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„Ich wollte nicht einfach Klingeltöne verkaufen“ 

„Ich wollte nicht einfach Klingeltöne verkaufen“ 
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Aktualisiert
Lesezeit5 Min · 1.062 Wörter

Im Jahr 2004 in einer WG in der Berliner Hasenheide als Minibude gegründet, die gebrauchte Computerspiele vertickte, ist rebuy heute einer der Top-Anbieter im Recommerce-Markt. Nachhaltig profitabel bei einem Umsatz von über 220 Millionen Euro kann sich Rebuy-Chef Philipp Gattner nach dem nächsten großen Ding umschauen. Was kommt da und was erwartet er von der nächsten Bundesregierung? 

Moin Philipp, Sonntag ist Wahl – was soll die neue Bundesregierung aus Deiner Sicht ganz konkret anpacken? 

Ich sehe nach wie vor eine Baustelle bei der CE-Kennzeichnung – die bestehenden Vorschriften müssten viel strenger kontrolliert und durchgesetzt werden. Viele importierte elektronische Geräte, die heute auf Billig-Plattformen angeboten werden, erfüllen nicht die europäischen Sicherheitsstandards. Das hat zwei Auswirkungen: Zum einen verzerrt dies den Wettbewerb, da die Produkte viel günstiger produziert werden können. Zum anderen ist der Gebrauch gefährlich. Beispielsweise können minderwertige Akkus schnell überhitzen und in Brand geraten.  

Ihr seid ein höchst erwachsenes Startup, du bist seit sechs Jahren an der Spitze von rebuy, was treibt Dich an? 

Als ich vor Jahren von McKinsey kam, wollte ich etwas machen, was einerseits wirtschaftliches Potential bietet und andererseits nachhaltig sinnvoll ist. Der Purpose musste stimmen. Ich wollte nicht einfach Klingeltöne verkaufen. Das Geschäftsmodell von rebuy hat mich direkt überzeugt, da es einen positiven Beitrag leistet. Je mehr repariert und wiederverwendet wird, desto weniger wird weggeschmissen. 

Was hältst Du wirklich von dieser Purpose-Diskussion – ist die nicht ein bisschen aufgeblasen? 

Es gibt Geschäftsmodelle, die haben im Kern einen Purpose. Unseres gehört dazu. Und manche haben eben keinen. Da muss man dann lange schälen, um im Kern etwas zu finden und aufzubauen. Heute soll ja jedes Unternehmen seinen Purpose finden, aber bei einem Importeur von Plastikspielzeug aus China stelle ich mir das zum Beispiel schwieriger vor. Da braucht es schon viele Workshops, um einen Purpose zu finden. Ich mag es, authentisch zu sein. Und mich nicht zu verstellen. Ich mag es, wenn ich nicht tief graben muss, um den Purpose zu finden. Und ein starker Purpose kann sehr hilfreich sein, beispielsweise beim Motivieren und Gewinnen von guten Mitarbeitenden. Es hilft auch gegenüber Konsumentinnen und Konsumenten. Die Themen Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit lassen sich gut vertreten. 

Wirklich? Mein Eindruck ist, dass derzeit kaum einer mehr von Nachhaltigkeit redet. 

Die Bedeutung von Nachhaltigkeit hat zumindest temporär etwas nachgelassen, das sehen wir auch. Primärkriterien sind wieder stärker in den Vordergrund getreten, das Preis-Leistungs-Verhältnis steht da ganz vorn. Das hängt mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen, die viele verunsichern. 

Ist das schlecht für euer Geschäftsmodell? 

Ganz im Gegenteil. Nachhaltigkeit und günstiger Preis gehen bei uns Hand in Hand. Andere nachhaltige Geschäftsmodelle, wie beispielsweise Bio-Supermärkte, haben da vermutlich leider größere Probleme, denn dort sind nachhaltige Produkte oft die teureren. Wenn die Menschen aufs Geld achten, werden gebrauchte Produkte dagegen relevanter. 

Vintage ist ja auch ein Trend . . . 

. . . stimmt. Es gibt eine wachsende Kundengruppe, die nicht immer das Neueste haben muss. Für manche ist ein gebrauchtes Produkt inzwischen eher ein Statussymbol als ein neues. 

Was war bisher deine wichtigste Weichenstellung als CEO? 

Meine Vision ist es, den Gebrauchtwarenhandel aus der Nische in den Massenmarkt zu führen. Das geht letztlich nur über eine Professionalisierung des Angebots und des Services. Wir müssen unseren Kundinnen und Kunden eine Top-Qualität bieten und ihnen damit alle Bedenken nehmen. Genau daran haben wir in den letzten Jahren gearbeitet.   Natürlich gibt es jede Menge Marktplätze für gebrauchte Ware. Aber es kommt vor allem auf die Qualitätskontrolle an. Wir haben inzwischen mehrere Logistikzentren mit automatisierten Prüfprozessen. Smartphones werden dort von Robotern kontrolliert. Wir sind kein Handy-Doktor. Knapp neun Millionen Produkte gehen pro Jahr durch unsere Logistikzentren. Wir haben das Geschäftsmodell professionalisiert und skaliert. 

Da spricht der CEO . . . sind denn die Investoren happy? 

Wir haben die letzten 20 Jahre so ziemlich alle Stufen der Startup-Finanzierung durchlaufen. Seit sieben Jahren ist unser wichtigster Shareholder ein Schweizer Private Equity Investor. Und die sind happy, da wir inzwischen seit mehreren Jahren profitabel wachsen und parallel dazu unser Angebot stetig verbessern. Gerade das profitable Wachstum gelingt bisher den wenigsten in unserem Markt. 

Dann könntest du dich ja jetzt eigentlich diesen Mitspielern zuwenden und mal fragen, ob sie käuflich sind. 

Wir schauen uns natürlich ständig nach interessanten Wettbewerbern um. Bisher sind wir jedoch immer zu dem Schluss gekommen, dass wir organisch effizienter wachsen können.  Zudem wächst der Markt und die Prognosen sind attraktiv. Durchschnittlich 10 Prozent Wachstum pro Jahr bei gebrauchten Smartphones kommt auf uns zu. Grundsätzlich gibt es Platz für mehr Spieler. Und jetzt kommen auch die großen Retailer ins Geschäft. Mediamarkt, CoolBlue und Fnac sind da nur einige. Auch diese Spieler erkennen die Attraktivität des Recommerce-Marktes. Gleichzeitig haben sie gemerkt, dass das Recommerce-Geschäft nicht so einfach ist, was beispielsweise Logistik und Pricing angeht. Und da haben wir viel Erfahrung. 

Du forderst immer wieder das Recht auf Reparatur ein. Einklagen kann ich das doch wohl nicht, oder? 

Es geht darum, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Lebensdauer von Geräten verlängern zu können. In der Vergangenheit ist dies von den Herstellern nicht immer unterstützt worden. Im Kern geht es um drei Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht. 

Welche? 

Erstens geht es ums Design. Produkte müssen so designed sein, dass sie sich überhaupt reparieren lassen. Es geht beispielsweise um die Art und Weise, wie sie verklebt oder verschraubt sind. Zweitens geht es um den Zugang zu Ersatzteilen, der zukünftig sichergestellt werden muss. Und drittens geht es um den Preis dieser Teile. Wenn sie zu teuer sind, lohnt sich die Reparatur nicht.  

Die Produktzyklen werden immer schneller. Die Ware wird schneller alt. Ist das ein Problem für Euch? 

Nein, im Gegenteil. Die Innovationsschritte sind in den letzten Jahren sogar immer kleiner geworden. Ja, es gibt immer schnellere Chips und kontinuierliche Verbesserungen bei den Kameras. Doch immer häufiger stellen sich die Menschen die Frage: Brauche ich das wirklich? Möchte ich dafür so viel Geld ausgeben? Vielen genügt die vorletzte Generation des iPhones – und genau davon profitieren wir.

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.