Finance & Freedom Bargeld verliert: Deutschland kippt ins digitale Bezahlen – aber wer kassiert ab?

Bargeld verliert: Deutschland kippt ins digitale Bezahlen – aber wer kassiert ab?

Deutschland verabschiedet sich vom Bargeld: Erstmals zahlen mehr Menschen digital als bar. Doch während Apple und PayPal den Markt dominieren, kämpft Europa um Souveränität im Zahlungsverkehr.

Deutschland hat eine historische Schwelle überschritten: 55 Prozent aller Zahlungen laufen mittlerweile bargeldlos ab. Was nach technischem Fortschritt klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als geopolitisches Problem. Denn während Scheine und Münzen verschwinden, übernehmen amerikanische Konzerne die Kontrolle über den deutschen Zahlungsverkehr. Die Bundesbank hat über 6.000 Menschen befragt – und dabei eine Entwicklung dokumentiert, die weit über Convenience hinausgeht.

„Da spielt die Debitkarte eine große Rolle, bei uns in Deutschland vor allem die Girokarte“, sagt Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz gegenüber der Tagesschau. „Auch das Bezahlen mit dem Smartphone und der Smartwatch wird immer beliebter.“ Im Internet war laut Balz der US-Zahlungsdienstleister PayPal sehr verbreitet.

Der Abschied vom Bargeld beschleunigt sich

Die Zahlen lassen keinen Zweifel: Bargeld verliert massiv an Bedeutung. Vor zehn Jahren wurden noch 78 Prozent aller Transaktionen im stationären Handel bar abgewickelt, heute sind es nur noch 50,5 Prozent. Gemessen am Umsatz ist der Wandel noch drastischer – von den 500 Milliarden Euro Einzelhandelsumsatz werden bereits 65 Prozent per Karte bezahlt, so Welt. Der durchschnittliche Deutsche trägt nur noch 98 Euro im Portemonnaie mit sich, aufgeteilt auf vier Scheine und zwölf Münzen. Junge Menschen unter 24 Jahren haben sogar nur 47 Euro dabei.

Mobile Payment explodiert – Apple dominiert

Der eigentliche Boom findet beim mobilen Bezahlen statt. Zehn Prozent aller Zahlungen werden mittlerweile per Smartphone oder Smartwatch abgewickelt – 2023 waren es erst sechs Prozent. Jede fünfte bargeldlose Zahlung im Einzelhandel läuft mobil ab.

Die Sparkassen und Volksbanken haben ihre Karten in Apple Wallet integriert, nachdem die EU-Kommission Apple zur Öffnung der iPhone-Schnittstelle zwang. Apple Pay führt mit 41 Prozent Marktanteil, gefolgt von Google Pay. Die Girokarte bleibt zwar beliebt, wird aber zunehmend kontaktlos eingesetzt – nur noch in 15 Prozent der Fälle wird sie ins Lesegerät gesteckt.

Europas Antwort kommt zu spät

Während Apple, Visa, Mastercard und PayPal den Markt unter sich aufteilen, hinkt die europäische Alternative Wero hoffnungslos hinterher. Acht Millionen Deutsche haben die App heruntergeladen, doch die tatsächliche Nutzung bleibt marginal. Selbst die Otto Group testet Wero nur zögerlich bei der Versandtochter Baur.

Online dominiert PayPal mit 29 Prozent, Wero taucht lediglich unter „Sonstiges“ auf. Die Bundesbank setzt ihre Hoffnung auf den digitalen Euro – doch der braucht erst einen EU-Gesetzesrahmen und eine Pilotphase. Bis Verbraucher ihn nutzen können, dürften Jahre vergehen.

Händler schaffen Bargeld ab

Der Einzelhandel beschleunigt den Wandel aktiv. Selbstbedienungskassen akzeptieren vielerorts kein Bargeld mehr, ÖPNV-Tickets lassen sich häufig nicht bar kaufen. Jedes zwölfte Unternehmen musste die Bargeldauszahlung an der Kasse bereits einschränken, berichtet Tagesschau. Die Begründung der Händler: Es sei nicht ihre Aufgabe, mit Geld zu handeln. Parallel sinkt die Zahl der Geldautomaten kontinuierlich – von 57.000 im Jahr 2020 auf unter 50.000 heute. Besonders in Städten wird es schwieriger, an Bargeld zu kommen.

Die Bargeld-Fraktion schrumpft

Trotz des Rückgangs wünschen sich 80 Prozent der Befragten laut Spiegel, weiterhin jederzeit bar zahlen zu können. Besonders ältere Menschen und Personen mit finanziellen Problemen nutzen Bargeld überdurchschnittlich häufig. Sie schätzen den Schutz der Privatsphäre und die bessere Ausgabenkontrolle. Doch die Infrastruktur dafür bröckelt – und mit ihr die Wahlfreiheit beim Bezahlen.

Business Punk Check

Deutschland tauscht gerade seine Währungssouveränität gegen Convenience. Während die Bundesbank noch von europäischen Alternativen träumt, haben Apple und PayPal längst Fakten geschaffen. Wer bei jedem Kaffee sein iPhone ans Terminal hält, füttert amerikanische Datensilos – und zahlt dafür auch noch Transaktionsgebühren. Die bittere Wahrheit: Wero kommt fünf Jahre zu spät und ist technisch nicht konkurrenzfähig. Der digitale Euro? Frühestens 2028, wenn überhaupt.

Für Unternehmen bedeutet das: Die Abhängigkeit von US-Zahlungsdienstleistern wird zementiert. Jede Transaktion wandert über Server in Kalifornien, jede Gebührenerhöhung muss geschluckt werden. Händler, die Bargeld abschaffen, sparen zwar Tresorkosten – übertragen aber die Macht über ihre Kundenbeziehungen an Dritte. Die einzige realistische Gegenstrategie: Druck auf die EU, endlich handlungsfähige Payment-Infrastruktur zu schaffen. Bis dahin gilt: Wer digital zahlt, zahlt amerikanisch.

Quellen: Tagesschau, Welt, Spiegel

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