work wise · Beteiligung

Inside Northvolt: Chaos beim Batteriehersteller, in den Habeck 600 Millionen investierte

Northvolt
Shutterstock Foto: Shutterstock
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit6 Min · 1.274 Wörter

Wenn der Wirtschaftsminister genau geprüft hätte, wem er da Millionen anvertraute, hätte sich ein differenziertes Bild ergeben. Liefer- und Qualitätsprobleme bei Northvolt sind länger bekannt. Und ausgerechnet VW schreibt seine Beteiligung an Northvolt seit Jahren immer weiter ab. 

Hätte er es wissen können? Das ist die Frage, mit der sich der grüne Kanzlerkandidat Robert Habeck herumschlagen muss, wenn er nach dem Grund gefragt wird, warum der Haushaltsauschuss des Bundes im Oktober 2023 noch die Haftung für eine 600 Millionen Euro schwere Wandelanleihe übernahm, die der der schwedische Batteriehersteller Northvolt von der staatlichen KfW-Bank bekommen sollte. Northvolt baut im schleswig-holsteinischen Heide eine Batteriefabrik und das Geld sollte diese Investition absichern. Ob die Fabrik jemals läuft, ist inzwischen aber alles andere als sicher.  

Der Fall ist brisant, denn Northvolt hat im Dezember 2024 in Houston, Texas am dortigen Bankruptcy Court einen Antrag auf ein Sanierungsverfahren nach US-Insolvenzrecht gestellt. Die KfW hat daraufhin ihre 600 Millionen Euro vom Bund und dem Land Schleswig-Holstein zurückgefordert. Und Habeck musste sich deswegen in der vergangenen Woche vor dem Haushaltsauschuss des Bundestags rechtfertigen.  

Zusätzlichen Zündstoff erhält das Verfahren, weil Habeck ein Gutachten, auf dessen Grundlage die Förderzusage getroffen worden war, als „geheim“ einstufen ließ. Die Abgeordneten können es seither nur mit einer Sondergenehmigung einsehen – was einige auf die Palme brachte: FDP-Vize Wolfgang Kubicki schimpfte, die nachträgliche Geheimeinstufung sei „rechtlich nicht zulässig“. Das Ministerium weist das zurück und nennt zu Begründung „Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse von Northvolt“, die unter Verschluss bleiben müssten. Ein Sprecher versichert, dass in dem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC „gute Aussichten für die Rückzahlung der Wandelanleihe“ bescheinigt wurden. 

Hätte Habeck also trotz eines solch offenbar rosigen Gutachtens bei der Entscheidung für die Absicherung der Wandelanleihe wissen können, dass das heikel wird? Wer sich auf Spurensuche begibt, stolpert auf einige Ungereimtheiten, die schon früh Northvolt in ein nicht ganz so rosiges Licht tauchen. Die interessanteste Entwicklung dabei hätte Habeck eigentlich nicht entgehen dürfen: Größter Anteilseigner an Northvolt ist seit dem Jahr 2019 der halbstaatliche VW-Konzern. Volkswagen beteiligte sich zunächst mit 900 Millionen Dollar an dem Batteriehersteller, der damals noch ein besseres Startup war. In einer zweiten Finanzierungsrunde schossen die Wolfsburger im Jahr 2021 weitere 620 Millionen US-Dollar dazu. Mit den so bezahlten knapp 1,5 Milliarden Dollar hielt VW seinen Anteil von rund 20 Prozent konstant und besaß einen Sitz im Aufsichtsrat.  

Der Autohersteller, an dem das Land Niedersachsen beteiligt ist, war also bestens über die wahre Situation bei Northvolt im Bilde. Und die war offenbar schon wenige Monate nach der neuen Finanzierungsrunde alles andere als rosig. Im Geschäftsbericht von VW jedenfalls wird die Beteiligung an Northvolt 2022 nur noch mit 900 Millionen Euro beziffert, im darauffolgenden Jahr – dann also, als der Bund die Haftung für das KfW-Engagement übernahm – hat VW seine Beteiligung bereits auf 693 Millionen Euro abgeschrieben, also etwa die Hälfte des ursprünglichen Wertes. Hier haben sich offenbar früh Hoffnungen nicht erfüllt. Ein VW-Sprecher äußerte sich nicht dazu, wie hoch der Konzern den aktuellen Wert einschätze. Ein anderer Investor, der Vermögensverwalter Blackrock, hat bereits mitgeteilt, dass er seine Northvolt-Beteiligung inzwischen auf null abgeschrieben hat. 

Der nach unten rauschende Wert der VW-Beteiligung an Northvolt hätte ein Indiz sein können, das Habeck stutzig machen konnte, wenn er es gesehen hätte. Ein Besuch von Northvolt in Schweden hätte den geldgebenden Deutschen möglicherweise auch die Augen öffnen können. Den hat allerdings nicht das Wirtschaftsministerium gemacht, sondern die britische Finanzzeitung Financial Times, und auch das erst, als die Schwierigkeiten bei Northvolt Ende vergangenen Jahres eskalierten. Was die Reporter jedoch herausfanden, waren Missstände, mit denen die Schweden schon jahrelang zu kämpfen hatten. Die Reportage aus dem Startup, das 2017 von zwei ehemaligen Tesla-Managern geründet worden war und inzwischen 7000 Menschen beschäftigt, liest sich wie das Protokoll aus einem Irrenhaus. 

Zehn ehemalige und gegenwärtige Mitarbeiter berichteten der Zeitung vom Chaos vor Ort. „Batterien herzustellen ist schwierig, wirklich schwierig. Wir haben versucht, fast alles auf einmal zu machen“, sagte ein ehemaliger leitender Angestellter. „Und die Probleme häuften sich einfach an. Ich weiß nicht, ob sie es jetzt schaffen können.“ „Die Chinesen sind so schnell“, ergänzt ein ehemaliger Chemieingenieur von Northvolt. „Sie sind etabliert und haben es bereits geschafft, sie sind einfach besser. Wir kommen zu spät zur Party.“ 

Northvolt stellte deswegen Spitzenkräfte aus Japan und Südkorea für die Herstellung von Batterien ein. „Sie wohnen in einem eigenen Lager und kommen jeden Tag hierher, um die Maschinen zu installieren und zu bedienen“, erzählen die Northvolt-Mitarbeiter. Sie seien aber länger geblieben als eigentlich erwartet. Die Kommunikation sei schwierig gewesen. Ein Mitarbeiter berichtet von einem Vorfall im Unternehmen, bei dem Alarm ausgelöst wurde: „Wir haben das nicht verstanden“ also habe erst ein Chinese mithilfe von Google Translate mitgeteilt, dass alle das Werk sofort verlassen müssten. Seit 2021 war Northvolt in 47 Arbeitsunfälle mit Chemikalien verwickelt, die von der schwedischen Behörde für Arbeitsumwelt als „besonders gefährlich“ eingestuft wurden, berichtet der schwedische Sender SVT. „Sie haben nicht verstanden, was es bedeutet, Risiken zu beseitigen“, kommentierte das ein Gewerkschaftsvertreter. 

„Ich habe noch nie so viele Manager und Direktoren gesehen, die nicht darauf vorbereitet waren, mit der Situation in der Öffentlichkeit umzugehen und richtig mit ihren Mitarbeitern zu sprechen“, sagt ein Mitarbeiter der Qualitätskontrolle. Er fügt hinzu, dass Northvolt „eine Menge unerfahrener Mitarbeiter in allen Bereichen habe, darunter Manager, Ingenieure, in der Produktion, Techniker, sogar Direktoren“. Ein ehemaliger Datentechniker sagt der Financial Times, dass ihm, obwohl er „als Praktikant ohne Erfahrung“ anfing, „große Verantwortung übertragen wurde, weil es sonst niemanden gab, der das tun konnte. Ich habe nebenbei gelernt und alles durcheinandergebracht. Die häufigen Umstrukturierungen hätten dazu geführt, dass „sich die Ziele ständig änderten und es sich sehr chaotisch anfühlte“. „Die Manager haben den Ingenieuren nicht genau zugehört“, sagt ein anderer Bauarbeiter. „Sie hatten nur ein Ziel: Das Projekt innerhalb eines festen Zeitrahmens abzuliefern. Das Budget war ihnen egal.“ Ein ehemaliger Materialbearbeiter wird mit den Worten zitiert, dass Northvolt Produkte schnell entwickeln wollte, um weiteres Geld zu beschaffen. Den Prozess beschreibt er so: „Die Produkte werden wohl wieder zurückgeschickt, aber wenn wir sie liefern, erreichen wir unser Ziel und erhalten die Finanzierung.“ 

Northvolt nimmt zu den Einschätzungen keine Stellung. Unterm Strich bleibt der Eindruck eines Unternehmens, dass sich wegen seines rasanten Wachstums total verzettelt hatte. Spätestens im Sommer 2024 wurde die heikle Lage der Schweden weltweit sichtbar, als der deutsche Autohersteller BMW einen Zwei-Milliarden-Dollar-Auftrag bei Northvolt überraschend kündigte, angeblich weil es immer wieder zu Liefer- und Qualitätsproblemen gekommen war. Northvolt tauschte später die Führungsspitze aus. Habeck allerdings reagierte auch darauf nicht. 

Gewinne haben die Schweden niemals in ihrer kurzen Firmengeschichte erzielt. Die Ausgaben sind um ein Vielfaches höher als die Einnahmen. Pro Woche braucht das Unternehmen nach eigenen Angaben etwa 30 Millionen US-Dollar. Das geht aus den Unterlagen hervor, die Northvolts Anwälte an das Insolvenzgericht geschickt haben. Rund anderthalb Milliarden Dollar sind demnach im Jahr von Investoren und Institutionen nötig, allein um Northvolt am Leben zu erhalten. Ein Problem? Ein Sprecher Habecks sieht das so: „Dass junge Unternehmen, die große Produktion aufbauen, in Anfangsjahren keine Gewinne machen, sondern Verluste, ist keine Seltenheit und nicht überraschend. Am Anfang stehen riesige Investitionen, gerade auch in der Batteriezellfertigung. Das ist ja genau der Grund dafür, solche Unternehmen in dieser Phase zu unterstützen.“ 

Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.