Nie wieder Mietvertrag: Dieser Mann baut Luxus-Refugien für Digitalnomaden
San Francisco, Sommer 2011. Bruno Haid braucht eine neue Bleibe. Sein Vermieter hatte nämlich beschlossen, das Loft, in dem er hauste, lieber als Büro an eins der immer zahlreicher werdenden Start-ups zu vermieten. Als ein Kumpel ein leer stehendes Hotel im Mission District entdeckt, beschließen die Jungs, es zu entrümpeln und wiederherzurichten, um später mit Freunden dort einzuziehen. Das Problem ist nur: Haid ist besessen von Privatsphäre.
Aufgewachsen in der Pension seiner Eltern, zwischen wöchentlich wechselnden Gästen, mit denen häufig sogar das familiäre Wohnzimmer geteilt wurde, hat er als Erwachsener ein extremes Rückzugsbedürfnis. „In meinen Zwanzigern habe ich sogar in einem Bürogebäude gelebt, weil es mir unangenehm war, dass andere Leute im selben Haus wohnen“, sagt Haid. Plötzlich mit 40 Menschen in diesem alten Hotel zu wohnen ist überhaupt nicht sein Ding. Doch er lernt die Qualitäten schätzen: „Die Schwelle, mit einem anderen ins Gespräch zu kommen und etwas Neues zu entdecken, wird einfach viel niedriger.“
Drei Locations auf drei Kontinenten
Als Haid, der durch seinen Beraterjob größtenteils ortsunabhängig arbeiten kann, Ende 2014 zum ersten Mal nach Bali reist und dort die vielen anderen Remote Worker auf einem Haufen sieht, muss er an seine extreme Wohnerfahrung in San Francisco denken. Und kommt auf eine Idee: Warum nicht das sich gerade etablierende Coworking-Konzept auf Coliving erweitern? Eine Art globale Kette von Luxusabsteigen für Digitalnomaden, wo diese unter einem Dach zusammenleben, arbeiten und networken können. Der Gedanke lässt Haid nicht mehr los.
Ein paar Wochen später erstellt er eine Website, streut den Link und bekommt jede Menge positives Feedback. Bestärkt in seinem Glauben an die Coliving-Kette, beginnt er im Herbst 2015 ein Team auf die Beine zu stellen und Geld einzusammeln. Das erste Ziel: drei Locations auf drei Kontinenten. Und dann: auf der ganzen Welt. Denn so könnte ein Problem gelöst werden, das Haid durch sein ständiges Städtehopping als Freiberufler nur zu gut kennt. Jedes Mal muss er sich aufs Neue eine neue temporäre Bleibe organisieren. Anstrengend. Er sagt: „Warum ist Wohnen etwas, wo ich einen Mietvertrag für sechs oder zwölf Monate unterschreiben muss? Warum gibt es da nicht etwas, wo ich sagen kann: Jetzt möchte ich zwei Monate auf Bali leben, aber danach muss ich für zwei Wochen in New York sein für die Arbeit.“

Dass Haid selbst einmal so etwas wie ein digitaler Nomade sein würde, war alles andere als absehbar. Aufgewachsen ist der 40-Jährige an einem Bergpass in Hochgurgl, einem verschlafenen Skiort in Tirol, der im Sommer 24 Einwohner hatte und im Winter 5 000. Seine Eltern hatten einen Bauernhof und betrieben nebenbei die bereits erwähnte kleine Frühstückspension. Als Jugendlicher wurde Haid auf der Klosterschule unterrichtet, weil das nächste Gymnasium 80 Kilometer entfernt war. Ausbrechen, Reisen, Abenteuer erleben – diese Bedürfnisse waren Haid in der beschaulichen Alpenidylle völlig fremd. „Oft glauben die Leute, dass ich früher ständig mit dem Rucksack durch Südostasien getourt bin“, sagt Haid. „Aber das war überhaupt nicht so. Ich war ein absoluter Spätzünder.“
Anfang 30, arbeitslos und pleite
Mit 18 ging Haid nach Innsbruck – in die große Stadt – und verdingte sich als Webdesigner. Mit 27 zog er weiter nach Wien und gründete ein Startup, das Suchmaschinen für Kunden wie McKinsey, BMW oder die Deutsche Telekom baute. Als Haid fünf Jahre später seine gut laufende Firma mit anderen Agenturen zusammenlegen wollte, ging das schief. Er war Anfang 30, arbeitslos und pleite. Das Einzige, was ihm blieb: Unmengen an Flugmeilen, die sich über die Jahre auf dem Firmenkonto angesammelt hatten.
Er buchte einen Flug nach London, kam bei Freunden unter und fing wieder an zu freelancen. „Das war der Zeitpunkt, wo aus einer Notwendigkeit und einer Orientierungslosigkeit heraus dieses Nomadentum im Tiroler Bub angekommen ist“, sagt Haid. Mit all seinem gesammelten Business-Know-how versuchte er sich nun als Berater für Organisations- und Produktentwicklung. Das lief so gut, dass er bald für seine Kunden zwischen London, New York und San Francisco pendelte. Und großen Spaß dran hatte. Für ihn war endlich die Zeit gekommen, da draußen zu sein, die Welt zu sehen und all das nachzuholen, was er im urigen Österreich verpasst hatte.
Alle paar Tage das gleiche Was-machst-du-eigentlich?
Nachdem Anfang 2016 Haids erster Coliving-Space auf Bali eröffnete, hat Roam – wie Haid sein Unternehmen taufte – mittlerweile ein kleines Headquarter in New York und betreibt drei weitere Locations in Miami, London und Tokio. Um sich dort einzumieten, muss man erst mal ein Bewerbungsformular auf der Website ausfüllen. Es soll kein exklusiv-elitärer Club wie etwa das Soho House sein, sagt Haid. Der Spirit der Leute muss stimmen, sie sollen Bock auf das Community-Ding haben. „Die Idee von Roam war immer das Netzwerk. Das ist unser Angebot“, sagt er. Menschen zusammenbringen, eine Community aufbauen.
Wer die Einstiegshürde genommen hat, ist offiziell Mitglied bei Roam und kann für 1 800 bis 3 200 Dollar im Monat – abhängig vom jeweiligen Standort – jederzeit in einem der Coliving-Spaces absteigen. Mindestens eine Woche muss man bleiben. Gerne länger, denn wer nur kurz reinschneit, kann wenig zur Community beitragen. Außerdem sei ein entspanntes Zusammenleben schwierig, sagt Haid, wenn langfristige Mieter alle paar Tage das gleiche Was-machst-du-eigentlich?-Gespräch mit den aufgeregten Neuankömmlingen führen müssen.

Auch wenn Haid betont, dass es bei Roam nicht um Exklusivität geht, ist angesichts der Preise natürlich klar, dass sich dort nur eine bestimmte Klientel versammelt. In der Vergangenheit seien andere Anbieter mit günstigeren Coliving-Modellen gescheitert, sagt Haid. „Darum war unsere Herangehensweise: Was ist das qualitativ Hochwertigste, für das es noch einen großen Markt gibt?“
Dementsprechend spielt die Gestaltung der Locations eine große Rolle. Lokale Designer sorgen für ortstypisches Flair. Eben nicht die anonyme Kette, wo jede Location gleich aussieht, egal ob in Berlin oder Bangkok. Überall gleich dagegen ist, dass jeder Gast ein privates Schlafzimmer mit eigenem Bad hat, aber Aufenthaltsbereiche, Küche und Coworking-Space mit den anderen Gästen geteilt werden. Die Ausstattung ist komplett auf Digitalnomaden zugeschnitten: USB-Anschlüsse, internationale Steckdosen, Highend-Cisco-Wi-Fi.
Aber damit sich die Gäste wirklich wohlfühlen, sei laut Haid ein einziger Punkt entscheidend: „Du brauchst eine Architektur der Optionalität. Du musst den Leuten die Möglichkeit geben, zwischen Anonymität und Partizipation wählen zu können.“ Heißt: Getrennte, aber von überall einsehbare Bereiche und mehrere Wege von A nach B, damit jeder selbst entscheiden kann, ob man in der Küche kurz Hallo sagt oder lieber unbemerkt ins Zimmer huscht. Dass so etwas ihren Mitgliedern wichtig ist, hat Roam allein durch Kundenfeedback gelernt. Überhaupt läuft bei Roam noch immer viel über Trial and Error. Als Testing-Ground dient der Standort auf Bali, dort wird alles Neue, etwa Kinderbetreuung, zuerst ausprobiert und bei Erfolg auf die anderen Standorte ausgerollt.
Im Moment hat Roam um die 2 400 Mitglieder und insgesamt über 11 000 Bewerbungen erhalten, sagt Haid. Über die Hälfte kommt aus den USA, Kanada, Großbritannien oder Australien. Grob lassen sich die Gäste in drei Gruppen einteilen: Erstens die Designerin Ende 20, die von London aus arbeitet. Zweitens das Pärchen Ende 30, das sich gerade überlegt, ob es für den Rest seines Lebens dem Angestelltendasein fristen oder nicht lieber einen anderen Karriereweg einschlagen soll. Und drittens die – überraschenderweise – größte Kundengruppe: Leute in den Fünfzigern und Sechzigern, die etwa Berater sind oder ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut haben, das mehr oder weniger von selbst läuft.
„Das ist ein bisschen unser Sweet Spot“
All die Roam-Gäste eint, dass sie aktiv sind. Kaum einer kommt zum Urlaubmachen und Seele-baumeln-Lassen. Interessant ist, dass es sich meist um eher um introvertierte Leute handelt. „Das ist ein bisschen unser Sweet Spot“, sagt Haid. „Wenn du extrovertiert bist, nimmst du dir eher ein Airbnb oder ein Hotel, weil du ohnehin schon 15 Freunde in jeder Stadt hast, mit denen du dich verabredest.“ Um die Community zu stärken, finden regelmäßig Events statt, mindestens einmal pro Woche wird auch ein gemeinsames Dinner veranstaltet.
Nimmt man alle Standorte zusammen, hat Roam derzeit 140 Zimmer, sagt Haid. „Und in ein paar Wochen hoffentlich das Doppelte.“ Denn die Pläne von Roam sind groß: Noch in diesem Jahr sollen Locations in sechs bis acht weiteren Städten dazukommen. Welche das sein werden, verrät Haid noch nicht, nur dass sie sich gerade an Orten wie Los Angeles, New York, San Francisco, Schanghai, Hongkong und Berlin umschauen.
Professionalisieren und Streamlinen
Ein Kriterium bei der Auswahl der Standorte ist das Bilden von Städtepärchen. „Es gibt halt wesentlich mehr Leute, die zwischen LA und New York pendeln, als zwischen Miami und Bali“, sagt Haid. Das Versprechen von Roam: Nie wieder einen Mietvertrag unterschreiben zu müssen. Und dieser globale Ansatz ist es auch, der Roam von anderen Coliving-Anbietern unterscheidet.
Die ersten vier Locations waren für Roam ihr Proof of Concept. „Wir sehen, dass das eine Wohnform ist, die funktioniert und die ihre eigene neue Kategorie werden kann“, sagt Haid. „Jetzt müssen wir uns professionalisieren und streamlinen.“ Zum einen bedeutet dies, das 60-köpfige Team aufzustocken. In Kürze wird es neben Haid auch noch einen zweiten CEO geben. Zum anderen will Roam ab sofort auch eigene Immobilien kaufen. Zu einem späteren Zeitpunkt wäre sogar denkbar, zusammen mit Partnern vor Ort Immobilien zu entwickeln.
Zwischen Lebensphasen pendeln
Gerade arbeitet Haid daran, einen Fonds aufzusetzen, der soll groß genug sein, um in den kommenden Jahren 50 bis 60 Nomadenherbergen aufzubauen. In drei Jahren soll es sogar einen Kosumentenfonds geben, „damit du dann sagen kannst: Bevor ich mir eine Wohnung in Berlin kaufe, kaufe ich mich bei Roam ein und partizipiere an deren Portfolio“.
Ein bisschen ironisch ist es, dass Haid, der gerade die Erde mit einer ausgeklügelten Infrastruktur für Ortsunabhängige überzieht, selbst zum ersten Mal nach vielen, vielen Jahren wieder einen festen Wohnsitz hat. Vor Kurzem hat er einen Mietvertrag in New York unterschrieben. Sesshaft will er aber nicht werden. Denn er glaubt fest, dass Menschen künftig immer zwischen zwei Lebensphasen pendeln werden: dem ortsgebundenen Leben und nomadischen Phasen, „wo sich das Zuhause über soziale Bindungen in verschiedenen Städten oder das Reisen mit dem Partner definiert“. Ein Leben, das er nur zu gut kennt. Und inzwischen weiß er auch, wo er beim nächsten Mal unkompliziert unterkommen kann.
Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 02/2018. Darin porträtieren wir Lea-Sophie Cramer, Gründerin von Amorelie. Nach der Übernahme durch ProSiebenSat.1 soll sie die Konzerntochter zu einer Lifestylemarke ausbauen. Außerdem: Quiz-App HQ Trivia, Schauspieler Bryan Cranston, DJ-Gott David Guetta und wie immer viele weitere Geschichten. Mehr Infos gibt es hier.

