Green & Generation Wie eine neue Generation von Sensoren Umwelt und Leben schützt

Wie eine neue Generation von Sensoren Umwelt und Leben schützt

Brände, Industrieunfälle, schlechte Luft in Städten – viele der Sicherheitsrisiken, die durch den Klimawandel und die zunehmende Umweltbelastung verschärft werden, haben eine gemeinsame Schwachstelle: Sie werden zu spät erkannt. Eine neue Generation von Gassensoren, klein wie eine Briefmarke und erstmals vollautomatisch produzierbar, könnte das ändern – und damit eine Technologie in die Breite bringen, die bisher nur in Laboren und Industrieanlagen existierte.

Früherkennung wird in einer komplexen und zunehmend belasteten Umwelt immer wichtiger und der Schlüssel dafür liegt in der Luft. Viele Brände, Lecks oder Schadstoffbelastungen verändern die Zusammensetzung von Gasen lange bevor Menschen etwas bemerken – die Technologie für eine einfache und günstige Früherkennung fehlte: zu groß, zu teuer, zu wartungsintensiv. Dabei leben wir bereits im Zeitalter der allgegenwärtigen Sensorik. Unsere Uhren messen den Puls. Unsere Autos erkennen Fußgänger. Aber ausgerechnet die Luft – in Wäldern, Fabriken und Städten – ist bis heute weitgehend unüberwacht.

Viele Sensoren, die das ändern könnten, sind allerdings technologisch veraltet – sie stammen zum Teil noch aus den Achtzigern. Konkret: Im Inneren eines klassischen elektrochemischen Gassensors wird seit rund 40 Jahren Elektrolyt eingesetzt. Luft trifft auf die Flüssigkeit, eine chemische Reaktion entsteht, ein Signal wird ausgelesen. Das war eine elegante Lösung. Heute ist es ein Relikt – funktional, aber ungefähr so zeitgemäß wie eine Telefonzelle auf dem Marktplatz. Denn Flüssigkeiten können auslaufen und brauchen Platz: Das macht die Sensoren schwer, sperrig und fehleranfällig. Und: bis heute werden sie von Hand gefertigt, Stück für Stück.

Kleiner als eine Briefmarke. Größer als viele Industrieinnovationen.

Die meisten technologischen Durchbrüche kommen mit großem Aufwand daher. Doch der folgende hier misst gerade einmal einen Zentimeter.

„Wir haben die Flüssigkeit weggelassen“, sagt Peter Koller, Geschäftsführer von EC-Sense. Was zunächst nach einer simplen Produktoptimierung klingt, ist das Ergebnis jahrelanger Forschungs- und Entwicklungsarbeit des Unternehmens. Entstanden ist ein Gassensor, der nur einen Millimeter dick ist, dabei aber mehr als 100 verschiedene Gase erkennen kann. Von Sauerstoff und Ammoniak bis hin zu Wasserstoff.

Der eigentliche Gamechanger steckt jedoch im Inneren des Sensors. Anders als herkömmliche Systeme benötigt er keine externe Energieversorgung, sondern arbeitet wie eine winzige Brennstoffzelle. Der Sensor erzeugt seinen Strom selbst.

Das eröffnet völlig neue Einsatzmöglichkeiten. Anwendungen, die bislang an Energieversorgung oder Wartungsaufwand scheiterten, werden plötzlich wirtschaftlich. Sensoren können dauerhaft dort messen, wo bisher keine Infrastruktur vorhanden ist: auf Feldern, in Wäldern, in Industrieanlagen oder in der Tierhaltung.

Für Unternehmen bedeutet das mehr als nur eine technische Verbesserung. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Sensorik. Weniger Energieverbrauch, geringere Betriebskosten und völlig neue Anwendungsfelder treffen auf eine Technologie, die kaum größer ist als eine Briefmarke.

Manchmal beginnt die nächste industrielle Revolution eben im Millimeterbereich.

Wenn Sensoren Leben retten

„Gasdetektion klingt nach Industriehalle und Schutzhelm“, erläutert Koller. „Tatsächlich aber wird sie zu einer Basistechnologie für Prävention, überall dort, wo Risiken unsichtbar sind, bis es zu spät ist.“ Der Experte weiß, wovon er spricht: Denn EC-Sense gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet miniaturisierter elektrochemischer Gassensoren. Koller: „Fast täglich erreichen uns Anfragen aus Anwendungsfeldern, an die wir selbst nicht gedacht hätten.“

In den USA, wo in manchen Staaten die Feuersaison inzwischen fast das ganze Jahr dauert, werden kleine Sensoren an Bäumen befestigt, etwa fünf Meter über dem Boden. Sie bilden ein Netzwerk, das Schwelbrände erkennt, bevor sie sich zu offenen Bränden entwickeln. Schlägt der Sensor an, fliegen Löschdrohnen los. Sie werden in Roboterhunde integriert, die Industrieanlagen inspizieren, sodass Menschen sich nicht mehr in Gefahr begeben müssen. Sie kommen in Arbeitshandys mit integrierter Gasdetektion zum Einsatz – für Bergleute und Ölarbeiter. In KI-gestützten Überwachungssystemen für kritische Infrastruktur. Und auf der ISS: „Unsere Sensoren von EC-Sense wurden mit einer Rakete ins All geschossen, für die Sauerstoffüberwachung auf der Internationalen Raumstation“, erläutert Koller.

Warum der Markt noch zögert

Doch: Der Markt für sicherheitsrelevante Sensorik ist konservativ. Zu Recht. Wer Geräte baut, die zertifiziert sein müssen, jahrelang in Industrieanlagen laufen sollen und im Ernstfall Leben schützen, wechselt nicht leichtfertig die Technologie.

Aber die Dynamik verschiebt sich. Die großen Player beobachten, was nahe München passiert. Einige versuchen, ihre flüssigen Sensoren in kleinere Gehäuse zu zwingen. Was sie dabei übersehen: Die Eigenschaften der Flüssigkeit verändern sich nicht, wenn man weniger davon nimmt. Adaptiert jedoch ein großer Player die Festpolymer-Technologie, hat sie den Durchbruch geschafft. Dann hat der Markt entschieden.

Das Rennen hat begonnen

Gassensorik ist kein glamouröses Business. Keine Keynotes, kein Hype, keine Milliardenbewertungen nach drei Jahren. Und trotzdem: Sie entwickelt sich zu einem der strategisch wichtigsten Felder der nächsten Dekade – überall dort, wo Prävention billiger ist als die Folgen einer Katastrophe, wo Menschenleben davon abhängen, dass ein Signal früh genug kommt.

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