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Harn mit Hirn: Wie Maj Puskaric aus Pipi Geld macht

Harn mit Hirn: Wie Maj Puskaric aus Pipi Geld macht
CleanU, Maj Puskaric
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit9 Min · 1.701 Wörter

Allein der Name: Eberdingen-Nussdorf. Irgendwo im Nichts, weit hinter Stuttgart, wo sich kleine Dörfer zwischen Weinberge kuscheln und die Obstfelder bis zum Horizont reichen. Dort steht am Ende der letzten Straße eines kleinen Örtchens ein unscheinbares Häuschen. Rustikal verputzte Wände im Erdgeschoss, holzverkleidetes Obergeschoss, große Garage. Kein Schild verrät, was sich hinter der Fassade verbirgt. Nicht der kleinste Hinweis auf den Irrsinn, der sich Bahn bricht, sobald Maj Puskaric die Haustür öffnet.

Zack! Drei vermummte, mit Konfettikanonen bewaffnete Gestalten stürzen heraus. Brüllen, als müssten sie ein Monster in die Flucht schlagen. „So begrüßen wir unsere Gäste immer“, sagt Puskaric, groß, schlank, weißer Anzug, im breitesten Schwäbisch. „Auch die Typen von der Bank.“ Puskaric, 40, ist eine Mischung aus baden-württembergischem Tüftler und Balkan-Zampano. Einerseits genialer Erfinder des künstlichen Urins und Chef eines global agierenden Unternehmens. Andererseits ein Typ, der mit Konfettikanonen auf Besucher ballert und als sein urinierendes Alter Ego „Captain Mittelstrahl“ im knallgelben Superheldenkostüm durch You-tube-Werbeclips hüpft. Rundgang durch die Firmenzentrale: Die ist im Grunde ein altes Bauernhaus, dessen Stall irgendwann zu einem Lagerraum umgebaut wurde. In den 90ern wurde das Ganze dann zu einem Vorstadttraum mit Veranda, großem Teich im Garten und lichtdurchflutetem Dachgeschoss gepimpt.

Puskarics Tour durch sein Reich hat ein bisschen was von den Szenen in „James Bond“-Filmen, indenen Q die neuesten Erfindungen vorführt. Plötzlich blubbert der Teich, als ob ein Schlammungeheuer von unfassbaren Ausmaßen erwachen würde. Auf der Veranda liegen Pfeile und Schießrohre. Puskaric schnappt sich ein Rohr und pustet, zack, zack, zack, drei Pfeile auf Luftballons, die an einer gut sieben Meter entfernten Holzwand befestigt sind. In der ehemaligen Garage lagert in Regalen der Quatschbedarf von Captain Mittelstrahl, fein säuberlich in Plastikwannen einsortiert. Davor härtet gerade eine neue Ladung Fake-Penisse aus. Zurück im Garten, springt schreiend eine Mitarbeiterin aus dem Gestrüpp, die sich, tja, als Gebüsch verkleidet hat. Das Kostüm kann man in Puskarics Webshop kaufen.

Stalin und Silikonpimmel

Je länger die Führung durch Puskarics Einfamilienhausfirma dauert, desto drängender stellt sich die Frage: Was, bitte, soll das? Ist das hier eine Art Arbeitsplatz gewordene Slacker-WG? Oder arbeitet in diesem Mini-Disneyland mit Pimmeln überhaupt jemand ernsthaft?

Schnelle Antwort: Ja. Das unscheinbare Haus in der schwäbischen Provinz ist Heimat von einer Handvoll Firmen. Erst einmal CleanU, der mit „leicht irre“ nur unzureichend beschriebene Onlineshop von Puskaric, über den er all den albernen Partykram, Drogentests, Fake-Penisse und den mit dreifach abhörsicherer Folie ausgestatteten Lederbeutel „Stalin“ vertickt. Der soll verhindern, dass die NSA, Apple oder wer auch immer mitverfolgt, wo man sich mit seinem Smartphone gerade aufhält. „Das haben mittlerweile auch drei Abgeordnete im Bundestag“, behauptet Puskaric. „Aber ich darf natürlich nicht sagen, wer.“ CleanU-Bestseller aber, Puskarics Meisterstück, ist künstlicher Urin.

Die Geschichte begann so: Der junge Maj Puskaric hatte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann fast beendet, war dann aber von der Eintönigkeit der Arbeit und den lieben, jedoch öden Mitarbeitern gelangweilt. Also absolvierte er eine zweite Ausbildung zum Elektriker. Und arbeitete anschließend als Steinmetz. Dann gründete Puskaric seine erste Firma, einen Partyveranstalter. Schmiss riesige Feiern auf dem Land und versenkte am Ende viel, viel Geld. Aber aufgeben? Nö. Seinem Steuerberater kündigte er großspurig an, er werde aus Scheiße Gold machen. Heute macht Puskaric tatsächlich fast genau das – Geld mit Fake-Urin.

ClenU
„Meine 13. Firma wird eine Milliarden-Idee. Gewaltig“ – Maj Puskaric

Puskaric sah den Bedarf, hatte von der Materie aber nicht die geringste Ahnung. „Ich habe ganz viele Chemiker gefragt, ob man synthetischen Urin herstellen kann, und alle haben gesagt: ,Nee, geht nicht.‘ Aber das war mir egal.“ In der heimischen Küche tüftelte er ein halbes Jahr an seiner fixen Idee herum, kippte immer und immer wieder übel riechende Versuche in den Abguss – bis keiner der marktüblichen Tests mehr den Unterschied zu echtem Urin erkennen konnte. Der Erfinder meldete absichtlich kein Patent an. „Dann müsste ich die Rezeptur offenlegen“, sagt er. „Da mach ich’s lieber wie Coca-Cola und halt die Zutaten geheim.“

Dann startete er, stellte eine Biochemikerin ein. Gemeinsam verbesserten sie die Rezeptur und begannen mit der Produktion. Naheliegendste Zielgruppe: Menschen, die in die Situation geraten, etwas vorpinkeln zu müssen, das aber aus guten Gründen, sprich: Schwangerschaft, Alkohol und Ähnliches, nicht wollen. Wirtschaftlich bedeutendere Kundengruppe: Labore und Entwicklungsabteilungen von Firmen, die Puskarics Produkt in der Lack-, Kunststoff- und Textilprüfung oder im Medizin- und Veterinärbereich einsetzen. Wer herausfinden muss, wie sein Produkt reagiert, wenn jemand daraufpinkelt, braucht standardisierten, lagerfähigen Urin.

Das Angebot von Puskarics zweiter Firma, dem seriösen, IHK-geprüften Unternehmen Synthetic -Urine, umfasst neben Urin-Imitat auch Nachahmungen von Morgenurin, Harngeruch sowie synthetischen Schweiß, künstlichen Speichel und allerlei Remakes tierischer Körpersäfte. Unter den Abnehmern finden sich Uhrenhersteller und Kunstausstellungen, Kunden aus dem Jagdbereich, Anbieter mobiler Toiletten, Apotheken und die Bundeswehr.


Mit dem durchgeknallten Antihelden Captain Mittelstrahl, der in seinem rot-gelben Ganzkörperkostüm „Möööf“ rufend über die Hanfparade springt und wahnwitzig schlechte Witze macht, hat Synthetic Urine außer der Firmenadresse nichts gemein. Auch wenn der sonst wenig zurückhaltende Puskaric damit nicht hausieren geht – hinter dem schrillen Kunstpipiversand verbirgt sich eine klassische schwäbische Erfolgsgeschichte. Doch zugleich scheint es, als diene der biedere Kunstharnhandel dem Chef vor allem dazu, seinen Captain-Mittelstrahl-Eskapismus zu ermöglichen. Und immer weiter zu treiben.

Waffe für die Unterhose

Auf den Fake-Urin folgte der Fake-Penis. Plausibler Schritt eigentlich: Wer vor aufmerksamen Augen synthetischen Urin abdrücken muss, braucht dafür schließlich auch ein passendes Gerät. Im Onlineshop heißt es in der Produktbezeichnung zum Screeny Weeny 5.0 schlicht: „Der Erfinder hatte das Ziel, den weltbesten und zuverlässigsten Fake-Penis auf den Markt zu bringen. Als Orientierung diente ihm die Kalaschnikow, die durch ihre hohe Zuverlässigkeit unter widrigsten Bedingungen berühmt wurde.“ Logisch.

Die AK-47 also im Geist, nahm Puskaric für das erste Modell einen Abdruck – natürlich – seines eigenen Genitals und nutzte die sieben Jahre Berufserfahrung als Steinmetz, um die Gussform herzustellen. In die füllen seine Mitarbeiter nun jeden Tag in verschiedenen Hauttönen von Schwarz bis Schweinefleischig eingefärbtes Silikon. Für Halloween gab es sogar weiße Vampirpimmel.

Mann muss das einmal als Zwischenbilanz festhalten: Mit falschen Exkrementen und bizarren Scherzartikeln ist Puskaric im schwäbischen Hinterland gelungen, wovon sie in den hippen Startup-Buden in Berlin, Hamburg, München träumen: das zu 100 Prozent selbst finanzierte Startup. Und wo dort die zum Klischee verkommenden Tischkicker Spaß und Lässigkeit oft nur simulieren, machen Puskaric und seine Leute hier nicht nur gutes Geld, sondern Späßle nach Späßle nach Späßle.

Kein Wunder, dass dem 40-Jährigen ein irres, aber halt auch gerechtfertigtes Selbstbewusstsein eigen ist. Über jede seiner Ideen sagt er: „Ich habe eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie gut ist. Die meisten Erfinder erfinden auf Teufel komm raus. Ich sage aber: Eine gute Erfindung muss aus dem Gefühl raus kommen. Ist halt auch ’ne Gabe.“ Und die flüstert einem dann Sachen wie den künstlichen Urin ein? Puskaric drückt den Rücken durch, lächelt maliziös und erklärt: „Schon Leonardo da Vinci hat gesagt: In der Einfachheit liegt die Perfektion.“

Das hat Leonardo zwar so nie gesagt, aber Puskaric hat trotzdem recht. Manchmal braucht es jemanden, der einfach mal macht. Und der die Sache dann anschließend mit schwäbischer Gründlichkeit planvoll durchzieht. So abgedreht Puskarics Produkte sind, so bodenständig organisiert er sein Business: Natürlich brauche er eine Website und Personal, aber das Wichtigste sei sein Vertriebsnetz. „Wenn ich das erst einmal habe, kann ich eine Erfindung nach der anderen reinwerfen, und spätestens nach drei Tagen ist die auf dem Markt.“ Künstlicher Urin und Plastikschwänze klingen erst einmal bescheuert – bei näherer Betrachtung sind es jedoch perfekt auf ihre Zielgruppen zugeschnittene Produkte. Und, sagt zumindest ihr Erfinder, Weltmarktführer in ihrem Segment.

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Captain Mittelstrahl ist der hart durchgeknallte Alias von Maj Puskaric – ein wahnsinniger und wahnsinnig bizarrer Antiheld im Namen des Harnstoffes

Geht es nach Puskaric, und nach allem, was man weiß, tut es das ja, steht er erst ganz am Anfang. Im Obergeschoss der Firma sitzen an zwei leicht wahllos in den Raum gestellten Schreibtischen zwei Mitarbeiterinnen. Auf einem Tisch liegt ein halbes Dutzend Nerf-Spielkanonen. Ein Beamer strahlt Urwald-Atmo an die Wand, im Hintergrund dudeln Sitarklänge. Auf einem Whiteboard hat Puskaric mit schnellen Strichen seine Pläne für die Zukunft aufgemalt. Der Stalin, die abhörsichere Handytasche, soll wie Synthetic Urine ein eigenständiges Unternehmen werden. „Ich habe alles geplant“, sagt Puskaric. „Es werden insgesamt zwölf Firmen, die ich hochziehen will. Obendrüber die Dachfirma – also ich. Und dann kommt die 13. Firma. Das ist eine Milliardenidee. Die ist zu gewaltig und zu geil.“

Schwäbischer Zuckerberg

Das Problem: Für die Umsetzung seiner Milliardenidee bräuchte Puskaric Kredite. Hat er aber keine Lust drauf. Bislang konnte er jede Idee, jedes neue Produkt, jede Expansion aus den Erlösen seiner Firmen finanzieren. Banker? Findet er kacke. Und ohnehin habe er noch 100 Ideen in der Schublade. Die könne er jederzeit herausholen, ein Patent anmelden und loslegen. Aber noch einmal zur Milliardenidee. Worum geht es ganz grob? Puskaric schüttelt den Kopf und grinst.

Schwer zu sagen, ob das Show ist, ob es wirklich diese sagenhafte Milliardenidee gibt, ob hier ein lustiger Verrückter nur Luftschlösser zusammenschwäbelt oder ob vor einem der nächste Mark Zuckerberg von Eberdingen-Nussdorf sitzt. Aber auf eine Art ist es auch herrlich egal. Wichtiger als alles andere: Zuzutrauen wär’s ihm.

Und falls doch mal was schiefläuft beim Ausbau seines Fakefäkal-Imperiums? Für den Fall hat Puskaric vorgebaut: Ein paar Käffer weiter steht sein Einfamilienhaus. Natürlich abbezahlt.

Diese Story stammt aus der neuen Business Punk – jetzt am Kiosk, beim Bahnhofsbuchhandel
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Portrait Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaften und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und Berlin studiert. Er arbeitet als freier Journalist, wohnt in Berlin und schreibt, neben Business Punk, unter anderem auch für ZEIT Campus, Neon und DIE ZEIT.