Haarsträubendes Wachstum: Wie ein Friseur die Branche neu denkt
Das Allgäu, bekannt für saftig grüne Wiesen, Berge und Kühe – das alles auf einmal, und zwar so weit das Auge reicht. Überall? Nein, nicht überall, denn mitten in der Bilderbuchidylle befindet sich die Metropole Kempten. Immerhin knapp über 70 000 Menschen nennen die City ihr Zuhause.
Und wo Menschen leben, wollen Haare geschnitten werden. In Kemptens Fall sind es laut den Gelben Seiten – die gibt’s wirklich noch – über 60 Friseursalons. Und drei davon tragen den Namen „Bei Freunden“, geführt von Christoph Filser. Der hat sich nicht weniger auf die Fahne geschrieben, als damit die gesamte Friseurbranche auf den Kopf zu stellen – und zwar mit einem schlauen und ehrgeizigen Digitalkonzept.
Dazu gehört, dass Filser unter dem Account Beifreunden mittlerweile fast 10.000 Abonnenten auf Instagram hat und auf Tiktok unterwegs ist. Zudem baut er eine interne digitale Plattform für Wissen rund um den Friseurberuf auf und aus. Dann sind da noch Live-Coachings mit anderen Friseur:innen, die dem Team in Eventform neue Techniken vermitteln.
Und apropos Event: Society-Gatherings, die die interessantesten Menschen zum Sundowner zusammenbringen sollen – der Barbier war schon immer ein gewichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens einer Stadt. Filser sagt: „Es hat mich total gestresst, mich für meine Berufswahl entschuldigen zu müssen. Deshalb habe ich es zu meiner Aufgabe gemacht, dass sich irgendwann kein Mensch mehr dafür rechtfertigen muss, Friseur zu werden“, beschreibt Filser seine Mission, seinem Beruf, nun, einen neuen Schnitt verpassen zu wollen.

Der Allgäuer entschied sich nach seinem Fachabitur für eine Lehre als Friseur. Sein selbst erklärtes Ziel war es schon damals, den Friseurberuf zu veredeln. Hamburg, Berlin, Paris – überall gibt es Starfriseur:innen, alle beliebt und gefragt. Aber in Oberbayern eine Friseurlehre zu beginnen verspricht vielleicht, dass man ordentlich sein Handwerk erlernt. Einen Glamourfaktor konnte man allerdings nicht unbedingt erwarten. Also machte er sich ans Werk.
Gemeinsam mit den beiden Chefs des Kemptener Friseursalons, für den Filser erst einmal sechs Jahre lang frisiert und das Marketing betreut hat, gründet er als 30-Jähriger die Höpfer & Filser GmbH. Das klingt natürlich nicht nach weiter Welt, urbanem Lifestyle oder auch nach nur irgendwas, was man anderen beim Negroni zuraunt.
Kund:innen werden zu Freund:innen
Filser überlegte. Weil seine Kund:innen mit der Zeit im Regelfall auch zu Freund:innen wurden, wurde der Name Bei Freunden für den eigenen Salon schnell gefunden. Daraus leitete sich dann der gesamte Auftritt ab, Einrichtung, Umgangston, Vermittlung von Skills. Das Flair der Läden soll an das eigene Wohnzimmer erinnern.
Gerade das Thema Talentgewinnung treibt Filser um: Schulungen im Wert von 50.000 Euro netto absolvierte das Team 2021. Laut Gründer soll dieser Betrag runtergerechnet pro Kopf in der Branche Jahresrekord sein. Und er sagt: „Ich finde schneller einen neuen Kunden als einen kompetenten Mitarbeiter.“
Das führt dann auch dazu, dass für Azubi:nen eigens WGs angemietet werden und jede:r im Team ein Tablet mit Zugang zum Intranet bekommt – so soll gewährleistet werden, dass alle auf demselben Kenntnisstand zu Infos rund um die Salons sind. Und genau dieses Intranet ist das Kernstück des Unternehmens.
Als Chef heute werde ich natürlich viel mehr akzeptiert als als männlicher Friseur-Azubi
Christoph Filser
Damit hat man von überall aus Zugriff auf individuelle Informationen zu allen Salons. Filser hat ein ganzes Bei-Freunden-Wiki angelegt, bis runter, wie die Siebträgermaschinen fachgerecht bedient werden. How-to-Friseurwesen 2022. (Und die Siebträgermaschinen werden bitte mit den hauseigenen Bohnen aus eigener Röstung befüllt, danke.)
Im neuesten Salon in der untersten Etage eines Modehauses in Kempten serviert Filser seinen Kund:innen neben Kaffee auch klassische Cocktails wie Gin Tonic oder Negroni an der Bar. Filser holte für die Personalschulung extra einen Bartender ran, damit sich niemand über einen amateurhaft zubereiteten Drink beschweren muss.
Die Großstadt in die Kleinstadt holen
Filser ist ein interessanter Prototyp einer jungen Gattung Unternehmer:innen, die sich der Werkzeuge der großen Stadt bedienen, um in einer kleineren Metropolregion richtig zu glänzen. Vernetzung ist Key – die funktioniert einerseits natürlich in der Stadt selbst, wo er es geschafft hat, sich ein zentrales Standing aufzubauen. Dank bester Kontakte kann er auf die Einrichtung für neue Salons zurückgreifen oder schafft es tatsächlich, eine eigene Kaffeebohnensorte ranzuschaffen.
Andererseits läuft das auch alles bestens dezentral ab, Social Media sei dank. Wachsen, größer werden, über die eigene Region hinaus bekannt und wahrgenommen werden funktionieren, wenn man wie Filser konsequent auf die Tools der Gegenwart setzt. Auf dem eigenen Youtube-Kanal sieht man überraschend hochwertig produzierte Videos. Auch wenn die Views noch etwas hinken, wer sich als Bewerber:in einen ersten Eindruck verschaffen will, sieht hier einen digital aufgestellten und unpeinlichen Arbeitgeber.
Auch die Sache mit dem Intranet ist eine gute Anekdote. Das hat er von einem Hotelier übernommen, den er – Achtung, 2021-Flashback – in einem Talk auf der Audio-App Clubhouse kennenlernte. Filser legt zudem immer wieder das Geschäftskonto offen, um die Kostenstruktur für alle im Team verständlich zu machen – was für die radikalen New-Work-Vordenker von Einhorn 2017 schon funktionierte, warum soll das nicht auch im Alpenvorland taugen?

„Mein Traum wäre ja, System-Friseursalons mit unfassbar hohem Niveau in ganz Deutschland zu eröffnen“, sagt Filser, was schwieriger ist als in der Gastronomie. „Es hängt beim Friseur viel mehr vom Menschen ab.“ Doch zumindest der nächste Salon soll in der Großstadt eröffnet werden: „Wenn man sieht, welcher Friseur in Deutschland berühmt wurde, lag das oft leider nicht an den betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten. Sondern einzig daran, dass die Kundschaft prominent ist. Und die gibt es nur in Großstädten.“
Filser schafft es immerhin trotzdem schon jetzt, CEOs und Selbstständige aus der Region in die Läden zu holen. So kommt er an den Wohnraum für die nächsten Azubi:nen-WGs, an die Kaffeebohnen und die Einrichtung. Das nötige Mindset ist vorhanden.
Filser ist dabei bestimmt nicht der einzige Friseur in Deutschland, der seine Branche neu denkt und den Wert des richtigen Networkings versteht. Er sieht auch für sich selber den Weg nach vorn und oben: „Als Chef heute werde ich natürlich viel mehr akzeptiert als als männlicher Friseur-Azubi.“
Es ist reizvoll, den Weg zu verfolgen. War es noch vor ein paar Jahren unabdingbar, nach Berlin oder München zu gehen und aus einer Digitalkarriere heraus eine bestehende Branche neu zu denken, zeigt Filser, dass es auch anders gehen kann: die Disruption von der Basis aus – und zwar im leicht Verborgenen. Schaut man sich die letzten Monate von Filser an, hat man den Eindruck, als würde man jemanden beim Sich-Warmlaufen beobachten. Sicher ist: Beim nächsten Move schauen sehr viel mehr Leute hin.

Dies ist ein Text aus unserer Ausgabe 1/2022: In unserem Dossier beschäftigen wir uns mit dem Comeback des luxuriösen Lifestyles: reisen, speisen, residieren. Wir haben außerdem die Königsklasse der Fin-Meme-Bubble Papas Kreditkarte und Hedgefonds Henning zum Doppelinterview getroffen. Und mit Sony Musics GSA-CEO über seine Wurzeln gesprochen, über Dante Alighieri und darüber was ein Plattenlabel ausmacht, wenn es gar keine Platten mehr gibt. Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.