Green & Generation Eisen-Luft-Batterie gegen Dunkelflaute: Europas größte Rostbatterie kommt

Eisen-Luft-Batterie gegen Dunkelflaute: Europas größte Rostbatterie kommt

Budget Thuis bestellt beim Amsterdamer Start-up Ore Energy 1 GWh Eisen-Luft-Speicher. Die Rostbatterie soll ab 2028 mehrtägige Dunkelflauten überbrücken – günstiger als Lithium, langsamer als Wasserstoff.

Während Deutschland 433 Mio. Euro für abgeregelten Ökostrom verbrennt, setzt ein niederländischer Versorger auf eine Batterie, die rostet.

Budget Thuis ordert beim Amsterdamer Start-up Ore Energy 1 GWh Eisen-Luft-Speicherkapazität, der größte Auftrag dieser Art auf dem europäischen Festland. Die erste Ausbaustufe mit 400 MWh soll 2028 ans Netz gehen und zeigt: Die Energiewende braucht mehr als Lithium-Akkus und Wasserstoff-Träume.

Warum Lithium bei Dunkelflauten versagt

Mehrtägige Windflauten und bewölkter Himmel treffen Deutschland mehrfach jährlich, teils über zehn Tage. Lithium-Batterien können diese Lücken nicht wirtschaftlich schließen. Zu teuer, zu kurze Speicherdauer.

Die Bundesregierung setzt deshalb auf wasserstofffähige Gaskraftwerke. Ore Energy will diese Lücke anders füllen: mit Eisen, Wasser und Luft statt seltenen Rohstoffen. Die 400 MWh der ersten Ausbaustufe entsprechen dem Tagesbedarf von 40.000 Haushalten. Schweigen beide Seiten aus.

Kontrolliertes Rosten als Geschäftsmodell

Das Prinzip der Eisen-Luft-Batterie ist simpel: Beim Entladen reagiert Eisen mit Sauerstoff zu Rost und gibt Strom ab. Beim Laden wandelt zugeführter Strom den Rost zurück in metallisches Eisen. Kein Lithium, kein Kobalt, nicht brennbar. Der Haken: Ein Zyklus dauert bis zu 100 Stunden statt weniger Stunden wie bei Lithium. Doch genau das macht die Technologie für Langzeitspeicherung interessant. Ore Energy packt die Zellen in standardisierte 40-Fuß-Container, konfigurierbar für Speicherdauern zwischen 24 und 100 Stunden.

Budget Thuis sieht darin einen strategischen Vorteil. Die Kostenstruktur passe zur mehrtägigen Speicherung, erklärt Unternehmenschefin Annemarie Buitelaar. Überschüssiger Ökostrom aus Hellbrisen lasse sich einlagern und abgeben, wenn er wertvoll wird. Ore-Energy-Chef Aytaç Yilmaz sieht den Auftrag als Wendepunkt: vom Pilotprojekt zur kommerziellen Nutzung. Seine Vision: Eisen-Luft werde für Windkraft so wichtig wie Lithium-Ionen für Solar.

Drei Technologien, drei Zeitskalen

Die Speicherlücke ist real und kostet. 2025 regelte Deutschland laut Bundesnetzagentur 9,4 TWh sauberen Strom ab – das Netz konnte ihn nicht aufnehmen. Entschädigungskosten: rund 433 Mio. Lithium deckt Stunden ab, Eisen-Luft Tage, Wasserstoff Wochen bis Monate. Jede Technologie hat ihre Zeitskala, keine verdrängt die andere komplett. Ore Energy steht nicht allein.

Die Redox-Flow-Batterie speichert Energie in flüssigen Elektrolyten und ist ebenfalls nicht brennbar. Das Frankfurter Start-up CMBlue erreichte nach einer Finanzierungsrunde eine Bewertung von über 1 Mrd. Euro und testet mit Uniper. In der Schweiz plant CMBlue bis 2029 die mit 1,6 GWh größte Flussbatterie der Welt. Kommerziell liegt Flow teils vor Eisen-Luft.

Rost gegen Wasserstoff

Im direkten Vergleich punktet die Rostbatterie beim Wirkungsgrad für mehrtägige Speicherung. Wer Strom in Wasserstoff umwandelt, speichert und wieder verstromt, verliert mehr Energie. Wasserstoff behält trotzdem zwei Trümpfe: Er lässt sich über Wochen und Monate lagern und dient zugleich als Rohstoff für Industrie und Verkehr. Die Antwort lautet deshalb: Arbeitsteilung statt Konkurrenz. Eisen-Luft für kürzere Dunkelflauten, Wasserstoff für längere.

Ore Energy hat die Pilotphase hinter sich. Im Februar meldete das Start-up den Abschluss eines EU-geförderten Projekts beim französischen Versorger EDF – der erste Eisen-Luft-Langzeitspeicher-Pilot in Europa. Von August bis November 2025 bewies das System, dass es über vier Tage Energie speichern und abgeben kann. Zuvor testete Ore Energy in Delft die Netzintegration. Mit Budget Thuis folgt nun der erste kommerzielle Großauftrag.

Business Punk Check

Ore Energy kassiert den größten Eisen-Luft-Auftrag Europas – und trotzdem bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Was kostet der Spaß? Budget Thuis und Ore Energy schweigen zu den Kosten, obwohl genau das über Erfolg oder Flop entscheidet. Ohne Preistransparenz bleibt unklar, ob die Rostbatterie wirklich günstiger als Lithium speichert oder nur ein teures Nischensystem für Versorger mit Nachhaltigkeits-PR-Bedarf wird. Die Technologie funktioniert – das zeigen die Pilotprojekte bei EDF und in Delft. Aber zwischen funktionierendem Prototyp und wirtschaftlich skalierbarem Produkt liegen Welten. CMBlue mit seiner Redox-Flow-Batterie ist kommerziell weiter und erreichte eine Milliarden-Bewertung.

Ore Energy muss jetzt beweisen, dass Eisen-Luft nicht nur technisch überzeugt, sondern auch rechnerisch gegen etablierte Alternativen besteht. Die Arbeitsteilung zwischen Lithium, Eisen-Luft und Wasserstoff klingt elegant – doch die Realität ist härter. Wer investiert in drei parallele Speichersysteme, wenn eines davon die anderen kannibalisiert? Energieversorger brauchen klare Business Cases, keine Technologie-Romantik. Solange Ore Energy die Kostenstruktur verschweigt, bleibt die Rostbatterie ein interessantes Experiment statt einer echten Marktlösung. Die 1 GWh-Bestellung ist ein Anfang – aber kein Beweis für Durchbruch.

Quellen: Ingenieur, Golem

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