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Der Veggie-Pionier aus Nigeria hat eine Klima-Mission

Der Veggie-Pionier aus  Nigeria hat eine Klima-Mission
Manny Jefferson für BUSINESS PUNK
Erschienen
Lesezeit12 Min · 2.421 Wörter

Text: Jonas Gerding

Als Hakeem Jimo in Nigeria, dem Heimatland seines Vaters, ein Startup für veganen Fleischersatz gründete, merkte er, wie abseitig sein Vorhaben auf andere wirken dürfte. Denn das zweite Investment stand an. Keine große Summe, aber schon ein wichtiger Schritt für Veggie Victory, seine Firma – zumal Ryan Bethencourt angebissen hatte, Gründer der US-amerikanischen Hundefuttermarke Wild Earth. „Ein echter Rockstar der veganen Szene“, wie Jimo es formuliert. Und gerade der wollte Jimo Geld geben – dafür, dass er aus seinem veganen Restaurant einen Hersteller veganer Ersatzprodukte für traditionelle nigerianische Zutaten entwickelt. Nur: Das Geld kam erst mal nicht bei Jimo an.

„Wer überweist schon Geld nach Nigeria?“, fragt Jimo, 50, groß, schlank, kurz geschorene Haare, schwarzes Shirt. „Als Ryan das gemacht hat, hat sich erst mal die Bank gemeldet und wollte das Konto sperren, weil sie dachten, er …“ – vor lauter Lachen bringt Jimo den Satz nicht zu Ende.

Bethencourt vervollständigt später die Anekdote: „Sie dachten, ich wäre auf einen Scam hereingefallen: auf den berüchtigten nigerianischen Prinzen!“

Ein neues Unternehmen zu gründen ist immer ein Wagnis, klar, umso mehr, wenn die Branche wie im Falle von veganem Fleischersatz so jung wie volatil ist. Und wenn man dann, wie Jimo, dieses Wagnis auch noch in Nigeria eingeht, dann hat man meist beides: die Chance und das Risiko, den Spielraum und die Probleme.

Gegen eine scheinbar universelle Korrelation

Jimos Vision war so simpel wie ambitioniert, nicht nur für Bethencourt: Er wollte mit Veggie Victory eine Korrelation außer Kraft setzen, wie sie Ökonom:innen überall auf der Welt beobachteten – dass nämlich der Fleischkonsum mit wachsendem Wohlstand zunächst einmal massiv ansteigt.

Konkret bedeutet das: Im Jahr 2050 werden allein in Nigeria voraussichtlich 400 Millionen Menschen leben, mehr als doppelt so viele wie heute. Das Bruttoinlandsprodukt könnte sich dabei auf etwas mehr als 7 000 Dollar pro Kopf verdreifachen. Das wiederum würde den Fleischkonsum vervielfachen, Grünflächen vernichten, sie in Acker und Weideland verwandeln, den CO₂-Ausstoß durch die Tiere erhöhen, ihnen ein vermutlich nicht gerade angenehmes Leben bescheren und Menschen die Gesundheit ruinieren, fürchtet Jimo: „Das, was sie im Westen in Sachen Fleischkonsum zu verringern versuchen, wird mit dem Anstieg woanders doppelt und dreifach wieder wettgemacht.“

Für Jimo ist die Frage, ob sich das verhindern lässt, letztlich eine Frage der Innovation. „Wir müssen das leapfroggen“, sagt Jimo. So wie in Ländern wie Nigeria und Kenia das Festnetztelefon schlicht – wie durch einen Froschhüpfer – übersprungen wurde und die Menschen direkt Mobiltelefone nutzen, müsse auch der Ernährungsmarkt einen Sprung machen. „Wir dürfen gar nicht erst auf Fleisch setzen“, sagt Jimo. „Wir müssen den Proteinbedarf gleich über andere Quellen decken.“

Noch ist Jimo mit dieser Haltung relativ allein auf dem afrikanischen Kontinent, aber es tut sich etwas. Konkurrenz ist im Entstehen, vor allem in Südafrika, wo Infinite Foods vegane Produkte vermarktet, Mzansi Meats Laborfleisch und Sea-Stematic Meeresfrüchte-Alternativen entwickeln. In Westafrika aber sieht es rar aus, nur ein Hersteller namens Talmond stellt bereits Mandelmilch her.

Doch das stört Jimo nicht weiter. Eine gewisse Dickköpfigkeit, die Bereitschaft, auch mal anzuecken, erklärt sich vermutlich auch aus seiner Biografie. Als Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen ist Jimo in Buxtehude aufgewachsen, das Leben als Schwarzer in Deutschland, sagt Jimo, „war immer Ausnahmezustand. Du kannst einfach nicht abschalten und in der Menge untertauchen“.

Foto: Manny Jefferson für BUSINESS PUNK

Nach seinem Studium an der Uni Hamburg und der Berliner Journalistenschule machte Jimo sich selbstständig und verlagerte seinen Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Westafrika. Er arbeitete dort als Westafrikakorrespondent für deutsche Medien. Acht Jahre später, als er eine PR-Agentur in Lagos gründete, um die Botschaften von Kunden wie Lufthansa, Commerzbank und Mercedes in der Region zu verbreiten, konnte er seine Erfahrungen zwischen den Kulturen als Stärke einsetzen. „Ich habe mich immer als Brückenkopf gesehen“, sagt Jimo.

Eines Tages fiel Jimo, der sich seit seiner Jugend vegetarisch und seit acht Jahren vegan ernährt, beim Heimaturlaub in Deutschland die Vielzahl an veganen Restaurants auf. Da wusste er, was sein persönlicher nächster Schritt werden würde. Ja, in Nigeria war es oft mühselig, sich vegan zu ernähren. Aber: „Globale Trends kommen auch nach Nigeria“, sagt Jimo. Und so gründete er ein veganes Restaurant in Lagos und gab ihm den Namen Veggie Victory.

Wenn in Afrika, dann hier. Nigeria ist mittlerweile die größte Wirtschaftsnation des Kontinents, kann mit der 14-Millionen-Metropole Lagos auftrumpfen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 18 Jahren. Hier avancierte der Onlinehändler Jumia als erstes afrikanisches Startup zum Unicorn, hier nahm der Afrobeat-Megastar Burna Boy seine Grammy-prämierte Platte auf, hier werden Filme und Serien gedreht, die man auf dem ganzen afrikanischen Kontinent rauf und runter schaut. In Lagos werden Trends gesetzt. Wer den Markt für veganes Food in Afrika bereiten will, muss sich hier beweisen.

Showroom und Restaurant

Jimo kennt den lokalen Markt, hat zudem eine nigerianische Mitgründerin an Bord. Vor allem aber hatte Jimo eine Mission: Er wollte nicht internationales veganes Essen verkaufen. Sondern traditionelle nigerianische Küche neu erfinden – nur eben vegan. „Ich sage immer: Burger brauchen wir hier nicht“, sagt Jimo. Und das hat nicht nur logistische Gründe, wie Herausforderungen beim Einhalten von Kühlketten.

Der Gründer sitzt für den Videocall mit seinem Smartphone an einem Tisch. Hinter ihm die hölzerne Ladentheke mit Espressomaschine, daneben ein paar weitere Sitzgelegenheiten. Ein kleiner, aber feiner Hauptsitz der Firma – eine Mischung aus Showroom und Bistro. In einem Regal sind Tüten unterschiedlicher Größe aufgereiht. Jimo, der ohnehin nicht gut still sitzen kann, holt eine davon, hält sie in die Kamera, um die sogenannten VChunks zu zeigen, die sie enthalten: getrocknete Weizenmedaillons, mit ähnlicher Textur wie Sojagranulat, nur größer. Wer sie kocht, erhält Stücke, die an Gulasch erinnern.

„Du musst es kauen können. Zähes Fleisch, an dem du ziehen kannst wie an einem Lederstück, das ist eine Delikatesse hier“, beschreibt Jimo die Konsistenz, die seine Kunden verlangen. Sie wollen die VChunks mit Grießklößen, die mit der Hand geknetet und dann gegessen werden – wie die herkömmlichen scharf gewürzten Fleischzubereitungen. Andere bevorzugen sie mit Reis oder in Wraps. „Das kann Tofu allein nicht leisten“, sagt Jimo. Weizen ist daher die Hauptzutat, Soja wird beigemengt, so wie Ingwer, Knoblauch, Zwiebeln, Salz und Öl. Mehr sei nicht drin. Auch die Herstellung sei simpel gehalten. Die Zutaten werden zu einer feuchten Masse vermengt, von Arbeiter:innen zerstückelt, getrocknet und verpackt. Weitere Details: Geschäftsgeheimnis.

Radikaler Wandel bis 2050

Die Filiale von Veggie Victory befindet sich im Ikoyi-Viertel. Als Jimo mit der Kamera in der Hand am Tresen, an Korbsesseln und zwei am Laptop arbeitenden Mitarbeiterinnen vorbei in das gleißende Licht der Straße führt, erkennt man eine gediegene Wohnsiedlung. Da ist er, der wachsende Mittelstand. Die Menschen in den großen Städten, die sich Kühlschränke anschaffen und auf dem Weg von der Arbeit noch einen Happen in der Fast-Food-Kette besorgen.

„Im Jahr 2050 wird die Urbanisierung die Lebensweise radikal gewandelt haben“, sagt auch Ugo Pica-Ciamarra, Ökonom für Viehwirtschaft bei der Welternährungsorganisation, kurz FAO. Er ist zugeschaltet aus Italien, kennt Nigeria aber gut, er war oft vor Ort unterwegs, um Zukunftsprognosen für die Tierhaltung im westafrikanischen Land zu entwerfen.

Als Tierökonom sieht die Zukunft Nigerias für Pica-Ciamarra in etwa so aus: Die Anzahl der Rinder könnte sich bis 2050 auf 37 Millionen verdoppeln, die des Geflügels von 180 auf 900 Millionen wachsen. „In allen Szenarien ist die Konkurrenz um Land, Futter und Wasser heftig“, heißt es in einem der Berichte. Auch um Krankheiten, die sich von Tieren auf Menschen übertragen, sowie um multiresistente Keime macht Pica-Ciamarra sich Sorgen.

Mit schmackhaftem Fleischersatz ließe sich die Bedrohung abwenden. Da ist sich Jimo sicher. Dennoch will er nicht allzu moralisch auftreten, im Marketing spielt er vor allem die Gesundheitskarte. „Die Zivilisationskrankheiten, die steigen hier rasant“, sagt Jimo, nennt Übergewicht, Diabetes und Herzerkrankungen als Folgen des Fleischkonsums. „Und da ist die Antwort klar: vegane Ernährung, also das, was du isst.“

Ada Osakwe hat die VChunks in ihren Restaurants aufs Menü gesetzt. „Ich stimme Jimo absolut zu“, sagt die prominente Agro-Food-Investorin, 2021 Forbes Africa Businesswoman of the Year, und Gründerin von Nuli Lounge, in deren Lokalen die ernährungsbewusste Mittelschicht von Lagos verkehrt. „Die Eindämmung des Klimawandels, das Wohlergehen von Tieren, das ist nicht das, weshalb die Kunden kommen“, sagt Osakwe. Sie bietet nach wie vor ausgewähltes Fleisch und Fisch an – aber einmal die Woche bewirbt sie vegetarische Gerichte mit einem Preisrabatt. Health matters, davon ist sie überzeugt.

Lokale Alternativen fehlten – bislang

Bislang gab es kein lokales Veggie-Produkt, nur Beyond Burger und ähnlich teuren und importierten Fleischersatz. Nichts, was zu ihrer nigerianisch-hippen Küche gepasst hätte, wo auch schon mal Elemente aus dem Ausland aufgegriffen werden, am Ende jedoch der Stolz auf die eigene kulinarische Kultur gefeiert wird. „Aber Jimo kam nicht mit einem deutschen Ansatz“, sagt Osakwe. Sie lobt sein „maßgeschneidertes Produkt“ für den lokalen Markt.

Das sei attraktiv für ihre Kundschaft, darunter auch viele Flexitarier:innen, die ihre Ernährung etwas ausgeglichener gestalten, dabei aber die traditionellen Küche nicht aufgeben möchten. Da muss der Geschmack überzeugen. Ob sie sich daran erinnere, als sie ihr erstes Stück vegane nigerianische Küche gegessen habe? „Oh my gosh!“, sagt Osakwe und lacht. „Ich hätte gedacht, das wäre Fleisch, wenn man es mir nicht gesagt hätte. Die Textur, der Geschmack, das ist einfach genau richtig.“

Bei der FAO sind sie da weniger enthusiastisch. Für den Tierökonomen Pica-Ciamarra stellt sich die Frage, ob eine rein pflanzenbasierte Ernährung für den Mainstream auch wirklich die nötigen Nährstoffe wie Vitamin B12 bringt, die in Fleisch enthalten sind: „Wer sich vegan ernährt, der muss genau wissen, was er isst – und was er kompensiert.“ Er könne sich schon auch vorstellen, dass Veggieprodukte in afrikanischen Ländern eine Rolle spielen werden, sieht darin aber keine Priorität. Allein in Nigeria sind nämlich 11,5 Prozent der Bevölkerung akut unterernährt.

Fleischersatz als Lösung

Die negativen Effekte seien eben noch nicht im „exzessiven Fleischkonsum“ begründet, sagt Pica-Ciamarra. „Diese Gesundheitsprobleme sind aktuell noch nicht wirklich ein Thema in Afrika.“ In Deutschland haben Produzenten im Jahr 2020 fast neunmal so viel Rindfleisch auf den Markt gebracht wie die nigerianischen Produzenten. Doch auch wenn der Fleischkonsum noch recht moderat ist, dürfte Nigeria da bald aufholen. Die große Stunde für vegane Alternativen sieht Pica-Ciamarra da nicht – auch weil sie meist teurer als Fleisch seien.

Jimo will die Einwände so nicht stehen lassen. „Wir haben Preisparität erreicht“, sagt er über die VChunks, sein Produkt sei nur unwesentlich teuer als Fleisch von Tieren. Und die weitere Skalierung werde die Produktionskosten noch weiter drücken. Dass pflanzenbasierte Alternativen weniger gesund seien, die Diskussion kennt er auch aus Deutschland. Jimo winkt ab. Sein Produkt sei nicht „highly processed“ und mit einem Dutzend Geschmacksverstärkern versehen, sagt er. Und überhaupt: „Auch wenn darin etwas Sodium ist, sind Fleischersatzprodukte am Ende immer noch weitaus gesünder als irgendwelche Filetstücke, die mit Antibiotika vollgepumpt sind.“

Nigeria wird ein 400 Millionen-Staat sein

Und das Problem mit dem Vitamin? Verbände wie Proveg schlagen vor, die fehlenden Nährstoffe wie Vitamin B12 einfach Grundnahrungsmitteln beizumengen. Ähnlich wie Jod in Afrika schon heute oft dem populären Milchpulver hinzugefügt wird.

Ryan Bethencourt, der Hundefuttererfinder, der früh bei Veggie Victory eingestiegen ist, kritisiert das Welternährungsprogramm noch deutlicher für die Skepsis. „Sie sind blind für Innovationen, die im Entstehen sind“, sagt er. Und tatsächlich: In den Prognosen der FAO spielt Fleischersatz schlicht keine Rolle, weil man den heutigen Status quo betrachtete, bei dem der vegane Markt in Nigeria statistisch zu vernachlässigen ist – so wie die Gesundheitsprobleme durch übermäßigen Fleischkonsum.

Nun jedoch so zu tun, als würde diese Situation in den kommenden Jahren nicht eskalieren – und Fleischersatz nicht gleich als Lösung mitzudenken? „Das ist doch lächerlich“, sagt Bethencourt. Ihm geht es weniger darum, dass Veggie Victory in den nächsten zwei, drei Jahren zum Riesenerfolg wird. Stattdessen denkt er in Dekaden – an das zukünftige Nigeria mit 400 Millionen Einwohnern und an Ausnahmegründer Jimo, der eben bereits heute vor Ort an lokalen Produkten tüftelt. „Wie kann man nicht in einen der wichtigsten Zukunftsmärkte der Welt investieren?“, fragt Bethencourt rhetorisch.

Jimo geht nun den nächsten Schritt – und will VSpiced auf den Markt bringen: eine Alternative zum beliebten Trockenfleisch, als veganen Snack für Zwischendurch. Eine neue Produktionshalle außerhalb von Lagos ist in Planung. Die Anzahl der Mitarbeiter:innen – heute etwas mehr als 20 – dürfte dann steigen. Weitere Kunden möchte Jimo gewinnen, vermehrt auch im Mainstream. Wer im großen Stil Essgewohnheiten wandeln möchte, der muss auch in die Fast-Food-Bistros und in erschwingliche Restaurants, in denen Familien ausgehen. Bei Bukka Hut, einer Kette mit traditionell nigerianischem Essen, können die Gäste schon heute die VChunks auf der Speisekarte wählen. Auch ein Altenheim beliefert Jimo.

Ein großer Teil des Verkaufs läuft jedoch über den Einzelhandel. Zubereitet wird die Fleischalternative dann zu Hause, je nach Vorliebe. Ein Marketingteam ist dafür im Eingangsbereich von Supermärkten in Lagos im Einsatz. Erfahrungen mit Läden in New York, Nairobi und London haben ihm gezeigt, dass auch die afrikanische Diaspora eine Zielgruppe ist: Menschen, die sich fern der westafrikanischen Heimat nach traditionellen Gerichten sehnen – aber gerade auch durch den Lebensstil anderswo längst auf den Geschmack veganer Gerichte gekommen sind.

Bethencourt jedenfalls sieht sich in seinem Glauben an Jimo bestätigt. Für nigerianische Verhältnisse boomt der vegane Markt bereits. Die Nachfrage nach veganem nigerianischem Essen wird nur noch steigen – in Nigeria selbst, aber sicherlich auch in anderen Teilen der Erde. Im November 2021 hat er daher erneut eine Überweisung an Veggie Victory in Auftrag gegeben. „Das zweite Investment“, sagt Bethencourt und lacht, „wurde dann gleich ohne irgendwelche Fragen akzeptiert.“

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