Machen wir bald nur noch Remote-Urlaub und Ferien am Home-Office?
Jetzt also auch noch Capri. Immer mehr Traumziele wachen aus unserem Traum vom Urlaub auf und schicken uns von den pünktlich ausgelegten Badehandtüchern in eine neue Realität. Was auf Mallorca und Venedig angefangen hat, entwickelt sich zu einem echten Trend. Touristen sind so etwas wie Flitzer bei der Fußball-Europameisterschaft geworden, die auf den Platz stürmen, nur um ein Selfie mit Cristiano Ronaldo zu machen. Es sind zu viele. Und das nervt. Höchste Zeit also für alle Business Punks, die Idee von Urlaub neu zu denken. Wir leben doch im New Work Zeitalter. Warum dann nicht auch New Vacation? Urlaub künftig bitte nur noch remote oder direkt am Home-Office.
Die großen Veränderungen der Menschheit beginnen meist ganz klein. Bei Covid war es urspünglich auch nur ein sehr kleiner Virus, der sich von China aus aufmachte, um die Welt zu entdecken. Auf Capri war es ein Riss in einer Wasserrohrleitung. Der führte dazu, dass um die berühmte blaue Grotte herum das Süsswasser knapp wurde und nicht nur die rote Sonne im Meer versank, sondern die Lust auf Touristen gleich mit. Bürgermeister Paolo Falco verhängte ein Einreiseverbot. Das Wasservorräte würden angeblich nur für die Einheimischen reichen. Deshalb dürften weder Fähren noch all die teuren Luxusyachten in der Marina Grande anlegen. Als ob jemals ein Reisender des Wassers wegen auf die Insel gekommen wäre. Wer von Neapel aus übersetzt, trinkt doch Limoncello, Rosé oder: na klar, Capri-Sonne.
Weshalb das tagelange Touristenverbot auf Capri so wegweisend ist: Weil es eben nicht Malle ist. Es ist nicht Adilette und Ballermann. Wer an Capri denkt, sieht Leinen-Sakkos von Brunello Cucinelli, die mehr kosten als der durchschnittliche Urlaub. Capri ist in unseren Instagram-Stories ein All-White-Look, Cartier Uhr, Tod‘s Loafer und vielleicht sogar Panamahut. Aber die Realität ist eben Trinkwasser-Knappheit. Es muss aufwendig vom Festland gepumpt werden.
Auf Mallorca ist die Stimmung noch aufgeheizter. 18 Millionen Touristen jedes Jahr. Dazu all die Insel-Hopper, die dort eine Finca gekauft und ihr Home-Office aufgeschlagen haben und die Immobilienpreise immer höher treiben. „Mallorca no es ven“ steht jetzt auf Plaketen. Mallorca ist nicht zu verkaufen. 15.000 Mallorquiner sind auf die Straße gegangen und protestieren gegen Urlauber. Sie besetzten Strände. Weil für sie die Strände ja auch besetzt sind wie in Cala des Moro im Südosten, wo Einheimische vor lauter Touristenschlangen meist gar nicht mehr durchkommen ans Wasser.
Für uns ist Mallorca Urlaub: Für die Menschen dort bedeutet es eine Verdreifachung der Mieten, weil Immobilienbesitzer lieber Airbnb vermieten als an Kellnerinnen oder Krankenschwester.
Dass inmitten der Proteste Marc Zuckerberg mit seiner neuen Megayacht „Launchpad“ (118 Meter lang, 300 Millionen Dollar teuer) vor Palma ankerte, um mit Family & Friends den Geburtstag seines Vaters zu feiern, sahen viele als Provokation.
In Venedig versuchen sie es mit Eintrittsgeld. 5 Euro Tagestickets sollen den Ansturm von 14 Millionen Touristen im Jahr abhalten. Aber es ist eher ein symbolischer Preis, der nicht weniger bedeutet als das Ende einer Willkommenskultur. Eine Message, die sich einbrennt wie Sonne auf der Haut: Touristen sind nicht mehr willkommen.
Und vielleicht setzen wir alle mal die Sonnebrillen ab und schauen uns in die Augen: Was machen wir da eigentlich Jahr für Jahr? Und wollen wir das nicht mal hinterfragen?
Es ist schon interessant, dass wir seit Covid so viel über unser Verhältnis zur Arbeit nachdenken, aber nicht über unser Verhältnis zum Urlaub.
Jahrezehntelang sind wir von montags bis freitags wie Bots ins Büro marschiert und hatten nicht einmal eine Idee davon, dass es zwischen Home und Office tatsächlich einen Bindestrick geben könnte. Nämlich Home-Office.
Ein Virus später sind wir alle Büro-gebrainwashed. Allein das Wort Office klingt schon toxisch. Gefühlt möchte niemand mehr ins Office. Jedenfalls nicht die ganze Woche. Vielleicht 4 Tage. Oder 3 Tage. Oder alle zwei Tage und in jeder ungeraden Woche noch einen halben Tag zusätzlich. HR-Abteilungen kennen das: Arbeitszeit-Wunschlisten länger als Allergie-Hinweise auf den meisten schicken Dinner Einladungen heute, wo man schon kritisch hinterfragt wird, wenn man keine Allergie hat und sich besser eine aussucht, nur um mitreden zu können.
Wir alle wollen also anders arbeiten, aber immer noch Urlaub machen wie in den 70igern. New Work und Old Vacation.
Im Job wollen wir alle gesehen und gewertschätzt werden. Im Urlaub sehen wir nichts außer unser Handy und wertschätzen nur uns selbst. Mein Urlaub, meine Entspannung. Me-Time, wie es heute heißt. Wertschätzung gegenüber den Gastgeberländern? Warum, war das bei der Buchung nicht all inclusive?!
Wir sollten Urlaub neu denken. Wie wären Remote-Urlaubsmodelle. Urlaub? Grundsätzlich ja. Aber vielleicht nur 2 oder 3 Tage, den Rest gern von Zuhause, wie unsere Arbeitszeit. Mehr Flex-Work. Remote-Holiday.
Business Punk hätte auch schon ein passendes Buzz-Word dafür: Nach Home-Office und Home-Shopping. Wir wäre es mit Home-Iday?
Home-Iday. Der neue Urlaub zu Hause. Endlich keinen Reisestress mehr. Wir sparen uns künftig nicht nur den Weg ins Büro, sondern auch in den Urlaub. Keine Staus mehr, kein Flugstress. Und alle Home-Delivery-Services auf deutsch. Ein neuer Traum von Traumurlaub.
Es würde auch politisch den Zeitgeist treffen, weil Deutschland ja immer rechtsradikaler denkt. Nun gut, sicherlich möchte die eine oder der andere AFD-Wähler auch mal Urlaub von seiner Ausländerfeindlichkeit machen und dorthin fahren, wo sie oder er selbst Ausländer ist, eine Art Ausländer-Offsite sozusagen. Aber auch braune Gedanken lassen sich heutzutage ja problemos digitalisren. Da muss keiner mehr seine Hetze in den Reisekoffer packen.
Wir schreiben Ausländern gern vor, wie sie sich bei uns zu verhalten haben. Und wie verhalten wir uns, wenn wir den Menschen in den Urlaubsregionen die Wohnungen wegnehmen, die Straßen verstopfen, die Nächte durchgröhlen und betrunken auf den Schulweg kotzen? Nein, nein, werden jetzt einige sagen: So sind ja nicht alle… aber wer differenziert denn noch bei uns, wenn es um Ausländer geht. So hat es schon eine gewisse Ironie, dass die Willkommenskultur nun auf der anderen Seite des Badehandtuchs endet.
Play hard a la playa: Wir sind echt urlaubsreif! Aber reif für eine ganz neue Art von Urlaub!