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Diese Frau ist das menschliche Hirn hinter der künstlichen Intelligenz

Mira Murati
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Lesezeit9 Min · 1.732 Wörter

Mira Murati ist der Intrigen-Hölle bei ChatGPT entkommen. Das einstige Wunderkind aus Albanien zählt zu den mächtigsten Frauen der Welt. Jetzt baut sie ein eigenes KI-Imperium auf. Das KI-Programm von Donald Trump dürfte ihr mächtig Geld in die Kassen spülen.

Inzwischen kennt auch ChatGPT seine Mitschöpferin, Mira Murati, Wunderkind und Technikgenie. Das war nicht immer so, denn in ihrer Zeit bei Open AI, dem Technologieunternehmen hinter dieser Künstlichen Intelligenz, fand das Programm (angeblich) nichts über den Shooting-Star der Szene. Sie wollte wohl privat bleiben, mutmaßte ChatGPT. Nicht mehr länger: Die 36-jährige ist nun selbst Gründerin eines Tech-Start ups, und steht in den Schlagzeilen, und zwar nicht nur bei denen, die ChatGPT erzeugen kann.

Mira Murati, Star aus Albanien und Mathematik-Genie, heute US-Amerikanerin mit kanadischer Spitzenausbildung und unter den Fortune-100 der mächtigsten Frauen der Welt, prägte in ihrer Zeit bei Open AI nicht nur dessen Fortschritte bei der Praxisanwendung der neuen Technologie, sondern entwickelte mit ihrem Team als CTO (Chief Technology Officer) unter anderem DALL-E, den Bildgenerator, und die bekanntesten der Language-Learning KI-Anwendungen des Konzerns.

Als sie im vergangenen September OpenAI verließ, gleichzeitig mit weiteren Topmanagern, sorgte dies für Aufhorchen in der Branche und darüber hinaus, weil es eine Art Schlusspunkt unter außergewöhnliche Reibereien beim doch so fortschrittlichen Unternehmen setzte. Nun also erscheint sie wieder auf der Bühne. Dass die hochintelligente Forscherin, die bereits als Studentin einen Rennwagen entwarf und bei Tesla das „Model X“ mitprägte, einfach so still weiterarbeiten würde, schien ausgeschlossen. Dem Vernehmen nach wird sich ihr neues Projekt auf die sogenannte Artificial General Intelligence (AGI) konzentrieren, eine algorithmenbasierte Anwendung, die im Alltag einer menschlichen Intelligenz bereits überlegen sein soll, jedenfalls bei bestimmten Aufgaben wie dem Bestehen standardisierter Tests oder Examensaufgaben. Microsoft, Partner von Open AI, beanspruchte für die neue Version von ChatGPT (4) bereits das Label, dies sei eine der ersten Beispielanwendungen für die AGI. Auf den Boden der Tatsachen holte vor einiger Zeit die Euphorie der Mitbegründer von Apple, Steve Wozniak, genannt „Woz“. Er warte immer noch darauf, so Woz, dass ein Computer mal das Haus eines beliebigen Bürgers besuche und dort in der Küche eine Kanne Kaffee koche, so das Computergenie.

Sicherlich, so das amerikanische Magazin „Wired“, „ist zu befürchten, dass KI die wirtschaftliche Ungleichheit verschlimmert oder rassistische Stereotypen als Memes verbreitet oder unsere Fähigkeit, authentische Medien zu erkennen, beeinträchtigt“, aber: „Nach dem, was über den Algorithmus öffentlich bekannt ist, möchte GPT-4 genauso wenig lebendig sein wie Ihr Texas Instruments-89-Taschenrechner danach strebt, eine menschliche Form anzunehmen”.

Von Mira Murati nun ist zu erwarten, dass sie einige Grenzsteine verschieben wird. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, versuchte sie, 100 Millionen Dollar Startkapital für ihr neues Unternehmen einzuwerben. Unter denen, die wenige Monate vor ihr Open AI verließen, war auch Ilya Sutskever, Mitgründer, ehemals Forschungsvorstand und angeblich Intimfeind von Sam Altman. Er hat für sein neues Projekt „Safe Superintelligence“ bereits eine Milliarde Dollar eingesammelt – was Murati aufmerksam verfolgt haben dürfte. Auch ein Konkurrenzunternehmen, „Anthropic“, gegründet von Ex-Open-Ai-Leuten, ließ sich etliche Milliarden in die Kriegskasse spülen, darunter Geld von SAP und allein acht Milliarden von Amazon. Mag es auch enger werden auf dem Sektor, Mira Muratis 100 Millionen wirken bescheiden. Aber sie reichen offenbar, um – so die jüngste Entwicklung – klangvolle Namen für ihr Startup zu verpflichten, darunter Topleute von OpenAI oder Google Deep Smart. Etwa Jonathan Lachman, ehemaliger Technikvorstand von OpenAI. Dabei hat ihr Unternehmen noch nicht einmal einen Namen, geschweige denn eine Produktlinie.

Trotz der diversen Abwerbungen scheint das Verhältnis zwischen OpenAI-Chef Sam Altman und Murati noch intakt. Beide lobten einander in Abschiedsstatements im letzten September. Vorausgegangen waren Monate voller Intrigen und Palastrevolten dort. Ob OpenAI eher gemeinnützig weiterarbeiten sollte, um einen Missbrauch aus reiner Gier zulasten der Menschheit zu vermeiden, oder aber profitorientiert, um künftige Aufgaben zu stemmen, war ein wesentlicher Hintergrund für die Auseinandersetzungen zwischen Altmann und Teilen des Beirats. „Denver-Clan in Kalifornien“, schrieb damals ein Beobachter.

Rückblende: Ohne Murati, so darf man getrost annehmen, lief nicht viel bei OpenAI. Die Palastrevolte-goes-Seifenoper-Performance im November 2023 dürfte für das feinsinnige Vorstandsmitglied eine abschreckende Aufführung gewesen sein. OpenAI-Gründer Sam Altman, 39, wurde kurzerhand per Videoschalte informiert, dass er nun gehen dürfe. Und zwar von seinem Mitgründer Ilya Sutskever (38), damals im Verwaltungsrat („Board“) des Unternehmens. Ein weiteres Urgestein, Chairman Greg Brockman, 37, wurde ebenfalls kurzerhand zum Packen geschickt. Vordergründig hieß es, der Verwaltungsrat habe das Vertrauen verloren – es ging hinter den Kulissen aber offenbar um Milliardendeals und die Ausrichtung des Unternehmens. Ursprünglich als reine Non-Profit-Organisation gegründet, sorgten die Zwänge des Marktes dafür, dass unter deren Dach eine herkömmliche Firmenstruktur gebastelt wurde, die auch Geld verdienen darf. Dieses kommerzielle OpenAI gehört nur noch zu einem kleinen Teil der gemeinnützigen Dachkonstruktion. Der Rest verteilt sich in dicken Brocken auf Microsoft (man munkelt über 49 Prozent), weitere Silicon-Valley-Investoren und die Belegschaft.

Nun saßen im Board also mehrheitlich die Vertreter der reinen Lehre, der menschheitszentrierten Wohlwollensfraktion, und eine Minderheit um Sam Altman, der Investoren zu gewinnen suchte, um die Welt der Künstlichen Intelligenz rasend weiterzuentwickeln. Diverse Streitigkeiten führten schon zuvor zum Abgang einiger altgedienter Mitarbeiter. Elon Musk hatte sich schon früher mit Altman zerstritten. Das Silicon Valley ähnelte in dieser Hinsicht bald eher einer finsteren Schlucht als einem lieblichen Tal. Während Sam Altman Anfang November 2023 noch auf Roadshow ging, um eine OpenAI-eigene Chipproduktion zu promoten, wurde die Palastrevolte vorbereitet und dann exekutiert. Es erhob sich allerdings sogleich ein Entrüstungs-Tsunami. Vor allem die Mitarbeiter, aber auch Microsoft weigerten sich, den Gründer gehen zu lassen. Die Drohung einer großen Mehrheit der Belegschaft machte die Runde, das Unternehmen zu verlassen, sollte ihr Sam nicht zurückkehren; und einige führende Köpfe taten das auch gleich, öffentlichkeitswirksam über „X“ (Twitter) verbreitet. Der Verwaltungsrat ernannte Mira Murati unterdessen zur Interims-CEO, die den Job annahm und gleich Kontinuität betonte für den Konzern – womöglich nicht ganz das, was die Palastrevolutionäre in ihrem kalifornischen Zweckbau im Sinne hatten. Aber einer musste es ja machen. Und sei es nur für drei Tage: Danach kehrte Murati glücklich zu ihrem Team zurück.

An den Verwaltungsrat gerichtet, erklärte ein Großinvestor, man solle den Unsinn jetzt beenden und alles rückgängig machen. Altman streute Gerüchte über seine baldige Rückkehr und fing sich eine Menge Herzchen-Kommentare auf X ein – eines auch von Mira Murati. Die gleich darauf Brockman und Altman in die Konzernzentrale einlud, um gemeinsam mit der Belegschaft die Zukunft zu diskutieren. Diese versöhnliche Natur Miras stieß nun wieder den Verwaltungsräten übel auf – und so wurde die schlicht wieder von ihrem Posten gefeuert.

Das hätte das Ende der altrömisch angehauchten Geschichte sein können. Mira wieder auf ihrem Posten, neuer Chef, Großinvestor Microsoft besänftigt. Nicht jedoch Sam Altman. Noch nicht.

Mira Murati twitterte gleich mal, die Firma sei nichts ohne ihre Leute, und sie muss es ja wissen. Und meinte damit neben den rund 770 Mitarbeitern – von denen 700 einen Appell pro Altman unterschrieben hatten – aber wohl auch Altman und Brockman und die anderen, die gegangen waren. Die Höllenparty ging weiter; jetzt aber wendete sich das Blatt gegen den Verwaltungsrat. Das mächtige Gremium stand vor den Scherben, beobachtete, dass die Konkurrenz von Google bis Salesforce die Mitarbeiter abzuwerben begann, und stimmte am 21. November 2023 der eigenen Entmachtung zu. Der neue Verwaltungsrat wurde mit einem Microsoft-Vertreter bestückt, dazu stieß der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers und auch Rückkehrer Sam Brockman, neben dem wieder eingesetzten Sam Altman in der Rolle des Triumphators. „So viel Mist bauen können nur Menschen“, kommentierte trocken die britische „Times“ die Hightech-Seifenoper rund um OpenAI.

Mira Murati strebte und strebt derweil nach der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz im Sinne einer der Menschheit dienenden Funktion. Dass man damit auch Geld erwirtschaften muss, dürfte der jungen Multimillionärin klar sein, und so war nach den betrüblichen Erfahrungen zu erwarten, dass sie die beiden Bereiche auf eigene Verantwortung zusammenbringt. In einem Beitrag für die Fachzeitschrift „Daedalus“ formulierte sie bereits 2022 über ihre Ziele und Überlegungen: „In dem Maße, wie wir Modelle wie GPT-3 kompetenter machen, müssen wir sie auch stärker an menschlichen Werten ausrichten, was bedeutet, dass sie ehrlicher und harmloser sein sollten. Die Forscher von OpenAI haben nun Sprachmodelle trainiert, die den Absichten der Nutzer viel besser folgen können als GPT-3 und gleichzeitig ehrlicher und harmloser sind. Diese Modelle, die InstructGPT genannt werden, werden unter Einbeziehung des Menschen trainiert, so dass der Mensch das Verhalten der Modelle durch Verstärkung in die von uns gewünschte Richtung lenken kann, indem er gute Ergebnisse verstärkt und unerwünschte Verhaltensweisen verhindert.“

So beschäftigt sich die Mathematikerin und Programmiererin mit Maschinenbau-Diplom zunehmend mit Fragen der Philosophie und der Neurowissenschaften. Wie entsteht Sprache? Welche Hirnareale sind beim Sprechen wann aktiv, und wie agieren sie bei bestimmten geäußerten Inhalten? Der fortdauernde Forschungsprozess, so Mira Murati über ihre Ziele, soll sie auf die Spur der Ursprünge des Denkens bringen, und gleichzeitig Gesetzmäßigkeiten des Wortgebrauchs und der Wortfindung entschlüsseln – sei es nun durch Erforschung der Babysprache oder des Verständnisses dichterischer, poetischer Werke: „Technologie, Kultur, Zivilisation: nichts davon entsteht ohne Sprache. Die Sprache ist sowohl ein Höhepunkt als auch die Grundlage der menschlichen Intelligenz. Doch es gibt ein Problem: Was genau sind Sprachen? Wie funktionieren sie? Wir könnten Sprache als eine Reaktion auf den Kontext und die Umgebung betrachten. Aber wenn wir die Regeln der Sprache nicht aufschreiben können, wie können wir sie dann einer Maschine beibringen? Dieses Problem hat die Denker ein Jahrhundert lang beschäftigt, und jetzt beginnen die Antworten zu erscheinen“, so die Wissenschaftlerin. Um mäkelig festzustellen, dass Murati „englisch nur mit hörbarem Akzent spricht“, dafür braucht man schon eine deutsche Publikation (FAZ 2023).  Das einstige Wunderkind aus der albanischen Provinz dagegen scheint erst am Anfang einer bisher schon erstaunlichen Karriere zu stehen. Der Aderlass bei OpenAI war für sie nur ein Schritt auf dem Weg. Mag ihr neues, eigenes Unternehmen auch geheimnisumwittert erscheinen – die Richtung, in die sie gehen will, hat sie schon vor gut zwei Jahren klar definiert.

Reinhard Schlieker

Der langjährige Wirtschaftsjournalist und Autor Reinhard Schlieker bringt einen breiten Fernsehhintergrund mit. 1991 ist Schlieker in die Redaktion des ZDF-Heute-Journals eingetreten. Im Jahr 2000 wechselte er in die Finanzredaktion des ZDF mit Livemoderationen von der Frankfurter Börse in den aktuellen Nachrichtensendungen. Für Millionen Fernsehzuschauer ist Schlieker das seriöse Gesicht der deutschen Börse. 2001 veröffentlichte er das Buch „Zwischen Reibach und Ruin“. Während der Finanzkrise 2008 arbeitete er zeitweise im Team des ZDF-Studios New York und ab 2010 des ZDF-Studios Washington mit. Schlieker war zuvor für den deutsch-britisch-schweizerischen European Business Channel mit Sitz in Zürich tätig, für den er zeitweise auch als Korrespondent aus Paris und London berichtete.