DIY: Ein Crashkurs im Schießen mit unerwarteten Rückschlägen
Einmal, als ein Kollege in der Redaktion fragte, was ich gerade mache, entfuhr es mir spontan: „ballern“. Ich meinte damit, vor dem Wochenende noch viele Geschichten für die Business-Punk-Website produzieren. Aus diesem „ballern“ wurde erst ein Running Gag, dann mein Claim, und jetzt bin ich kurz davor, mir das Tattoo „Ballern 4 Life“ stechen zu lassen. Als also ein Freiwilliger für den Selbstversuch Schießen gebraucht wurde, war allen klar: Muss René machen, wegen ballern, logisch.
Also gut. Ich suche mir ein Shotevent und finde eine Schießanlage außerhalb von Berlin. Slogan des Anbieters: „Scharf schießen für jedermann!“ Nach einem kurzen Telefonat teilt man mir das Paket „Overdrive“ zu. Lieber wäre mir natürlich „Overdrive extrem II“ gewesen, aber fein. Der Termin steht.
Wenige Tage später ist es so weit. Weil irgendwann mal ein paar Idioten am Schießstand aufgetaucht sind, wird die genaue Adresse nur per Mail mitgeteilt. Dort angekommen, unterhalte ich mich mit Andreas Werla, dem Besitzer der Anlage. Er erklärt, wer hier alles aufläuft, wenn die Sportschützen ihre Gewehre wieder in die Waffenschränke geschlossen haben: „Wir haben Junggesellenabschiede, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und auch ,Tatort‘-Schauspieler, die hier schießen lernen.“ Außerdem schauen regelmäßig Touristen aus England und Frankreich vorbei, wo einige Waffen nicht erlaubt sind – hier schon.
Danach wird mir meine Schussliste ausgehändigt mit unter anderem einer Smith & Wesson, der während des Zweiten Weltkriegs gebauten Maschinenpistole MP 40 (Spitzname „Schmeisser“), einer Kalaschnikow und einer Schrotflinte. Ein Arsenal wie aus einem Egoshooter.
Ich schließe die Augen
Es geht an den Schießstand. An meiner Seite: Tobias Kujawa, ein 22-jähriger Zweimeterbär. Er zeigt mir, wie ich die Pistole zu halten habe. Ganz wichtig: Kimme und Korn, die hintere und vordere Zielhilfe, müssen auf einer Linie liegen. Verstanden. Wir fangen klein an, mit einer Heckler & Koch SFP9. Zum ersten Mal im Leben nehme ich eine Schusswaffe in die Hand, und verdammt, das Ding ist schwer. Ich bringe mich in Stellung, ausgestreckte Arme, bequemer Stand. Dann richte ich die Waffe auf die 25 Meter entfernte Scheibe. Es vergehen ein paar Sekunden und dann: Bang! Was für ein Rückstoß! Ich bin von der Wucht, mit der die Pistole nach hinten zuckt, völlig überrascht. Verblüfft drehe ich mich zu Tobias um. „Das ist noch gar nichts“, kommentiert er nüchtern.
Als Nächstes folgt die Smith & Wesson, klassischer Western-Colt und noch um einiges schwerer als die Heckler & Koch. Beim Zielen gehen meine Arme aufgrund des Gewichts leicht nach unten, ich muss ordentlich Kraft aufwenden, um das Teil gerade zu halten. Dann wieder Rückstoß, und noch mal Rückstoß. Bang, bang. Jedes Mal zucke ich innerlich zusammen. Noch schlimmer: Ehe ich den Abzug drücke, schließe ich aus Furcht vor dem Rückstoß ganz leicht meine Augen. Was für ein miserabler Anblick.
Anschließend wechseln wir den Schießstand. Auf dem Tisch liegt eine Remington 700, Scharfschützengewehr. Zum Glück kann man sich setzen und die Waffe auf einer Stütze ablegen. Ich schließe mein rechtes Auge und schiele mit dem linken durch das Zielfernrohr. Das rot leuchtende Fadenkreuz darin erinnert mich an „Call of Duty“-Schlachten. Dann drücke ich ab. Wumms. Wumms. Rückstoß. Rückstoß. Beim Nachladen fliegen Patronenhülsen durch die Luft.

Nachdem ich noch andere Waffen ausprobieren durfte, folgt nun der finale Akt: eine Shotgun. Beim Anblick der Schrotflinte denke ich mir nur: „Das überlebe ich nicht.“ Der Rückstoß wird mein Skelett zerreißen. Verkrampft umklammere ich die Shotgun mit meinen Händen, Tobias stellt sich sicherheitshalber direkt hinter mich. Und dann Action: Bang! Der Rückstoß setzt meinen ganzen Körper unter Strom. Und noch mal: Bang! Rückstoß. Bang! Rückstoß. Dann ist es vorbei. Ich bin erledigt, meine Stirn ist schweißnass. Immerhin, Tobias musste mich nicht auffangen.
Am Ende bin ich ernüchtert. Ich hatte mir das alles viel lässiger vorgestellt, vor allem für jemanden, der Ballern als seinen Modus Operandi versteht. Zu allem Überfluss drückt mir Magnum-Mentor Tobias schön noch einen rein: „Deine Revolver waren aber wirklich nicht stark.“ Danke auch, echt. Egal, vorbei. Morgen wird wieder am Schreibtisch geballert. Und das Ballern-4-Life-Tattoo muss ich mir noch mal gründlich überlegen.
Der Artikel stammt aus der Ausgabe 04/2017. Titelgeschichte: FDP-Chef Christian Lindner und der radikale Relaunch seiner Partei. Mehr Infos gibt es hier.
