Marie Nasemann: „Man trifft bei jedem Kauf eine politische Entscheidung“
Marie Nasemann ist Schauspielerin und Model und setzt sich als Fair-Fashion-Aktivistin für nachhaltige und fair produzierte Mode ein. Darüber schreibt sie auch auf ihrem Blog fairknallt. Im Gespräch erzählt sie von dem Moment, in dem sie beschlossen hat, nicht mehr in Billigketten zu shoppen, wann Unternehmen Greenwashing betreiben und wieso sie „Fashion is a political choice“ zu ihrem Motto gekürt hat.
Marie, ist Beruf Berufung?
Für mich gibt es nicht die eine Berufung, der man unbedingt folgen muss. Wenn ich nicht zu „Germany’s Next Topmodel“ gegangen wäre und mich für einen normalen Job entschieden hätte, hätte ich ziemlich sicher genauso glücklich sein können, wie ich es jetzt bin.
Deinen Eltern hat deine Berufswahl aber nicht so gut gefallen.
Sie haben sich für mich erstmal einen klassischen Berufsweg gewünscht, damit ich abgesichert bin. Dass ich mich gegen ein Studium entschieden habe, hat sie überrumpelt. Aber mittlerweile geht es ja mehr darum, Praxiserfahrung und Kontakte zu sammeln. Mit meiner Vorerfahrung könnte ich wahrscheinlich recht easy in ein „normalen“ Job einsteigen.
Das willst du aber nicht?
Es ist gut, immer einen Plan B zu haben oder sich zumindest darauf einlassen zu können. Aber ich bin beruflich sehr glücklich. Mit der Schauspielerei und der nachhaltigen Mode habe ich Themen gefunden, die mich wirklich erfüllen. Das war nicht immer so.
Sondern?
Ich bin nach der Schule in ein Praktikum gerutscht und habe sofort mit dem Arbeiten angefangen. Dann kam GNTM und der Modeljob. Da hat mir aber der Sinn dahinter gefehlt. Mittlerweile habe ich die perfekte Kombination aus freiberuflichem Arbeiten und meinem Interesse an Nachhaltigkeit und Mode gefunden. Ich hänge nicht immer am Laptop, bin viel unterwegs, schreibe meinen Blog und habe Leidenschaft für das, was ich mache.
Es gibt ein Bild von dir, bei dem du ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fashion is a political choice“ trägst. Was bedeutet der Slogan für dich persönlich?
Man kann bei jedem Kauf – egal ob Lebensmittel oder Kleidung – eine politische Entscheidung treffen. Die Frage, die man sich dann stellen muss, lautet: Möchte ich entweder, dass jemand durch meinen Kauf am anderen Ende der Welt ausgebeutet wird, oder möchte ich ein Unternehmen unterstützen, das Menschen, Tieren und der Umwelt keinen größeren Schaden zufügt?
Dieses Bewusstsein hattest du doch nicht immer.
Klar, und manchmal kaufe ich noch heute gedankenlos einen Snack beim Späti. Das ist auch okay. Aber es gab ein Erlebnis in meinem Leben, das mir die Augen geöffnet hat. Im Jahr 2013 ist in Bangladesch eine Textilfabrik eingestürzt. Dabei sind über 1.000 Menschen ums Leben gekommen. Als ich die Bilder damals im Fernsehen gesehen habe, wusste ich, dass ich etwas in meinem Leben verändern muss. Also bin ich nicht mehr in Billigketten zum Shoppen gegangen und habe nachhaltige Labels recherchiert, um bewusstere Kaufentscheidungen treffen zu können. Meine Liebe für Mode ist mir ja geblieben.
Dass etwas fair und nachhaltig produziert wird, spiegelt sich oft im Preis wieder. Nicht alle Menschen können sich das leisten.
Das Beste ist, so wenig wie möglich zu kaufen und lieber die Kleider, die man bereits besitzt, zu hegen und zu pflegen. Also zum Beispiel auch mal ein Kleidungsstück reparieren oder ändern lassen oder sich von Freund*innen etwas leihen. Wenn man dann doch etwas Neues braucht, lohnt es sich, in nachhaltige Basics zu investieren, die lange halten, oder im Secondhandshop nach ausgefallenen Teilen Ausschau zu halten. Die Kombination machts und ist nicht teuer, da es viele nachhaltige Basic Labels in Deutschland gibt, die zu fairen Preisen verkaufen – im wahrsten Sinne des Wortes.
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Ist es problematisch, wenn Nachhaltigkeit zum Mainstream wird?
Die Frage ist, was man als Mainstream bezeichnet. Es wäre ein Traum, wenn alle Dinge nachhaltig und fair produziert werden würden. Ein Trend kann Nachhaltigkeit nicht bleiben, da der Planet begrenzte Ressourcen hat und wir sowieso alternative Lösungen finden müssen. Wenn Mainstream heißt, dass jede zweite Firma einen Sneaker aus recycelten Materialien macht, obwohl der Rest der Kollektion nicht nachhaltig ist, ist es problematisch. Das ist Greenwashing und leider das Gegenteil von dem, was wirklich grün ist.
Gibt es Unternehmen, mit denen du nicht zusammenarbeiten würdest?
Prinzipiell schließe ich keine Zusammenarbeit aus. Ich überprüfe die Marken vorher, fordere Informationen an und spreche mit ihnen über ihre konkreten Nachhaltigkeitsziele. Das heißt nicht, dass aktuell alles perfekt sein muss. Aber einen realistischen Plan muss es schon geben. Die Themen Nachhaltigkeit und Fairness sollten in der Unternehmenskultur verankert sein.
Bist du dir selbst eine gute Chefin?
Ja, ich denke, ich bin ganz gut zu mir. Meine Arbeitsmotivation schöpfe ich aus mir selbst. Das war nie das Problem. Ich tendiere eher dazu, zu viel zu machen. Mittlerweile kann ich aber mit meinem Energiehaushalt recht sorgfältig umgehen. Das war nicht immer so. Neben der Schauspielschule zum Beispiel noch zu arbeiten war damals eine ziemlich krasse Doppelbelastung und ich bin körperlich an meine Grenzen gegangen. Inzwischen habe ich verstanden, dass ich nicht alles gleichzeitig machen kann, und plane Erholungsphasen ein.
Mittlerweile hast du auch einen Mitarbeiter angestellt.
Es macht Spaß, nicht immer nur alleine vor sich hinzudoktern, sich auszutauschen und gemeinsam Ideen zu spinnen. Aber so leicht wie ich mir das Chefinsein vorgestellt habe, ist es nicht. Den richtigen Ton und Umgang zu finden, Aufgaben zu vergeben und zu kontrollieren, musste ich erst mal lernen, beziehungsweise lerne ich immer noch.
Was rätst du Berufseinsteiger*innen?
Das Wichtigste ist, an die eigenen Stärken zu glauben. Es macht Spaß, sich zu spezialisieren und die Expertin auf einem Gebiet zu sein. Das verschafft einem auch ein wichtiges Selbstvertrauen. Es dauert aber manchmal, herauszufinden, wofür man wirklich brennt. Wenn man weiß, worin man gut ist und was einem Spaß macht, heißt es Dranbleiben und einen langen Atem haben. Es lohnt sich.