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Marina Zubrod: „Es ist nicht romantisch, Unternehmer zu sein“

Marina Zubrod: „Es ist nicht romantisch, Unternehmer zu sein“
Marina Zubrod
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit7 Min · 1.358 Wörter

Zehnmal gelauncht, sechsmal gegründet, fünfmal investiert: Marina Zubrod bekommt nicht genug. Ein Gespräch übers Scheitern, Liebe zum Entrepreneurship und dessen Kehrseiten.

Frau Zubrod, Sie haben mehrfach gegründet. Welches Unternehmen war Ihr erstes?

Unter einer Gründung stellt man sich immer etwas Großartiges vor. Das ist es aber gar nicht unbedingt. Ist die Schülerzeitung, die man damals initiiert hat, nicht auch schon eine Gründung? Meine erste Gründung war ein Restaurant, gemeinsam mit meinem Mann. Und wir sind gnadenlos gescheitert.

Wie haben Sie weitergemacht?

Wir waren jung, haben danach viele weitere Anläufe gebraucht, viele verschiedene Dinge ausprobiert, sind wieder maximal gescheitert. Das ist in dem Moment das schlimmste Gefühl. Aber es bedeutet, dass man mutig war. Ich habe mich dazu entschieden, Unternehmer zu sein. Wenn man das mit Vollblut und Überzeugung ist, dann hat man ständig neue Ideen und gründet wieder neu.

Heute verzichten Sie bei Ihren Unternehmen ganz auf externe Investoren. Was steckt dahinter?

Unternehmertum bedeutet, dass ich volle Kontrolle darüber habe, was ich mache. Und das habe ich mit Investoren nicht. Die Lektion habe ich 2016 gelernt. Ich war CEO eines Versicherungs-Startups, und der Investor hatte mehr Anteile als ich. Ich sollte eine Finanzierungsrunde zusammenbekommen, habe es nicht geschafft. Also wurde mir am Tag vor Heiligabend per Kurier fristlos gekündigt. Das war scheiße, aber retroperspektiv habe ich daraus mein Learning gezogen.

Wie haben Sie Ihre eigenen Startups dann finanziert?

Es sind zwei verschiedene Geschäftsmodelle. Wir haben eine Agentur, die große Marken wie Rotkäppchen oder Biontech berät. Gleichzeitig hatte ich parallel dazu meine erste Idee mit Naturkosmetik auf Bienenwachsbasis. Ich bin als Freelancerin durchgestartet und hatte mit der Kosmetik mein Sidebusiness. Irgendwann habe ich dann angefangen, mit Business-Angels zu sprechen. Aber da lief ein Gespräch so schlecht, das hat mich an meine Situation 2016 erinnert. Also haben mein Mann und ich die Entscheidung getroffen, dass ich als Beraterin freelance und wir die Marken dann daraus finanzieren. Auf diese Weise ist das organisch gewachsen.

Gibt es ein Szenario, in dem Sie sich doch wieder für Investoren entscheiden würden?

Es ist nicht so, dass ich es komplett ausschließe. Aber ich würde nicht aktiv nach Investoren suchen. Ich selbst möchte meine unternehmerische Freiheit genießen, niemandem Rechenschaft darüber ablegen müssen, wieso etwas langsamer vorangeht oder wieso man die Strategie ändert. Ich finde es sehr befreiend, darüber mit niemandem reden zu müssen.

Sie selber hingegen treten mehrfach als Investorin auf. Suchen Sie noch anderswo die Kontrolle?

Ironischerweise hat mich das bisher keines meiner Investments jemals gefragt. Aber in Startups investieren ist für mich keine Einbahnstraße. Es ist kein Widerspruch, weil jeder für sich selbst eine andere Entscheidung trifft. Und ich weiß, dass ich als Unternehmerin so stark bin, dass ich meinen Investments niemals im Wege stehen würde. Ich würde alles tun, um sie zu unterstützen.

Was sind Sie lieber: Markenberaterin oder Markengründerin?

Eigentlich bin ich sogar lieber Beraterin als Gründerin.

Warum?

Als Beraterin lernt man jeden Tag viele richtig geile Marken kennen. Man darf ständig von vorne anfangen, eine Marke und ihr Geschäftsmodell kennenzulernen. Es wird nie langweilig. Bei den eigenen Marken passiert auch ständig etwas, aber wenn ich das nicht vorantreibe, gerät es ins Stocken. Ich mag das Feuerlöschen. Je chaotischer es ist, desto mehr gehe ich darin auf. Aber ich mache beides, weil ich auf einer hohen PS-Zahl am besten funktioniere.

Welches Geschäft ist bis heute Ihr erfolgreichstes?

Das Agenturgeschäft. Die Agentur ist die Cashcow. Sie trägt die Marken. Wer schon selbst einmal versucht hat, Marken zu etablieren, weiß, wie kostenintensiv dieser Prozess ist.

Welche Eigenschaften braucht man, um seine eigene Marke erfolgreich aufzubauen?

Anpassungsfähigkeit und Neugier, um sich immer wieder neuen Themen und neuen Märkten zu widmen. Man tanzt auf allen Hochzeiten gleichzeitig, dafür muss man der Typ sein.

Ganz einfache Frage: Was macht gutes Unternehmertum aus?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Der eine kennt sich mit Zahlen aus, der andere ist kreativ, noch einer kennt die besten Talente. Jeder definiert für sich sein eigenes Erfolgsrezept. Für mich persönlich ist es so: Mein Leben ist Unternehmertum. Mir ist es wichtig, dass ich mit meinem Unternehmertum ein gutes Leben leben kann. Ich möchte, dass es keine Grenzen für mich gibt.

Hat man diese Einstellung im Blut, oder kann man sie auch lernen?

Ich denke, dass viele Unternehmer in der Tat von zu Hause geprägt sind. Meine Eltern sind Migranten und waren Kleinunternehmer. Meine Mutter hatte eine Bäckereifiliale, und mein Vater war Fenstermonteur mit einem Kleingewerbe. Obgleich sie Unternehmer mit durchschnittlichem Einkommen waren, wusste ich, mein Weg zum Glück ist nur das Unternehmertum. Auch, weil ich eine sehr schlechte Angestellte bin und auf Hierarchien pfeife. Ich glaube, es kommt viel von der Herkunft her. Aber man kann es natürlich auch lernen, zum Beispiel durch ein passendes Studium oder Jobs in entsprechender unternehmerischer Umgebung.

Welchen Tipp geben Sie einem Neuling im Unternehmertum?

Ich sage immer: Starte klein. Sieh erst mal zu, am Wochenende vom Wohnzimmer aus oder abends nach der Arbeit mit der Idee zu starten. Nicht alles hat Potenzial, ein Unternehmen zu werden, von dem man langfristig leben kann. Und das muss es auch nicht. Es muss nicht immer groß sein. Nicht alles muss ein Unicorn werden. Denn Unternehmer sein bedeutet auch, sich jeden Morgen selbst zu motivieren. Und wenn etwas scheiße läuft, sich selbst aus einem Tief herauszuziehen.

Welche negativen Seiten hat es, seine eigene Chefin zu sein?

Schlecht daran ist, man hat die wirtschaftliche Verantwortung. Schlecht daran ist, man muss vielleicht dafür sorgen, dass man selbst oder seine Familie davon leben kann. Schlecht daran ist, die eigene Leistung ist dafür verantwortlich, wie es den Mitarbeitern geht.

Das ist aber nicht gerade wenig.

Es ist nicht romantisch, Unternehmer zu sein. Und je größer und erfolgreicher man wird, desto schlimmer wird es. Aber der Grund, selbst entscheiden zu können, wie ich mein Leben lebe, wiegt alles auf, was ich gerade aufgezählt habe.

Wann gibt man die Verantwortung besser an Externe ab?

So spät wie nötig und so früh wie möglich. Eine andere Antwort habe ich darauf nicht wirklich. Meine Vermutung ist, dass es die meisten viel zu spät machen. Weil wir nicht genügend darauf vertrauen, dass die Mitarbeiter noch mehr Umsatz einbringen können. Weil wir egozentrisch sind. Ich selbst stelle auch ungern ein, ich mache es meist zu spät.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Exit?

Die kapitalistische Antwort: Wenn ich mehr kriege als die Verbindlichkeiten, die in der Bilanz stehen. Großes Thema für Marken, die Gründungskredite bei der Bank aufgenommen haben. Häufig melden sie Insolvenz an, weil sie mit dem Unternehmensverkauf den Kredit nicht abbezahlen können.

Und die nichtkapitalistische Antwort?

Das hat viel mit der eigenen Energie, der Motivation und mit der Vision für das Unternehmen zu tun. Ich selbst hänge an keinem einzigen meiner Unternehmen, weil ich so gerne immer wieder an neuen Dingen arbeite. Trotzdem verkaufe ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht, weil sich alle meine Unternehmen gerade verzahnen und Synergien entstehen.

Was muss passieren, dass Sie nicht mehr gründen?

Niemand von uns ist davor geschützt, an den Rand der Möglichkeiten, der Energie zu kommen. Deswegen müssen wir als Unternehmer wirklich lernen, auf uns selbst zu hören. Gerade habe ich drei große unternehmerische Ideen, von denen ich hoffe, dass sie in den kommenden Jahren starten können. Dafür müssen wir noch etwas erfolgreicher und sichtbarer sein.

Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 03/23. Dieses Mal dreht sich in unserem Dossier alles um das Thema Danach. Wie geht es nach einem Fuck-Up oder Wendepunkt im Leben weiter? Außerdem haben wir mit Nationaltorhüterin Merle Frohms gesprochen und die Seriengründerin Marina Zubrod erzählt alles über ihre Hassliebe zum Unternehmertum. Viel Spaß beim Lesen! Hier gibt es das Magazin zum Bestellen.

Portrait Katharina Boecker

Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.