aussichtsloses Unterfangen, insbesondere weil in den Räten in der Regel Landwirte sitzen, die etwas dagegen haben, dass aus Acker Wald wird. Ich könnte ein Buch zu meinen skurrilen Erfahrungen schreiben. Wenn Sie einen Verlag kennen: gerne!

Keine forstwirtschaftliche Nutzung – wir verstehen, hier wird kein Geld gemacht. Was sagt der Kapitalismus dazu, wenn ihr den Wäldern quasi eine „Job-Kündigung“ erteilt?

Teile davon habe ich ja bereits beschrieben. Man gewinnt keinerlei Sympathien in den Stadt- oder Gemeinderäten, beim Landwirtschaftsamt und den anderen Behörden. Es gibt noch nicht mal in den Gesetzen unsere Themen; entweder gibt es die Forstwirtschaft oder die Landwirtschaft, aber nicht eine Flächennutzung ohne wirtschaftliche Zwecke. Es gibt sogar eine Mähpflicht in Deutschland für landwirtschaftliche Flächen, selbst wenn sie an keinen Landwirt verpachtet sind. Einfach, um die landwirtschaftlichen Flächen zu erhalten, obwohl das meines Erachtens ein extremer Eingriff in unser Eigentumsrecht ist, und das übersteigt, was dem Thema „Eigentum verpflichtet“ zuzuordnen wäre.

Auch die Jagd wird einfach auf unseren Flächen per Gesetz gestattet, obwohl wir das nicht wollen. Allerdings können juristische Personen ihre Flächen nicht von der Jagd befreien lassen, da juristische Personen kein schlechtes Gewissen haben können. Ein weiterer aus unserer Sicht unzulässiger Eingriff in Eigentumsrechte.

Hier haben sich unserer Meinung nach die großen wirtschaftlichen Interessen der Forst- und Landwirtschaft und der Jagdverbände wichtige Inhalte der Gesetze zu ihren Gunsten gesichert. Man muss ja nur mal den Aufschrei der Bauern Revue passieren lassen, der vor kurzem medial zu sehen war, nachdem verschiedene Vergünstigungen gestrichen werden sollten. Dabei erhalten Landwirte sehr viele Subventionen. Man kann online beim Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung ohne Weiteres nachschauen, wie viel Förderung welcher Landwirt erhält. Das Einzige, was man benötigt, ist der Name des Landwirtes und seine Adresse. Aber das ist ein gut gehütetes Geheimnis. Der deutsche Staat wollte wohl die Veröffentlichung durch die EU verhindern. So habe ich es durch einen Mitarbeiter der unteren Naturschutzbehörde gehört. Man war aber erfolglos dabei, auch beim EuGH, und so hat man es nur in den Tiefen des Internets versteckt.

Der Green Forest Fund hat bisher 33.000 Bäume gepflanzt – das sind umgerechnet etwa 16,5 Fußballfelder. Wie messt ihr den Erfolg eurer Arbeit jenseits von beeindruckenden Zahlen?

Für mich selbst sind diese Zahlen nicht beeindruckend, denn wir wollen viel mehr. Wir selbst machen einfach immer weiter, ohne etwas zu messen. Für uns wäre es ein Erfolg, wenn sich durch unser Projekt das Mindset der Menschen zu einem wertschätzenderen Umgang mit der Natur und Tierwelt verändern würde. Wir benötigen viel mehr unberührte Lebensräume, die nur der Natur und Tierwelt dienen, viel weniger Flächenfraß, viel mehr Bauen in die Höhe als in die Breite, viel mehr Zulassen von Wildnis und allem, was dazu gehört. Wer gibt uns das Recht, alles zu unterjochen und als unseres anzusehen, das dann auch nur Ertrag abwerfen soll?

Der Green Forest Fund steht für den Erhalt von Urwäldern – wie lange dauert es, bis ein gepflanzter Baum sich offiziell „urwaldtauglich“ nennen darf?

Wir schaffen die Urwälder von morgen. Wir werden diese nicht mehr zu Lebzeiten erleben. Ein Urwald entsteht nicht nach 99 Jahren oder nach 50 Jahren Pacht, so wie es mancher Wettbewerber gerne behauptet, sondern nach drei bis vier ungenutzten forstwirtschaftlichen Baumgenerationen. Ein Baum kann, wenn man ihn lässt, 1.000 Jahre und älter werden. In der Forstwirtschaft werden sie in der Regel nach durchschnittlich 100 Jahren gefällt. Durchforstungen beginnen schon nach 10 bis 15 Jahren. Drei bis vier ungenutzte Generationen bedeutet hier 300 bis 400 Jahre unberührter Wald.

In der Forstwirtschaft oder in wirtschaftlich angelegten Wäldern, auch von den NGO-Wettbewerbern, selbst wenn sie nachhaltig bewirtschaftet sind, werden Bäume so eng gepflanzt, dass sie keinen Asttrieb entwickeln, sondern in die Höhe wachsen. Von in der Forstwirtschaft 5.000 bis 10.000 pro Hektar gepflanzten Jungbäumen werden die Erntereife nach 80-100 Jahren gerade mal 300-400 Bäume erreichen. Das sind nach 80 bis 100 Jahren weniger als bei uns. Wir pflanzen zu Beginn 1.000 Bäume pro Hektar, und nach 80 bis 100 Jahren sind immer noch 1.000 da, wenn die Bäume es wollen, weil wir keine von uns gepflanzten Bäume fällen. Unsere Bäume dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen. So entsteht der Urwald von morgen mitten in Deutschland.

Euer Ansatz klingt nach der ultimativen Natur-Renaissance – was sagt ihr zu Kritikern, die behaupten, Aufforstungsprojekte seien nur „Greenwashing mit Bäumen“?

Wir forsten ja nicht nur Bäume auf, sondern schaffen damit unberührte, neue Lebensräume für die Natur. Unser Projekt ist viel mehr als nur Bäume pflanzen. Und wir sorgen zum Beispiel in Binau mit 30 verschiedenen Baumarten für neuen Artenreichtum, weil unser Fokus nicht darin liegt, die Bäume später zu vermarkten, sondern möglichst Gutes für die Natur und Tierwelt zu tun. So sind es dann auch Speierlinge, Wildäpfel, Wildbirnen und andere selten gewordene Baumarten, die wir standortgerecht pflanzen. Aber daneben machen wir aus Ackerflächen auch wilde Wiesen und schützen durch die Urwaldspende auch bestehende Wälder, die wir aus der wirtschaftlichen Nutzung nehmen.

Ihr habt auch Moore auf eurer Agenda. Moore gelten als die Superhelden der CO2-Speicherung – wie plant ihr, diesen oft vergessenen Ökosystemen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Wir sind dabei, eine 20 ha große Moorfläche zu erwerben, um sie wieder zu vernässen bzw. zu renaturieren. Wie wir dafür Aufmerksamkeit und Spendenbereitschaft generieren, wird auch für uns Neuland und ein Abenteuer. Vielleicht durch euch? Wie wäre es mit einem Business Punk Moor?

„Bienen-Tracker“ für eure Wildbienenweiden – was steckt dahinter? Und wie trackt man eigentlich den Erfolg einer Blume?

Es gibt bei uns keinen Bienentracker, sondern den Baumtracker, um ein Baumleben und -standort nachzuvollziehen, sowie einen Urwaldtracker, um zu sehen, wo der geschützte Wald liegt, der aus der wirtschaftlichen Nutzung genommen wurde.

Eure Vision reicht über Deutschlands Grenzen hinaus. Gibt es schon Pläne für „Green Forest Fund International“ oder bleibt es vorerst bei der Heimatliebe?

Natürlich lieben wir unsere Heimat und fühlen uns hier besonders verbunden, und wir glauben, dass wir noch viel mehr für unsere heimische Natur tun sollten und müssen. Aber gleichzeitig gibt es Bestrebungen, unsere Idee weltweit umzusetzen. Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten. In Kürze wird es dazu mehr Informationen geben.

Wenn wir uns 50 Jahre in die Zukunft träumen – wie sieht euer perfektes Szenario für den deutschen Wald aus? Werden sich dann die CEOs in eure Urwälder zurückziehen, um „natürlich“ zu meditieren?

Das würden wir uns natürlich wünschen, nicht nur für die Manager. Wir wünschen uns mehr unberührte Natur in Deutschland. Nur 0,6% Wildnis in 2020 sind weit weg von einem Gleichgewicht. Und wir sind Teil der Natur. Es ist deshalb wichtig zu teilen. Für 2022 sollte das 2% Ziel Wildnis erreicht werden. Es wurde allerdings verfehlt, weil es nicht genügend Waldbesitzer gab, auch nicht öffentlich-rechtliche Waldeigentümer, wie Stadt, Gemeinde, Land und Bund, die ihre Wälder stilllegen wollten. Dazu versucht man NGOs zu gewinnen, die das eigentlich per se aus ihrem „Geschäftszweck“ heraustun sollten. Wenn der Staat, das Land und die Gemeinden gemeinsam ihre Wälder stilllegen würden, wären auf einen Schlag nahezu 50% alle Waldflächen in Deutschland Wildnis. Dann kommt vermutlich wieder das Argument Rohstoff und Arbeitsplätze, aber dann sollen sie doch wenigstens 25% stilllegen und die anderen 25% lieber noch intensiver nutzen. Da haben die Pflanzen und Tierwelt und auch wir Menschen mehr davon. 

Portrait Susie von den Stemmen

Susie von den Stemmen

Mit über 30 Jahren Erfahrung in den Medien hat Susie eine vielseitige Karriere als TV-Redakteurin, Print- und Online-Journalistin verbracht. Ihr Fokus liegt auf Kultur, Auto- und Lifestylethemen, in denen sie eine umfassende Expertise aufgebaut hat. Diese Tätigkeiten haben ihr die Möglichkeit eröffnet, faszinierende Orte zu bereisen und ein umfassendes Netzwerk im Bereich der Persönlichkeiten hinter den Marken und VIPs aufzubauen. Susies beruflicher Werdegang begann nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften und Germanistik mit einer ersten Berufsstation beim Disney Club (ARD), gefolgt von Redaktionsarbeiten für Gottschalk Late Night (RTL) und Jay Leno (NBC Los Angeles). Sie hat zahlreiche Fernsehaufträge für verschiedene Sender durchgeführt, darunter die Produktion von TV Beiträgen, Leitung von Studioredaktionen und die Akquise von Neugeschäft. Nachdem sie mit ihrer Familie nach Hamburg gezogen ist, hat sie ihre Karriere im Printbereich gestartet, zunächst bei Park Avenue für Gruner & Jahr und später bei Gala und anderen renommierten Titeln. Als VIP-, Automobil- und Kultur-Beauftragte hat sie weiterhin die Welt bereist, ihr Netzwerk ausgebaut und ihre Leidenschaft für die Auto-, Reise- und Genussszene vertieft. Aktuell leitet sie das Office! von den Stemmen in Hamburg und München. Kunden waren und sind: Bild, Cosmopolitan, Travellers World, Ramp, Audi Magazin, Air Tours, Lufthansa Magazin, DB Magazin, Tagesspiegel, Myself, Zeit Online, Instyle Men und nun auch Business Punk. Neben ihrem Wohnsitz in Hamburg ist sie dank ihrer Porsche Rennlizenz weltweit im Einsatz, um fesselnde Geschichten rund um Automobilität, Kultur und Lifestyle zu generieren.