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Dieses Startup will das Pfandsystem von Kaffeebechern digitalisieren

Dieses Startup will das Pfandsystem von Kaffeebechern digitalisieren
Recup
Erschienen
Lesezeit8 Min · 1.581 Wörter

Das analoge Kaffeebecher-Pfandsystem von Recup funktioniert bereits bestens. Doch nun entwickeln die Bayern zusammen mit BCG Digital Ventures eine eigene App – was steckt dahinter?

Der Spruch „Never change a running system“ ist so verbreitet wie falsch. Wer alles wie immer macht, läuft schließlich nicht nur Gefahr, von Zeitgeist und Innovation abgehängt zu werden – die noch größere Gefahr ist: das eigene Potenzial nie ganz auszuschöpfen. Recup, der bayerische Pfandbecheranbieter, entwickelt deshalb nun gemeinsam mit BCG Digital Ventures eine App, um das Pfandsystem auf ein ganz neues Level zu bringen.

Vor fünf Jahren begann Recup zunächst als Pilotprojekt in Rosenheim. Das Prinzip war simpel: ein analoges Pfandsystem, bei dem man einen Mehrwegbecher gegen 1 Euro Pfand erhält und wieder zurückgeben kann. Die Gründer Florian Pachaly und Fabian Eckert wollten damals mit dem Pfandsystem für Mehrwegbecher vor allem eine nachhaltige Alternative für To-go-Becher anbieten.

Aus offensichtlichen Gründen: Laut einer Studie des Bundesumweltamts aus dem Jahr 2019 werden in Deutschland sagenhafte 5 300 Einwegbecher pro Minute verbraucht – und weggeworfen. Auf ein Jahr gerechnet sind das 2,8 Milliarden Becher aus einem Verbundstoff aus Pappe und Plastik. Müll. Sehr viel Müll. Dass die Mehrwegbecher etwas verändern würden, war Pachaly und Eckert schnell klar.

Auch dass ihr zweites Pfandsystem Rebowl für Essensbehältnisse eine Nachfrage bedienen würde. Dass sich aber auch ihr Unternehmen stetig weiterentwickeln muss, merkten sie im vergangenen Jahr.

Dazu kam, dass das Bundeskabinett Anfang des Jahres das Verpackungsgesetz überarbeitet – ab 2023 muss ein Großteil der Gastronomie Mehrwegalternativen für Plastikbecher oder Styroporschalen anbieten. Für Recup eine immense Chance.

Die Recup-Experience

„Im Kontext der bevorstehenden rechtlichen Mehrwegpfandänderungen sind wir bullish, dass wir eine noch deutlich breitere Masse an Endkundinnen und -kunden erreichen werden und müssen“, sagt Benjamin Harr, derzeit CPO bei Recup. „Während wir das Pfand für einen unschlagbar simplen Einstiegsprozess in die Recup-Welt halten, möchten wir Bestandskundinnen und -kunden gerne noch mehr Möglichkeiten bieten – mit digitalen Services können wir die Recup-Experience also noch runder und nachhaltiger gestalten.“

Mit dieser Idee bewarb sich Recup Ende letzten Jahres beim sogenannten Social Ventures Programm der Boston Consulting Group Digital Ventures, kurz BCGDV, eines auf die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle spezialisierten Tochterunternehmens der Boston Consulting Group.

Das Social Ventures Programm ist eine Art Stipendium für soziale oder ökologische Unternehmen, die von BCGDV pro bono beraten werden. Zehn Wochen arbeiten die Gewinner:innen-Unternehmen an einer Vision und einem Projekt mit einem ganzen BCGDV-Team, dessen Expertise quasi der Preis des Programms sind.

Bisherige Teilnehmer: die Nachbarschaftsplattform Nebenan.de, die Welthungerhilfe und Heycar, die Gebrauchtwagenplattform von VW. Das von BCGDV ausgerufene Jahresthema passte zufälligerweise optimal zu Recup: „Protecting the Planet“.

Philipp Schrader, Lead Experience Design bei BCG Digital Ventures, sagt, man habe Recup auch deshalb ausgewählt, weil das Pfandsystem bereits etabliert war – und man so leichter über die nächsten logischen Schritte nachdenken konnte.

Die größte Herausforderung aber war, aus der bayerischen Pfandfirma einerseits und den Beratern aus Berlin andererseits ein Team zu schaffen. Harr spricht von der Flughöhe, die das Projekt annehmen musste. Schrader erklärt, die beiden würden im Projekt wie Klebstoff fungieren und alles zusammenhalten, und beschreibt das Projekt so: „Eigentlich arbeitest du in dem Moment gefühlt für eine neue Firma. De facto arbeiten wir ja quasi acht bis zehn Stunden am Tag nonstop miteinander.“

Plötzlich Privates

Aber nicht nur die beiden Firmen verwuchsen, auch Berufliches und Privates wurden schwerer zu trennen. Kurz vor Weihnachten, als das Projekt gerade mal zwei Wochen lief und das erste Kennenlernen und eine Kick-off-Woche hinter ihnen lag, sprachen Harr und Schrader darüber, was zwischen den Jahren passiert. „Und dann hab ich gedacht: Denke ich mir jetzt was aus, um nicht zu persönlich zu werden, oder sag ich einfach, dass ich heirate?“, sagt Schrader. „Das war für mich definitiv ein Eisbrecher.“

Nach dem Eisbrecher und im neuen Jahr ging es dann wirklich los – mit einem Plan, einer Roadmap, mit dem gesamten Team. Hier bildeten sich Struktur und Leitgedanke eines Inkubators heraus, die konkrete Arbeit begann.

Wöchentliche, tägliche Meetings mit dem Fokus auf die User-Experience der App, sich ständig entwickelnde Ideen und immer freitags den Werkstattblick: Was haben wir geschafft, was müssen wir noch verbessern? Von DV-Seite aus waren fünf Personen am Projekt beteiligt, bei Recup ist es sehr flexibel und variiert zwischen acht und einer immer mehr werdenden Anzahl an Personen.

„Ich fand, dass das ein total guter Projektrahmen war, in dem man schnell loslegen kann, ohne die Gretchenfrage stellen zu müssen“, sagt Schrader. An sich sei Recup, sagt Benjamin Harr, ja ein absolut funktionierendes Geschäftsmodell, das sich nicht mehr beweisen muss. Daher habe man sich darauf fokussieren können, zu ergänzen und neue Wege einzuschlagen. Dafür hatten sie zehn Wochen Zeit.

„Wir haben viel über Pfand gesprochen.“

„Wir haben viel über Pfand gesprochen“, sagt Schrader. „Aber ich glaube, das viel spannendere Thema – und ich bin dabei mal ein bisschen zynisch – ist im Bereich Digital. Warum nutzen Menschen am Ende des Tages eigentlich eine App, die wir entwickeln? Was können wir ihnen bieten?“ Eine gute Frage – schließlich ist das Offline-System erfolgreich.

Deshalb, erklärt Benjamin Harr, soll die App keinesfalls ein Ersatz, sondern vielmehr eine Ergänzung zum bewährten Pfandsystem sein. Kauft man sich einen Kaffee in einem Recup oder etwas zu Essen in einer Rebowl, kann man den Pfand von 1 beziehungsweise 5 Euro also weiterhin bar bezahlen.

Gleichzeitig soll man mit der App die Möglichkeit erhalten, alle Transaktionen auch digital durchzuführen: Der Pfandbetrag wird dem eigenen Account gutgeschrieben und auch von dort wieder abgebucht. Bringt man auch Kolleginnen und Kollegen etwas zum Lunch mit, müsse man pro Person normalerweise 5 Euro Pfand bar bezahlen und kann dies künftig über die App regeln.

Doch nicht nur der Bargeldfaktor ist entscheidend, sondern auch der Impact. Immer wieder wurde im Entwicklungsprozess überlegt, wie man die Zahl der eingesparten Einwegbecher darstellt, ob man beispielsweise mit bestimmten Levels arbeitet oder ein paar Heavy-User-Benefits anbietet, wie etwa: einen Kaffee umsonst.

Expansion in weitere Länder

Generell geht es im Projekt darum, das analoge und sehr zugängliche Pfandsystem in eine App zu bringen und zu überlegen, welchen Mehrwert diese darüber hinaus bieten kann.

Die App sei allerdings nur der erste Schritt gewesen. Harr führt die Entwicklung weiter aus: „Wir starten mit der digitalen Transaktion als erstes großes Aufgabenpaket. Wichtig ist, dass diese nur ein optionaler Work-around zu unserem bewiesenen Pfandsystem sein wird, um Nutzerinnen und Nutzer digital eine noch bessere Leistung bieten zu können. Konkret könnte das zum Beispiel sein, dass wir hierdurch eine vereinfachte Rückgabe der Pfandartikel in öffentlichen Rückgabeboxen haben, Zugriff auf eine Reihe von Kundinnen und Kunden erhalten, die kein Bargeld mehr handlen oder aber auch für künftige Expansionen in Länder ohne bekanntes Pfandsystem gerüstet sind.“

Harr sagt, dass der Fit mit BCGDV deshalb so schön sei, weil Recup relativ blank gewesen wäre, was das Thema digitale Produkte betrifft. Und auch hier wird klar, dass innerhalb der zehn Wochen nicht nur eine Zusammenarbeit, sondern auch eine Symbiose stattgefunden hat.

Schrader beschreibt es als zwei maximal kompatible Kulturen. Damit meint er wohl nicht nur die berufliche Zusammenarbeit, sondern auch ihren Umgang miteinander. So hätten sie von Anfang an denselben Humor gehabt und Schrader mit Harr endlich seinen Master des schwarzen Humors gefunden.

Obwohl die Zusammenarbeit nun beendet sei, würden manche Strukturen weiterleben. Man habe selbst schließlich auch etwas dazugelernt. Schrader sagt, er habe aus den Meetings mitgenommen, immer wieder alle abzuholen und mehr in Prozesse mit einzubeziehen. Harr habe die regelmäßigen Meetings beibehalten, die sich innerhalb der letzten Wochen eindeutig bewährt hatten.

Beim abschließenden Gespräch mit BCG Digital Ventures und Recup stellte sich so auch nur noch die Frage, wann die App so weit sein wird, dass sie von Recup-Nutzerinnen- und -Nutzern verwendet werden kann.

Mit der Sommerzeit kommt die Kaffee-to-go-Zeit

Anfang März dieses Jahres wurden dafür erste Tests mit Partnercafés geplant, die bis April beendet wurden. Die App wird bis dahin immer wieder überarbeitet, immer wieder werden Features verbessert oder neu hinzugefügt – zum Beispiel ein Nachhaltigkeits-Dashboard, wodurch der persönliche Umwelt-Impact, der durch die eingesparten Einwegbecher zustande kommt, visualisiert wird.

Aber auch Community-Funktionen, um das Partner:innen-netz zu verbessern und Reportings von Partner:innen zu erhalten, die neue Cups und Bowls benötigen. Die Details sollen fortlaufend weiter ausgetüftelt und weiterentwickelt werden, erklärt Harr.

Idealerweise soll die App dann bereits in den frühen Sommermonaten genutzt werden können, wobei sie stetig um neue Partner:innen-Stationen erweitert werden muss. Hier, sagen Harr und Schrader, sind noch weitere Workshops notwendig, um allen im Netzwerk die digitalen Schritte zu erklären.

Die sonnigen Spaziergangszeiten werden das neue System auf die Probe stellen. Das bedeutet: Nicht nur die App selbst, sondern auch alle Recup-Partnerinnen und -Partner werden in den kommenden Wochen erst einmal digital laufen lernen müssen.

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Portrait Elena Berchermeier

Elena Berchermeier

Elena hatte schon immer eine Leidenschaft für Journalismus – thematisch reicht diese von Mode über Kultur und Feminismus hin zu Millennials und weiter zu allem, was die Gesellschaft sonst noch beschäftigt. Sie kann sich schnell für Dinge begeistern, ist allerdings immer noch kein Fan von Trends, Superfoods und Bucketlists.