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Habibi: “Wir wollen die arabische Schrift von ihren Vorurteilen befreien“

Habibi: “Wir wollen die arabische Schrift von ihren Vorurteilen befreien“
Habibi
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit8 Min · 1.616 Wörter

Wie kam euch die Idee zu Habibi? Wie hat das alles angefangen?

Imad: Wir hatten in der Familienagentur im Jahr 2016 eine neue Stickmaschine bekommen und ich wollte mich da ein wenig rantasten. Dann habe ich „Almania“ auf ein Shirt gestickt, also „Deutschland“ auf Arabisch. Ich fand das cool und dachte, wenn ich das bei Instagram poste, wird das Bild viral gehen. Für mich hatte die arabische Schrift eine gewisse Ästhetik und ich wollte damit unbedingt etwas designen.

Und wie kam dann die Idee, „Habibi“ statt „Almania“ auf Shirts zu sticken?

Imad: Ein paar Monate nach dem ersten Versuch hatte mein bester Kumpel Thore Geburtstag. Ihm wollte ich ein Geschenk mit einem arabischen Schriftzug machen und das war dann „Habibi“. Weil er für mich eben einer ist.

Dann habe ich das auf einen Hoodie gestickt und ihm geschenkt. Irgendwann kam er auf mich zu und sagte: „Ey, Imad ich werde richtig häufig darauf angesprochen. Positiv, wie auch negativ.“ Das war dann der Moment, wo es bei mir Klick gemacht hat. Da kam die Idee und der Entschluss, dass ich Habibi als Brand aufbauen will.

Wie ging das dann weiter? Und wann ist Jessy dazu gekommen?

Imad: Ich habe einen Instagram-Account eröffnet und unregelmäßig Bilder gepostet. So hat das in den ersten Kreisen Aufmerksamkeit generiert. Letztes Jahr im Mai habe ich dann bei einem Shooting für Habibi Jessy kennengelernt. Wir waren dann ein paarmal gemeinsam etwas Essen. Da kam Jessy zu mir und sagte: Hey Imad, ich habe davon geträumt, dass wir Habibi-Sticker bei dem Fotografen Pascal Kerouche an die Laterne vor seinem Büro kleben.

Jessy: Es gab ja so eine Phase, wo er dauernd diese Laterne in seiner Story gefilmt hat. Das war eine Laterne, an der war erst ein Sticker, dann zwei und so nach dem fünften Sticker habe ich das Imad erzählt und meinte zu ihm: Eigentlich wäre es geil, wenn wir da Habibi-Sticker hin kleben.

Imad: Eine Woche später haben wir uns nochmal getroffen. Da hatte ich dann die Sticker mit. Dann sind wir zu dieser Laterne gelaufen und haben die vollgeklebt. Pascal hat es dann auch immer gefilmt, aber nie kommentiert, weil er es nicht lesen konnte. Später in dem Jahr 2018 haben wir die ersten richtigen Kampagnen für 2019 geplant.

(Credits: Habibi)

Was für Kampagnen waren das?

Imad: Wir brauchten in wenigen Sätzen, worum es sich bei Habibi handelt.

 Jessy: Ich habe erst einmal unser Manifest geschrieben. Das war das erste Mal, dass wir schwarz auf weiß hatten, für was die Marke überhaupt steht. Es geht weder um Politik, es geht nicht um Religion, sondern es geht darum, dass Leute Vorurteile gegenüber der arabischen Schrift haben.

Imad: Weltoffenheit. Das ist so das Stichwort. Wir wollen, dass die Leute vom Mindset her weltoffen sind. Nicht gleich alles stigmatisieren.

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Wie habt ihr die Marke dann weiter aufgebaut?

Jessy: Da wir beide aus der Kreation sind, haben wir natürlich Spaß daran, zu fotografieren und unsere Ideen in den Instagram-Account zu stecken. Also haben wir einen Feed gebaut, der sich von anderen Accounts unterscheidet.

Imad: Wir haben uns voll auf das Medium Instagram fokussiert. Im Februar haben wir die erste große Investition getätigt, um unseren Webshop aufzubauen. Weil wir natürlich auch einen Verkaufspunkt brauchten.

Wie habt ihr die Leute auf euren Account und euren Webshop aufmerksam gemacht?

Jessy: Ich habe im April ein Praktikum in New York gemacht und hatte viel Zeit und Internet im Flieger. Dann habe ich einfach Pascal geschrieben. Ich dachte sowieso nicht, dass er antworten wird. Er hatte aber sofort zurückgeschrieben, weil er auch einen Hoodie wollte. Imad hat sich dann zwei bis drei Wochen später mit ihm getroffen.

Imad: Ich habe eine Holzkiste mit meinem Papa gebaut und wir haben ihm die bestickten Klamotten da reingepackt. Dann bin ich zu ihm gegangen und habe ihm die komplette Story erzählt. Am nächsten Tag hat er zehn Storys von der Box gemacht.

Das hatte einen Riesen-Impact. Wir hatten innerhalb von 48 Stunden hunderte Bestellungen und unsere Followerzahl hat sich verdreifacht.

Ich glaube auch, dass eure Message sehr entscheidend ist. Dadurch können sich Leute mit eurer Marke identifizieren und möchten euch helfen, die Message zu verbreiten.

Jessy: Was bei uns noch dazu kommt ist, dass Leute, die unsere Shirts und Pullis tragen, auch häufig angesprochen werden. Daraus entsteht dann ein Dialog und dann redet man nochmal über die Marke und Message. Was uns auch am wichtigsten ist.

Könnt ihr erzählen, was eure Kunden und ihr für Erfahrungen mit den Klamotten gemacht haben?

Imad: Ich bin mal durch die Hamburger Schanze gelaufen und hatte auch ein Habibi an. Da kam dann ein Typ auf mich zu und hat mich angeschrien: „Hey du scheiß Türke, raus aus meinem Land.“ Das war echt heavy. Aber man hat natürlich auch viele positive Rückmeldungen. Das ist das Motivierende daran.

Jessy: Hier haben wir zum Beispiel eine sehr süße Nachricht eines Kunden: „Ich wohne seit sieben Jahren am gleichen Ort und habe nie mit meinem Nachbarn geredet. Als ich dann eines Tages Habibi getragen habe, hat mich mein Nachbar angesprochen und meinte: Oh, Habibi. Dadurch sind wir ins Gespräch gekommen und seitdem grillen wir jeden Sonntag gemeinsam.“

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Wo produziert ihr denn eure Shirts und Sweater? Und wie kommt der Habibi-Schriftzug drauf?

Imad: Wir bekommen die Rohlinge von unserem Lieferanten, mit dem meine Familienagentur auch schon jahrelang zusammenarbeitet. Bevor wir uns auf ein Produkt eingelassen haben, haben wir natürlich verschiedene Rohlinge ausprobiert, damit wir wirklich eine gute Qualität liefern können.

Sobald wir die dann bei uns in der Firma haben, werden die bestickt. Wir haben zurzeit zwei Stickmaschinen, eine Dritte ist grade auf dem Weg.

Online gibt es die Möglichkeit sein Shirt individuell zu gestalten. Produziert ihr nur auf Bestellung?

Imad: Genau, alle Habibi-Produkte werden individuell angefertigt. Das bedeutet: Wenn du einen Hoodie in blau mit rotem Stick bestellst, bestellen wir das erst bei unserem Lieferanten. Damit sparen wir auch CO2-Emissionen.

Jessy: Was wir in letzter Zeit auch testen, sind Organic-Cotton-Produkte. Das ist aber sehr schwierig. Wir haben gestern wieder drei T-Shirts bekommen und sie in der Agentur angeguckt. Das eine T-Shirt ist beim Besticken sofort gerissen.

Uns ist es auch wichtig, später eine Vorzeige-Kleidungsmarke zu sein. Wir wollen nicht nur digital als Marke gut aufgestellt sein und uns auf die gute Qualität unserer Produkte berufen, sondern zukünftig auch Nachhaltigkeit bieten.

Hattet ihr wegen des arabischen Schriftzugs schon Probleme, eure Produkte auf Instagram zu bewerben?

Jessy: Ja, da hast du einen wunden Punkt getroffen. Imad hatte zum Beispiel damals, als Amerika die Reiseverbote für sieben arabische Länder verhängt hat, eine Maga-Cap in arabischem Schriftzug entworfen.

Das heißt, da stand „Make America great again“ auf Arabisch drauf. Und das konnten wir auf Instagram nicht bewerben. Oftmals werden auch Fotos bei Instagram zensiert, die wir von Fans bekommen.

(Credits: Svenja Trierscheid)

Ihr habt auf eurer Webseite geschrieben, dass die Medien mit dafür verantwortlich sind, dass arabische Schriftzüge negativ konnotiert sind. Was sollte sich da eurer Meinung nach ändern?

Jessy: Ich glaube zum einen ist Repräsentation eine Sache, dass nicht nur eine gewisse Kultur in einem Kontext dargestellt wird. Aber schlussendlich liegt die meiste Verantwortung beim Leser.

Weil man von einer Massenmedien-Zeitung, die eben eine gewisse journalistische Berichterstattung nutzt, nicht verlangen kann, den Kontext völlig neu aufzuarbeiten. Ich glaube, der Leser muss einfach aufgeklärt werden, sich richtig informieren und hinterfragen.

Imad: Das ist auch das, wovon wir reden, das ist Weltoffenheit. Deswegen ist der Leser letztendlich auch unsere Zielgruppe. Wir wollen im Grunde den Leser ansprechen, so dass er bei arabischen Schriften nicht immer an etwas Negatives denkt.

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Habt ihr auch schon mal kritische Leute von Habibi überzeugen können?

Imad: Ja, ich war in einem Sneakerstore und hatte ein Habibi-Shirt an. Da habe ich auf den Verkäufer gewartet und er wusste das auch. Er hat dann aber dauernd andere Leute bedient, so dass ich zu ihm hingegangen bin und meinte, dass ich schon ein bisschen länger warte.

Daraufhin sagte er: „Oh, du kannst ja Deutsch.“ Da war ich ein bisschen geschockt und meinte: „Ja, klar kann ich Deutsch, aber ich habe eigentlich Fragen zu den Schuhen.“ Und der Verkäufer antwortete: „Mit so einem T-Shirt würde ich hier nicht rumlaufen, sonst denken alle, du bist ein Extremist.“ Ich habe ihm dann gesagt, dass da nur „Habibi“ steht. Er war dann auch von sich selbst überrascht. Ich habe richtig gemerkt, dass er sich geschämt hat.

Wie reagiert ihr auf solche Situationen?

Imad: Wir versuchen den Leuten immer zu sagen, dass das nicht schlimm ist. Wir wollen Negatives nicht mit Negativem bekämpfen. Wir wollen die Leute einfach aufklären.

(Credits: Habibi)

Was sind eure Zukunftspläne und Visionen für Habibi?

Jessy: Wir haben im August unser Manifest verfilmt. Wichtig zu wissen ist auch, dass der Film kein Fashion-Film ist, sondern unsere Message im Zentrum steht.

Imad: Genau, es ist einfach ein Kurzfilm mit unserer Message. Gleichzeitig zur Filmvorstellung im Studio 229 kommt am 07. November natürlich auch eine neue Kollektion raus. Unsere Vision ist es, durch die liebevolle Botschaft „Habibi“ einer vermeintlichen Bedrohlichkeit oder einem bestehenden Misstrauen entgegenzuwirken, welches arabische Schrift zum Teil in der Welt auslöst – durch Ideen, Designs und Kunst.

Michael Gnahm

Michael studiert Marketingkommunikation, weil er es mit klassischen Studiengängen wie Wirtschaftswissenschaften einfach nicht so hat. In den Journalismus ist er zufällig reingestolpert und mittlerweile voll in Love. In seiner Freizeit hört er gerne musikalische Kunstwerke aus dem Bereich des deutschen Sprechgesangs. Also komm ins Café, wir müssen reden!