She'sPunk · Brände

Los Angeles: Wo die Wokeness verglüht 

Los Angeles: Wo die Wokeness verglüht 
Erschienen
Lesezeit3 Min · 666 Wörter

Die Feuerwehrchefin muss sich den Vorwurf anhören, zu viel für die Diversität und zu wenig gegen eine drohende Brandkatastrophe unternommen zu haben. Das ist eine Unterstellung – aber sie charakterisiert einen massiven Stimmungsumschwung. Er erreicht gerade auch unser Land. 

Seit einer Woche brennt Los Angeles. Und natürlich ist es wieder das Klima, das die Brände ausgelöst hat. Allerdings ist es nicht das Klima, das dazu führt, dass sie bislang nicht mal unter Kontrolle, geschweige denn gelöscht sind. Wie kann es passieren, dass eine jahrtausendealte Katastrophe, wie ein Stadtbrand in einer High-Tech-City wie LA, nicht gelöscht werden kann? Amerika führt darüber eine hitzige Diskussion. Und die hat viel mit der amerikanischen Gesellschaft zu tun. Und sie ist der Vorbote zu dem, was uns hierzulande erwartet. Sie geht so: 

Die Leiterin der Feuerwehr von Los Angeles heißt Kristin Crowley. Sie ist die erste Frau an der Spitze der Behörde, und sie ist Teil der LGBTQ-Bewegung. Sie ist mit einer Frau verheiratet, die ebenfalls Feuerwehrfrau ist, inzwischen eine pensionierte. Zu der Zeit, als Crowley im Jahr 2022 vereidigt wurde, machten Frauen nur 3,5 Prozent der uniformierten Mitglieder der Feuerwehr aus. Eine Umfrage ergab damals, dass die Hälfte der uniformierten Frauen in der Abteilung – zusammen mit 40 Prozent der Schwarzen, Ureinwohner Hawaiis und pazifischen Inselbewohnern – Belästigungen als eines ihrer Hauptprobleme empfanden. Crowley sagte – es war am Ende der Corona-Pandemie – dass sie vorhatte, sicherzustellen, dass alle Mitarbeiter „in die Arbeit kommen und sich sicher fühlen und sich wohl fühlen“. 

Die Folge ist, dass sie angesichts der unverändert wütenden Brände in den nationalen politischen Kampf über Diversität, Gerechtigkeit und Inklusionspolitik geraten ist. Die in den Wahlen siegreichen Konservativen und ihr Präsident Donald Trump sind nämlich der Meinung, dass US-Institutionen zu weit gegangen sind. Crowley sei das beste Beispiel dafür. Sie habe die Diversifizierung der überwiegend männlichen Abteilung zur Priorität gemacht. „Was wir sehen, war weitgehend vermeidbar“, gibt Talkshow-Moderatorin Megyn Kelly in ihrer Show diesen Konservativen eine Stimme. „Die Feuerwehrchefin von LA hat die Besetzung der Hydranten nicht zur obersten Priorität gemacht, sondern die Vielfalt.“ 

Natürlich gib es dafür keine Beweise, aber auch keine dagegen. Es ist schlicht eine Unterstellung. Sie passt aber ins Klima, das sich nicht erst seit der Trumpwahl gegen alles wendet, was vor allem in der Corona-Pandemie als Errungenschaft gegolten hat. Trumps oberste Entbürokratisierer Elon Musk holt die Menschen wieder zurück ins Büro, weg vom Home Office. US-Comedian Ricky Gervais zieht in seinem Standup-Stück Armageddon 60 Minuten lang über Flüchtlinge, Dicke, Schwule und Lesben her und wird dafür mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Die Woke-Bewegung in den USA: Sie steckt nicht nur in der Defensive. Sie hat inzwischen verloren. 

Was das für uns bedeutet? Unsere Business Punk-Editorial Angel, Janna Ensthaler, hat es in einer der jüngsten Business Punk-Ausgaben so beschrieben: „Woke’s großer Irrweg war, dass irgendwann aus dem Ziel der Gleichberechtigung die Gleichmachung zum Bestreben wurde.“ Janna zählt die grotesken Verirrungen auf, die deswegen folgten: Disney malte Charakteren wie Arielle der Meerjungfrau eine andere Hautfarbe, im Anime Film Lightyear küssten sich auf einmal zwei Frauen. Auch andere Großkonzerne machten aus ihren Bestsellern wie Budlight, Victoria’s Secret oder Sports Illustrated woke Produkte und änderten deren Messaging dementsprechend,– mit durchschlagendem Misserfolg beim Kunden. „Woke ist einfach kein gutes Geschäftsmodell“, stellt Janna fest und hofft, dass sich die Erkenntnis bald bei deutschen CEOs durchsetzt, von denen sich manche in vorauseilendem Gehorsam den woken Idealen angebiedert haben. 

Zurück nach LA. Unter Crowley brennt die Stadt noch immer. Sie hat die Schlacht gegen das Feuer bisher nicht gewinnen können. Jeder General, der eine Schlacht verliert, wird ausgetauscht. Es wäre ein Zeichen von Gleichbehandlung, wenn auch Crowley jetzt jemandem anderes ranlassen müsste. 

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Portrait Oliver Stock

Oliver Stock

Oliver Stock ist Herausgeber und Chefredakteur von Business Punk. Der studierte Volkswirt und Historiker sowie Autor mehrerer Bücher und Blogger (https://einbisschenbesser.de/) kennt die Welt der Politik, der Startups und der Unternehmen: Als Journalist arbeitet der 1965 in Hannover geborene Stock für focus online, die Schweizer Weltwoche und den Börsianer aus Wien. Er war Vize-Chef bei der Wirtschaftswoche und 16 Jahre beim Handelsblatt, als Korrespondent in Zürich, als Chef der Finanzzeitung in Frankfurt und die letzten fünf davon als Anführer von Handelsblatt online. Als Kommunikationschef von Ergo, Sprecher im Wirtschaftsministerium und Startup-Mitgründer kennt er auch die andere Seite.