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DER HOCHNÄSIGE LAMBO!

DER HOCHNÄSIGE LAMBO!
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Aktualisiert
Lesezeit8 Min · 1.568 Wörter

Nose up Nose up! Zu deutsch: Nase hoch, Nase hoch!  Mit dieser Ansage werde ich immer wieder freundlich bestimmt eingenordet während meiner Probefahrt mit dem Lamborghini Revuelto! Arroganz gilt also als Grundvoraussetzung bzw. ist in den Guidelines niedergeschrieben, um so ein Fahrzeug zu fahren? 

Nein, ich muss sie enttäuschen und direkt mit einem Klischee aufräumen, dass man jetzt evtl. nach dieser Überschrift im Kopf hat! Und zur Marke geistern ja einige Stereotype herum, auch bei mir auf meiner Reise zum Event! Von extrovertiert über selbstverliebt bis Midlife-Crisis-Kompensator alles dabei! Und klar, Ausnahmen bestätigen die Regel! Gibt es sicherlich alles, auch oder vielleicht vor allem bei Lamborghini. Wir alle haben doch diese Bilder im Kopf einer gewissen Klientel, die sich vorrangig auf irgendwelchen Prachtstraßen aus einem knallorangen Fahrzeug zwängt, wenn die Scherentüren nach oben klappen! 

Gerechtfertigt? Nein! Das ist zumindest mein Eindruck, als ich mit dem giftgrünen und somit extrem auffälligen Supersportwagen durch die französischen Alpen cruise. Immer wieder wird mir freundlich gewunken, begeisternde Blicke oder aufmunternde Lichthupen von entgegenkommenden Lkw-Fahrern. 

Das mit der Hochnäsigkeit hat einen ganz anderen Grund! Welchen, werde ich gleich erklärten. Nur so viel: es schont definitiv Fahrzeug und vor allem die Brieftasche!

Aber der Reihe nach! 

Warum bin ich eigentlich in Courchevel? Der rund 2.600 Einwohner zählende Nobel Ort in den französischen Alpen ist Teil der Region Les Trois Vallées, das größte Skigebiet der Welt befindet sich in Courchevel und bekannt ist es eben auch für seine hohe Dichte an Luxushotels, für herausragende Gastronomie und ein abwechslungsreiches Skigebiet. Also irgendwie dann doch das richtige Setting für so eine Marke wie Lamborghini. Denn neben Skifahren gibt es hier auch reichlich Möglichkeit zum Flanieren, Cruisen oder Shoppen in den diversen Luxus-Boutiquen. 

Nüchtern betrachtet nennt sich das „Probefahrt“ oder wie heutzutage so gerne formuliert wird „Experience“. „Crave the snow-define the journey” nennt sich das Event. Der Supersportwagen Revuelto macht zunächst wenig Sinn im tiefen Schnee, das erfolgreiche Sport-Suv Urus schon mehr.  Grob zusammengerechnet kommt der geparkte Mix aus Revuelto und Urus vor dem Hotel jedenfalls auf minimum 3 Millionen Euro!  

Im Hotel treffen wir Journalisten auf Tim Bravo. Der Leiter der Kommunikation von Automobili Lamborghini S.p.A. macht uns zunächst  mit der DNA der italienischen Marke mit dem Stier vertraut.

Die Firmenzentrale hat ihren Sitz in Sant’Agata Bolognese und eigentlich startet Lamborghini zunächst mit dem Bau von Traktoren. Irgendwann beginnt man auch mit der Entwicklung von Supersportwagen. Und was für welchen! Countach oder Miura sind nur zwei davon und erzielen, wenn sie denn überhaupt mal versteigert werden Millionenbeträge. Ebenfalls interessant: Lambos dürfen „knallen“- rein optisch. Es gibt eigentlich keine Farbe die im Rahmen der Individualisierung nicht möglich ist, erfahre ich von Tim Bravo. 400 Außen- und über 70 Innenraumfarben sind möglich, um genau zu sein.

Klassisch rot darf es gerne bei der Konkurrenz aus Maranello bleiben. Und diese Info bekommen wir auch noch: durchschnittlich besitzt der oder die Lamborghini Besitzer/in sieben Fahrzeuge, davon zwei Lambos: Sportwagen und gern noch den Urus dazu! Übrigens auch nicht ganz unwichtig.

Nach den Infos zur Marke kommt der wichtigste Part: wann, wo und wie kommen wir in den Genuss der Fahrzeuge, die fein säuberlich vor dem Hotel aufgereiht stehen? Gemach, gemach! Alles am nächsten Morgen! Nach einem Dinner geht’s ins Bett und ja, ich gebe zu ich bin nervös!!!!

Treffpunkt am nächsten Morgen ist der Eingang vom Hotel und ich bekomme tatsächlich den krassesten Lambo zugewiesen: den giftgrünen Revuelto!  Laut Konfigurator müsste das der Farbton „VERDE EGERIA“ sein! 

Meine Nervosität steigt aus diversen Gründen. Erstens bin ich so einen Supersportwagen noch nie gefahren, zweitens stresst mich der „Basispreis“ von 502.180 Euro und drittens weiß ich wirklich nicht, wie so ein Fahrzeug funktioniert! Ich weiss nur eins: das Datenblatt des Fahrzeugs ist imposant: Leistung:1015 PS, 350kmh Spitze und von Null auf 100 in 2,5sec.

Noch ein Wort zum „Basispreis“: dabei bleibt es natürlich nicht.  Fast jeder Lamborghini ist individualisiert, „doppelte“ Fahrzeuge gibt es eigentlich nicht und dass kostet dann gern nochmal 100-200.000 Euro mehr! So ein Revuelto, erfahre ich, kommt dann gern mal um die 700.000! 

Zum Glück sind auf jeden Fall  zwei Werksfahrer dabei und ich bekomme eine Einweisung! Die erste und wichtigste Ansage: „Ich soll mich bitte nicht stressen, denn das Fahrzeug sei „ganz einfach“ zu fahren!“ Als dann noch die Info dazu kommt, dass ich die Schaltwippen gar nicht nutzen brauche , wenn ich nicht will sondern einfach im Automatic Modus bleiben kann bin ich auf jeden Fall beruhigter!

ABER großes ABER: da wäre noch dieser nicht ganz unwichtige Knopf am Lenkrad! Ich sehe die Front des Fahrzeugs skizziert und jetzt kommt die Nase ins Spiel! Da der Revuelto dermaßen tief liegt, die Alpenstrassen aber leider das ein oder andere Mal Stolperpotential bieten, kann sich der Revuelto nach der Betätigung des Knopfs um einige Zentimeter nach oben liften.

Ok-ready to go!  Walkie Talkie zur Kommunikation liegt in der Mittelkonsole, die ikonische knallrote Schutzkappe überm Start/Stop Knopf umgelegt, Knopf gedrückt und………….NICHTS!

Ich sehe zwar im Display, dass der Revuelto irgendwie „an“ ist aber ich hör nix! Was ist los? Schnell kommt nochmal der Techniker vorbei und erklärt mir, dass der Super-Sportwagen es entgegen seiner Optik ruhig angeht, oder besser gesagt elektrisch! Also nix mit Dröhn-Orgie – unerwartetes Understatement stattdessen! 

Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das bei allen Besitzern so gut ankommt, vor allem wenn man den „großen“ Auftritt liebt! Ich gehe aber davon aus, dass man in den Werkseinstellungen irgendwo auf „bitte nicht elektrisch starten“ umstellen kann!

Rein elektrisches Fahren ist übrigens möglich, also theoretisch!   In der Praxis bedeutet das 11km Reichweite! Gut, vom Privatanwesen zum Golfplatz sollte das reichen! Hier ist man ehrlich bei der Pressestelle: „Es ist kein Vernunftauto“ und „wir betreiben daher auch kein greenwashing.“ Macht Sinn!

Ich lerne: Der neue V12-Motor verfügt über 825 PS, dazu gesellen sich drei Elektromotoren und mit denen schafft der Wagen eine Systemleistung von 1015 PS. Der Effekt ist in jedem Fall unerwartet, denn somit startet der Lambo dezent, lautlos – allerdings nur sehr kurz denn noch während ich mit dem Techniker spreche, knallt plötzlich brachial der warmgemachte V12 rein beim Tritt aufs Gaspedal. Ich gebe zu, ich erschrecke und der Techniker lacht! 

Aber keine Zeit für sowas, denn die Luxus-Kolonne setzt sich in Bewegung. Es ist schwer zu beschreiben was in den ersten 10-20 Minuten Fahrt in mir vorgeht. Der Sound des V12 irritiert mich, und natürlich fährt der Wagen nicht „normal“, man sitzt sehr tief, selbstverständlich gibt es so etwas wie eine Federung aber klar, dass hier ist ein Sportwagen und dazu auch noch ein ziemlich breiter. Es braucht daher definitiv eine gewisse Eingewöhnungszeit, bis ich das Fahrzeug geniessen kann. Nach ca. einer halben Stunde ist es aber soweit. Meine Nervosität ist futsch und es macht Spass mit dem Wagen durch die engen Serpentinen zu cruisen. Apple Car Play angeschlossen und wenige Sekunden dröhnt „Soldi“ von Mahmood durch die Boxen! Ein ziemlich geiles Gefühlt! Das trifft es am besten! 

Was mich am meisten freut, wie zu Beginn beschrieben, sind die Reaktionen auf die grüne Rakete. Egal ob am Menschen am Strassenrand oder in entgegenkommenden Autos oder Lkw´s: winken, freundliche Gesichter gepaart mit anerkennendem hupen oder Lichthupe!

Unterbrochen wird mein entspanntes Cruisen übrigens immer mal wieder durch das Walkie Talkie und der plärrenden Ansage „Nose up-Nase hoch“, denn die Strassen sind zum Teil tricky, ob Huckel oder Fahrbahnschwellen-beides mag der Revuelto nicht! Also, Knopf gedrückt und elegant reckt sich der Vorderwagen einige Zentimeter nach oben! Die ein oder andere Reparatur oder Lackausbesserung wird somit „umfahren“!

Fast zwei Stunden geht die Tour! 

Nach einer Kaffeepause wechseln wir untereinander die Fahrzeuge und ich bekomme einen Urus zugewiesen und muss sagen, der Urus ist entspannter.  Im direkten Vergleich fast schon eine Wohlfühloase. Klar, auch Sportwagen, nur eben höher und weitaus komfortabler zu fahren! Und selbstverständlich auch etwas oder besser sehr viel alltagstauglicher. Beim Revuelto passt vorne in den Kofferraum eine Tasche rein – das wars. Das Heck eignet sich allerdings zum stilvollen Abstellen eines Espresso! 

FRUNK und ESPRESSO

Ich überlege welchen Wagen ich hypothetisch wählen würde und verstehe, warum der durchschnittliche Lamborghini Fahrer zwei Fahrzeuge der Marke besitzt! Die übrigens gefahren werden. Das erfahre ich von Tim Bravo beim Espresso zuvor. Lamborghinis stehen zwar auch als Wertanlage in der Garage, aber sie sollen und werdden in der Regel gefahren. 

Im Falle eines Revuelto brauchen sie allerdings ein wenig Geduld, denn wenn sie jetzt bestellen wird der Wagen ca 2027 ausgeliefert. Selbstverständlich bastelt die Marke auch an etwas „elektrischem.“ Der 2-plus-2-Sitzer soll im Jahr 2028 auf den Markt kommen und Lanzador heissen! 

Zukunftsmusik! Im hier und jetzt neigt sich mein Ausflug in die Lamborghini Welt leider dem Ende zu. Den bzw. die Wagen zu fahren in jedem Fall ein Erlebnis. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich die Nase sehr gern noch ein wenig weiter nach oben recken können……!

David Modjarad