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Lineare Illusion: DAX bei 50.000 – oder die Kunst der geraden Linie

Lineare Illusion: DAX bei 50.000 – oder die Kunst der geraden Linie
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Lesezeit2 Min · 343 Wörter

Große Zahlen, ruhige See, eine gerade Linie in die Zukunft. Der DAX als Rechenaufgabe – und als Illusion. Warum 50.000 Punkte vor allem eines sind: eine schöne Fantasie.

Der DAX, unser treuer Leitindex, hat wieder geliefert: Am 8. Januar 2026 knackt er die Marke von 25.000 Punkten – scheinbar mühelos, als gäbe es nur ruhige See, Rückenwind und niemals Gegenströmung. Die Börse als Wellness-Oase.

Doch spulen wir kurz zurück. Vor exakt 4.235 Tagen, am 5. Juni 2014, überschritt der DAX erstmals die 10.000er-Marke – intraday bei 10.013 Punkten, zwei Tage später dann ganz offiziell bei 10.008,63 Zählern zum Schlusskurs. ZEIT, STERN und FAZ jubelten pflichtbewusst: „Rekord! EZB-Zinszauber!“ Die Symbolik passte perfekt: Negativzinsen auf Einlagen, Hoffnung auf ewige Liquidität.

Jetzt wird gerechnet – ganz nüchtern, ganz frech:


Von 10.000 auf 25.000 Punkte in 4.235 Tagen, das sind rund 15.000 Punkte Zuwachs. Macht ziemlich exakt 3,54 Punkte pro Tag. Der DAX als verlässliche Steigerungsmaschine, brav wie ein Uhrwerk.

Also weitergedacht: Noch einmal 25.000 Punkte bis zur magischen 50.000? Bei gleicher Geschwindigkeit dauert das rund 7.062 Tage – etwa 19,3 Jahre. Start 2026, Ziel irgendwo um das Jahr 2045. Der DAX als ewiger Liftboy: hochfahren, Türen auf, nächstes Stockwerk, bitte aussteigen.

Und selbst wenn der DAX diese 50.000 irgendwann erreicht: Beeindruckend klingt das nur nominal. Inflationsbereinigt könnte die Kaufkraft eines solchen Indexstands im Jahr 2045 deutlich unter dem liegen, was heutige 25.000 Punkte wert sind. Große Zahlen schmeicheln dem Auge – dem realen Vermögen oft weniger.

Doch Vorsicht – Augenzwinkern-Alarm.

Diese „Prognose“ ist nichts weiter als mathematische Folklore. Eine lineare Extrapolation unter der Annahme, dass die Welt gefälligst stillhält: Keine Rezessionen, keine Finanzkrisen, keine Pandemien, keine Kriege, keine Crash-Partys. Volatilität? Aus dem Fenster geworfen. Zinsen, Inflation, Gewinne, Bewertungen? Nebensache. Wir ziehen eine gerade Linie durch die Vergangenheit und nennen sie Zukunft.

Das ist keine Analyse – das ist Rechenkasperle. Finanzökonomen kichern leise im Keller.

Also: Wohin die Reise, lieber DAX? Vielleicht Richtung 50.000. Vielleicht auch erst einmal Richtung 15.000. Sicher ist nur eines: Die Linie ist bequem, die Realität nicht.

Oder anders gesagt:
Kauft nicht die Gerade. Kauft die Volatilität. Oder wenigstens einen guten Kaffee!

Günther Suchy

Head of Digital Editorial

Günther Suchy ist bei Business Punk Head of Digital Editorial. Daneben ist der promovierte Volkswirt Professor für Kommunikation und Journalismus an der Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) am Campus Ravensburg – also einer, der die Medienwelt nicht nur lehrt, sondern lebt. Als gelernter Redakteur kennt er den Journalismus und die digitalen Medien jenseits des Elfenbeinturms: An der DHBW Ravensburg leitet das Hochschulradio „Das kleine U-Boot“, baut crossmediale Ausbildungs- und Produktionsformate auf und hält dabei immer den Finger am Puls der Branche. Bevor er an die staatliche Hochschule nach Ravensburg kam, war Suchy unter anderem in der Unternehmenskommunikation von MAN und in leitenden Funktionen digitaler Medienprojekte tätig – sowie als Online-Redaktionsleiter der Automotive-Formate bei Motorvision (DSF). Seine Lehr- und Forschungsprojekte bringen ihn immer wieder an Universitäten und Hochschulen in aller Welt, u.a. nach Shanghai/China, Chile oder Marrakesh/Marokko. Im Königreich Bhutan lehrte er 2024 und 2025 am Royal Thimpu College und gab Seminare am Nationalen Olympischen Komitee zum Thema „Nachhaltigkeitskommunikation im Sport“. An der Universität Durban in Südafrika unterrichtet er regelmäßig das Thema "Green Startups" und vermittelt in Praxis-Workshops Know-how zu innovativen Gründerthemen. Zwischen Subkultur, Startup-Mindset und System fühlt er sich zu Hause – und genau aus dieser Perspektive schreibt er für Business Punk.