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Die Männlichkeits-Falle: Wie der „Reverse Gender Pay Gap“ zum politischen Köder wurde

Die Männlichkeits-Falle: Wie der „Reverse Gender Pay Gap“ zum politischen Köder wurde
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Lesezeit4 Min · 856 Wörter

Männer in der Krise, Frauen als neue Spitzenverdiener? Was als besorgniserregende Schlagzeile durch Medien geistert, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als geschickter politischer Marketing-Trick mit langer Tradition.

Die Erzählung klingt dramatisch: Männer seien die neuen Verlierer der Gesellschaft, während Frauen ihnen den Rang ablaufen. Angeblich verdienen junge Frauen inzwischen mehr als ihre männlichen Altersgenossen – der „Reverse Gender Pay Gap“ sei Realität geworden. Was zunächst nach einer bahnbrechenden gesellschaftlichen Wende klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als politisches Narrativ mit fragwürdiger Faktenbasis und klarem Kalkül.

Die Mär vom überholt­en Mann

Die britische Boulevard-Zeitung „Daily Mail“ verkündete Anfang März eine vermeintliche Sensation: Der Gender Pay Gap habe sich umgekehrt, Frauen würden nun mehr verdienen als Männer. Eine „Krise der Männlichkeit“ sei ausgebrochen, ausgelöst durch eine Gesellschaft, die traditionell männliche Werte belächle statt fördere. Die ehemalige Politikerin Miriam Cates wird mit den Worten zitiert: „Statt Gleichheit zu schaffen, haben wir junge Männer dafür bestraft, Männer zu sein.“

Diese Erzählung ist nicht neu. In Deutschland propagiert besonders die AfD seit Jahren ähnliche Thesen. Bereits 2015 rief der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke seinen Anhängern zu: „Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken“. Unter dem Mantel der Gleichberechtigung habe eine „große Verschwulung“ die Mehrheit der Männer zu „Weicheiern“ gemacht. Auch in den USA bedient sich die Trump-Administration dieser Rhetorik.

Die Marketingstrategie hinter der Männlichkeitskrise

Was auf den ersten Blick wie eine gesellschaftliche Analyse wirkt, folgt tatsächlich einem durchdachten Muster. Bereits 2001 lieferte der evangelische Autor John Eldredge mit seinem Bestseller „Wild at Heart“ (dt.: „Der ungezähmte Mann“) die Blaupause für diese Erzählung. Seine These: Männer seien von Natur aus Krieger, doch die Gesellschaft unterdrücke diese natürlichen Triebe, was zu Ersatzbefriedigungen wie Alkohol, Gewalt und Pornografie führe.

Die Strategie dahinter ist bemerkenswert effektiv:

1. Eine Bedrohung wird konstruiert: Die Gesellschaft zerstört angeblich die Männlichkeit. 2. Ein Retter wird präsentiert: Bei Eldredge ist es Gott, bei Politikern die eigene Partei. 3. Der Retter gibt Anweisungen: Wer gerettet werden will, muss folgen.

Maximilian Krah, AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024, demonstriert diese Strategie in einem millionenfach gesehenen TikTok-Video: „Jeder dritte junge Mann hatte noch nie eine Freundin. Du gehörst dazu? Schau keine Pornos! Wähl‘ nicht die Grünen! […] Echte Männer sind rechts! […] Dann klappt’s auch mit der Freundin!“

Faktencheck: Was steckt wirklich hinter dem „Reverse Gender Pay Gap“?

Die Behauptung eines umgekehrten Gender Pay Gaps basiert auf dünnem Eis. Die von der „Daily Mail“ zitierte Studie vergleicht lediglich das Medianeinkommen von Männern und Frauen zwischen 16 und 24 Jahren – eine Altersgruppe, in der viele noch in Ausbildung oder Studium stecken. Die Daten zeigen zwei eng beieinander verlaufende Kurven, die sich kürzlich kreuzten – ein statistisches Ereignis ohne Beweiskraft für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen.

Sämtliche seriösen Studien für Deutschland belegen hingegen eindeutig: Frauen verdienen weiterhin weniger als Männer – auch wenn man Faktoren wie Teilzeitarbeit und Kindererziehung herausrechnet. Bei gleicher Qualifikation und identischen Arbeitszeiten bleibt am Ende für Frauen weniger übrig. Die Folge: Frauen leiden deutlich häufiger unter Altersarmut.

Gemeinsame Herausforderungen statt Geschlechterkampf

Die Politisierung vermeintlicher Männerprobleme lenkt von den eigentlichen Herausforderungen ab. Die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer von der Bundeszentrale für politische Bildung analysiert bei der „Frankfurter Rundschau“: „Die AfD politisiert diese Verunsicherungen.“ Reale Probleme wie der Männerüberschuss in ländlichen Regionen Ostdeutschlands werden umgedeutet als Beleg für eine systematische Benachteiligung von Männern.

Dabei sitzen Männer und Frauen im selben Boot. Wenn Frauen aus Sorge vor Altersarmut auf Kinder verzichten, finden Männer schwerer Partnerinnen. Ohne Nachwuchs steigen die Sozialbeiträge für alle. Lösungen, die Altersarmut bei Frauen verringern, Kinderbetreuung verbessern und Pflege erleichtern, helfen letztlich der gesamten Gesellschaft.

Wie man den Marketing-Trick durchschaut

Um nicht auf solche Narrative hereinzufallen, lohnt ein kritischer Blick auf die präsentierten Fakten:

1. Sind die Daten repräsentativ oder selektiv ausgewählt? 2. Werden Zusammenhänge plausibel begründet oder nur behauptet? 3. Werden Gegenargumente und widersprüchliche Statistiken berücksichtigt?

Die „Krise der Männlichkeit“ mag als politisches Narrativ funktionieren – bei der Trump-Wahl, in Russlands Kriegspropaganda oder bei der AfD, die unter jungen Männern ihre besten Ergebnisse erzielt. Doch echte Probleme erfordern echte Lösungen statt Marketing-Tricks.

Jenseits der falschen Dichotomie

Die Zukunft liegt nicht im Gegeneinander der Geschlechter, sondern in gemeinsamen Lösungen. Der Werbetrick von der Männlichkeitskrise suggeriert ein Nullsummenspiel: Damit es Männern besser geht, müsse es Frauen schlechter gehen. Die Wirtschaftsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg beweist jedoch das Gegenteil: Wir können den gesamten Kuchen vergrößern, sodass alle profitieren.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob wir als Gesellschaft diese falschen Dichotomien überwinden können. Statt sich von politischen Marketingstrategien spalten zu lassen, braucht es einen faktenbasierten Dialog über reale Herausforderungen: von strukturschwachen Regionen über Bildungschancen bis hin zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nur so lassen sich die tatsächlichen Probleme lösen – für Männer und Frauen gleichermaßen.

Quellen: Daily Mail, Focus, Frankfurter Rundschau

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