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Hier kocht der Pott 

Hier kocht der Pott 
Erschienen
Lesezeit4 Min · 828 Wörter

SalesViewer zelebriert eine Strategie, die gestern noch von Vorgestern war, aber heute möglicherweise die Zukunft ist. Wer weiß das schon. Das nicht mehr ganz junge Startup aus Bochum hat ein Rezept gegen den Blues im Pott. 

Das Ruhrgebiet spielt den Blues. Mal wieder. Ruhr-Ikone ThyssenKrupp, seit langem schon ein Schatten seiner selbst, hat angekündigt, 10 000 Stahlkocher zu entlassen. Der Discounter Kodi aus Oberhausen schickt sich selbst in die Insolvenz, Pumpenhersteller Wilo aus Dortmund, einer dieser deutschen Weltmarktführer, die in der Branche jeder kennt, will Mitarbeiter „proaktiv“ zum Austritt überreden. 

Das ganze Ruhrgebiet? Der ganze Pott? Nein. Um im Text zu bleiben: Ein unbeugsames Unternehmen stemmt sich gegen den Strom. Es nennt sich SalesViewer, sitzt in einem ehemaligen Bunker mit Glasturmaufbau in Bochum und zelebriert eine Strategie, die gestern noch als von vorgestern galt und heute möglicherweise der Stein der Weisen ist: Alle sind täglich im Office, Qualität ist ein Wert an sich, Pünktlichkeit auch, ein einziges Produkt im Portfolio, feste Prozesse und für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Klingt nach old statt new work, ist aber wie Benjamin Zaczek es darstellt, das Geheimnis des Erfolges. Benjamin muss das so schildern, denn er ist hier der Chef. Er sagt Sätze wie: „Wir setzen auf einen gesunden Mix aus new work und klassischen Werten und fokussieren uns vor allem auf nachhaltiges Wachstum.“ 

Was sein 22 Mann-und-Frau-Team so treibt? Ben hatte eine Werbeagentur gegründet, während er Abi machte, digitales Marketing und so. „Viele interessierten sich damals nicht für Klicks, Impressions und so weiter. Bring mir neue Kunden und Aufträge, verlangten die Auftraggeber stattdessen“, erzählt der Gründer. Er rechnete: Seine Auftraggeber gaben 10 000 Euro für Eigenwerbung aus, Dutzende besuchten die Website des Kunden, es meldeten sich fünf, die das Angebot gesehen hatten, daraus wurden drei Aufträge. „Wir haben untersucht, wie wir die generierte Reichweite noch besser für unsere Kunden verwerten können. “, sagt der Gründer und beschreibt damit die Idee von SalesViewer. Die Software, die sein Team entwickelt hat, entschlüsselt die eigenen Website-Besucher und weiß, wer sie sind. Sie wertet das Echo aus, das jeder Marketing-Impuls auslöst und sie erkennt, woher es kommt. Wer SalesViewer benutzt, kann gezielt den Kontakt zu den entschlüsselten Unternehmen aufnehmen. 2011 kam das Produkt auf den Markt, 2017 machte Ben die Werbeagentur dicht, weil seine nebenbei entwickelte Software zur Kundenanalyse einen durchschlagenderen Erfolg hatte als andere. Seit 2017 ist das Wachstum exponential und SalesViewer ist global unterwegs: USA, Kanada, Israel, Italien. 

Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt: „SalesViewer ist ein supereinfacher Case und liefert sofort Vertriebsergebnisse, deswegen geht es so durch die Decke. Man braucht kein umfangreiches Marketing-Konzept mit vielen Kanälen und Instrumenten, die oftmals erst langfristig funktionieren, sondern baut es auf einfach in seine Website ein und erhält direkt neue Leads und Kunden. Das versteht jeder Old-Scool-Mitarbeiter“, sagt Co-Founder Vivian Seidel. Er sitzt an der Seite von Ben, leitet den Vertrieb und das operative Geschäft. Auch er sagt damit Sätze, die natürlich so zu seiner Jobbeschreibung gehören. Aber die beiden reden sich in Fahrt. Zusammen sind sie die Digitalpioniere hier in Bochum. Hier kocht der Pott. Konkurrenz fürchten sie nicht, weil sie ihre Technologie für ausgeklügelt halten. Und weil sie das haben, was andere nicht haben: „Datenqualität“ nennt Ben es, und: „Akkurate Ergebnisse erzeugen möglichst wenig Reibung in der Anwendung beim Kunden und im Vertriebsprozess.“ Was das für Daten sind? Adressen ja und zwar die richtigen. Personenbezogene Daten aber nicht. „Wir entschlüsseln die Firma, aber nicht die Mitarbeiter“, erklärt der Gründer. Mehr wäre wahrscheinlich möglich, aber nicht datenschutzkonform. „Wir setzen auf 100% Datenschutzkonformität, das ist das, was große Kunden sehr wertschätzen.“ 

Mit ihrem Produkt kommen sie auf knapp 40 Prozent Wachstum jährlich.  Wie sich so ein Wachstum managen lässt? Vivian berichtet von der 1-Prozent-Methode. Jeder Arbeitsschritt werde aufgebohrt, wie unter dem Röntgenapparat analysiert und verbessert. Freestyle arbeiten ist nicht – sondern jeder Prozess ist perfekt optimiert. Old scool eben statt kreatives Chaos. Made in Germany. Lockt das Neider? Gab es Kaufangebote? Es gebe immer wieder Angebote. Verkaufen sei aber keine Option. 

Nein. Jetzt bauen sie erstmal ein eigenes neues Headquarter hier im Pott im Herzen des Ruhrgebiets. Nicht in München, in Berlin oder Hamburg – „wo Techfirmen geboren und genauso schnell wieder verschrottet werden“, sagt Ben und legt noch nach: „Der Rausch der Großstadt kann dazu führen, dass du jeden Abend auf einem Netzwerk-Event bist und total den Focus verlierst.“  

Warum SalesViewer also punk ist? Weil Ben und seine Truppe die Underdogs sind. Weil sie in einer Welt von Home-Office, Vier-Tage-Woche und Obstkorb auf Prozessoptimierung, Kundennähe und Büro setzen. Weil sie die Trotzdem-Macher sind. Weil sie hörbar Dissonanzen in den sachten Blues bringen, der um sie herum gespielt wird. 

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.