Der Scharfmacher: Chili Klaus und seine etwas andere Food-Show
Der Zug kommt. So nennt Claus Pilgaard das Gefühl, wenn die Chilis anfangen zu wirken. Wenn die Ohren schmerzen und die Zunge brennt, das Atmen immer schwerer fällt, die Stimme versagt, Speichel, Tränen, Schweiß, Husten, Schluckauf, alles außer Kontrolle – der Zug kommt. Oft streichelt Pilgaard den Gästen seiner Chili-Verkostung dann den Rücken: „Ja, ich weiß, Mann, es tut weh, Mann“, sagt er freundlich wie der Weihnachtsmann, während er in seinen grauen Bart grinst. „Ja, wirklich, ja.“ Dabei kämpft er selber mit dem Zug. Er hickst, schnaubt, fächelt sich Luft zu, bis es für Pilgaard und seine Gäste endlich Milch gibt. Damit der Zug endlich abbremst.
Der Däne Claus Pilgaard hat unter dem Pseudonym Chili Klaus in den letzten drei Jahren rund 50 solcher Videos gemacht: Manchmal sitzt er allein mit einem großen Messer am Tisch in seinem Garten und schneidet Chilis mit aberwitzigen Namen auf: Ají Amarillo, Carolina Reaper, Bhut Jolokia. Er erklärt, wie sie wachsen, wo, und dass die Inder diese Chilis an Zäunen um ihre Äcker herum aufhängen, um Elefanten zu verjagen. Dass man in Trinidad Fischerboote mit Chili einreibt, damit da keine Algen wachsen. Und dann isst er diese elefantenschreckenden, algenvernichtenden Schoten. Ganz.
Meistens sitzt dabei ein Prominenter neben ihm, eine dänische Ministerin, Musiker, TV-Leute. Denen schwärmt Chili Klaus erst vor, wie fruchtig und lecker die Hardcore-Chilis schmecken. Und dass man sie unbedingt kauen müsse. Das sei verdammt wichtig. Mindestens zehnmal kauen sollen seine Gäste, ehe sie die Chilis schlucken. Sonst brennen sie ihnen nämlich ein Loch in den Magen.
Klingt erst einmal absurd, aber die Menschen wollen das tun, und sie wollen es sehen. Man versteht schnell, warum: Eines der meistgesehenen Chili-Klaus-Videos ist die Verkostung mit einem dänischen Fernsehstar, der am Ende des Sieben-Minuten-Films aus dem Fenster kotzt und vor Reue winselt – zwei Millionen Leute haben sich das angeschaut.
Manche nennen Chili Klaus den „Michael Jordan der Chili-Welt“. Unter Chili-Fans genießt er Weltruhm. Er hat ein Buch über die schärfsten Chilis geschrieben, verkauft über seinen Webshop -Chiliklaus.dk T-Shirts, Chilimesser, scharfe Saucen – und natürlich Chilis. „Zu meiner eigenen Überraschung ist der Chili-Shop tatsächlich zu meinem Hauptberuf geworden“, sagt Pilgaard, der bis vor Kurzem noch als Musiker und Entertainer mit -einer Art Swingshow und dem Künstlernamen Klaus Wunderhits durch Dänemark tingelte.
Dabei kam ihm die Idee mit den Chilis. „2013 hatte ich ein Engagement für eine Comedyshow auf der Insel Bornholm“, sagt er. Zwei Monate auf einer sehr kleinen, schönen, aber auch öden Insel. Nach einem Monat war es Pilgaard so fad, dass er einfach mal eine ganze Chilischote aß und sich dabei filmte. Mit Schluckauf, Ohrenbrennen, Krampfgesicht – der komplette Zug. Pilgaard stellte das Filmchen ins Netz und dachte nicht mehr weiter dran.
Der Irre mit den Chilis
Erst als er zurück auf dem Festland war, stellte er fest, dass das Video im Netz große Wellen geschlagen hatte. Er aß also mehr Chilis, erfand den Namen Chili Klaus und entwickelte eine Art Webshow. Bald kamen die ersten B- und C-Promis auf ihn zu und fragten, ob man nicht mal gemeinsam Chilis essen wolle. Die Idee mit dem Shop sei ihm erst ein Jahr später gekommen.
Mit seinen Videos macht Claus Pilgaard das, wofür Unternehmen Millionen lockermachen: Er kreiert einen viralen Hype um seine Person und bringt Leute über hochunterhaltsamen Inhalt dazu, seine Produkte zu kaufen. Ganz nebenbei wohlgemerkt, denn in erster Linie ist Chili Klaus in der Wahrnehmung des Youtube-Guckers nicht der Habanero-Händler aus dem Internet. Sondern der Irre mit dem Zug und den Chilis.
Und Pilgaard versucht, immer noch eins draufzusetzen. 2014 veranstaltete er in Kopenhagen einen Chili-Flashmob, bei dem 1 000 Leute gleichzeitig eine Schote aßen und danach, nun ja, mit den Folgen eben rangen. Sein bisher fulminantester Stunt war aber, das gesamte dänische Staatsorchester mit Chilis zu füttern und sie dann einen Tango spielen zu lassen – schwitzend, hustend, voller Tränen und mit roten Köpfen. Ein Hit mit 3,5 Millionen Views.
Bisher sei noch niemand bei der Chili-Esserei ernsthaft zu Schaden gekommen, sagt Pilgaard. Der brasilianische TV-Moderator Bruno de Luca ließ sich 15 Minuten nach dem Dreh ins Krankenhaus einliefern, sei dann aber wieder schnell auf die Beine gekommen. Und ihm selbst tue die ganze Chilifresserei ganz gut: „Immerhin sind Chilis das gesündeste Gemüse der Welt.“ Wenn er meint.
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