Influencer*innen im Job: „Wir brauchen weniger Super-Women, sondern echte Vorbilder“
Für gewöhnlich vermutet man das natürliche Habitat von Influencer*innen auf Instagram – zwischen aufwendig editierten Inhalten über Food, Sport, Interior-Design, Body-Positivity, Selfcare, Nachhaltigkeit und was die Gesellschaft sonst noch so umtreibt.
Influencer*innen gibt es aber auch im beruflichen Kontext. Sie kreieren allerdings keine Follow-Me-Around-Stories aus dem Büro, sondern schreiben beispielsweise Artikel auf Karrierenetzwerken. Das Portal Linkedin veröffentlicht deswegen jedes Jahr eine Liste mit den Top Voices aus dem Raum Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Im vergangenen Jahr standen darauf Namen wie Frank Thelen, Philipp Lahm, Tina Müller und Verena Pausder. Insgesamt sind 25 Personen auf der Liste vertreten.
Influencer*innen in der Berufswelt
Was sie zu Top Voices macht? „Wir suchen für die Liste Leute aus, die mit ihren Beiträgen einen Mehrwert für die Community erbracht haben, Diskussionen angestoßen haben und von denen wir denken, dass sie spannende Persönlichkeiten sind. Die Liste ist eine Folgeempfehlung für Mitglieder“, erklärt Sara Weber aus der Linkedin-Redaktion.

Per Definition sind Influencer*innen Leute, die zu einem Themengebiet Inhalte kreieren und sie regelmäßig über unterschiedliche Kommunikationskanäle veröffentlichen. Das Ziel: soziale Interaktion. Je nach Kanal kommen die Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen.
„Influencer*innen in der Berufswelt sind Vordenker*innen und Personen, die Wirtschaftsdebatten prägen. Das können CEOs großer Unternehmen sein, aber auch Leute aus dem Startup-Bereich – oder einfach Menschen, die sich in ihrem Fachgebiet sehr gut auskennen oder eigene Erlebnisse teilen wollen“, so Weber
Mehr Sichtbarkeit für Frauen
Eine Frau, die auch auf der Linkedin-Top-Voices-Liste aus dem Jahr 2019 steht, ist Katarzyna Mol-Wolf, Geschäftsführerin des Emotion-Verlags. Sie nutzt die Plattform, um sich zur Gleichberechtigung von Frauen zu positionieren. Sie schreibt, um das Thema aktiv voranzubringen. Denn Frauen stehen im Job immer noch vor größeren Herausforderungen als ihre männliche Kollegen – vor allem, wenn man in große Unternehmen schaut.
„Wenn über Gleichberechtigung gesprochen wird, geht es oft darum, was die Politik, die Arbeitgeber*innen oder das Unternehmen verändern können. Aber als Allererstes müssen Frauen sichtbar werden“, sagt Mol-Wolf.
Eine für alle, alle für eine
Beiträge auf einer Plattform zu posten ist eine Möglichkeit, die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen. Darüber hinaus können Frauen auf Konferenzen gehen, an Diskussionspodien teilnehmen oder auf kleinerer Ebene innerhalb des Unternehmens verstärkt ihre Meinung sagen. Dabei sollten sich Frauen auch gegenseitig unterstützen, wie Weber und Mol-Wolf finden. „Gerade, wenn es um Speaking-Engagement geht, müssen Frauen noch viel mehr aufeinander zu gehen, sich in Meetings in Diskussionen mitreinholen und gegenseitig die Bälle zuwerfen, indem sie zum Beispiel sagen: ‚Hey, hast du dich nicht letztens mit Thema X beschäftigt? Was sagst du denn dazu?“, so Weber.
Aber Frauen sollten auch mit männlichen Kollegen über die Probleme reden, die ihnen im Beruf begegnen, um sie so zu sensibilisieren. „Vielleicht merken die dann auch, dass bei ihnen im Büro ständig eine Kollegin im Meeting unterbrochen wird, während der Kollege ausreden darf, und machen dann mal darauf aufmerksam“, sagt Weber. Man dürfe Männer nämlich nicht aus der Frauenförderungsdebatte ausschließen.
Mit Themen influencen
Um die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen, könnten Unternehmen für Themen aus der Berufswelt einstehen, die für alle Arbeitnehmenden relevant sind, die aber durch Influencerinnen besetzt werden. „Es kommt immer häufiger vor, dass man für Unternehmen einzelne Köpfe sieht, die das Why hinter einem Unternehmen nach vorne bringen und die Unternehmenswerte verkörpern. Unter anderem durch Personal Branding werden Mitarbeiter*innen zu einem Sprachrohr des Unternehmens, mit dem man sich leicht identifizieren kann“, erklärt Mol-Wolf.

Influencer*in: Eine Aufgabe der CEOs?
Das Unternehmen nach außen hin zu repräsentieren, ist keine Aufgabe, die automatisch den CEOs, Gründer*innen oder Führungspositionen zugeschrieben wird. Viel mehr muss abgewogen werden, welche Person aus der Firma genügend Expertise über das Thema hat, mit dem man sich in der Öffentlichkeit repräsentieren möchte. Dennoch müssen gewisse Eigenschaften gegeben sein.
„Die Person muss auf jeden Fall kommunikationsstark sein und Lust auf Engagement haben. Das Thema, das man repräsentiert, sollte einem schon am Herzen liegen“, so Mol-Wolf. Denn nicht immer erhalte man positives Feedback. Je nach Angelegenheit müsse man auch mit einem Shitstorm rechnen.
Da man die eigene Persönlichkeit nach Außen trägt wird man auch angreifbar. Damit muss man umgehen können. Daher muss auch das Unternehmen abwägen, wer geeignet für die Influencer*innen-Rolle sein könnte.
„Frauen“-Themen sind auch „Männer“-Themen
Nicht immer sind Influencer*innen aber auch vom Unternehmen gesteuert. Natürlich kann man auch als Angestellte*r Plattformen nutzen, um seine Stimme für berufliche Themen zu erheben. Gerade darin liegt nämlich die Chance Belange, die vorwiegend Frauen betreffen, auf die öffentliche Agenda zu setzen und so in die Debattenkultur einzugreifen und durch verschiedene Perspektiven zu bereichern. Das betrifft Themen wie Rückkehr in den Job nach der Elternzeit, Karriere trotz Kind und Altersarmut.
Als Beispiel für eine starke Influencerinnen-Rolle mit einer hohen Engagementrate nennt Mol-Wolf Magdalena Rogl, Head of Digital Channels bei Microsoft. Sie spricht auf verschiedenen Plattformen zu den Themen Vereinbarkeit von Job und Familie und New Work.
„Wichtige Wirtschaftsthemen, die oft als Männer-Themen angesehen werden, sind natürlich auch super wichtig für Frauen“, sagt Weber. Ihrer Meinung nach müssen Frauen selbstbewusster werden, sich in Diskussionen in der Öffentlichkeit einklinken und sich von dem Glauben verabschieden, auf jede Frage sofort eine Antwort parat haben zu müssen. „Wir bei Linkedin sind immer auf der Suche nach tollen Frauenstimmen. Wirtschaftsdebatten sollen nicht aussehen wie die Führungsetagen großer deutscher Konzerne, wo alle CEOs im DAX bis vor kurzem männlich waren.“
Echte Vorbilder, statt viele Super-Women
Weibliche Rollenvorbilder, die nicht zögerlich sind, und schnell bei Debatten mitmischen, indem sie beispielsweise Artikel veröffentlichen, sind da das A und O. Irgendwas zu schreiben, Hauptsache, man hat sich dazu geäußert, ist natürlich nicht drin. Laut Weber sei es wichtig, dass klar wird, warum man gerade über das Thema schreibt und warum ausgerechnet zu dem ausgewählten Zeitpunkt. „Man muss seinen Beitrag persönlich machen, damit andere sehen, dass es einen Grund gibt, warum man das schreibt und das Geschriebene nicht nur eine Plattitüde ist, die man irgendwo mal aufgegriffen hat und wiedergibt“, so Weber.
Das Schlüsselwort lautet hierfür wohl Authentizität. Viele Frauen hätten nach Mol-Wolf den ehrlichen Austausch untereinander gesucht. Kein Wunder, dass Frauennetzwerke wie Pilze aus dem Boden schießen. „Wir brauchen weniger Super-Women, sondern echte Vorbilder. Also weniger Frauen, die so tun, als wäre alles easy und super und anderen Frauen damit Angst machen. Sondern Frauen, die sagen, es geht, aber es ist auch manchmal verdammt anstrengend.“