“Ein Chatbot, um sich besser am Arbeitsplatz zu wehren“
Mit dem Chatbot Spot will Julia Shaw Angestellten helfen, Belästigung und Diskriminierung am Arbeitsplatz zu dokumentieren. Wir haben mit der Londoner Gedächtnisforscherin über die Vorteile von Bots in Zeiten des #MeToo-Movements gesprochen.
Frau Shaw, was ist die Mission hinter Spot?
Spot kommt von Spotlight, der Idee, Licht ins Dunkle zu bringen. Oft wissen Arbeitgeber nicht, was in ihren Firmen passiert, denn die meiste Belästigung wird nicht gemeldet. Unsere Mission ist es, Menschen – ob Frau oder Mann, ob diskriminiert oder belästigt – eine Stimme zu geben, damit sie sich besser am Arbeitsplatz wehren zu können.
Wie kann Spot dabei helfen?
Der Chatbot hilft, emotionale Ereignisse besser aufzuzeichnen. Mittels des kognitiven Interviews, einer Fragemethode aus der Erinnerungsforschung, kann der Bot so viele Information wie möglich aus den Betroffenen herausholen und damit qualitativ hochwertige Erinnerungen erstellen. Die Fragen sind offen und pragmatisch. Der Chat selbst fühlt sich aber ganz natürlich an, als würde man bei Whatsapp chatten.
Wie läuft so ein Chat genau ab?
Es beginnt mit einer offenen Recall-Frage: „Erzählen Sie mir alles, was passiert ist“. Dann analysiert die künstliche Intelligenz bestimmte Wörter und Phrasen und fragt genauer nach, zum Beispiel: „Sie haben erwähnt, dass es um Steven geht. Erzählen Sie mir mehr davon.“ Es geht um Punkte, die man gern vergisst, die aber wichtig sind. Zum Beispiel wo genau und zu welchem Zeitpunkt es passiert ist, oder ob es Zeugen gab. Am Ende bekommt man eine PDF, die man als Beweisstück behalten kann oder die man – anonym oder identifiziert – an den Arbeitgeber weiterleitet. Wir wollen die Macht von Seiten des Arbeitgebers zum Angestellten verschieben.
Wozu braucht es bei diesem Thema künstliche Intelligenz anstatt den Menschen?
Chatbots beurteilen nicht. Menschen, die einem gegenüber sitzen, fangen sofort an zu überlegen, ob sie einer Geschichte trauen können. Der Chatbot guckt nicht, ob jemand lügt sondern hilft pragmatisch. Das Zweite ist: Online ist immer frei. Man muss nicht erst ein Meeting buchen. Man kann die Situation direkt, nachdem es passiert ist, auch außerhalb der Arbeitszeiten, aufnehmen. Und man kann sich soviel Zeit nehmen, wie man möchte. Das Dritte ist, dass der Chatbot dafür optimiert ist, mit seinen Fragen die besten Erinnerungen herauszuholen. Menschen stellen oft die falschen Fragen und haben Kapazitätsgrenzen. Den Bot können unzählige Menschen gleichzeitig benutzen.
Seit Kurzem gibt es auch eine Version für Arbeitgeber, ein „Tool for Teams“. Was hat es damit auf sich?
Wir haben ein Backend für die Arbeitgeber kreiert, wodurch die Unternehmen besser die Reports zugeteilt bekommen und selber antworten können. Auch wenn jemand anonym bleibt, kann man dieser Person sagen „Wir hören dich“.
Welche Rolle spielt Ihr Startup dabei?
Wir sind der Mittelmann. Wir werden niemals Daten verkaufen und speichern so wenig wie möglich. Aber wir verkaufen das Backend und helfen damit den Firmen selbst, ihre Arbeitskultur zu verbessern.
Wollen die Firmen denn ihre Kultur verbessern?
Die Nachfrage ist groß und kommt aus komplett unterschiedlichen Industrien, wie Oil & Gas, Pharmaindustrie, einem Coffee Shop. Das war überraschend, denn wir dachten an Finance, Tech, Silicon Valley, vielleicht Hollywood. Aber von diesen Firmen kam immer dieselbe Antwort: „Wir haben eine tolle Kultur. Belästigung ist etwas, was Andere machen.“ Auch im deutschen Raum gibt es wenig Einsicht. Daher arbeiten wir aktuell nur mit Firmen, die von selbst zu uns kommen und einsehen, dass es ein Problem in ihrer Kultur gibt.

Von welcher Art von Problemen sprechen wir eigentlich?
Es geht von Rassismus, über Sexismus, bis zu sexueller Belästigung. Männer und Frauen sind betroffen. Gerade sind wir in der ersten empirischen Studie zu Spot und analysieren die PDF’s, die uns Menschen für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt haben. Die Wissenschaft geht also weiter. Ich habe direkt zwei Forschungsassistenten eingestellt, die zu Belästigung und Diskriminierung forschen. Wir wollen, dass die Diskussion inklusiver und breiter wird und nicht nur ein Pool für Frauen und Sexismus bleibt.
Wie kommt man überhaupt als Wissenschaftlerin auf die Idee zu gründen?
Ich hätte nie in meinem Leben gedacht, dass ich je eine Firma gründe. Aber vor einem Jahr habe ich Phil Libin, den Co-Founder der Gedächtnisapp Evernote, auf einer Konferenz kennengelernt. Wir haben den ganzen Abend über künstliche Intelligenz und unsere Projekte geredet. Zwei Wochen danach habe ich einen Talk über falsche Erinnerung in seinem Projekt gegeben und dort meine zwei Co-Founder kennengelernt. Das war dann fast explosiv: Wir waren drei Tage nur in Co-Working Spaces, haben die Whiteboards vollgemalt. Dann kamen wir auf die Idee, meine Forschung zu falscher Erinnerung und das Thema Belästigung am Arbeitsplatz zu verbinden. Denn es fing gerade das #MeToo-Movement an, bei dem auch Fahrer beschuldigt und viele Menschen gefeuert wurden. Nach drei Tagen war ich Co-Founder. Es war gerade Independance Day in Amerika und wir saßen am Abend auf einem Dach in San Fransisco, schauten uns das Feuerwerk an und dachten „so fängt es an.“
Im Februar ging die Website live, mittlerweile wurde schon über 1500mal gechattet. Was sind die zukünftigen Projekte von Spot?
Ich kreiere Educational Videos, in denen ich erkläre, was Diskriminierung und Belästigung ist. Viele Menschen verstehen nämlich nicht, worum es hier geht und wie man das identifizieren kann. Im nächsten Jahr bauen wir einen intelligenten Hintergrund, mit dem die Firmen die Reports nach Keywords analysieren können – eine Pattern Recognition. Kommen Reports zum Beispiel immer donnerstags, liegt das vielleicht an einem großen Meeting, wo sich ein Manager nicht gut gegenüber Angestellten verhält.
Zum Abschluss, haben Sie eine Zukunftsvision?
Ich hoffe, dass es irgendwann der neue Standard ist, dass Menschen einen anonymen Online-Reporting-Prozess haben.
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