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Liefertürke: „Wir sind die Frischetheke, die anderen sind die Tiefkühltruhe“

Liefertürke
Daniel Fürg
Erschienen
Lesezeit6 Min · 1.132 Wörter

Gorillas, Flink, Yababa, Getir, you name it. Lebensmittellieferdienste gibt es mittlerweile eine ganze Menge. Doch was die bisherigen Lieferdienste alle gemeinsam haben: Sie setzen nicht auf bestehende Infrastrukturen sondern bauen eigene auf und verdrängen so klassische Supermärkte.

Der Lieferservice Liefertürke, zu dessen Gründern unter anderem Eko Fresh zählt, setzt auf einen neuen Ansatz. Sie wollen im ersten Step türkische Supermärkte digitalisieren und an dem Lieferboom teilhaben lassen. Später sollen weitere Supermärkte und Länder folgen.

Wir haben mit Malic Bargiel, Jan Kus und Eko Fresh über ihre Pläne für Liefertürke gesprochen.

Wie kam euch die Idee für Liefertürke? Was unterscheidet euren Ansatz von Yababa oder Getir?

Malic Bargiel Die Idee kam von Eko und mir. Wir lieben türkisches und orientalisches Essen. Es gibt über 3000 türkische Supermärkte. Das sind ungefähr so viele, wie es Lidl-Filialen in Deutschland gibt. Die machen über vier Milliarden Euro Umsatz mit türkischen Lebensmitteln.

Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, zumindest zwei Drittel davon zu digitalisieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, Teil am Lieferboom zu haben. Andere Firmen verdrängen eher den türkischen Handel. Wir wollen auch kein Schnelllieferdienst sein, wir wollen den Wocheneinkauf abdecken.

Jan Kus Wir sind dabei nicht nur Marktplatz, sondern auch Technologiegeber. Manche türkischen Supermärkte haben kein Warenwirtschaftssystem. Das heißt, wir müssen ganz am Anfang mit ihnen ansetzen.

Uns geht es um hohe Qualität. Wir bringen frisches Fleisch. Nicht wie bei anderen Lieferdiensten abgepackt. Vergleich beim Rewe die Tiefkühltruhe mit der Frischetheke: Wir sind die Frischetheke, die anderen sind die Tiefkühltruhe.

Eko Fresh Wir bestärken die Läden in der Community. Ich sehe das als Wende in der Lieferwelt. Wer hat aus Unternehmenssicht schon Lust sich eine Halle zu mieten, die ganzen Fahrer einzustellen und Verträge einzugehen, wenn es auch viel einfacher und nachhaltiger geht, indem du die Läden stärkst.

Wieviele Supermärkte sind derzeit bei euch gelistet?

Malic Bargiel Wir sind Anfang des Jahres gestartet und jetzt in vier Städten verfügbar. Bis Ende des Jahres wollen wir dann an 1000 Supermärkte andocken.

Eko Fresh Es gibt aber auch noch türkische Bäckereien und so viele andere Möglichkeiten. Das ist erst der Anfang.

Wie viele Personen gehören insgesamt zum Team von Liefertürke?

Malic Bargiel Wir sind vier Gründer, fünf Gesellschafter und haben ganz viele Freelancer, einen Azubi und einen Angestellten für den Bürokram. Wir sind also ein kleines Team. Da wir ein Marktplatz und kein Lieferservice sind, haben wir nichts mit den Fahrern zu tun. Die Supermärkte liefern die Lebensmittel, kaufen selbst ein und sind gleichzeitig das Lager.

Jan Kus In der Summe sind wir größer als fünf Personen. Es sind eben keine Festangestellten. Wenn das Ganze erfolgreich wird und wir international aktiv sind, wird Liefertürke allein für die Technologie ein Team von 30 Leuten haben.

Ihr seid also vor allem für Marketing und Technik zuständig?

Malic Bargiel Genau, wir machen das, worin wir gut sind. Wir sind sehr gut im Marketing. Das haben wir jahrelang bei Street Cinema oder Rap-Alben gezeigt. Mit Jan im Boot haben wir das nötige Know-how zur Digitalisierung.

Aber eine Metzgerei oder ein vernünftiges Obst-Sortiment aufzubauen überlassen wir lieber denjenigen, die das schon seit drei Generationen machen: den türkischen Händlern.

Klingt nach einem nachhaltigen Ansatz.

Jan Kus Guck mal, was mit der Lieferszene gerade passiert. Da wurde ein Hype überbewertet und jetzt sind alle Investoren vorsichtig geworden. Wir haben die Herausforderung, dass wir natürlich die B2B-Akquise Richtung Händler machen müssen. Wobei der Promi-Bonus mit Eko super hilfreich ist.

Ohne eine ordentliche Vertriebsstruktur, die wir aufbauen, wird es dennoch nicht skalieren. Deswegen haben wir auch einen Business-Advisor aus England im Beirat sitzen, der mal bei Takeaway.com beschäftigt war. Wir denken direkt international.

Wie ist denn das Feedback von den Supermärkten bisher?

Malic Bargiel Gerade jetzt am Anfang bin ich in sehr engem Kontakt mit den Supermarktbetreibern, die schon dabei sind. Teilweise sind die sehr überrascht über Bestellungen aus Kölner Stadtteilen, die eher reicher sind und in denen es keinen großen Migrationsanteil gibt. Also Leute, die niemals in dem Supermarkt einkaufen würden.

Eko Fresh Niemals würde ich nicht sagen, aber es ist unwahrscheinlich, dass von dort einer in Köln-Kalk in einem Supermarkt einkaufen würde. Einfach auch wegen dem Weg und dem Kaufverhalten.

Malic Bargiel Bei unserer Go-to-Market-Strategie haben wir ganz klar darauf abgezielt, erst einmal in der türkischen Community viele Kunden zu gewinnen. Wir haben mit fünf bis zehn Prozent Bestellungen von Kunden ohne Migrationshintergrund gerechnet. Es ist aber aktuell fifty fifty. Das zeigt uns, dass die Dienstleistung gefragter ist, als wir gedacht hätten.

Gibt es bestimmte Voraussetzungen, um Partner von Liefertürke zu werden?

Malic Bargiel Abgesehen von der hohen Qualität der Lebensmittel muss die Metzgerei ein Halal-Zertifikat haben.

Wie checkt ihr das?

Malic Bargiel Aktuell ist es so: Wir haben ein Registrierungsformular, in dem man die Fragen beantworten muss. Jetzt am Anfang ist das noch sehr physisch. Ich schaue mir die Supermärkte persönlich an.

Wenn der Marktplatz optimiert ist, wird es auch einen digitalen Prozess geben, der das Ganze abcheckt. Nichtsdestotrotz werden wir bei jedem Laden selbst Testbestellungen aufgeben und schauen, dass alles gut funktioniert.

Joachim Stamp besuchte mit Eko einen eurer Flagship-Stores. Wie war das für euch?

Eko Fresh Das war eine unglaubliche Möglichkeit. Der Sema Market ist echt ein Beispiel für einen guten türkischen Supermarkt. Da gibt es keinen Unterschied zu einem Rewe oder Edeka. Es war besonders schön dem Sema Market mit dem Integrationsminister und der Presse einen Besuch abzustatten.

Stichwort: German Dream. Das jetzt endlich mal nicht nur in einem Text zu verfassen, sondern wirklich physisch zu zeigen, hat mich einfach mit Stolz erfüllt.

Liefertürke
Credits: Liefertürke

Was sind eure nächsten Pläne und Steps mit Liefertürke oder Lieferwelt?

Malic Bargiel Wie Jan bereits erwähnt hat, sind wir gerade auf Investorensuche und sind da auch schon sehr weit. Das wird der nächste Schritt sein, so dass wir unser Team aufbauen können, dann weitere Läden onboarden und bis Ende des Jahres in ganz Deutschland verfügbar sind.

Eko Fresh Wir sind jetzt im Moment noch in den Kinderschuhen, was die Erhältlichkeit betrifft. Aus Marketingsicht haben wir also noch nicht einmal richtig angefangen unseren Zauber zu versprühen. Das wird erst kommen, wenn wir überall verfügbar sind.

Jan Kus Ich runde das mal so ab: wir möchten in ein paar Jahren der qualitativste und größte Ethnofood-Marktplatz in Europa sein.

Michael Gnahm

Michael studiert Marketingkommunikation, weil er es mit klassischen Studiengängen wie Wirtschaftswissenschaften einfach nicht so hat. In den Journalismus ist er zufällig reingestolpert und mittlerweile voll in Love. In seiner Freizeit hört er gerne musikalische Kunstwerke aus dem Bereich des deutschen Sprechgesangs. Also komm ins Café, wir müssen reden!