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Jürgen Vogel: „Man kann einen Job nicht nur machen, weil man erfolgreich darin ist“

Jürgen Vogel Jägermeister
Jägermeister
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Aktualisiert
Lesezeit10 Min · 2.021 Wörter

Jürgen Vogel ist Testimonial für den neuen TV-Spot von Jägermeister. Darin gibt er den Host für eine Party. Mit dem Spot bewirbt Vogel die Shot-Machine der Spirituosenmarke. Wir haben ihn zum Interview getroffen und mit ihm darüber gesprochen, welchen Stellenwert Werbung in der Schauspielbranche hat, ob Unternehmen Haltung zeigen müssen, was Erfolg für ihn bedeutet und wie er zum Networken steht.

Im Jägermeister-Spot lädst du Bekannte zu dir nach Hause zu einer Party ein. Was hast du während des Corona-Lockdowns am meisten vermisst?

Den Kontakt mit Menschen. Ich denke, es gibt kaum niemanden, der nicht darunter gelitten hat. Allein deswegen war es schon schön für mich den Spot zu drehen, weil ich wieder in einem Team arbeiten konnte.

Verstehe ich. Mir haben die kleinen sozialen Kontakte des Alltags gefehlt. Ich habe es total vermisst, in mein Lieblingscafé zu gehen.

Diesen Berufszweig hat es auch echt hart getroffen. Ebenso wie Filmschaffende, Musiker:innen und Kunstschaffende. Menschen, die in dieser Branche arbeiten, haben auch ohne Corona Probleme ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Jetzt können sie nur Hartz IV beantragen. Mir haben sie auch einen Antrag geschickt. Da musste ich schon sehr darüber lachen. Viele Sachen wurden ja ganz gut ausgeglichen. Nur, dass die Unterhaltungsbranche die Gesellschaft mitträgt, das ist noch nicht so im Bewusstsein der Politik angekommen.

Warum hast du dich entschieden, bei dem Werbespot mitzuspielen?

Ich mochte das Drehbuch von dem Spot sehr gerne. Generell muss ich sagen, dass ich überhaupt nichts gegen Werbung habe, wenn sie mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist.

Gedankenexperiment: Wenn du ein Drehbuch für einen Jägermeister-Spot schreiben müsstest und alle Freiheiten hättest. Wie würde der Spot aussehen?

Das muss ich noch mit Jägermeister absprechen, aber ich habe natürlich viele Ideen für die Zukunft (lacht). Pitches von Ideen sind kostbare Dinge. Das ist etwas, das im Development nie verraten wird. Aber zumindest fällt mir etwas ein und ich muss grinsen.

Dann scheint es ja auf jeden Fall etwas Lustiges zu sein.

Ja, ich mag die Mischung aus Werbung und Humor. Das ist auf jeden Fall der richtige Wink. Jeder weiß, was Werbung ist. Es ist etwas, was dem Image einer Firma helfen soll. Wenn sie aber unterhaltsam ist und einen mit einem guten Gefühl hinterlässt, dann tut sie auch niemanden weh. Das trockenste Produkt kann dadurch cool wirken. Ich gucke gerne gute Werbung.

Welchen Stellenwert hat Werbung in der Schauspielbranche?

Hauptsächlich Spaß. Es gibt Leute, die mich mit Unterton fragen, warum ich Werbung mache. Da denke ich mir immer, du selbst musst es ja nicht machen. Ich habe meine Gründe und ich kann sie auch nennen und wenn es jemandem nicht gefällt, dann ist es für mich völlig in Ordnung. Da bin ich ziemlich unberührt davon. Hauptsache ich kann damit etwas anfangen und kann es für mich verantworten.

Ist denn Werbung für dich eine Abwechslung zum Schauspiel im Film?

Nein, es ist ein einfach ein bisschen anders. In der Werbung spielt man mit seinem eigenen Charakter und eigenem Ich und mit dem, wofür man steht. Das muss man ja auch, sonst wird man nicht Testimonial. Das heißt, man nimmt sich selbst auch auf die Schippe. Das war bei diesem Spot für Jägermeister auch so.

Wenn ich einen Werbespot drehe, denke ich mir nicht, dass ich jetzt eine Rolle spiele, die ich im echten Leben nicht bin, sondern ich kann mich mit dem Produkt und dem Drehbuch identifizieren. Wenn man für etwas Werbung macht, das man selbst nicht kennt oder überhaupt noch nie konsumiert hat, dann ist es vielleicht schwierig. Aber ich kann prinzipiell für alles Werbung machen, was ich benutze. Sonst wäre das verlogen, wenn man so tun würde, als hätte man damit nichts zu tun. Ich kann da voll zu stehen.

https://youtu.be/9dc75qRzqpg

Was muss eine Marke generell mitbringen, damit du mit ihr zusammenarbeitest?

Prinzipiell finde ich es gut, wenn eine Firma nicht nur ein Produkt promotet, sondern versucht, darüber hinaus präsent zu sein und etwas zurückzugeben.

Viele Unternehmen setzten momentan auf Nachhaltigkeit, andere supporten die LGBTQ+-Community. Ist es dir als Konsument wichtig, dass Marken heutzutage Haltung zeigen?

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass eine Firme ihren Erfolg nutzt, um in die Zukunft zu investieren. Wir würden uns nur selbst in den Schwanz beißen, wenn wir das nicht tun würden. Insofern finde ich es super, wenn Firmen ein Bewusstsein schaffen, dass man sich auch um andere kümmern muss, denen es schlechter geht. Für mich liegt der Schlüssel der Zukunft darin, die Gesellschaft als Gesamtes abzusichern.

Achtest du auch darauf, wenn du Produkte kaufst?

Es kommt auf die Produkte an. Nicht immer gibt es beim Kauf gute Alternativen. Aber natürlich fühle ich mich beim Kaufen wohler, wenn ich das Gefühl habe, dass das Produkt nachhaltig ist oder man mit dem Kauf eine gute Sache unterstützt.

Gibt es politische oder kulturelle Bereiche, bei denen du dir persönlich wünschst, dass Unternehmen mehr Haltung zeigen?

Ich finde es schwierig, mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen, dass sie etwas besser machen könnten. Das wiederstrebt mir menschlich. Ich schaue lieber, wofür ich mich engagieren kann. Ich glaube aber, dass der Druck auf Unternehmen generell wächst, indem Konsument:innen mehr darauf achten, wie sich Firmen positionieren und das ist eine positive Entwicklung. Je jünger die Generation, desto mehr achten sie darauf.

Jägermeister ist auch eine Marke, die sich viel über Social Media vermarktet. Nutzt du die Kanäle und welche sind als Vermarktungskanal für dich sinnvoll?

Es ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Social Media ist manchmal so anstrengend. Alles, was mit Politik zu tun hat, oder jede Äußerung, die in die Richtung geht, wird sofort von vielen Menschen auseinandergerissen. Ich habe keine große Lust, das zu bedienen. Ich poste auch echt wenig. Bei Facebook habe ich anfangs an Leute gedacht, die wirklich Fans sind. Mittlerweile poste ich nur noch Informationen, zum Beispiel wenn ich etwas gedreht habe, neue Sendungstermine feststehen oder ich neue Filme promote. Die persönlichen Inhalte haben sich bei mir immer mehr reduziert, weil sie Leuten, die wirklich nichts anderes machen, als den ganzen Tag im Internet zu sitzen und zu überlegen, wie sie jemanden beleidigen oder klugscheißen können, Stoff bieten.

Facebook kann das Schlechteste im Menschen hervorheben. Auch das Beste, definitiv. Aber momentan habe ich das Gefühl, kleingeistige Biedermänner sitzen da auf ihrem Sessel, haben schlechte Laune und müssen anderen vorschreiben, was richtig oder falsch ist.

Und auf Instagram bin ich gar nicht. Das ist auch schon mal eine ganz klare Entscheidung finde ich, wenn man sagt, man macht kein Instagram.

Wieso hast du keinen Account?

Die Art, wie das momentan abläuft, stresst mich. Aber ich bin jetzt auch 52 Jahre alt und ich kann verstehen, dass die Jüngeren Instagram toll finden. Es ist eine Art der Selbstdarstellung, die für mich nicht mehr interessant ist. Als ich 20 war, bin ich auch abends mit einer Sonnenbrille auf den roten Teppich gegangen, weil ich dachte das wäre cool. Das ist auch Selbstdarstellung gewesen. Je älter du wirst, desto weniger spielen der Coolness-Faktor und Perfektion eine Rolle. Man lacht eigentlich mehr über das Scheitern und findet es gut, Leuten zu zeigen, dass man Schwächen hat. Da habe ich beim Älterwerden mehr Spaß daran.

Was ist denn deine größte Schwäche?

Ich bin schon ganz schön pedantisch. Ich habe immer für alles ein System und ich glaube das ist unheimlich anstrengend (lacht). Das kann man zwar als Stärke bezeichnen, aber es kann genauso gut eine Schwäche sein.

Was ist dein Networking-Tipp?

Man muss einsehen, dass alles, was man macht kein Kurzstreckenlauf ist, sondern ein Marathon. Die andere Sache ist, dass man richtig gute Arbeit abliefern muss. Das ist das beste Networking, das man am Anfang machen kann. Es kann sein, dass es lange, lange dauert, bevor es zündet, aber wenn man etwas macht, das man aus Leidenschaft sowieso gerne macht und weil es Teil des Lebens ist, dann stellt sich die Frage des Erfolgs auch nicht immer.

Viele denken aber sehr viel über das Networken nach und wie sie etwas verkaufen können, haben dabei allerdings das Produkt nicht unbedingt immer im Blick. Das ist aber die Grundvoraussetzung, auch in der Schauspielbranche. Viele sagen einem, dass man bei dieser und jener Agentur sein soll und diesen und jenen Menschen treffen muss. Ich würde aber den Rat geben, dass man sich zu 100 Prozent auf seine Arbeit fokussieren sollte und weniger auf den Produktverkauf.

Ich glaube, das ist das Sicherste und das, was dich von allen anderen absetzt. Jeder kann labern. Manchmal stimmt es, dass man sich ganz viel connecten muss, manchmal stimmt das überhaupt nicht. Es gibt Leute, die haben super Netzwerke und verkaufen trotzdem nichts, weil das Produkt nicht gut ist.

Wie bekommt man das hin, quasi selbst ein gutes Produkt zu sein?

Indem man seinen Job echt ernst nimmt. In Bezug auf die Schauspielerei zum Beispiel, wirklich seine Rolle zu spielen. Man hat Verantwortung gegenüber dem Regisseur, dem Team und der Figur, die man spielt. Das ist ein Gesamtwerk, an dem ganz viele Leute beteiligt sind. Da geht es nicht nur um den Einzelnen. So ist das in jeder anderen Branche auch. Es geht nicht nur darum, dass du deine Arbeit gut machst, sondern dass alle, die am Projekt beteiligt sind, gut sind. Wenn nur du selbst glänzt, nützt das gar nichts. Es muss alles gut sein. Nur dann wird es das Beste.

Ist das Beste auch deine Definition von Erfolg?

Das ist eine Schere zwischen dem, was man selbst empfindet und dem, was andere einem sagen. Deswegen ist es ganz wichtig das zu machen, woran man selbst glaubt. Es bringt nichts, wenn 1000 Leute sagen, dass sie gut finden, was du gemacht hast, wenn du selbst nicht der Meinung bist. Aber wenn jemand aus meinem direkten Umkreis sagt, dass er oder sie toll fand, was ich gemacht habe, dann bedeutet mir das ganz viel. Man lernt als Schauspieler ein dickes Fell zu kriegen, was die Meinung anderer angeht. Da habe ich zum Glück ein gutes Selbstbewusstsein.

Wie stehst du dann zu Erfolg im Job?

Man kann einen Job nicht nur machen, weil man erfolgreich darin ist. Das was ich mache, mache ich, weil ich gar nicht anders kann. Das ist wie bei einem Maler. Er malt ja nicht nur, weil er Bilder verkaufen und Geld damit verdienen muss. Er kann einfach nicht anders, als zu malen. Er wird sonst unglücklich. Das ist ein Fluch und ein Segen. Dann ist es aber fast egal, ob du Erfolg hast oder nicht. Das musst du im Leben auch einfach akzeptieren. Du kannst etwas tun und es kann sein, dass du damit nicht erfolgreich wirst. Manche Wege sind so.

Eine ganz entscheidende Frage, die sich jeder in Bezug auf seinen Job stellen sollte ist: Muss ich das wirklich tun? Will ich das wirklich tun? Und warum muss ich das tun? Nur ans Networking und nach außen zu denken, ist nicht ausschlaggebend. Am Ende ist entscheidend, ob du das gemacht hast, weil es ein Bedürfnis von dir ist.

Leidenschaft im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Frage ist, akzeptierst du das, was sich im Leben vor deine Füße gelegt hat. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen, die in die Schauspielbranche rutschen, eher nach außen denken, sprich an Followerzahlen und Likes. Ich frage mich da, ob sie eine Öffentlichkeitsmaschine sind oder Schauspieler:innen. Das ist manchmal ein großes Fragezeichen.

Last but not least: Was ist dein Lieblings-After-Work-Getränk?

Ich trinke echt viel Wasser, weil mir das gut tut. Zum Essen trinke ich auch mal gerne ein gutes Glas Weißwein. Wenn ich jetzt Magenprobleme hätte, würde ich natürlich einen Jägermeister trinken (lacht).

Portrait Nicole Plich

Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.