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„Bei uns werden täglich bis zu 10.000 neue Fragen gestellt“ – Philipp Montgelas, CEO von gutefrage.net

gutefrage Philipp Graf Montgelas
Magnus Glans
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit6 Min · 1.241 Wörter

Schnelle Zeitreise in die Vergangenheit: Was ereignete sich im Jahr 2006? Die Fußball-WM fand in Deutschland statt, die Spielekonsole Nintendo Wii kam auf den Markt und die Plattform gutefrage.net wurde veröffentlicht. Seit 15 Jahren stellen Nutzer:innen dort Fragen und bekommen Antworten. Egal, wie spezifisch und ausgefallen – es gibt immer jemanden, der bereits das gleiche Problem hatte.

Die Plattform hat den Ruf sich zwischen hilfreich und trashig zu bewegen. Wir haben mit Philipp Montgelas, CEO von gutefrage, gesprochen. Im Interview erzählt er, warum die Plattform nach 15 Jahren noch erfolgreich ist, wie sie sich in Zukunft entwickeln soll und ob es dumme Fragen gibt. Und zuguterletzt haben wir selbst eine gute Frage auf gutefrage.net gestellt.

Philipp, suchst du manchmal selbst Rat auf gutefrage?

Das tue ich tatsächlich. Als Vater von drei Kindern bekomme ich viele Fragen gestellt. Aus Spaß schauen wir dann gemeinsam auf gutefrage, ob es eine passende Antwort gibt.

Es ist großartig, wie schnell es geht und welche kreativen Antworten man auf vermeintlich absurde Fragen lesen kann. Meistens stellt man fest, dass die Frage gar nicht absurd war. In der Coronazeit haben viele Kinder gutefrage zum Homeschooling genutzt. Morgens um acht ging es los mit dem Traffic (lacht).

Nutzen Menschen die Plattform auch für die Arbeit?

Es gibt auf gutefrage fünf bis sechs große Schwerpunkte. Ein Thema ist Computer und Technik, das zweite ist Schule und Weiterbildung. Gefolgt von Musik, Liebe und Beziehungen. Last but not least werden auch viele Fragen rund um das Thema Beruf gestellt.

Darunter: Berufsfindung, Gehalt, Berufsalltag und philosophische Metafragen wie „Welcher Beruf ist für mich der richtige und warum?“

Gutefrage gibt es seit 15 Jahren. Ganz schön lange für eine Plattform der Art – oder?

Absolut. Für mich als neuer CEO ist es sehr reizvoll bei gutefrage zu arbeiten und zu verstehen, weshalb die Plattform noch immer so beliebt ist. Und natürlich mit meinem Team dafür zu sorgen, dass das so bleibt. Yahoo Answers etwa wurde zuletzt international offline genommen.

Was sind denn die Stärken von gutefrage?

So eine Plattform wie gutefrage besteht aus drei wesentlichen Komponenten. Das eine ist die Community, das zweite ist die Qualität der Inhalte und das dritte die Skalierbarkeit der Plattform. Die Community ist über die letzten 15 Jahre gewachsen. Wir haben eine fünfstellige Anzahl von Heavy-Nutzer:innen, die tagtäglich auf gutefrage unterwegs sind.

Gutefrage hat nicht bei allen den Ruf qualitativ wertvoll zu sein. Was verstehst du unter Qualität?

Bei uns werden täglich bis zu 10.000 neue Fragen gestellt. Die werden mit bis zu 60.000 Kommentaren und Antworten versehen. Keine Frage, da gibt es auch qualitativ nicht so hochwertigen Content. Die Mehrheit besteht aber aus wichtigen und ernstgemeinten Fragen. Entweder zu klassischen Themen oder zu Trend-Themen, die Menschen bewegen. Der Rest wird durch unsere riesige Community mit Verstand und Humor moderiert.

Ist Humor also ein wichtiger Faktor?

Ich möchte es nicht überbewerten, aber natürlich braucht man auch manchmal ein bisschen Humor, wenn man sich auf Plattformen wie gutefrage bewegt. Aber am Ende spiegelt gutefrage gesellschaftliche Trends wider, meist schon bevor sie in der medialen Öffentlichkeit diskutiert werden.

Macht ihr dann auch Trendanalysen?

Wir haben die Trends. Wir können das täglich nachschauen und vergleichen. Was ist der Trend heute gegenüber vor einer Woche oder einem Monat? Da kommen viele interessante Insights raus.

Wir sehen quasi live, wenn ein Thema hochkocht. In der Zukunft wollen wir Trendanalysen auch externen Partner:innen anbieten.

Was macht den Reiz von gutefrage für Nutzer:innen aus?

Gutefrage ist für viele ein Hobby. Manchmal geht es in Richtung Helfersyndrom, wenn Nutzer:innen bereits hunderttausende von Antworten gegeben haben.

Außerdem ist die stetig wachsende Community für viele eine Art Zuhause im Internet. Zwei Nutzer:innen haben sich über gutefrage kennenglernt und sogar geheiratet.

Welche Nutzer:innen-Typen gibt es noch?

Wir haben eine klassische Nutzer-Pyramide. Die breite Masse ist passiv und sucht (ausgeloggt) zu eine Antwort auf eine bestimmte Frage. Die nächsten sind diejenigen, die sich einloggen und eine Antwort geben oder Fragen stellen. Und dann kommen die Heavy-Nutzer:innen und Spezialist:innen.

Spezialist:innen haben zu einem bestimmten Thema ein großes Wissen. Heavy-Nutzer:innen, haben ein sehr breites Wissen. Wir erreichen über gutefrage bis zu 30 Millionen Unique User im Monat. Nicht, dass alle eine Antwort schreiben oder eine Frage stellen, aber irgendwann im Monat ist fast jede:r Dritte:r Deutsche auf unserer Plattform.

Filtert ihr Fragen oder wird erstmal alles veröffentlicht?

Wir haben Community-Richtlinien. Gewisse Dinge lassen wir nicht zu. Stichwort: Hatespeech. Das ist bei der Masse an Fragen und Antworten nicht ganz einfach zu bewältigen.

Deswegen haben wir ein dreistufiges System. Im ersten Schritt nutzen wir einen technischen Filter. Der basiert auf künstlicher Intelligenz. Wir nennen das Pre-Moderation. Im zweiten Schritt bekommen das unsere Moderator:innen und unser fest angestelltes Community-Management.

Last but not least haben wir Heavy-Nutzer:innen, die wir auch kennen, mit zusätzlichen Rechten belegt, damit sie Inhalte filtern können, die nicht unseren Richtlinien entsprechen. Dafür machen sie einmal im Jahr eine Schulung bei uns.

Fasst ihr Fragen auch zusammen, um die Plattform zu strukturieren?

Im Moment ist es so, dass Nutzer:innen die Inhalte vertaggen. Wir arbeiten jedoch an „Themenwelten“. Da sollen Fragen und Antworten automatisch kategorisiert werden, damit Nutzer:innen auf der Webseite Interessen filtern können. Wir möchten die Masse an Inhalten einfacher und zukunftsgerechter darstellen. Allerdings: Die meisten Menschen kommen über Google direkt zur gewünschten Antwort auf der Plattform. 

Gute SEO, die ihr da habt.

SEO ist jetzt schon 15 Jahre erprobt und Teil unserer DNA. Nur auf SEO kann man sich heutzutage nicht mehr verlassen. Das ist Fluch und Segen gleichermaßen. Jede Seite, die überproportional viel Traffic über Google bezieht, hängt gewissermaßen davon ab. Deswegen ist die Weiterentwicklung für uns wichtig.

Philipp Montgelas, CEO gutefrage. ©gutefrage

Wohin soll sich gutefrage denn entwickeln?

Gutefrage ist 2006 als reine Frage-Antwort-Plattform gestartet. Heute ist gutefrage eine Community, die viel diskutiert. Das wollen wir inhaltlich wie technisch weiter ausbauen.

Wir haben unser KI-Team schon verstärkt und die Produktentwicklung wird ebenfalls ausgebaut. Unser Kern-Feature bleibt das Frage-Antwort-Verhältnis. Ebenfalls die Textform. Wir überlegen aber, wie wir Bilder, Video und Audio geschickt miteinfließen lassen können.

Ab Herbst haben wir auch ein kleines Marketing-Team. Dann werden wir mehr auf Social Media machen. Wir glauben, dass diese Plattformen, sei es Facebook, Instagram oder Tiktok, gut für uns geeignet sind.

Wie finanziert sich gutefrage?

Wir sind zu 100 Prozent werbevermarktet, durch unseren eigenen Programmatic Vermarkter highfivve. Primär im Logged-Out-Bereich. Da gibt es verschiedene Werbeplatzierungen. Dadurch, dass es inhaltlich bei uns alles gibt, sind wir für Vermarkter:innen dementsprechend interessant. Im Logged-In-Bereich sind wir mit Werbeplatzierungen eher zurückhaltend.

Philipp, zum Abschluss: Gibt es dumme Fragen?

Bei 10.000 Fragen am Tag, sind darunter auch vermeintlich dumme Fragen und auch Antworten dabei. Für jeden ist aber etwas Anderes relevant.

Dann hau ich mal raus: Was mache ich, wenn meine Kolleg:innen ihr Geschirr nicht spülen?

Das ist ja ein riesen Thema. Ich bin seit 25 Jahren im Berufsleben. Ich habe schon alles gesehen und große Streite erlebt. Dafür gibt es keine perfekte Lösung. Schilder als Reminder können eine Lösung sein, funktionieren aber auch nicht immer. Mein Learning ist, dass man die Diskussion darum am besten nicht zu groß werden lässt.

Portrait Nicole Plich

Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.