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Lass mal hierbleiben!

Lass mal hierbleiben!
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit3 Min · 652 Wörter

Deutschlands beste Exportartikel sind nicht Autos, es ist humanes Kaptital – also wir selbst. Welches langfristige Engagement wir für unseren Standort zeigen, entscheidet also viel.


Die Stimmung ist angeschlagen. Erst kam Corona, dann der Ukraine-Krieg. Zuletzt der Krieg in Nahost als einer von Dutzenden weltweit. Das – in Kombination mit der Klimakrise und einer stetig wachsenden Bevölkerung – markiert den Anfang einer Ära, die von Globalisierung und Weltfrieden wieder abrückt. Die neuen Themen auf der Tagesordnung sind Protektionismus und Resilienz. Dem folgt das irgendwie ungute Gefühl, dass wir uns auf schlechtere Zeiten vorbereiten müssen. 
Und wenn man von so einer wunderbaren und mehr als 40 Jahre langen Party plötzlich vom Türsteher des neuen Zeitgeistes rausgeschmissen wird, kann man schon mal eine Zeit lang verkatert, grimmig oder gar traurig sein. Oder einfach abhauen wollen. Doch egal, welches Gefühl das vorherrschende ist: Wir kommen nicht drum herum, uns damit auseinanderzusetzen. Nur wenn wir uns auf diese Zeit vorbereiten, können wir unsere Zukunft und die unserer Kinder so sicher wie möglich gestalten. Was sicher ist: Die 1990er-Jahre wirken heute wie ein Goldenes Zeitalter. 
What’s next? Ein Teil der neuen Zukunft wird sein, dass die Welt wieder Lager bilden wird. Umso mehr müssen wir uns fragen, wie wir im Camp Europa/Camp Deutschland damit umgehen. Was die nächsten Jahrzehnte von den vergangenen Dekaden unterscheidet, ist, dass die Wahrscheinlichkeit für große tektonische Erdplattenverschiebung angesichts der Art, wie wir leben, sehr hoch ist. Zum einen wird es in einigen Bereichen noch stärkere Innovationsschübe geben – wie im Bio-Tech- und im Energie-Bereich. Und dann werden wir die wahrscheinlich mächtigste Sprunginnovation der Menschheitsgeschichte mit ungewissen Auswirkungen erleben: die Künstliche Intelligenz. Und die Quittung für die Ausbeutung unserer Habitate bekommt auch diese Generation: Am Horizont warten auf uns Hunderte Millionen von Klimaflüchtlingen und massive Ressourcenprobleme. 

Deswegen bin ich überzeugt, dass wir sehr schnell widerstandsfähiger werden müssen. Dazu brauchen wir das, was Deutschland qua Historie ausmachte: Wir haben Talente, Brain und Erfindergeist und sehr viel Erfahrung mit Krisen. Aber wie sehr glauben wir an uns und unser Land? 
Wie ausgeprägt ist unsere Fähigkeit zu langfristigem und unserem Standort zugewandten Denken? Oder lacht der östliche Teil der Welt zu Recht über den vom Konsum morbide gemachten westlichen Geist? Da die Ausbildung der Deutschen und die damit verbundene Schlagkraft auf dem Arbeitsmarkt und im Fortschritt der größte Vermögenswert in der Bilanz unseres Landes ist, brauchen wir diese Power nun beim Angehen der nächsten Schritte umso mehr. So müssen wir wieder erheblich mehr in Bildung investieren – KI erfordert sowieso einen neuen Lehrplan – und in unseren Glauben, dass wir als Gemeinschaft Bäume ausreißen können. Dagegen arbeitet, dass die Deutschen eine sehr ambivalente und durch den Zweiten Weltkrieg fast schon gestörte Beziehung zur eigenen Heimat haben. 
Die Frage lautet also: Bringen wir jetzt die Energie dafür auf, um hier wieder was draus zu machen? Egal ob aus dem Ausland oder hier: Was ist unser Engagement gegenüber unserem Land? Wenn ich mir diese Frage stelle, denke ich nicht nur an meine Familie und enge Freunde. Die meisten von uns werden von einem Netz von Menschen durchs Leben begleitet: dem Sportverein meiner Tochter, dem stolzen Landwirt und Gründer neulich bei „DHDL“, der Inhaberin eines Cafés in Berlin, in das ich schon seit 20 Jahren gehe. Sie alle eint, dass sie sich hier vor Ort engagieren. 
Deshalb ist mein Wunsch an alle, die von dem Zutun der örtlich Unflexibleren unter uns profitieren: dass wir Verantwortung übernehmen und uns für die alte und im Moment etwas schwerfällige Lady Deutschland engagieren. Deswegen – und weil es hier cool ist: Lass mal hierbleiben.

Portrait Janna Ensthaler

Janna Ensthaler

Janna Ensthaler ist seit 2021 Partnerin des von ihr gegründeten Green Generation Funds, eines Risikokapitalfonds mit Fokus auf Investments in Greentech und Foodtech. Seit April 2023 ist sie Investorin in der Fernsehsendung Die Höhle der Löwen. Nach ihrer Studienzeit in Oxford und der London School of Economics war sie Unternehmensberaterin bei Bain & Company in London. Danach gründetet sie in Deutschland zwischen 2009 und 2015 drei Firmen: gemeinsam mit dem Startup-Inkubator Rocket Internet die Kosmetikfirma Glossybox (2017 Verkauf an die Hut Group), einer der führenden MICE Online Marktplätze und SaaS Anbieter in Europa: Event Inc und eine Gastronomie (Verkauf 2015). Das Manager Magazin zählt sie zu den einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Sie lebt mit ihren drei Kindern zwischen Braunschweig und Berlin.