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Kein zweiter „Ernährungskompass“: Wir haben mit Bas Kast über sein neues Buch gesprochen

Bas Kast, Autor des „Ernährungskompass“, hat ein neues Buch geschrieben. Darum geht es nicht um Ernährung
Foto: Gene Glover / © Diogenes Verlag
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Aktualisiert
Lesezeit10 Min · 2.095 Wörter

Eigentlich war es mehr als ein Sommer. Ein Jahr schrieb Bas Kast, Autor des Bestsellers „Der Ernährungskompass“, an seinem neuen Werk „Das Buch eines Sommers: Werde, der du bist“, das heute im Diogenes Verlag erscheint. Das Buch ist Kasts erster Roman, eine Geschichte über Selbstfindung, Persönlichkeitsentwicklung und Erziehung. Ein neuer Kompass für die Seele?

Wir haben vorab mit ihm darüber gesprochen, wie es ist, nach einem internationalen Bestseller ein neues Buch zu veröffentlichen, woher seine Motivation dafür kam und welche Tipps er jungen Autor*innen mit auf den Weg geben würde.

Herr Kast, es ist noch genau eine Woche, bis Ihr Buch erscheint, sind Sie nervös?

Ja, es ist ziemlich aufregend! Vor allem, da dieses Buch etwas ganz Neues für mich ist: Es ist mein erster Roman, nachdem ich bislang nur Sachbücher veröffentlicht habe. Ich wollte schon immer einen Roman schreiben, aber es war auch eine Herausforderung. Das Schreiben war sehr anders. Ich habe keine Ahnung, wie es ankommt, wie gelungen es überhaupt ist in einem objektiven Sinne. Es ist ein Experiment.

Wieso ist das Schreiben anders?

Ich kann sagen: Die einzige Gemeinsamkeit zwischen einem Sachtext und einem Roman ist es, dass man mit Sätzen und Sprache operiert. Ich bin Journalist, daher habe ich die grundsätzliche Fähigkeit zu formulieren lange geübt. Trotzdem ist die Art zu schreiben, das, was man mit Sprache tut, komplett anders. Eine Figur zu erschaffen, für die man Empathie empfindet, kommt nicht vor in einem Sachbuch. Für mich war das komplett neu und anfangs nicht einfach.

Woher kam die Motivation für Ihren Roman?

Das Thema erwachte in mir mit der Geburt meines ersten Sohnes vor sieben Jahren. Ich begann, mir Fragen zu stellen: Welche Rolle spiele ich als Vater? Was möchte ich meinen Kindern mit auf den Weg geben? Was ist für mich gute Erziehung? Und: Worauf kommt es an in einem Leben?

Tatsächlich hatte ich erst überlegt, wieder ein Sachbuch zu schreiben, fand dann aber die Faktenlage im Bereich Erziehung zu dünn. Es gibt wenige Experimente, wo man beispielsweise 200 Kinder auf eine bestimmte Art und Weise erziehen lässt und das mit einer entsprechenden Kontrollgruppe vergleicht.

Trotzdem blieb das Thema bei mir. Von einem Sachbuch entwickelte sich das Buch dann erst von einer Art lebensphilosophischen Erzählung immer mehr hin zu einem Roman. Ich wollte diese Entwicklung hin zu sich selbst durch eine Figur zeigen, die es selbst durchlebt und die Leser*innen mit ihr. Am Ende ist es ein echter Roman geworden, eine gute Geschichte, die aber immer noch Sachaspekte beinhaltet.

Inwieweit ist der Roman autobiografisch?

Ich wollte schon immer einen Roman schreiben, seit ich 16, 17 Jahre alt bin. In der Vergangenheit habe ich das auch schon versucht, aber bisher hatte ich immer das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, keine Geschichte. Das war kein Problem für Sachbücher, weil da konnte ich mich ja hinter Studien verstecken, da ging es nicht um mich.

„Für den Roman habe ich wirklich alles aus mir herausgeholt.“

Die Frauenfigur ist sehr von meiner Frau beeinflusst, der Junge von meinem ältesten Sohn. Ohne meinen Sohn hätte ich das Buch gar nicht schreiben können, weil ich nicht gewusst hätte, wie ein kleiner Junge redet, was ihn interessiert, wie er tickt. Die meisten der Szenen sind erfunden, aber das Gefühl, das dahinter steht, ist eigentlich immer selbst durchlebt. Sonst wäre es mir schwergefallen, sie mit Präzision zu beschreiben.

Sind Sie besonders aufgeregt, da so viel von Ihnen selbst in dem Buch steckt?

Im Laufe der Jahre gewöhnt man sich an Kritik und weiß, dass man nicht jeden glücklich macht mit seinen Texten, man entwickelt ein dickeres Fell. Ein Buch ist ein bisschen wie einen Song zu schreiben; natürlich mag ihn am Ende nicht jeder. Manche werden ihn mögen, manche nicht, was mir ein bisschen leid tut, denn es ist ja nicht in meinem Sinne, die Leute zu langweilen oder zu ärgern.

Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass mich die Kritik bei diesem Buch mehr trifft, als bei einem Sachbuch. Vor allem auch, da es sich ja um meinen ersten Roman handelt, nachdem ich bereits einige erfolgreiche Sachbücher veröffentlicht habe. Aber es ist ok. Es ist ein Experiment und wenn das bei einigen nicht so gut ankommt, dann muss man das halt aushalten.

„Der Ernährungskompass“ hat sich mehr als eine Million Mal verkauft. Bedeutet es für Sie besonderen Druck, ein Buch nach diesem Bestseller zu veröffentlichen?

Ja und nein. Naheliegend wäre gewesen, ein weiteres Sachbuch im Gesundheitsbereich zu schreiben, wie beispielsweise den „Fitnesskompass“. Dann hätten alle im Verlag erwartet, dass es wieder der ganz große Hit wird. Jetzt mache ich etwas ganz anderes. Bei einem Roman, noch dazu bei einem anderen Verlag, erwartet im Grunde keiner, dass es erneut ein riesiger Bestseller wird.

Mein Ziel mit diesem Buch war es, einen Roman zu schreiben, der mir und dem Verlag gefällt. Meine Erwartungen sind nicht besonders hoch. Den großen Erfolg vom „Ernährungskompass“ kann man nicht einfach kopieren.

„Der Roman ist ein Versuch, sich ganz vom ‚Ernährungskompass‘ frei zu machen, da es etwas ganz Anderes ist.“

Gab es eine Erfahrung vom „Ernährungskompass“, die Sie beim Schreiben Ihres neuen Buches beeinflusst hat?

Ich glaube, dass jeder etwas in sich hat, das raus in die Welt will, das sich entfalten möchte. Beim Ernährungskompass war das bei mir so: Ich glaubte wirklich an das Thema, hatte meinen Job beim Tagesspiegel gekündigt und monatelang an dem Manuskript gearbeitet, doch mein damaliger Verlag gab mir eine Absage. Ein Buch über Ernährung passe nicht zu meinem Profil, hieß es – bis dahin hatte ich hauptsächlich Psychologiebücher geschrieben.

Ich musste mir also einen neuen Verlag suchen, was Zeit und Nerven kostete. Die erste Auflage vom Kompass war klein, nach nur eineinhalb Wochen war das Buch vergriffen war. Dann ist es explodiert. 2019 war es das bestverkaufte Sachbuch des Jahres. Damit hat keiner gerechnet.

Ironischerweise kennen mich heute die Leute nur noch als Ernährungscoach oder -autor. Doch auch das ist nicht die ganze Wahrheit: Ich bin ein Autor, der eben auch mal ein Buch über Ernährung geschrieben hat. Die Erfahrung mit dem „Ernährungskompass“ hat mir vor Augen geführt, dass das Feedback und die Meinung anderer Leute oft nicht die besten Gradmesser für die eigenen Ideen sind. Wenn man wirklich an etwas glaubt, seinem Herzen folgt und dann die entsprechende Arbeit reinsteckt, dann kann sich das am Ende wirklich lohnen. Andere können deine Vision nicht greifen, bis du sie realisiert hast.

Das neue Buch von Bas Kast „Das Buch eines Sommers: Werde, der du bist“ ist am 23. September im Diogenes Verlag erschienen.

Das Schönste für ein Leben ist doch, wenn es einem erlaubt ist, sich selbst zu verwirklichen. Wenn man die Chance hat, dann sollte man sie auch ergreifen und sich nicht aus Angst vor dem Scheitern davon abhalten lassen. Am Ende des Lebens blicken die Menschen nicht mit Reue auf das zurück, woran sie gescheitert sind, sondern auf das, was sie gar nicht erst versucht haben. Das ist auch Thema meines Buches. Der „Ernährungskompass“ hat mir finanziell die Möglichkeit gegeben, meinen Traum zu leben und das Risiko einzugehen, ein Jahr lang etwas zu machen, was vielleicht schief gehen könnte. Ich dachte: Jetzt muss ich es einfach probieren.

Früher Sachbuch und Ernährung, jetzt Roman und Selbstfindung – wie wichtig sind diese neuen Herausforderungen für Ihren Arbeitsprozess?

Unheimlich, nicht nur, weil man sich mit jedem Buch, das man schreibt, sehr lange beschäftigt. Für mich ist es wichtig, ein Thema zu finden, das mich herausfordert, das mich energetisiert und all meine Kräfte mobilisiert. Das ist bei mir dann der Fall, wenn ich mir selbst nicht sicher bin, ob ich es schaffen kann. Das Thema Ernährung war damals eine große Herausforderung für mich, ich war ja fachfremd. Und trotzdem dachte ich: Wenn ich mich reinknie und alles gebe, ist es möglich.

Beim Roman wusste ich von der Form her nicht, ob ich es kann. Ich gab mir selbst eine 30-prozentige Erfolgschance. Das ist so dieses Level, wo ich spüre, jetzt werden alle meine Kräfte mobilisiert. Ich weiß, wenn ich jetzt nicht Gas gebe, wenn ich nicht 100 Prozent gebe, dann reicht es nicht.

Die Corona-Krise hat uns alle zum Innehalten gezwungen und viele zum Nachdenken über ihr Leben und ihre Werte angeregt. Dazu passt Ihr Buch ja perfekt. Zufall?

Das war ein sonderbarer Zufall, ja, es gibt frappierende Parallelen. Mein Protagonist erhält eine Zwangspause von seinem hektischen Alltag in einer Villa auf dem Land, mit viel Ruhe. Dort findet er zu sich selbst und zu seiner Familie. Genau diese Situation eröffnete sich uns allen während des Corona-Lockdowns. In unserer Hochleistungsgesellschaft fällt man schnell zurück, wenn man stehen bleibt, wie auf einer Rolltreppe.

Durch Corona war es auf einmal so, als würde die Rolltreppe stehen bleiben. Alle standen auf einmal still. Genau diese Ruhe möchte ich auch in meinem Roman erzeugen. Denn erst in der Ruhe, wenn man die Aufmerksamkeit zur Abwechslung mal nach innen statt nach außen richtet, kann man sich selbst erkennen. Der Corona-Lockdown hat gezeigt: So wie es immer war, muss es nicht immer sein. Und auch der Tod spielt eine Rolle in dem Buch.

„Konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit, beginnt man, alles in Frage zu stellen.“

Will ich immer so reisen, immer so hektisch sein? Muss ich für jedes Meeting in den Flieger steigen? Was ist denn nun eigentlich wichtig im Leben?

Welche Tipps haben Sie, um mehr zu sich selbst zu finden?

Wir haben ein bewusstes Ich, das in Worten spricht und die Ratio beherrscht. Dann haben wir aber auch viele Anteile in uns, die unbewusst sind und in Form von Bildern, Träumen, Gefühlen und spontanem Verhalten mit uns kommunizieren.

Möchte man also mehr über sich herausfinden, so kann man einerseits in sich gehen, stillsitzen, tagträumen und schauen, was dabei herauskommt. Ein zweiter Weg ist es, zu einem Biographen seines eigenen Lebens zu werden, sich selbst und sein (spontanes) Verhalten zu beobachten und eine Art Tagebuch führen: Wann blühe ich auf? Was begeistert mich? Was gibt mir Energie? Und auf der anderen Seite: Was raubt mir Energie?

Wir alle erzählen uns eine Geschichte über uns selbst, zum Beispiel: „Ich bin ein schüchterner Mensch, ich bin introvertiert.“ Ob das wirklich stimmt, kann man durch diese Beobachtungen auf den Prüfstand stellen und so mehr über sein wahres Ich erfahren.

Beim Schreiben vom „Ernährungskompass“ haben Sie Ihre Ernährung umgekrempelt. Wie hat Sie Ihr neues Buch beeinflusst?

Ich versuche, mehr im Moment zu leben, nicht immer nur im Morgen. Wenn man sich das Jetzt andauernd wegwünscht, dann wünscht man sich im Grunde das Leben andauernd weg. Zudem verwirkliche ich mir mit dem Roman einen langen Lebenstraum, wodurch sich das Schreiben selbst so anfühlte, als würde ich mit jeder Seite mehr bei mir selbst ankommen.

Ich will aber nicht behaupten, dass ich durch die schlichte Niederschrift des Romans weise geworden wäre, insofern hält sich die Wandlung im Vergleich zum „Ernährungskompass“, wo die Umstellung körperlich massiv war, eher in Grenzen.

Was würden Sie jungen Autor*innen mit auf den Weg geben?

Mein Tipp: Fang klein an, bei einer Lokalzeitung oder einem Magazin, als Freie*r oder als Praktikant*in. Dort wirst du sehen und spüren, ob dir das Schreiben als solches liegt. Natürlich kannst du auch erst einmal für dich selbst anfangen zu schreiben, Kurzgeschichten, Tagebuch, Anekdoten – so merkst du auch, ob eher das fiktionale Schreiben oder das Sachschreiben etwas für dich ist.

Wenn man wirklich schreiben will, wenn man wirklich den Drang hat, dann sollte man es tun. Aber nur dann. Es ist schwierig, in Verlagen Fuß zu fassen. Verlage gehen nicht gerne Risiken ein. Auch nicht bei mir. Fast jedes Buch war für mich ein Kampf.

Selbst nachdem ich schon vier, fünf Sachbücher gemacht hatte, wurde „Der Ernährungskompass“ erst einmal abgelehnt. Später, nach dem „Ernährungskompass“, hieß es dann: Sachbuchautoren können keine Romane. Wörtlich. So suchte ich mir wieder einen neuen Verlag. Es ist und bleibt ein kontinuierlicher Kampf. Daher sage ich immer zu meinen Kindern: Macht etwas Vernünftiges! (lacht) Und so empfinde ich es auch.

Portrait Insa Schniedermeier

Insa Schniedermeier

Insa ist seit 2020 bei Business Punk und schreibt für Print und Online. Ursprünglich kommt sie aus der Wirtschaft, hat BWL studiert und einige Jahre in großen Unternehmen und Beratungen gearbeitet. Wenn Insa nicht schreibt, findet man sie meist in Laufschuhen oder Yogapants.