Erfolgsrezepte: Warum die Digi-Plattform Kitchen Stories immer weiter wächst
Die Berliner Digi-Kochplattform Kitchen Stories schafft seit Jahren beständiges Wachstum. Was genau steckt dahinter?
Man nehme 250 Gramm Pasta, zwei Hände voll Cocktailtomaten, ein Päckchen Feta, dazu Knoblauch, Öl und Gewürze nach Belieben. Mehr braucht es für die Baked Feta Pasta nicht, die in den letzten Monaten auf Tiktok und Instagram viral gingen. Menschen auf der ganzen Welt kochen dieses Gericht und halten es mit ihrer Smartphone-Kamera fest.
Die meisten Videos sind nur 15 Sekunden lang. Klar, die goldenen 15 Sekunden gelten als Aufmerksamkeitsspanne der Gen Z. Doch warum der Hype? Der Grund ist banal: weil die Videos kurz und persönlich sind – und weil das Rezept im Handumdrehen nachgekocht ist.
Die heimische Küche in der digitalen Welt
Was die Baked Feta Pasta seit einigen Monaten schaffen, schafft Mengting Gao schon seit über sieben Jahren mit ihrem Berliner Startup Kitchen Stories. Der Pitch: allen das Kochen mit einer App so einfach wie möglich zu machen. Die heimische Küche ist zwar schon längst in der digitalen Welt verwurzelt, und es gibt unzählige Seiten für Rezepte, Küchenratgeber und Kochshows. Doch es gibt auch ein zentrales Problem: Oft stimmen die Mengenangaben nicht, die Zubereitungshinweise sind schwammig, es fehlen Bilder.
Genau deshalb gehen Trends wie die Baked Feta Pasta in der digitalen Welt durch die Decke: Es gibt kaum Fehlerquellen, das Erfolgserlebnis ist quasi garantiert – und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nur flacht die Euphorie um diese Trends genauso schnell wieder ab, wie sie sich aufgebaut hat. Im Gegensatz zum Hype um Kitchen Stories, die seit Jahren unzählige Inhalte rund ums Kochen produzieren– eben auf professioneller Ebene.
„Es gibt Rezepte wie Sand am Meer. Aber bei keinem Anbieter in der digitalen Welt hatten wir das Gefühl, dass es unserem Anspruch ans Kochen entspricht“, sagt Mengting Gao, Mitgründerin und CEO von Kitchen Stories. Gemeinsam mit ihrer BWL-Kommilitonin Verena Hubertz gründet sie 2013 das Unternehmen, 2014 veröffentlichen sie die erste Version im App Store. Eine Koch-App, die Rezepte in einer neuen Dimension liefert – mit emotionalen, aufwendig produzierten Videos und Schnittfotos zu jedem Rezept, so wie man sie im Internet noch nicht gesehen hat.
Den ersten Gedanken zur Gründung von Kitchen Stories beschreibt Gao so: „Kochen ist ein alltägliches Thema. Jeden Tag stellen wir uns die Frage, was es heute zu essen gibt. Aber nicht jede:r kocht. Wir wollen mehr Menschen zum Kochen bringen.“ Gao selbst kocht schon lange leidenschaftlich gerne und holt sich dafür in der digitalen Welt Inspiration.
„Ich bin Kochshow-Freak. Ich habe schon in meiner frühen Jugend wahnsinnig viele Kochshows gesehen, die waren meistens sehr unterhaltsam, aber nicht superhilfreich beim Nachkochen“, sagt Gao. Was sie meint: Kochshows sind wunderbar anzusehen, aber leider einfach keine realistische Orientierung für die eigene Küche.
So kochen wie Jamie Oliver?
„Wenn TV-Koch Jamie Oliver 15 Minuten für sein Gericht braucht, steht man häufig eher 60 Minuten in der Küche“, sagt Gao. Und das sicher mit voll bekleckerter Schürze und ohne die Garantie, dass das Gericht auch wirklich so schmecken wird, wie Oliver es versprochen hat.
Aber nicht nur die Rezepte der Profis sind ein Problem – auch die Kochanleitungen von Amateur:innen sind mit Vorsicht zu genießen, sagt Gao. „Es gibt sehr viele nutzergenerierte Inhalte zum Kochen, aber diese sind für Kochanfänger:innen häufig zu unsicher. Man weiß bei den Rezepten oft nicht, ob sie funktionieren.“ Die weit aufklaffende Lücke zwischen Jamie Oliver und Accounts wie @kochfreak27 war die Inspiration für Kitchen Stories: professionell, aber machbar.
„Der Markt hatte auf jeden Fall noch Platz für eine App“
Hubertz und Gao sahen den Need und haben auf diesem ihre eigene Kochplattform aufgebaut. „Der Markt hatte auf jeden Fall noch Platz für eine App“, sagt Gao heute. Doch so einfach verlief die Gründung nicht.
Ein Blick zurück zu den Anfängen 2013. Hubertz und Gao sind Anfang 20 und lernen sich im BWL-Studium kennen. Sie eint die Leidenschaft für gutes Essen. Doch was das Kochen angeht, gehen ihre Erfahrungen auseinander. Gao ist begeisterte Hobbyköchin, Hubertz Kochanfängerin.
Aus diesem Background heraus erfinden die Studentinnen eine Rezept-App, von der viele denken, sie sei überflüssig. Dementsprechend fallen auch die Reaktionen der Investor:innen aus: Die meisten reagieren mit einem einfachen „Nein, danke“. Also müssen Gao und Hubertz einen anderen Weg zur Finanzierung finden. Sie leihen sich Geld von ihren Eltern, Gao verkauft ihr Auto.
Trotz des enormen Erfolgs in den letzten sieben Jahren macht Kitchen Stories heute immer noch keinen Gewinn über die Mitglieder. Das Unternehmen monetarisiert sich hauptsächlich durch Werbepartner:innen und andere Kooperationen und investiert alles in das Wachstum der Plattform und zukunftsorientierte Projekte. So arbeitet man konstant an der Oberfläche der kostenlosen App, um sie frisch und ansprechend zu halten: hoch aufgelöste Fotos und Videos, professionelle Nahaufnahmen von Gerichten und moderne, comicartige Skizzen.
Alles für die Community
„Bei uns heißt es Design first“, sagt Alexander Bauer. Er ist seit September 2020 COO von Kitchen Stories. „Was uns auszeichnet, ist der Dreiklang aus Rezepten für jeden Tag, innovativer Technologie und einer internationalen Community“, sagt Gao. „Menschen tendieren dazu, immer das Gleiche zu essen. Wir schauen, wo die Cooking-Comfort-Zone unserer Nutzer:innen liegt, und überlegen, welche neuen Rezepte wir kreieren, die sie dann auch wirklich ausprobieren wollen.“
Die Plattform versucht also, allen Hobbyköch:innen die Rezepte zu liefern, die zu ihnen passen und mit denen sie weder unter- noch überfordert sind. Fast wie ein Personal Trainer für Kochskills.
„Die App ist auf die Nutzer:innenperspektive ausgerichtet. Wenn du die App öffnest, landest du ganz schnell da, wo du hinwillst“, sagt Bauer. Wollen die Nutzer:innen ein eigenes Rezept erstellen, werden Inhalt und Aufbereitung von Kitchen Stories überprüft. „Content, der bei uns auf der Plattform veröffentlicht wird, wird von uns kuratiert“, sagt Bauer. So soll die Qualität gewahrt bleiben, nicht jedes Rezept bekommt Sichtbarkeit.
In der App können die Nutzer:innen Rezepte kommentieren und sich austauschen. „Der Communitygedanke, vor allem auch international, hat in den letzten Jahren noch mal voll an Fahrt aufgenommen“, sagt Gao. Dieser Gedanke macht sich auch in anderen Communitys bemerkbar. Wie zum Beispiel in der Cooking-Community der „New York Times“, für die 14 Mitarbeiter:innen zuständig sind. Doch wer gehört zur Kitchen-Stories-Community?
„Mittlerweile erreicht auch unsere Homepage Millionen Nutzer:innen jeden Monat“
„Unsere Nutzer:innen sitzen auf der ganzen Welt und sind meist zwischen 28 und 35 Jahre alt“, sagt Bauer. „Viele haben schon Kinder und wollen nicht nur kochen, sondern müssen es auch“, ergänzt Gao. Nicht nur die Community in der App wächst. Ebenfalls interessant ist ein anderer Trend – nämlich der zur Desktop-Website, die mehr und mehr Menschen nutzen: „Insbesondere in den letzten drei Jahren haben wir unsere Website gestärkt. 2018 waren wir noch mobile first, mittlerweile erreicht auch unsere Homepage Millionen Nutzer:innen jeden Monat“, sagt Gao.
Dass es insgesamt immer mehr Nutzer:innen werden, hat Kitchen Stories seit letztem Jahr sicher auch den Maßnahmen in der Pandemie zu verdanken. Allein im ersten Lockdown 2020 wurde die App eine Million Mal heruntergeladen.
„Der Lockdown hat natürlich dazu geführt, dass noch nie so viele Menschen wie zuvor gekocht haben. Es wurden viel mehr Rezepte ausprobiert und mehr Wochenendprojekte angegangen“, sagt Gao. „Wir setzen nicht auf plakative Werbung, sondern versuchen ständig, spannende Kund:innen zu gewinnen, mit denen wir dann gemeinsam neue Projekte ausarbeiten“, sagt Bauer.
Mehr als 22 Millionen Downloads
Die Willenskraft der Gründerinnen vor acht Jahren hat sich ausgezahlt: Bis heute wurde die App in insgesamt 150 Ländern mehr als 22 Millionen Mal heruntergeladen. Das über 50-köpfige Team sitzt auf 1 400 Quadratmetern Bürofläche im Prenzlauer Berg und hat drei eigene Showküchen. Hubertz hat Kitchen Stories mittlerweile verlassen und kandidiert für die Trierer SPD für einen Platz im Bundestag.
Doch Gao hält die Stellung. Seit Anfang dieses Jahres ist die integrierte Smart-Home-Funktion in der App verfügbar. Mit der Funktion können die Nutzer:innen ihr smartes Küchengerät mit Kitchen Stories verbinden, um so das Kochen noch weiter zu vereinfachen. Auch für diese Funktion gibt es ausführliche Schritt-für-Schritt-Anleitungen – für die „absolute Gelingsicherheit“, wie Kitchen Stories es nennt.
Doch es geht noch smarter: Im Rahmen der „Future of Food“-Kampagne setzt Kitchen Stories gemeinsam mit Vodafone auf das erweiterte virtuelle Kocherlebnis durch Augmented Reality: Mit der App Giga AR von Vodafone wird das gewünschte Rezept von Kitchen Stories auf eine AR-Brille übertragen. Durch Blicksteuerung, die intuitiv passieren soll, hat man die Zubereitungshinweise während des gesamten Kochens vor Augen. Idee: Man soll nicht immer wieder zum Smartphone greifen. Der Digitalisierung der heimischen Küche steht also noch viel bevor.

Die ganze Story könnt ihr in Ausgabe 3/21 lesen. Wir haben außerdem mit Monolink gesprochen, über eine neue Pasta-Sorte berichtet und mehr über ein Gleitgel mit CBD erfahren. Im Dossier geht es um das Thema Nachhaltigkeit, wo es um Socken, E-Mobility und die Luftfahrtindustrie geht. Das Magazin bekommt ihr am Kiosk eures Vertrauens – oder wie immer hier im Aboshop.