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Kernfusion: Was bedeutet der Durchbruch aus den USA?

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Lesezeit17 Min · 3.386 Wörter

Mit Durchbrüchen ist das so eine Sache: Es kommt immer darauf an, wohin man will. Bei einer neuen Meldung aus dem Lawrence-Livermore-Labor in den USA gibt es aktuell wieder eine Mischung aus Hype und Hinweisen auf Challenges. Allerdings sprach die Energieministerin persönlich von einem „Durchbruch, der in die Geschichtsbücher eingehen wird.“ Was da los war?

In der Forschungseinrichtung für Kernfusion gelang es den Forscher:innen erstmals, dass sie mehr Energie herausbekommen, als ein starker Laser abgab, um das Experiment zu starten. Insgesamt ist es aber doch wieder ein Minusgeschäft, denn der Laser verbraucht mehr Energie, als er selbst abstrahlen kann.

Was heißt das ganze für unsere Energieversorgung? Immerhin soll Fusion sehr viel Energie erzeugen, ohne Klimaschaden und die gruseligen Risiken aktueller Kernspaltungs-Kraftwerke. Trotz des Durchbruchs: Noch ist es ein langer Weg bis zur Nutzbarkeit.

20 Jahre, das ist die optimistischste Schätzung des KIT-Forschers Klaus Hesch gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Nach den Maßstäben der Fusionsforschung ist das eine kurze Zeit. Und Startups wollen es noch schneller schaffen.

Was ist Kernfusion? Das erfahrt ihr in diesem Text aus unserem Archiv (Nov. 21):

Deus ex Machina: Wenn das Aus naht, wenn die Angst am größten ist, kommt sie aus dem Nichts: Eine Lösung, die alle Konflikte in Harmonie aufgehen lässt. Deus ex Machina ist ein Kniff des Theaters, reine Dichtung, keine Wirklichkeit. Und doch gemahnt es an das Wunder der Bühne, und zugleich ist es wirklich, was die Mutigen sich auf einem Feld zutrauen, das lange wie eine Reihe gebrochener Versprechen wirkte: Strom aus verschmolzenen Materieteilchen, Kernfusion. Eine Technologie, die unsere Energieerzeugung revolutionieren könnte. Nur sind bis zur Anwendbarkeit Ingenieursleistungen zu vollbringen, die seit Jahrzehnten Genies verzweifeln lassen.

Das Versprechen ist dabei die Erzeugung sauberer Energie. Ohne dass klimaschädliche Gase ausgestoßen werden. Ohne Angst davor, dass etwas in die Luft fliegen könnte und den Planeten verstrahlt. Ohne Schwankungen, ausgelöst durch Wolken oder weil der Wind nicht wehte. Fast zu schön, um wahr werden zu können. Doch hier sind drei, die es einlösen wollen.

Thomas Klinger vor Wendelstein 7-X Foto: IPP, Ben Peters
Heike Freund von Marvel Fusion Foto: Quirin Leppert
Heinrich Hora von HB11

Da ist der Mann aus der Stadt am Meer, der seine Karriere der Erforschung von etwas gewidmet hat, das dem Sonnenfeuer gleicht. Und als Wissenschaftler und Mann des Zweifels wägt Thomas Klinger seine Worte. Er sagt vorsichtig optimistisch: „Es könnte klappen.“

Da ist die Frau, die weiß, wie man Menschen so zusammenarbeiten lässt, dass sie schwierigste Herausforderungen bewältigen. Und sich jetzt an die Konstruktion der vielleicht komplexesten Maschine wagt, die Menschen nur ersinnen können. Heike Freund heißt die Organisationsexpertin. „Wir sind eine kleine Firma“, sagt sie über ihr Startup Marvel Fusion. „Eine kleine Firma, die in einer kurzen Zeit eine extrem große Aufgabe bewältigen will.“ Nur bis 2030 haben sie sich Zeit genommen, um das Versprechen einzulösen, einen Fusionsreaktor zu bauen. Neun Jahre, die bei einer Herausforderung wie dieser als Nichts erscheinen.

Und da ist der Professor, der noch zu Lebzeiten Thomas Alva Edisons geboren wurde und sich in seinem neunten Lebensjahrzehnt anschickt, sein Werk zu krönen. Heinrich Hora, Deutsch-Australier. „Wir leben in einer Zeit, in der man die Umweltzerstörung mit Sorge betrachtet. Gerade in den letzten Jahren sind diese Fragen noch dringender geworden“, sagt er. Und: „Da muss etwas geschehen.“ Dafür hat er am anderen Ende der Welt HB11 gegründet, ein Startup, das Nuklearphysik und Lasertechnik zusammenbringen soll.

Die Herausforderung ist klar, die Angst groß: Das Klima verändert sich. Weil Kraftwerke zu viele Emissionen ausstoßen, kommt es zu Hitzewellen, Stürmen und Starkregen. Die Zeit verstreicht, in der die Politik noch Schritte ergreifen kann, um die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Ob die Kernfusion dabei zum Deus ex Machina taugt? Demütig müsse man sein, wenn man auf diesem Feld arbeite, sagt Thomas Klinger. Menschen wie er möchten Bereiche der Wirklichkeit verstehen, die nichts mit der Welt zu tun haben, wie wir sie täglich erleben. Das Allerkleinste, Temperaturen jenseits des Stellaren, Sekundenbruchteile nahe am Nichts. Alles in diesen Dimensionen ist Neuland für den Menschen.

Die geheimnisvolle Macht

Es sind die Kräfte im Innersten der Materie, die Klinger, Freund und Hora zu zähmen versuchen. Bei der Kernfusion bringt man zwei Wasserstoffteilchen dazu, zu einem Helium-Atom zu verschmelzen. Etwas von der Kraft, die das Atom im Innersten zusammenhält, wird dabei frei. Der Mensch kann diese Kraft einfangen und elektrischen Strom erzeugen. Zumindest in der Theorie. Denn die Natur hat es eigentlich anders vorgesehen, die Atome stoßen einander unter normalen Bedingungen ab. Man muss sie mit unglaublicher Geschwindigkeit aufeinanderprallen lassen, damit sie eins werden. In der Sonne passiert das ständig. Aber um es hier auf der Erde geschehen zu lassen, braucht es Ingenieur:innenleistungen besonderer Art.

Die Fotos in diesem Artikel sind künstlerische Illustrationen von Michael Dziedzic

Am Rande der Stadt Greifswald. Zwischen dem Real-Supermarkt und einem weiten, grünen Feld steht ein großes Haus mit wellenförmig geschwungenem Dach, das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Hier erforscht Klinger, wie man das Feuer der Sonne nutzbar machen kann: Plasma. In einer großen Halle steht der Wendelstein 7-X. Benannt ist er nach dem Alpengipfel, denn das Institut hat seinen anderen Standort in Garching bei München.

„Hier bringen wir das Plasma in den Zustand, den es für die Fusion haben soll“, sagt Klinger. Plasma ist nichts anderes als ein Gas, das man so stark mit Energie vollpumpt, dass die Teilchen sich immer schneller bewegen. Sie sind schon bei einem gewöhnlichen Gas wie unserer Atemluft extrem weit voneinander entfernt. Aber die Luft ist dick, wenn man sie mit dem Plasma vergleicht. „Etwa 100 000-mal so dick“, erklärt Klinger. Das Feuer der Sterne ist auf den ersten Blick kaum mehr als ein Lichteffekt: Fast unsichtbar sei das Plasma, sagt Klinger. Nur ein bisschen rotes Flackern gäbe es zu sehen, wenn man in den Wendelstein 7-X hineinschauen könnte. Aber in diesem subtilen Feuer tun die Atome etwas, das sie sonst nicht tun: Sie prallen zusammen und werden eins. Sie fusionieren.

Die Erkenntnis-Maschine

Klinger hat sich auf die Erforschung der Kernfusion im Plasma spezialisiert. Denn die muss noch besser verstanden werden, um als Stromquelle nutzbar zu sein. Kernfusion als solche nämlich sei gar nicht kompliziert zu bewerkstelligen. „Das können Sie bei sich zu Hause mit einer selbst gebauten Maschine aus ganz einfachen Bauteilen machen, das ist trivial“, sagt der Physiker. Nur reicht es nicht aus, einzelne Kerne zur Fusion zu bringen. Denn weil die Atome kleiner als klein sind, kann bei jeder einzelnen Fusion nur eine Menge an Energie frei werden, die in menschlichen Maßstäben unbedeutend ist. Wer mit Kernfusion Lampen, Computer und Fabriken antreiben will, der braucht unglaublich viele Atome, die miteinander fusionieren. Unglaublich viele, das heißt „zehn hoch 20 Fusionsreaktionen pro Kubikmeter und Sekunde“, sagt Klinger.

Die erstaunliche Maschine in Greifswald sieht von außen aus wie ein Nest aus Rohren und Kabeln. Bauarbeiter steigen durch das Geflecht wie in einem Wimmelbild. Das Forscher:innenteam hat herausgefunden, dass eine besondere Art von Graphitkacheln sich besonders gut eignet, um die donutförmige Form auszukleiden. Schon der Kontakt mit den Wänden würde das Plasma abkühlen. Starke Magneten halten es deshalb von den Wänden fern. Wie verformte Ringe umgeben sie den Donut-Kanal. Stellarator heißt diese Bauform, ein kleiner Stern im Labor. Wenn alles gut geht, wird Klinger hier mit dem mehrere Hundert Köpfe starken Team ergründen, wie man mit Kernfusion ein Kraftwerk betreiben kann. Aber selbst Strom erzeugen wird der Wendelstein 7-X nie. Er ist ein wissenschaftliches Experiment. Sein Ziel: Erkenntnisse, nicht Energie.

Heike Freund geht das anders an. Ihr Unternehmen mit dem klingenden Namen Marvel Fusion hat ein Ziel, das sie selbst als hoch ambitioniert bezeichnet. „Wir wollen bis 2030 kommerzielle Fusionskraftwerke anbieten.“ Neun Jahre, um etwas zu schaffen, von dem die klügsten Köpfe an den Universitäten seit Jahrzehnten träumen. Doch viele sind mit Zeitvorgaben vorsichtig geworden. Auch Klinger, der Greifswalder Professor. Er findet, dass die Fusion schon viel zu oft als Deus ex Machina herhalten musste – und dann eben nicht kam. „Man wollte positive Geschichten hören, und die Mahner sind dabei eher unbeachtet geblieben.“ Aber auch er sagt: „Nicht die Flinte ins Korn werfen, sobald sich etwas als schwierig erweist. So hat die Menschheit noch nie Fortschritte gemacht.“

Es gibt da diesen Spruch unter Eingeweihten: Es sind immer noch 30 Jahre, bis die Kernfusion praktisch einsetzbar ist. Ein paradiesischer Zustand. Das Problem ist nur: Das mit den 30 Jahren wurde nie eingelöst. Bis heute gibt es keinen einsatzfähigen Reaktor, nirgends auf der Welt. Und doch ändert sich etwas: Investitionen in Fusionsenergie heben ab. So haben Bill Gates und Jeff Bezos riesige Summen in Fusionsfirmen gesteckt.

Für Marvel Fusion und HB11 soll ein neuer Ansatz den entscheidenden Unterschied machen: Laser. Im Bereich der Lichtkanonen ist der Fortschritt in den letzten Jahren besonders schnell gewesen. „Das ist ein ganz wichtiger Multiplikator“, sagt Heike Freund. Marvel Fusion ist der bekannteste deutsche Player auf dem Markt der Fusions-Startups. Commonwealth Fusion Systems und TAE Technologies aus den USA sind besonders bekannt, arbeiten mit starken Magneten, um Plasmen zu erzeugen, wie sie Klinger in Greifswald erforscht. Beide Firmen sind mit Hunderten Millionen Euro Investor:innengeldern ausgestattet.

Marvel Fusion ebenso wie Heinrich Horas australische Firma HB11 hingegen weichen vom Weg der meisten Forschungseinrichtungen ab. Sie hoffen auf Innovationen im Bereich der Laser. „Wir hatten nie ein Interesse daran, einen Ansatz mit Magneten voranzutreiben“, sagt Freund. „Beim Laser haben Sie den großen Vorteil, dass nicht nur die Fusionsindustrie sie entwickelt. Auch die Medizintechnik ist in dem Bereich sehr engagiert.“ Die Idee: mit extrem starken, extrem kurzen Laserschüssen auf das speziell strukturierte Brennstoffziel zielen. Struktur und extreme Laserkraft braucht es, um die Bedingungen einer nicht thermischen Fusion zu erreichen. Ein lasergetriebener Clash der Atomkerne statt des superheißen Plasmas. Marvel Fusion hat einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag als Seed-Kapital eingesammelt und peilt die nächste Finanzierungsrunde an. Für die Verwirklichung aber nur der erste Schritt.

Auch Horas Startup hat einen namhaften Geldgeber: Lukasz Gadowski, Mitgründer von Delivery Hero, StudiVZ und Spreadshirt. Der Rest der umgerechnet knapp 4 Mio. Euro schweren Pre-Seed-Runde kommt laut dem Unternehmen ebenfalls von vermögenden Einzelpersonen. Eine Ehre sei es, an der Seite Heinrich Horas Teil der „Revolution der Energieproduktion“ zu sein, ließ Gadowski mitteilen. Aber er sagt auch: „Jetzt müssen wir die Theorie in die Praxis umsetzen. Eine schwierige Aufgabe, aber der Mühen wert.“

Der Durchbruch

Was sowohl Heike Freunds als auch Heinrich Horas Hoffnungen befeuert: Am 8. August gelang in Kalifornien ein historischer Durchbruch, wie die beteiligten Wissenschaftler:innen sagen. An dem Tag beschossen sie am Lawrence Livermore National Laboratory eine sehr kleine Menge Brennstoff mit einem 1,9 Millionen-Megajoule-Laser. Der stärkste, der von Menschen je gebaut wurde. Der kann einen Druck von 100 Millionen Bar aufbauen. (Wenn Vergleiche hier noch Sinn machten, könnte man anfügen, dass ein Rennradreifen auf maximal zehn Bar aufgepumpt wird). Die Wissenschaftler:innen lösten eine Fusion aus und gewannen eine Energiemenge, die mehr als zwei Dritteln der eingesetzten Energie entsprach. Das ist viel mehr, als am Livermore Lab jemals gelungen war – vor einem Jahr war es noch um den Faktor 25 weniger.

Es ist diese Hürde, an der alle Versprechen der Kernfusion bisher scheitern: Es entsteht weniger Energie, als man aufzuwenden hatte. Es zündet nicht. Von Zündung sprechen Expert:innen dann, wenn die Reaktion im Plasma sich immer weiter fortsetzt. Wenn genug Kernfusionen entstehen, dass sie weitere auslösen.

So ganz fern unseres Alltag die Kernfusion auch sein mag, in dieser Hinsicht gleicht das Problem dem eines jeden Feuers. Wenn man das Zündholz nicht lange genug an die Kohle hält, glimmt die nur kurz auf.

Hora kann sich durch den Durchbruch in Kalifornien bestätigt sehen: „Dieses ganz hervorragende Ergebnis hat die 30 Mrd. Dollar für die französische Anlage natürlich infrage gestellt.“ Er meint damit das internationale Großprojekt ITER, wo Forschende erstmals demonstrieren wollen, dass ein Fusionsreaktor Energie gewinnen kann. Auch am ITER sind es superheiße Plasmen, in denen die Fusion ablaufen soll. Hora hingegen verfolgt den alternativen Laser-Ansatz schon seit Jahrzehnten: Bei seiner Firma HB11 arbeiten sie ebenfalls mit einer nicht thermischen Reaktion. Nicht durch extremes Aufheizen sollen die Kerne zum Fusionieren gebracht werden. Stattdessen will er mit dem Laser so viel Druck aufbauen, dass es zur Verschmelzung kommt. „Das ist unsere ganz spezifische Neuheit“, sagt Hora.

Die Ausgangsstoffe sind dabei andere als beim Greifswalder Experiment oder beim Durchbruch am Livermore Lab. Nicht Tritium nutzen HB11 und ebenso auch Marvel Fusion, sondern Wasserstoff und Bor.

Ein Vorteil: Beide Stoffe sind reichlich verfügbar und stabil. Tritium hingegen, auch überschwerer Wasserstoff genannt, ist radioaktiv und muss erst im Labor hergestellt werden. Die wesentlichen Magnetfusionsanlagen arbeiten trotzdem mit Tritium. Denn Wasserstoff und Bor müssen noch extremer erhitzt werden, die Teilchen noch schneller herumschwirren, wenn man mit Plasma arbeitet. Aus der Sicht von Thomas Klinger ist die Idee mit dem Bor daher der zweite Schritt vor dem ersten.

Der Laser könnte hier den Unterschied machen. Bereits 1978 prognostizierte Hora, dass es mit ihm möglich sei, die Wasserstoff-Bor-Reaktion auszulösen. Nur gab es damals noch keine geeigneten Laser. Mit dem Fortschritt der Laserphysik rückte das Ziel immer näher. 2005 konnte eine lasergetriebene Fusion experimentell beobachtet werden. Und mit Donna Strickland und Gérard Mourou bekamen zwei Laserpioniere 2018 den wichtigsten Preis ihrer Zunft: den Nobelpreis für Physik. „Dank dieser Arbeiten kann man optischen Druck erzeugen, nicht thermischen“, sagt Hora. Also Licht statt Hitze.

Trotz des Durchbruchs am Livermore Lab sind die nächsten Schritte enorm. Frühestens Ende Oktober könne das Experiment reproduziert werden, sagte Forschungsdirektor Mark Herrmann. Zunächst sei das Ergebnis daher vor allem für die Wartung der US-Atomwaffen von Bedeutung. Und diese Verwandtschaft mit Kriegstechnik trübt das öffentliche Bild der Kernfusion. Die unfassbare Kraft der kleinsten Teilchen wurde zu oft im Dienste von Tod und Zerstörung eingesetzt.

Die Ängste

Schon immer schien es ein unfassbares Unterfangen, in die Welt der Atome einzugreifen. Eben nicht nur Versprechen, sondern auch Risiko. Kernfusion ist natürlich auch die Funktionsweise eines der schrecklichsten Instrumente, die die Menschheit je ersonnen hat: der Wasserstoffbombe. Dafür wird die Kraft der Fusion mit einer Kernspaltungsreaktion aktiviert. Die Fusion läuft unkontrolliert ab. Bei der Kernverschmelzung in zukünftig denkbaren Kraftwerken passieren zwar ähnliche Prozesse, aber sie bleiben auf die sehr besonderen Bedingungen des Reaktors beschränkt. Und es sind nur Milligramm-Mengen an Material, die Unternehmen wie Marvel Fusion nutzen wollen. So ähnlich, wie wenn man eine Laterne im Schnee aufstellt. Die Kerze könnte zwar theoretisch ein Feuer auslösen, aber sie ginge außerhalb der Laterne zu schnell aus.

Kernfusion ist Atomkraft anderer Art. Kernschmelze und Verstrahlung, zum Synonym für Schrecken gewordene Orte wie Tschernobyl und Fukushima – dieses Risiko soll bei der Fusion nicht vorhanden sein. Denn wenn etwas schiefgeht, stoppt die Fusion.

Trotzdem ist Vorsicht geboten. „Es ist ein nuklearer Verbrennungsprozess“, sagt Klinger. „Da müssen Sie natürlich den Strahlenschutz gewährleisten. Wir drücken damit die Radioaktivität auf das natürliche Hintergrundniveau. Dem Sie überall aufgrund der kosmischen Strahlung ausgesetzt sind.“

Und klingen die Temperaturen nicht höllisch riskant? 100 Millionen Grad Celsius sind schon für eine Deuterium-Tritium-Reaktion nötig, bei anderen noch viel höhere. Diese unvorstellbaren Temperaturen sollen aber trotzdem keine Gefahr darstellen, sagt Klinger. Denn je dünner die Materie ist, desto schneller kühlt sie ab. Eine heiße Kartoffel bleibt länger heiß als Zuckerwatte. Und Plasma ist noch um ein (großes, sehr großes) Vielfaches dünner. Das heißt: So heiß es auch ist, es verliert die Temperatur im Kontakt mit festen Körpern sehr schnell. Klinger hat dafür eine Analogie: „Denken Sie an einen 40-Tonnen-Lkw und einen Pingpongball. Selbst wenn der mit extremer Geschwindigkeit gegen den Lkw schlägt – der Lkw wird immer gewinnen.“

Schließlich die Sorge um das lange Erbe der Nuklearenergie: In heutigen Kernkraftwerken fallen im Betrieb Materialien wie Plutonium an, allein in Deutschland etwa 450 Tonnen im Jahr. Erst nach 24 000 Jahren hat das Material seine Halbwertszeit erreicht. Ein Endlager gibt es nicht.

Obwohl auch Fusionsreaktoren Nuklearkraftwerke sind, ist das Müllproblem bei ihnen ungleich kleiner. Am Ende bleibt kaum etwas anderes übrig als Helium. Das Gas, mit dem auf Jahrmärkten Ballons für Kinder gefüllt werden. Eine Anlage wie der Wendelstein 7-X muss zwar am Ende ihrer Laufzeit wegen der angesammelten Radioaktivität eingelagert werden. Aber laut Klinger nur für eine Zeitspanne von etwa 100 Jahren.

Die Wasserstoff-Bor-Reaktion, auf die Marvel und HB11 setzen, benötigt keine radioaktiven Ausgangsmaterialien. Die Strahlung liege im Bereich medizinisch-technischer Anwendungen, sagt Heike Freund. „In weniger als 0,1 Prozent der Fälle kann bei der pB11-Fusion als Nebenprodukt das Isotop Kohlenstoff-11 entstehen, und es wird ein Neutron freigesetzt. C11 klingt mit einer Halbwertszeit von 20 Minuten ab.“

Der Lohn der Tüchtigen

Die Kernfusion kann vom uneingelösten Versprechen zur Wirklichkeit werden. Dazu aber bedarf es der großen Tugend des echten Fortschritts: Tüfteln an den kleinen Herausforderungen, Schritt für Schritt. Der Weg ist lang. Er erfordert Projekte, die die menschliche Vorstellungskraft fast übersteigen.

Südfrankreich. Die Kernforschungsanlage Cadarache. Hier entsteht etwas, das „Forbes“ einst als „teuerstes wissenschaftliches Experiment der Geschichte“ bezeichnete. Kostenschätzungen fangen bei 18 Mrd. Euro an, und selbst diese Mindestsumme hätte gereicht, um den neuen Berliner Flughafen BER gleich noch zwei weitere Male zu bauen. Aber hier passiert mehr, als dass Flugpassagier:innen abgefertigt werden: Der Versuchsreaktor ITER soll demonstrieren, wie ein Fusionskraftwerk aussehen könnte. Er ist ein erstaunliches Beispiel internationaler Zusammenarbeit. Die EU arbeitet dort mit China zusammen, die USA mit Russland. Aber wo so viele Staaten mitmischen, wo so viel Geld im Spiel ist, dauert der Bau lange. Schon seit 2007 wird an der Anlage gewerkelt. Es soll laut Plan noch mindestens vier Jahre dauern, bis hier das erste Plasma erzeugt wird. Und noch mal zehn Jahre bis zur vollen Leistung.

Ein gigantisches Vorhaben. Dass es eines so großen Ausmaßes bedarf, um die Anwendbarkeit der Fusion zu demonstrieren, hat etwas mit kleinen Mäusen zu tun. So erklärt es jedenfalls Klinger. „Es geht um das Verhältnis von Volumen und Oberfläche“, sagt der Forscher. Das ist umso günstiger, je größer ein Objekt ist. „Die Spitzmaus ist der kleinstmögliche Warmblüter.“ Ein noch kleineres Tier würde auskühlen. Und wegen des besseren Oberfläche-Volumen-Verhältnisses wird der ITER zehnmal so viel Volumen umfassen wie alle Vorgänger seines Bautyps, des sogenannten Tokamak.

Wenn Marvel Fusion sein ambitioniertes Versprechen einlösen kann, dann wäre die Firma von Heike Freund schon ein Vierteljahrhundert früher mit einem Reaktor am Markt, als sie es beim ITER erwarten. Wie geht man vor, wenn man Millionen eingesammelt hat, um die Energie der Zukunft anbieten zu können? Heike Freund hat klare Schritte im Kopf: „Wir haben zunächst in Simulationen gezeigt, dass unser Ansatz funktioniert“, sagt sie. „Jetzt planen wir, einen bestehenden Laser auf unsere Parameter upzugraden, um unsere Technologie weiter zu schärfen und weiter in Richtung Nettoenergiegewinn hin zu entwickeln. Denn wir finden auf der ganzen Welt keinen einzigen Laser, der genau unseren Anforderungen entspricht.“

Und auch wenn es nicht an großen Versprechen und an Mut mangelt, bei einer Aufgabe wie dieser geht es nicht ohne die Unterstützung aus anderen Bereichen der Gesellschaft. Freund wirbt deswegen auch um politische Unterstützung.

Denn Deus ex Machina, die Lösung aus dem Nichts, kann es nur in Geschichten geben. In der Realität sind es viele kleine Schritte, viele mühsam errungene Innovationen, die zur Lösung führen. Es braucht sie alle dafür: die idealistischen Forscher:innen, die riesigen Aufwand betreiben, für Erkenntnisse, die allein kaum jemand ohne Dissertation zu verstehen vermag. Die Mahnenden und die Mutigen. Und die Hoffnung, den Rahmen des Möglichen zu erweitern.

Ein Text aus Business Punk 5/2021. Auch im Heft: Rap-Legende Marteria gibt BWL-Nachhilfeunterricht und im Dossier beschäftigen wir uns mit „Moon Shots“. Business Punk gibt es hier im Abo!

Jonas Bickelmann