work wise · Anwesenheitsprämie

Gesund bleiben zahlt sich aus: Bis zu 1000 Euro Bonus für Nicht-Kranke

Tipps für Fitness im Büro
Shutterstock
Erschienen
Lesezeit5 Min · 957 Wörter

Immer mehr Unternehmen setzen auf Anwesenheitsprämien, um hohe Krankenstände zu bekämpfen. Während Kritiker vor „Präsentismus“ warnen, berichten Firmen von positiven Effekten. Ein Blick auf die kontroverse Praxis.

Der Krankenstand in Deutschland erreicht Rekordwerte. 15,1 Arbeitstage fehlten Beschäftigte 2023 durchschnittlich – fast doppelt so viele wie noch 2007. Die wirtschaftlichen Folgen sind massiv: 128 Milliarden Euro Produktionsausfälle schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin allein für das vergangene Jahr. Kein Wunder, dass Unternehmen nach Lösungen suchen. Eine davon: finanzielle Belohnungen für Mitarbeiter, die nicht krank werden.

Gesundbleiben als Geschäftsmodell

Der Trend zur „Anwesenheitsprämie“ gewinnt in deutschen Unternehmen an Fahrt. Das Prinzip ist einfach: Wer selten oder gar nicht fehlt, erhält einen finanziellen Bonus – bis zu 1000 Euro jährlich sind möglich. Besonders in Branchen mit chronischem Personalmangel und hohen Ausfallraten wie Verkehrsbetrieben, Sicherheitsdienstleistern und der Automobilindustrie setzen Arbeitgeber auf dieses Anreizsystem.

Die Hamburger Hochbahn zahlt beispielsweise seit über zwei Jahrzehnten eine halbjährliche Prämie von 615,62 Euro. „Das hat sich seit Langem bei uns bewährt“, erklärt ein Unternehmenssprecher. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ein Abzug erfolgt erst ab dem dritten Krankheitstag, ab dem 17. Tag entfällt die Prämie komplett. Diese Staffelung soll verhindern, dass sich Mitarbeiter krank zur Arbeit schleppen.

Auch die Kieler Verkehrsgesellschaft (KVG) setzt auf finanzielle Anreize und zahlt bis zu 1000 Euro jährlich für gesunde Mitarbeiter. Bei Sicherheitsdienstleistern wie der Flughafen München Sicherheit GmbH oder I-SEC am Frankfurter Flughafen gehören die Boni mittlerweile zum Standardrepertoire der Vergütungssysteme.

Zwischen Zuckerbrot und Peitsche

Die Debatte um Anwesenheitsprämien hat durch Allianz-Chef Oliver Bäte neuen Zündstoff erhalten. Der 59-Jährige forderte kürzlich, Arbeitnehmern am ersten Krankheitstag keine Lohnfortzahlung mehr zu gewähren – ein Vorstoß, der auf breite Kritik stieß. FDP-Ex-Chef Christian Lindner konterte mit dem Vorschlag eines Belohnungsmodells: Boni für jeden Monat ohne Krankmeldung.

Während Bätes Ansatz die Peitsche repräsentiert, steht Lindners Idee für das Zuckerbrot. Doch beide Konzepte werfen die gleiche Frage auf: Ist es sinnvoll, Gesundheit finanziell zu incentivieren?

Der US-Autobauer Tesla kombiniert in seinem Werk in Grünheide beide Ansätze. Einerseits können Mitarbeiter im sogenannten „Gold-Status“ bis zu 1000 Euro Anwesenheitsbonus erhalten. Andererseits scheut das Unternehmen nicht vor unkonventionellen Kontrollmaßnahmen zurück. Als die Krankenquote im August auf 17 Prozent stieg, statteten Führungskräfte einigen krankgeschriebenen Mitarbeitern Hausbesuche ab – offiziell aus Sorge, nicht zur Kontrolle.

Krankenstand als Kostenfaktor

Besonders die Autobranche kämpft mit hohen Fehlzeiten. Daimler-Chef Ola Källenius beklagt: „Wenn unter gleichen Produktionsbedingungen der Krankenstand in Deutschland teils doppelt so hoch ist wie im europäischen Ausland, hat das wirtschaftliche Folgen.“ Dennoch hat sein Unternehmen die Anwesenheitsprämie nach nur zwei Jahren wieder abgeschafft.

Anders der Kunststoffhersteller und Autozulieferer BIA aus Solingen. Mit einer Krankenquote von zeitweise 9 Prozent – ein Anstieg von fast 3 Prozentpunkten binnen fünf Jahren – führte das Unternehmen im Juli eine Anwesenheitsprämie ein. Mitarbeiter können dadurch ihren Lohn um etwa 10 Prozent aufbessern, was das Unternehmen bis zu 80.000 Euro monatlich kostet. Der Effekt: Die Krankenquote sank um 3 Prozentpunkte.

Gesundheitsbranche im Dilemma

Dramatisch ist die Situation im Gesundheitssektor. 22,4 Tage fehlte das Pflegepersonal 2023 im Durchschnitt, wie Daten des BKK-Dachverbandes zeigen. Die Hamburger Asklepios-Kliniken erwogen daher im Tarifstreit mit Verdi die Einführung einer Belohnungsprämie – ein Vorschlag, den die Gewerkschaft vehement ablehnte: „Asklepios will Beschäftigte bestrafen, die krank werden. Dieses Arbeitgeberangebot ist völlig aus der Zeit gefallen.“

Die Kritik an Anwesenheitsprämien kommt nicht nur von Gewerkschaften. Auch Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse warnen vor dem sogenannten „Präsentismus“ – dem Phänomen, dass Mitarbeiter trotz Krankheit zur Arbeit erscheinen. Dies könne Genesungsprozesse verzögern und Kollegen gefährden, besonders bei ansteckenden Krankheiten.

Wissenschaftliche Zweifel an der Wirksamkeit

Die Wirksamkeit von Anwesenheitsprämien ist wissenschaftlich umstritten. In einer Studie untersuchten die Forscher Dirk Sliwka, Jakob Alfitian und Timo Vogelsang gemeinsam mit einer Supermarktkette das Verhalten von Mitarbeitergruppen mit und ohne Bonus. Das überraschende Ergebnis: Beschäftigte mit Anwesenheitsprämie meldeten sich sogar häufiger krank. Die Forscher vermuten, dass die Prämie den Mitarbeitern signalisierte, dass Fehltage grundsätzlich akzeptiert seien, wodurch sie sich weniger schuldig fühlten, zu Hause zu bleiben.

Zudem greifen Anwesenheitsprämien bei einem wesentlichen Treiber steigender Fehlzeiten zu kurz: psychischen Erkrankungen. Diese werden heute besser erkannt und diagnostiziert, erklärt Eike Windscheid-Profeta von der Hans-Böckler-Stiftung. Gleichzeitig dürfte der zunehmende Stress durch Personalmangel und Digitalisierung zu mehr psychischen Belastungen führen – Probleme, die sich kaum durch finanzielle Anreize lösen lassen.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Arbeitnehmer haben in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für bis zu sechs Wochen. In dieser Zeit darf der Lohn wegen Krankheit nicht gekürzt werden. Dennoch sind Anwesenheitsprämien rechtlich zulässig.

Einen gesetzlichen Anspruch auf derartige Prämien gäbe es nicht, erklärte Rechtsanwältin Nicole Mutschke und weiter, das eine explizite arbeitsvertragliche Regelung erforderlich sei. Alternativ können sich Ansprüche auch aus Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen ergeben – wie bei der Hamburger Hochbahn, wo die Prämie fest im Tarifvertrag verankert ist.

Gesundheitsmanagement statt Prämiensystem

Die Zukunft dürfte weniger in einfachen Prämiensystemen liegen als in ganzheitlichen Gesundheitskonzepten. Unternehmen wie Daimler setzen bereits verstärkt auf präventive Maßnahmen: kostenlose Grippeschutzimpfungen, Gesundheitschecks, Rückenprogramme und Coachings. Diese Ansätze bekämpfen nicht nur Symptome, sondern adressieren die Ursachen von Krankheiten.

Langfristig werden Unternehmen um eine tiefgreifende Transformation ihrer Arbeitskultur nicht herumkommen. Statt Anwesenheit zu belohnen oder Abwesenheit zu bestrafen, sollten sie gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen schaffen. Flexiblere Arbeitsmodelle, bessere Work-Life-Balance und psychologische Unterstützung könnten mehr bewirken als finanzielle Anreize. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, kranke Mitarbeiter zur Arbeit zu locken, sondern zu verhindern, dass sie überhaupt krank werden.

Quellen: Bild, Manager Magazin

Portrait Business Punk Redaktion

Business Punk Redaktion

Hier schreibt die Business-Punk-Redaktion. Mal er, mal sie, mal gar keiner. Ach und kauft unser Heft! Danke.