Digitale Bürokratie-Falle: Zwei Drittel fühlen sich als Bittsteller beim Amt
Die Deutschen sind mit dem Behördenservice unzufrieden: 67,4 Prozent fühlen sich als Bittsteller, besonders die jüngere Generation. Der Ruf nach digitalen Verwaltungsdiensten wird immer lauter – Estland zeigt, wie es gehen könnte.
Die Digitalisierung mag in vielen Lebensbereichen voranschreiten, doch beim Gang zur Behörde bleibt für die meisten Deutschen das Gefühl, in der analogen Steinzeit festzustecken. Eine aktuelle repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag des estnischen e-Residency-Programms zeichnet ein ernüchterndes Bild: Mehr als zwei Drittel der Befragten (67,4 Prozent) sehen sich im Behördenkontakt nicht gut beraten. Von wegen Serviceorientierung und Bürgerfreundlichkeit – die Realität sieht anders aus.

Junge Generation besonders frustriert
Die Unzufriedenheit mit deutschen Behörden trifft vor allem die Digital Natives. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen empfinden sich fast 80 Prozent als Bittsteller gegenüber staatlichen Stellen. Eine Generation, die mit One-Click-Shopping und intuitiven Apps aufgewachsen ist, trifft auf Behördenstrukturen, die oft noch mit Papierformularen und persönlichem Erscheinen operieren. Zum Vergleich: Bei den über 65-Jährigen liegt der Anteil der Unzufriedenen bei „nur“ 60 Prozent.

Auch regional zeigen sich deutliche Unterschiede. Während in Sachsen-Anhalt mehr als 76 Prozent der Befragten sich als Bittsteller fühlen, nehmen Bürger in Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg durchaus Fortschritte bei der Serviceorientierung wahr.
Digitale Wunschliste der Bürger
Die Umfrage macht deutlich, welche Verwaltungsleistungen die Deutschen prioritär digitalisiert sehen wollen. Ganz oben auf der Liste: die Ummeldung des Wohnsitzes, die sich 66,8 Prozent der Befragten als Online-Service wünschen. Dicht gefolgt vom digitalen Beantragen von Personalausweis oder Reisepass (57,9 Prozent). Auf den weiteren Plätzen folgen Führerscheinangelegenheiten (26,3 Prozent), die eigene Geburtsurkunde (22,7 Prozent) und Anträge auf Sozialleistungen (21,8 Prozent).
„Das e-Residency-Programm ermöglicht die Unternehmensgründung einer Firma mit minimalem bürokratischem Aufwand innerhalb weniger Stunden. Deutschland hat in den vergangenen Jahren bereits viele Schritte in Richtung digitaler Verwaltung unternommen. Der gerade vorgestellte Koalitionsvertrag zeigt zudem weitere wichtige Schritte auf. Unsere Umfrage zeigt, dass das genau der richtige Weg ist und es aus Sicht der Bevölkerung noch immer Potenziale gibt, Verwaltungsprozesse weiter zu vereinfachen und digital zugänglich zu machen,“ so Liina Vahtras, Managing Director bei e-Residency.
Estland als digitaler Vorreiter
Während Deutschland noch mit der Digitalisierung seiner Verwaltung kämpft, zeigt Estland, wie ein moderner Staat funktionieren kann. Das baltische Land hat nahezu alle Behördengänge digitalisiert – von der Steuererklärung bis zur Unternehmensgründung. Mit dem e-Residency-Programm bietet Estland sogar Nicht-Esten die Möglichkeit, von der digitalen Infrastruktur zu profitieren und innerhalb weniger Stunden ein Unternehmen zu gründen.
Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen den dringenden Handlungsbedarf in der deutschen Verwaltungslandschaft. Die Diskrepanz zwischen digitaler Lebensrealität und analoger Behördenpraxis wird zunehmend zum Standortnachteil. Während andere Länder wie Estland bereits vollständig digitalisierte Verwaltungsprozesse anbieten, hinkt Deutschland hinterher.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die im Koalitionsvertrag angekündigten Maßnahmen zur Digitalisierung der Verwaltung Früchte tragen. Entscheidend wird sein, nicht nur einzelne Prozesse zu digitalisieren, sondern eine grundlegende Transformation der Behördenkultur einzuleiten – weg vom Bittsteller-Gefühl, hin zum echten Bürgerservice. Die Technologie ist längst vorhanden, nun braucht es den politischen Willen und die konsequente Umsetzung. Nur so kann Deutschland den digitalen Anschluss in der Verwaltung wiederfinden.
Quelle: e-Residency, Civey