Frauen in keinem Land der Welt gleichgestellt – 123 Jahre bis zur Parität
123 Jahre bis zur Gleichstellung – trotz Rekordfortschritt: Der Gender Gap schließt sich so schnell wie seit der Pandemie nicht mehr, doch vollständige Parität bleibt ein fernes Ziel. Frauen dominieren in Bildung, bleiben aber in Führungspositionen drastisch unterrepräsentiert.
Die Welt bewegt sich mit Rekordtempo in Richtung Geschlechtergleichstellung – und bleibt doch erschreckend weit vom Ziel entfernt. Laut dem aktuellen Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums hat sich die Kluft zwischen den Geschlechtern um 0,3 Prozentpunkte verringert und ist nun zu 68,8 Prozent geschlossen.
Der stärkste Fortschritt seit der Corona-Pandemie. Doch das Tempo reicht nicht: Bei der aktuellen Entwicklungsrate werden noch 123 Jahre vergehen, bis vollständige Parität erreicht ist.
Der nordische Vorsprung
Island führt die Rangliste zum 16. Mal in Folge an und hat beeindruckende 92,6 Prozent seiner Geschlechterkluft geschlossen – als einziges Land weltweit über der 90-Prozent-Marke. Dahinter folgen Finnland, Norwegen, Großbritannien und Neuseeland. Europäische Nationen dominieren die Top Ten, in der alle Länder mindestens 80 Prozent ihrer Gender Gaps geschlossen haben.
Bemerkenswert: Wohlstand allein garantiert keine Gleichstellung. Zwar haben Hocheinkommensländer durchschnittlich 74,3 Prozent ihrer Geschlechterlücken geschlossen, verglichen mit 66,4 Prozent in Niedrigeinkommensländern. Doch Ausnahmen wie Bangladesch und Äthiopien übertreffen mehr als die Hälfte der wohlhabenden Nationen.
Bildungserfolge ohne Karrieresprünge
Die Zahlen offenbaren ein paradoxes Muster: Frauen übertreffen Männer weltweit bei Hochschulabschlüssen – in manchen Regionen sogar um beachtliche 30 Prozentpunkte. Doch dieser Bildungsvorsprung spiegelt sich nicht in Führungspositionen wider. Lediglich 28,8 Prozent der Spitzenpositionen sind mit Frauen besetzt.
Frauen machen 41,2 Prozent der globalen Arbeitskraft aus, konzentrieren sich jedoch in schlechter bezahlten Sektoren wie Pflege und Bildung, so der Bericht. In Infrastruktur, Technologie und Führungsrollen bleiben sie unterrepräsentiert – ein massiver Verlust an Humankapital.
Sue Duke, Global Head of Public Policy bei LinkedIn, warnt: „Der rückläufige Fortschritt von Frauen in Führungspositionen sollte Alarmglocken läuten lassen. Die vielfältigen Erfahrungen und einzigartigen menschlichen Fähigkeiten, die Frauen in Führungspositionen einbringen, sind entscheidend, um das volle Potenzial einer KI-gestützten Wirtschaft zu entfalten – werden aber genau dann übersehen, wenn sie am dringendsten benötigt werden.“
Regionale Champions und Nachzügler
Nordamerika führt global mit einer Punktzahl von 75,8 Prozent, besonders stark bei wirtschaftlicher Teilhabe. Europa folgt dicht dahinter mit 75,1 Prozent. Lateinamerika und die Karibik verzeichneten seit 2006 den schnellsten Fortschritt mit einer Verbesserung um 8,6 Prozentpunkte auf 74,5 Prozent.
Am unteren Ende rangiert der Nahe Osten und Nordafrika mit 61,7 Prozent – trotz stetiger Fortschritte bei der politischen Repräsentation von Frauen.
Karriereunterbrechungen als Hürde
Die Daten zeigen, dass Frauen 55,2 Prozent häufiger Karrierepausen einlegen als Männer und durchschnittlich ein halbes Jahr länger vom Arbeitsmarkt fernbleiben. Hauptgrund: Betreuungspflichten. Diese Unterbrechungen, gepaart mit zunehmend nicht-linearen Karrierewegen, tragen zur Unterrepräsentation von Frauen in Spitzenpositionen bei.
Saadia Zahidi, Geschäftsführerin des Weltwirtschaftsforums, betont: „Die Beweise sind eindeutig. Volkswirtschaften, die entscheidende Fortschritte in Richtung Parität erzielt haben, positionieren sich für ein stärkeres, innovativeres und widerstandsfähigeres Wirtschaftswachstum.“
Die Zukunft der Geschlechtergleichstellung steht an einem Scheideweg. Technologische Disruption und geopolitische Spannungen könnten die erzielten Fortschritte gefährden. Besonders Frauen in Entwicklungsökonomien, die von exportgetriebener formeller Beschäftigung profitiert haben, könnten durch sich verändernde Handelsdynamiken benachteiligt werden.
Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung: Länder wie Saudi-Arabien, Mexiko, Ecuador, Bangladesch und Äthiopien haben die schnellsten Fortschritte erzielt. Dies beweist, dass mit konsequenter politischer Aufmerksamkeit, Investitionen und Rechenschaftspflicht die Geschlechterkluft deutlich schneller geschlossen werden kann als prognostiziert. Die entscheidende Frage bleibt: Sind wir bereit, die notwendigen Ressourcen zu mobilisieren, um 123 Jahre auf 23 zu reduzieren?
Quellen: Global Gender Gap Report 2025 des Weltwirtschaftsforums, LinkedIn, thenationalnews.com, az.com