Ablage · Geoffrey Hinton

KI-Macht: Toronto steigt auf – Europa bleibt zurück

KI-Macht: Toronto steigt auf – Europa bleibt zurück
KI-generiert
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Aktualisiert
Lesezeit4 Min · 727 Wörter

Geoffrey Hinton hat Toronto zur KI-Metropole gemacht. Heute zieht die Stadt Techgiganten, Milliardeninvestments und einige der spannendsten KI-Startups der Welt an. Im Wettbewerb um Tech-Talente liegt Toronto bereits auf Platz drei – während Europas Metropolen hinterherlaufen.

Silicon Valley bleibt das Zentrum der globalen Techindustrie. Doch rund um KI-Pionier Geoffrey Hinton ist in Toronto ein Ökosystem entstanden, das Google, Nvidia, Meta und Microsoft anzieht. Auch Unternehmen außerhalb der klassischen Techbranche investieren: Sanofi kündigte 2026 fast 300 Millionen Dollar für sein Toronto AI Center of Excellence an. Laut CBRE liegt Toronto im internationalen Wettbewerb um Tech-Talente inzwischen auf Platz drei – hinter San Francisco und Seattle, aber vor New York. Entscheidenden Anteil daran haben die University of Toronto und das von Hinton mitgegründete Vector Institute.

Der Mann, der den KI-Stein ins Rollen brachte

Hintons Einfluss reicht Jahrzehnte zurück. Als sich nur wenige Forscher intensiv mit neuronalen Netzen beschäftigten, kamen ambitionierte Wissenschaftler nach Toronto, um mit ihm zu arbeiten. Aus Studenten wurden Forscher, Gründer und Führungskräfte. Einer davon ist Nick Frosst. Er gehörte zu den ersten Mitarbeitern von Hintons Google-KI-Labor in Toronto und gründete später Cohere. Das Enterprise-AI-Unternehmen wird inzwischen mit Milliarden bewertet.

Zwei Milliarden für den KI-Turbo

Auch Kanadas Regierung will den Standort stärken. Mehr als zwei Milliarden Dollar sollen in KI-Forschung, Bildung und die Nutzung der Technologie fließen. Gleichzeitig wächst angesichts geopolitischer Spannungen der Wunsch, bei Schlüsseltechnologien unabhängiger von den USA und China zu werden. Hinton sieht darin eine strategische Notwendigkeit: Kanada könne es sich nicht leisten, entscheidende Technologien ausschließlich aus anderen Ländern zu beziehen.

Talentmagnet Toronto: Essen, Ärzte, Visa

Toronto besitzt Vorteile, die über Forschung und Kapital hinausgehen. Gründer verweisen auf Lebensqualität, Hochschulen, Kultur, das Gesundheitssystem und eine vergleichsweise offene Einwanderungspolitik. Während Techunternehmen in den USA mit Visa-Problemen kämpfen, können internationale Fachkräfte in Kanada oft leichter eine Arbeitserlaubnis erhalten. Für KI-Unternehmen auf der Suche nach den besten Talenten ist das ein handfester Wettbewerbsvorteil.

90 Minuten zu 200 Millionen Menschen

Hinzu kommt die Lage: New York, Washington und Chicago sind schnell erreichbar. Toronto verbindet damit kanadische Standortvorteile mit unmittelbarer Nähe zur größten Volkswirtschaft der Welt. Investor Jordan Jacobs von Radical Ventures verweist darauf, dass innerhalb eines Flugradius von rund 90 Minuten ein Markt mit etwa 200 Millionen Menschen erreichbar ist.

Raus aus der Valley-Blase

Auch die Kosten spielen eine Rolle. Hochqualifizierte Fachkräfte können Unternehmen in Toronto weniger kosten als im Silicon Valley. Gleichzeitig gilt die Techszene als weniger von permanentem Jobwechsel und Konkurrenz um Mitarbeiter geprägt. Toronto bietet damit eine Kombination aus internationalem Talentpool, hoher Lebensqualität und einem starken wirtschaftlichen Umfeld.

Weniger Hype, mehr Widerspruch

Kulturell unterscheidet sich Toronto ebenfalls von San Francisco. Während dort häufig großer Optimismus rund um KI dominiert, wird in Toronto stärker über Chancen und Risiken gestritten. Selbst Hinton und sein ehemaliger Student Frosst vertreten bei fundamentalen KI-Fragen unterschiedliche Positionen. Diese Vielfalt könnte ein Standortvorteil sein. Toronto ist keine reine Tech-Monokultur. Forschung, Wirtschaft, Medizin, Kunst und eine internationale Bevölkerung treffen aufeinander. Unterschiedliche Perspektiven erzeugen Reibung – und daraus kann Innovation entstehen.

Eine Milliarde sagt mehr als tausend Pitchdecks

Dass Unternehmen für große Finanzierungen nicht mehr zwingend ins Silicon Valley ziehen müssen, zeigt Waabi. Gründerin Raquel Urtasun verließ Ubers Autonomous-Driving-Labor, um in Toronto das Unternehmen für selbstfahrende Trucks aufzubauen. Anfang 2026 sammelte Waabi in einer Series-C-Runde mehr als eine Milliarde Dollar ein. Auch Cohere profitiert davon, dass Unternehmen und Regierungen ihre technologische Abhängigkeit von den USA reduzieren wollen. Kanada gilt international als vertrauenswürdiger Partner. Damit kann sogar die Herkunft eines KI-Unternehmens zum Wettbewerbsvorteil werden.

Das Valley hat Konkurrenz – und Europa ein Problem

Toronto wird San Francisco nicht kurzfristig als globale Techhauptstadt ablösen. Das muss die Stadt auch nicht. Sie hat ein eigenes KI-Ökosystem aus Spitzenforschung, internationalen Talenten, Kapital, Techgiganten und erfolgreichen Startups aufgebaut. Aus Geoffrey Hintons einstiger Forschungsnische ist ein strategischer Standortvorteil für Kanada geworden. Für Europa steckt darin eine unbequeme Botschaft: Während über KI-Souveränität, Regulierung und den Anschluss an die USA diskutiert wird, hat Toronto längst einen funktionierenden KI-Cluster geschaffen. Silicon Valley bleibt das Zentrum der Techwelt. Doch bei künstlicher Intelligenz führt längst nicht mehr jeder Weg nach Kalifornien – und offenbar auch nicht nach Europa.

Günther Suchy

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist er Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Der promovierte Volkswirt kennt den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: Er leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder in die Welt hinaus: Nach China, Chile, Marokko oder Bhutan, wo er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College lehrte und das Nationale Olympische Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“ beriet. An der Universität Durban in Südafrika gibt er Seminare zum Thema "Green Startups". Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.