Finance & Freedom Mehr Netto wegen Steuerreform 2027? Wer wirklich profitiert

Mehr Netto wegen Steuerreform 2027? Wer wirklich profitiert

Die Bundesregierung verspricht Millionen Beschäftigten mehr Netto vom Brutto. Doch aus 28 Milliarden Entlastung wurden zehn. Wer wirklich profitiert und warum Experten das Paket kritisieren.

Zehn Milliarden Euro Entlastung klingen nach viel Geld. Doch wer genau hinschaut, erkennt: Die Steuerreform, die Union und SPD Anfang Juli 2026 beschlossen haben, ist ein Kompromiss mit Schönheitsfehlern. Ursprünglich waren 28 Milliarden Euro im Gespräch, dann 17,2 Milliarden – am Ende blieben zehn.

Der Sparzwang von Bundeskanzler Friedrich Merz hat zugeschlagen. Ab Januar 2027 sollen Arbeitnehmer und Familien dennoch spürbar entlastet werden. Die Frage bleibt: Reicht das wirklich gegen gestiegene Energie-, Wohn- und Lebenshaltungskosten?

Grundfreibetrag und Kindergeld steigen – aber nur schrittweise

Der Grundfreibetrag klettert bis 2028 von aktuell 12.348 Euro auf 12.900 Euro. Das bedeutet: Einkommen bis zu dieser Grenze bleibt steuerfrei. Alle Steuerpflichtigen profitieren davon, unabhängig vom Verdienst. Parallel dazu steigt das Kindergeld von 259 auf 272 Euro pro Kind und Monat.

Familien mit zwei Kindern und einem zu versteuernden Haushaltseinkommen von 60.000 Euro sollen laut Br ab 2028 rund 600 Euro mehr im Jahr zur Verfügung haben. Klingt solide – doch die Reform greift erst in zwei Stufen. Bis dahin fressen Inflation und steigende Sozialabgaben einen Teil der Entlastung wieder auf.

Arbeitnehmerpauschbetrag: 200 Euro mehr ohne Belege

Auch Beschäftigte ohne Kinder bekommen etwas ab. Der Arbeitnehmerpauschbetrag steigt von 1.230 auf 1.430 Euro. Das senkt automatisch das steuerpflichtige Einkommen – ohne dass Werbungskosten nachgewiesen werden müssen.

Wer ohnehin höhere Ausgaben für Fahrten oder Arbeitsmittel hat, kann zusätzlich profitieren. Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent greift künftig erst ab einem zu versteuernden Einkommen von 70.600 Euro statt bisher 69.879 Euro. Eine minimale Verschiebung, die den mittleren Einkommensbereich leicht entlastet.

Reichensteuer verschärft: 47 Prozent ab 280.000 Euro

Wer viel verdient, zahlt mehr. Die Reichensteuer wird gesplittet: Ab 250.000 Euro zu versteuerndem Einkommen fallen 45 Prozent an, ab 280.000 Euro neu 47 Prozent. Bisher griff die Reichensteuer erst ab 277.826 Euro. Das Bundesfinanzministerium spricht von einem „gerechten Beitrag“ der höchsten Einkommen.

Doch die Maßnahme trifft nur einen kleinen Teil der Steuerzahler – und bringt vergleichsweise wenig Gegenfinanzierung. Die eigentliche Last tragen andere: Der Handwerkerbonus sinkt von 1.200 auf 900 Euro jährlich, die Pauschalsteuer für Minijobs steigt von zwei auf fünf Prozent. Das macht Handwerkerleistungen und geringfügige Beschäftigung teurer – mit unklaren Folgen für Branchen wie Gastronomie, Pflege und Privathaushalte.

Experten gespalten: Kurswechsel oder Flickwerk?

Die Reaktionen fallen gemischt aus. Wirtschaftsökonom Gabriel Felbermayr lobt gegenüber Handelsblatt die Kombination aus Entlastung unten und höherer Belastung oben als „nachvollziehbaren Deal“. Ökonom Tobias Hentze hingegen sieht keinen großen Wurf: Der Tarif bleibe weitgehend unangetastet, nur Grundfreibetrag und Spitzensteuersatz würden minimal angepasst.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger begrüßt das Paket als „überfälligen Kurswechsel“, mahnt aber an, dass die Sozialversicherungsbeiträge weiterhin zu hoch seien, so wmn.de. Clemens Fuest vom ifo-Institut kritisiert laut Mainpost, dass bei den staatlichen Ausgaben nicht gekürzt werde. Steuerentlastungen seien nur nachhaltig, wenn parallel gespart werde.

Selbstständige und Personenunternehmen betroffen

Die Reform wirkt nicht nur bei Angestellten. Selbstständige und Inhaber von Personenunternehmen – etwa Handwerksbetriebe – unterliegen ebenfalls der Einkommensteuer. Änderungen am Tarif schlagen also auch bei ihnen durch.

Für viele Kleinunternehmer bedeutet das: leichte Entlastung beim Grundfreibetrag, aber höhere Kosten bei Minijobs und reduzierte Absetzbarkeit von Handwerksleistungen. Ein Nullsummenspiel für manche Branchen.

Finanzierung: KfW zahlt mit, Details fehlen

Neben der erhöhten Reichensteuer und dem reduzierten Handwerkerbonus soll die KfW in den Jahren 2027 und 2028 jeweils 500 Millionen Euro an Gewinnen abführen. Da Bund, Länder und Kommunen gemeinsam am Einkommensteueraufkommen beteiligt sind, entstehen durch die Reform auch bei ihnen Mindereinnahmen. Die Koalition hat angekündigt, diese Ausfälle auszugleichen.

Doch viele Details bleiben offen. Finanzminister Lars Klingbeil räumte auf der Pressekonferenz ein, dass in den nächsten Tagen noch „sehr viel gerechnet werden müsse“. Der Referentenentwurf muss noch durch die Ministerien, Steuerfachleute und schließlich den Bundestag. Bis zur endgültigen Umsetzung können sich Zahlen noch ändern.

Business Punk Check

Die Steuerreform 2027 ist ein politischer Kompromiss – und das merkt man. Aus 28 Milliarden Euro Entlastung wurden zehn, weil der Sparzwang von Bundeskanzler Merz zugeschlagen hat. Familien mit mittleren Einkommen profitieren moderat, Gutverdiener zahlen minimal mehr, Selbstständige und Minijobber bleiben auf der Strecke. Die Reichensteuer klingt nach sozialer Gerechtigkeit, bringt aber kaum Gegenfinanzierung. Stattdessen zahlen Handwerksbetriebe und Arbeitgeber die Zeche: Der Handwerkerbonus sinkt, Minijobs werden teurer.

Experten wie Clemens Fuest kritisieren zu Recht, dass ohne Ausgabenkürzungen keine nachhaltige Entlastung möglich ist. Die Reform lindert Symptome, bekämpft aber nicht die Ursachen: ausufernde Sozialabgaben und steigende Staatsausgaben. Wer 2027 wirklich mehr Netto vom Brutto haben will, sollte nicht auf die Politik setzen – sondern auf Werbungskosten, Freibeträge und clevere Steueroptimierung. Die Reform ist ein Anfang, aber kein Befreiungsschlag.

Quellen: Wmn, Br, Mainpost, Handelsblatt

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