style & design

Dieser Bochumer ist Deutschlands Custom-Design-Geheimtipp

Massoud Mahgoli
Massoud Mahgoli
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit8 Min · 1.556 Wörter

Massoud Wazifehdust hat Housepartys auf Ibiza geschmissen, hat Warsteiner und Kollegah zum Esport gebracht und eine eigene Agentur aufgezogen. Die Corona-Pandemie hat er sofort für ein neues Projekt genutzt: Custom-Design-Mode aus Louis Vuitton und Gucci. Selbst Kida Khodr Ramadan ist Fan!

Miami, 1983. Auf dem Höhepunkt seiner kriminellen Karriere schaut Tony Montana in die Nacht. Über ihm schiebt sich ein Luftschiff durch den Himmel. Darauf steht: The World is Yours.

In „Scarface” von Brian de Palma verkörpert Tony Montana, gespielt von Al Pacino, den unbedingten Willen zum Aufstieg. Nun sind Gangsterfilme keine Gründerworkshops. Aber viele, die es im echten Leben von ganz unten nach ganz oben geschafft haben, ließen sich von Montanas Mantra „The World is Yours” inspirieren. Zum Beispiel Massoud Wazifehdust.

Sampling in der Mode

Der 37-Jährige ist seit einem guten Jahr der Geheimtipp, wenn es um Custom Design made in Germany geht. Unter Massoud Mahgoli, dem Mädchennamen seiner Mutter, hat er sich auf die kreative Neuverarbeitung von bestehenden Luxusmarken-Stoffen spezialisiert. Das heißt, er zerschneidet Handtücher und Taschen der großen Modebrands und verkauft sie als Masken, Schlüsselbänder oder Autoschlüsselschoner weiter – und zwar im großen Stil. Zu seinen Kunden zählen der „4 Blocks”-Star Kida Khodr Ramadan, der derzeit beste deutsche Basketballer und Los Angeles Lakers-Neuzugang Dennis Schröder oder der Musikproduzent OZ, der Hits für US-Rapper Drake und Travis Scott liefert.

©Don Wadde

Aufgewachsen ist Mahgoli, dessen Eltern aus dem Iran fliehen mussten, im weniger vornehmen Bochumer Wohngebiet Hustadt. In den Neunzigern und frühen 2000ern galt Hustadt als „sozialer Brennpunkt”, viele von Mahgolis Freunden hat er „reingehen gesehen”, wie er es nennt. Er selbst, sagt er, sei mit einem blauen Auge davon gekommen. Massoud betont, dass er zuhause auch immer die Wichtigkeit von Bildung eingeimpft bekommen hat. Prägend für Mahgoli war in dieser Zeit vor allem aber HipHop, insbesondere Street Art, die grafische Verbindung von Emotionen mit einer Botschaft. Und auf eine Art war Mahgolis Weg zum Designer da schon vorgezeichnet – wenn auch über Umwege.

Von Housepartys zu Gaming

Als Mahgoli eine Auszeit von Bochum benötigt, zieht er 2005 mit Anfang Zwanzig nach Köln und arbeitet bei einer Kölner Eventagentur. Er veranstaltet im legendären Club Space auf Ibiza Housepartys und kommt viel rum: New York, London, Paris, Abu Dhabi. In dieser Zeit entdeckt der Junge aus dem Block neue Talente an sich. Er erkennt schneller als andere Trends und schafft es, sein Umfeld für neue Themen zu begeistern.

Zurück in Bochum bleibt er zunächst dem Musikbusiness treu und arbeitet unter anderem als Manager bei einem Musiklabel namens Desolat, während er parallel an der Ruhr-Universität Management und Economics studiert. Dann folgt eine Station, bei der er seine Stärken voll ausspielen kann: Er beginnt Mitte 2016 bei Warsteiner als Manager für Trend- und Szenegastronomie mit dem Ziel, das Produkt erlebbarer zu machen.

Mahgoli, dessen Jugend nicht nur Rap und Graffiti, sondern auch Gaming prägte, erkennt das Potenzial von Esports. Er plant Warsteiner als erste Brauerei in diesem Sektor zu positionieren. Er nervt seine Vorgesetzten, redet vom nächsten großen Ding und schafft es schließlich die Begeisterung zu übertragen. „Das war das erste Mal, dass man mich in der Marketingabteilung ernster genommen hat”, erinnert er sich.

Das „Network-Biest“

Bei Warsteiner bleibt Mahgoli, der immerfort getrieben ist von neuen Ideen, nicht lange. Er macht sich selbständig. Dafür wirft er seine Erfahrungen aus den Bereichen Events, Musik und Esports zusammen und gründet die Agentur Resports. Das Vorhaben: Gaming und Lifestyle zusammenbringen. Mahgoli, der sich selbst als „Network-Biest” beschreibt, knüpft schnell wichtige Kontakte.

Massoud Wazifehdust hat es von unten nach ganz oben geschafft. ©Massoud Mahgoli

Dann ergibt sich eine Gelegenheit zum ersten großen Wurf: In einem Düsseldorfer Hotel werden ihm die damals noch nicht von Skandal und Empörung umgebenden Gangsterrapper Farid Bang und Kollegah vorgestellt. Beide planen ein eigenes Esport-Team an den Start zu bringen. Mahgoli ist ihr Mann. Er kümmert sich um die Zusammenstellung des Teams, um die Gestaltung der Trikots sowie um den Launch der Marke „JBG Gaming”. Auf der Gamescom 2018 folgt dann die große Release-Show. Auf der Bühne treffen HipHop und Gaming aufeinander.

Die Zusammenarbeit mit den Rappern hält nicht lange, was Mahgoli egal sein kann, denn da ist er bereits mit neuen Projekten beschäftigt. Nach seinem Engagement für „JBG Gaming” widmet sich Mahgoli wieder „Ladwork”, einer Plattform für die Vernetzung der globalen Gaming- und Esportszene, die er bereits Anfang 2018 gegründet hatte.

100 Prozent Hustler

„Mein Vater hat immer gesagt, Massoud du springst von einem Ast zum anderen”, erzählt er. Mahgoli ist der Typ im Freundeskreis, der viel und gut reden kann, sprunghaft in seinen Gesprächsthemen, und genau deshalb nicht ganz ernst genommen wird. Nur: Mahgoli liefert. Und das auch in einer Zeit, in der sich über das gesamte Land der Schatten eines kollektiven Stillstands ausbreitet.

Denn mit Corona wird es schwierig, an neue Investorengelder für sein Startup heranzukommen. Das Land fährt herunter. Für jemanden, der in den letzten Jahren pausenlos am Machen und Netzwerken war, muss sich der Lockdown wie ein kalter Entzug anfühlen. Aber Stillstand, Nichtstun ist kein Zustand für einen, der von sich selbst sagt, er sei „ein hundertprozentiger Hustler”.

Mahgoli sitzt also zuhause und liest sich eher nebenher in das Thema Custom Design ein. Ihm fällt auf, dass es zwar „Sneaker-Designer wie Sand am Meer” gibt, aber wenige Custom Designer, die sich auf andere Bereiche fokussieren. Er beschließt „sich das Game unter den Nagel zu reißen”.

Er macht erste Skizzen, visualisiert seine Ideen am Laptop und findet einen geeigneten Schneider. Für mehrere hundert Euro besorgt er sich ein Louis Vuitton-Handtuch – und zerschnippelt es. „Meine Frau hat mich für bekloppt erklärt”, sagt Mahgoli. Aber er sieht das Potenzial – und gibt Gas.

Highfashion im HipHop

Auf den ersten Blick scheint Custom Design ein teures Hobby für Mode-Nerds zu sein, denen es nicht reicht, „Off-White”-Sneaker oder Gürteltaschen von Balenciaga zu tragen – jetzt braucht es auch noch ein Hundehalsband à la Gucci. Aber Customizing war und ist vor allem in der HipHop-Szene ein Weg, um an Highfashion partizipieren zu können.

https://www.instagram.com/p/CJQ34yEAXx6/

Kein Name wird in diesem Zusammenhang öfters genannt als Dapper Dan. Der New Yorker kleidete Ende der Achtziger alle namhaften US-Rapper ein, die in ihren Videos aussehen wollten wie die Gangster von nebenan, sich aber deren teuren Kleider nicht leisten konnten. Sie alle gingen zu Dapper Dan, der seine eigene „Street Couture” kreierte. Im Gegensatz zu Mahgoli verkaufte er seine Stücke aber nicht als Custom Ware, sondern als Fälschung, sodass ihn später mehrere Modeunternehmen verklagten. Der Designer aus Harlem ging pleite, ist heute aber ein gefragter und gefeierter Mann in der Modewelt.

Das Markenbewusstsein ist in der heutigen Generation noch ausgeprägter. Was sich nicht geändert hat, ist das leere Portemonnaie vieler Kids. Dieses Klientel an der Modewelt teilhaben zu lassen, darum geht es auch Mahgoli. Wer sich Louis Vuitton nicht im Original leisten kann, bestellt bei ihm für weitaus weniger Geld zum Beispiel eine Custom Louis Vuitton Maske.

Edle Stoffe für OZ

Der Durchbruch gelingt Mahgoli im Frühjahr 2020. Über mehrere Ecken kommt die Anfrage, ob Mahgoli für den Nightliner auf Shindys Tournee ein paar Videospiele klar machen könnte, immerhin kennt er sich doch mit Gaming aus. Mahgoli macht das gerne – unter einer Bedingung: Er will den Mann treffen, der für Shindy und Drake die Beats baut. Damit ist der Schweizer OZ gemeint, mit richtigem Namen Ozan Yildirim, dessen Karriere zu diesem Zeitpunkt gerade selbst an Fahrt aufnimmt. OZ sagt zu und erhält von Mahgoli eine schwarze Custom Louis Vuitton-Schmuckschatulle. Als Gegenleistung postet OZ sein neues Mode-Piece auf seinem reichweitenstarken Instagram-Account.

„Das hat Wellen geschlagen, OZ war der Mann der Stunde”, sagt Mahgoli heute. In seinem Postfach auf Instagram trudeln die Anfragen für seine Pieces danach nur so ein. Neben Sonderanfertigungen bietet Mahgoli auch Umhängetaschen, Schlüsselanhänger, Hundehalsbänder, Tischsets und natürlich Covid-Masken an – allesamt aus den edlen Stoffen von Louis Vuitton, Gucci oder Dior angefertigt.

Die Schmuckschatulle für OZ. ©Massoud Mahgoli

Illegal ist das nicht, denn er verkauft seine Ware nicht als Originale, sondern als Custom Produkte. Die Kundschaft kommt aus Deutschland, aber auch aus Malaysia, Moskau oder Tokio. Sein bisheriges Design-Highlight: eine Louis Vuitton-Bulletproof-Weste für einen befreundeten Rapper. Kostenpunkt: Mehrere tausend Euro.

Für immer Selfmade

Für Mahgoli hat seine Karriere als Custom Designer gerade erst begonnen. Aktuell expandiert er seine Designideen auf den Home-Interior-Bereich. Für den Hamburger Fortnite-Streamer Amar entwirft er einen Lounge-Sessel, Handläufer im Treppenhaus sowie weitere kleine Accessoires. Auch feste Kollaborationen mit Gaming-Hardware-Herstellern sind in Planung. So schließt sich wieder der Kreis zum Thema Gaming und Esport.

Wo sich Mahgoli in zehn Jahren sieht, kann er nicht sagen. Sicher ist nur eins: „Hundertprozentig Selfmade, für immer frei und unabhängig”. Für den Jungen aus der Hustadt gibt es nur eine Richtung. „Ich möchte nach oben und ich weiß, ich werde es schaffen. Das kann sich arrogant anhören, aber ich glaube an mich.”

Für Tony Montana wäre diese Aussage klares Understatement.

Portrait René Krempin

René Krempin

René Krempin ist freier Autor und schreibt für Business Punk Texte und Reportagen zu den Themen Sport, Entertainment und Wirtschaft. Mit großem Interesse verfolgt er außerdem auch die Entwicklungen in der eSports-Szene. In seiner Freizeit ist er aber auch gerne analog unterwegs: mit Freunden auf dem Bolzplatz.