Joko über Jokolade: „Ich hatte das Gefühl, ich habe Blut an den Händen“
Joko Winterscheidt müssen wir euch selbstverständlich nicht mehr vorstellen. Bekannt durch TV-Formate wie „MTV Home“, „Circus Halli Galli“ und das „Duell um die Welt“, ist Joko mittlerweile neben seiner TV-Karriere unter die Investor*innen und Gründer*innen gegangen. Sein neuestes Herzensprojekt, wie er es selbst nennt: Jokolade.
Eine Schokolade, die alles besser machen will, als die großen Marken. Wir haben uns mit Joko getroffen, um mit ihm über den Missstand der bisherigen Kakaoindustrie und seine Lösungsansätze mit Jokolade zu sprechen.
Ich habe gelesen, dass du sehr gerne Schokolade isst. Gibt es denn auch eine Sorte, die dir überhaupt nicht schmeckt?
Gibt es das? Schokolade als solches ist ja kein Produkt, das man sich zu Gemüte führt, weil man denkt: „Oh das will ich auf gar keinen Fall essen, das ist bestimmt widerlich“. Schokolade ist etwas, wo man eine diebische Freude hat, wenn man nur die Zutaten liest und sich denkt: „Oh mein Gott, das muss ich probieren“.
Du hast einen eigenen Wein und vor kurzem erst das Sushi-Bike gegründet. Wie kam die Idee, jetzt auch noch eine eigene Schokolade rauszubringen?
Das ist wahrscheinlich eine ganz ernüchternde Antwort: Der Wortwitz Jokolade. Ich bin sehr simpel gestrickt, was Humor angeht. Ich weiß nicht, warum das 39 Jahre gedauert hat, bis ich auf diesen Wortwitz gekommen bin. Aber der hat mich so sehr gepackt, dass ich gesagt habe: „Das muss ich machen“.

Wie gerade schon erwähnt: Du hast einen eigenen Wein und auch dein E-Bike Startup heißt Sushi. Hast du eine besonders große Liebe zum Thema Essen und Genuss?
Also wenn du das so darlegst, würde ich sagen: Stimmt, das könnte man jetzt so verstehen. Das ist glaube ich so, wie ich das schon immer früher im Deutschunterricht gesagt habe, wenn es um eine Interpretation zu Schiller oder so ging: „Seid ihr euch sicher, dass er das so gemeint hat? Ist das wirklich eine Parabel auf die Gesellschaft von früher? Oder musste er einfach Geld verdienen und hat deswegen die Geschichte so aufgeschrieben, weil das sein täglich Brot war? Und wir sehen da jetzt Dinge drin, die gar nicht existieren“. Ich glaube genau so ist das hier auch. Faktisch sind es immer die einzelnen kleinen Geschichten, die mich daran fasziniert haben.
Die Jokolade ist eine faire Schokolade, die auf Transparenz im Herstellungsprozess setzt. Denkst du nicht, dass der Markt der fairen Schokolade mittlerweile schon sehr hart umkämpft ist?
Dafür muss man ein bisschen die Zeit zurückspulen. Wir arbeiten da jetzt schon zwei Jahre dran und im ersten Schritt ist nur der Name Jokolade da gewesen. Nach zehn Monaten habe ich aber die Doku-Serie „Rotten“ auf Netflix gesehen, mit Bildern, die ich nicht vergessen konnte. Darin wird gezeigt, wie die Kakaoproduktion funktioniert, wie nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur ausgebeutet wird und was für ein Missstand in Handel und Anbau von Kakaobohnen existiert.
Was für ein Missstand genau?
Es ist absurd, wenn du weißt, was eine Kakaobohne in Westafrika kostet und was dann eine Tafel Schokolade hier kostet. Da fragst du dich: Wie kann irgendwer damit Geld verdienen? Aber es wird Geld damit verdient, es landet nur nicht bei den Bauern*Bäuerinnen in Westafrika. Als ich das seiner Zeit alles gesehen habe, waren wir eigentlich schon kurz davor, auf den Markt gehen zu können. Aber da habe ich gesagt: „Sorry, wir machen hier jetzt eine Vollbremsung und drehen das Ding nochmal um 180 Grad“. Wir können nicht einfach eine gute, günstige Schokolade auf den Markt werfen, nur weil der Name witzig ist. Zu erfahren, wie Kakao geerntet wird und wie die Menschen ausgebeutet werden, hat mir das Gefühl gegeben, ich hätte Blut an den Händen.
Wie habt ihr dann weiter gemacht?
Wir haben uns dazu entschieden, alles nochmal ganz neu zu denken. In dieser Zeit haben uns einige Entwicklungen auf dem Markt überholt. Ich hoffe natürlich nicht, dass es schon eine Übersättigung am Markt gibt. Für gute Dinge sollte ein Markt nie übersättigt sein. Das würde ja sonst bedeuten, dass jede Veränderung zum Positiven gar nicht mehr möglich wäre, wenn eine gewisse Sättigung erreicht ist. Ich glaube, es kann nicht gut genug werden. Ich versuche Dinge immer positiv zu sehen und hoffe eher, dass die Awareness dafür so groß geworden ist, dass man versteht, warum eine Veränderung notwendig ist. Da haben sich irgendwelche großen Konzerne Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang die Taschen auf den Rücken der Menschen in Westafrika vollgemacht.
Kannst du erläutern, was deine Jokolade von einer herkömmlichen Schokolade unterscheidet?
Als ich damals diese Dokumentation gesehen habe, bin ich auf die Tony’s Open Chain aufmerksam geworden, weil sie einen sogenannten Beantracker erfunden haben. Damit können sie sagen, von welchen Bauern*Bäuerinnen die Bohne kommt und können auch nachvollziehen: Welche Bauern*Bäuerinnen bekommt von uns wieviel Geld? Das ist faktisch heute auf Grund der tausend Zwischenhändler*innen, die bei normalen Schokoladen involviert sind, nicht möglich. Ich kann also sicher sagen: Ich habe von diesen Bauern*Bäuerinnen diese Kakaobohne bezogen und er*sie bekommen dafür das Geld. Hinzu kommt: Unser Kakao ist Fairtrade. Das schwarze Fairtrade-Label für komplett alle Produkte ist das Ziel für 2021. Noch haben wir es nicht bei allen. Aber auch das ist ein Anspruch der Jokolade – Transparenz. Ich will die Menschen darüber informieren, wie komplex es ist, in der kompletten Wertschöpfungskette fair zu sein. Wir werden irgendwann hoffentlich alles auf 100 Prozent haben, was Sauberkeit und Nachhaltigkeit angeht. Tatsächlich waren wir bei einigen Prozessen überrascht, dass sie so noch nicht existieren und wir freuen uns sehr, wenn wir hier grundlegende Veränderungen anschieben können.
Welche Sorten habt ihr für Jokolade geplant?
Verschiedenste. Ich kann nur jeder*jedem sagen, die Kombinationen hören sich sehr wild an. Aber ich bin nicht so sehr über die Zutaten gegangen, sondern über den Geschmack. Wir haben einen kompletten Tag im Geschmackslabor verbracht, haben Schokoladen kreiert und verschiedenste Zutaten zusammengewürfelt. Noch nie habe ich an einem Tag so viel Schoki gegessen und zusammengerührt. Ich weiß jetzt, warum es immer früher von den Eltern hieß: „Iss nicht so viel Süßes, sonst wird dir schlecht!“
Würdest du sagen, dass die Jokolade das komplexeste Projekt ist, dass du bisher gestartet hast?
Sonst bin ich ja immer irgendwo dazu gekommen und habe die Idee von jemand anderem gut gefunden. Da wurde dann aber immer schon sehr viel im Vorfeld von anderen übernommen und erledigt. Hier ist die Situation eine ganz andere, ich war der Ideengeber und von Anfang an in jeden Schritt involviert und konnte alles mitgestalten.
Wie lief das dann ab?
Das war immer ein großer gemeinschaftlicher Prozess mit meinem Team zu gucken: Was sind die nächsten großen Schritte? Das sind so Sachen wie: ich würde gern bei der Verpackung auf gewisse Parameter verzichten, die andere haben. Dann heißt es aber: Nein, das geht nicht, weil es gewisse Auflagen gibt. Das ist eben ein Lebensmittel und da merkst du auch wie komplex diese Lebensmittelwelt ist. Zurecht muss man ehrlich sagen.
Hast du bei der Verpackung denn auf etwas verzichten können? Oder waren die Vorschriften zu streng?
Wir haben versucht, dass das Papier idealerweise recycelt ist und wir die richtigen Farben verwenden. Aber da gibt es so krasse Auflagen, dass man wenig Spielraum hat. Wir haben noch viele Hausaufgaben und auch auf dem Gebiet können wir noch besser werden. Das ist das größte Versprechen dieser Firma. Wie hat Claus Hipp mal so schön gesagt: „Dafür stehe ich mit meinem Namen“. Ich glaube wir als Jokolade stehen gerne dafür, dass wir nie sagen: „Oh, jetzt haben wir es aber“, sondern immer: „Okay jetzt haben wir das und was ist das Nächste, was wir besser machen können?“.
Du hast ja schon einige Start-ups mit aufgebaut. Was ist dein Ratschlag für Leute, die sich für Gründungen oder Investitionen interessieren?
Ich kann natürlich nur von mir ausgehen. Ich bin ein großer Freund davon, Dinge gemeinsam im Team anzugehen, weil ich glaube, jeder hat eine Superpower. Man muss halt gucken: Wer hat welche und dann muss man sie auch genau da einsetzen, wo man sie hat. Ich glaube, es ist außerdem wichtig, dass man gerade am Anfang so unabhängig wie möglich ist. Ich habe bis hier hin keinen Cent Fremdkapital gebraucht und auf dem Weg auch Partner ausgetauscht, weil ich gemerkt habe, nicht jeder hatte dieses hundertprozentige Commitment, konsequent alles zu ändern. Mit VC-Geld könnten wir sicher schneller größer werden, aber manchmal ist schnelles Wachstum nicht der beste Ratgeber. Wir müssen bei Jokolade sehr sorgfältig sein, da ist ein organisches Wachstum viel besser.

Was ist denn deine Superpower in einem Team?
Ich glaube, ich bin ein krasser Treiber. Ich habe eine unglaubliche Energie und kann von heute auf morgen in fünf verschiedene Richtungen laufen. Das kann auch als Schwäche ausgelegt werden, aber ich sehe es als Stärke. Also es kann sein, dass ich heute Morgen sage: „Ey, das ist genau der eine Weg, den wir gehen müssen“. Und heute Abend denke ich mir: „Ne, warte mal“. Weil ich den Gedanken selber so klar formuliert habe, fange ich an, tiefer darüber nachzudenken. Wenn wir jetzt zum Beispiel Jokolade nehmen, da habe ich alles nochmal auf den Kopf gestellt, um zu gucken: Was muss passieren, damit das so ist, wie ich es mir wünsche? Ich glaube, das ist eine Superpower: Dinge nicht rauszubringen, nur weil sie jetzt fertig sind, sondern zu überlegen, ob es noch besser geht.