Mental Health First Aid: Die Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit, die jede:r kennen sollte
Gastbeitrag von Lena Wittneben, Coach, Speaker, Gedächtnistrainerin, freie Autorin und Moderatorin aus Hamburg.
Unternehmen in Deutschland sind verpflichtet, ab zwei Mitarbeitenden Ersthelfer zu benennen. Aber was ist mit psychischen Krisen? Für die meisten ist der Umgang mit psychischen Problemen ein blinder Fleck. Genau hier setzt die Ausbildung zum „Ersthelfer für psychische Gesundheit“ an. Ein Programm, das aus Australien stammt und von einem Psychologie-Professor und einer Gesundheitspädagogin ins Leben gerufen wurde. 2020 wurde das „Mental Health First Aid (MHFA)“-Netzwerk auch in Deutschland gestartet.
Ziel: Menschen dazu zu befähigen, im Ernstfall psychische Krisen zu erkennen und bis professionelle Hilfe kommt, zu unterstützen. Die lizensierte Ausbildung wird in 26 Ländern angeboten und wissenschaftlich evaluiert. Zeit, mal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.
Was passiert in der Ausbildung?
Ein typischer Online MHFA-Kurs umfasst zwölf Stunden und kostet rund 260 Euro – das klingt erstmal nach einem Standard Seminar.
Aber der Kurs hat es in sich. Die Kurseinheiten decken schwerwiegende Themen ab: Depression, Suizidgedanken, Angststörungen, Psychosen und Suchterkrankungen.
Nicht gerade leichte Kost. Doch die Teilnehmer:innen werden praxisnah geschult. Sie lernen, wie man mit Betroffenen spricht und was im Notfall zu tun ist. Klar, keine psychologische Ausbildung, aber der Kurs gibt einen Crash-Kurs in psychischer Erster Hilfe. Das Prinzip dahinter: Zunächst wird das Basiswissen zu den einzelnen Störungsbildern vermittelt. Danach geht’s direkt in die Praxis – konkret bedeutet das: Simulierte Krisensituationen in Breakout-Räumen. Teilnehmende schlüpfen in die Rolle von Betroffenen und Ersthelfern, um reale Situationen durchzuspielen und Hemmschwellen abzubauen. Eine Erfahrung, die nicht nur Empathie, sondern auch Handlungssicherheit schärft.
Was hat das mit Unternehmen zu tun?
Psychische Gesundheit ist längst keine Nischendebatte mehr. Viele Mitarbeitende leiden unter psychischen Problemen – und doch wird dies häufig immer noch häufig totgeschwiegen. MHFA bringt frischen Wind in diese Diskussion, denn Unternehmen entdecken zunehmend den Mehrwert dieser Ausbildung. Führungskräfte, die sich für MHFA schulen lassen, gehen mit gutem Beispiel voran und machen das Thema psychische Gesundheit salonfähig. Je mehr Mitarbeitende ein Basiswissen zu psychischen Krisen haben, desto früher können Probleme erkannt werden. Ersthelfer:innen für psychische Gesundheit können ein unterstützendes Umfeld schaffen und dazu beitragen, dass psychische Probleme frühzeitig angesprochen werden. Das wiederum führt zu einem offeneren Umgang mit mentaler Gesundheit und nimmt den Druck von den Betroffenen.
Einmal durchspielen: Was passiert im Ernstfall?
Was tun, wenn eine Kollegin plötzlich Suizidgedanken äußert? Wer MHFA geschult ist, weiß, dass eine direkte Ansprache der erste Schritt ist. Ja, richtig gelesen: Fragen stellen, kein Wegducken. Ein typisches Szenario aus dem Kurs: In der Lektion zu Psychosen müssen Teilnehmende eine Audiodatei hören, die verschiedene Stimmen abspielt – alle gleichzeitig. Sie sollen dann versuchen, ein Gespräch zu führen. Das Experiment zeigt, wie überfordernd und angsteinflößend es für Betroffene ist. Solche Übungen helfen den Teilnehmenden, einen Perspektivwechsel zu wagen und ein besseres Verständnis für psychische Leiden zu entwickeln.
Der Nutzen für Unternehmen:
Ein Unternehmen, das psychische Gesundheit ernst nimmt, signalisiert seinen Mitarbeitenden: Ihr seid uns wichtig! Die Kurse senken die Hemmschwelle für Gespräche über mentale Gesundheit und verbessern das Betriebsklima. Sie verhindern nicht nur Eskalationen, sondern fördern das Wohlbefinden am Arbeitsplatz – und wer sich wohlfühlt, arbeitet besser. Laut einer Umfrage von YouGov gaben 50 Prozent der Befragten an, schon einmal eine körperliche Erkrankung vorgeschoben zu haben, um sich wegen psychischer Probleme krankschreiben zu lassen. Solche Zahlen zeigen, wie stark der Druck im Job ist. Aber die MHFA-Ausbildung bietet einen Ansatz, der das Klima in Unternehmen langfristig verbessern kann.
Mehr als nur ein Zertifikat:
Das Fazit ist klar: Die Ausbildung zum „Ersthelfer für psychische Gesundheit“ ist – genau wie die „betrieblichen Ersthelfer“ ein Muss! Die Teilnehmer:innen kommen aus den verschiedensten Bereichen – von der Studentin bis zum Geschäftsführer. Und es sind längst nicht nur die Betroffenen, die profitieren. Auch Führungskräfte erkennen den Mehrwert der Ausbildung. Firmen buchen vermehrt Kurse für ihre Mitarbeitenden, denn sie wissen: Auch psychische Gesundheit ist elementar, um neue Mitarbeitende zu gewinnen.
Marcel Wich, einer der MHFA-Ausbilder, sagt: „In diesem Jahr buchen vermehrt Firmen die Kurse, was zeigt, dass das Thema psychische Gesundheit in Betrieben ernst genommen wird.“ Das ist ein klares Signal.
Fazit:
Man lernt, bei einem körperlichen Unfall sofort Erste Hilfe zu leisten. Aber was macht man, wenn eine Person plötzlich mit psychischen Problemen konfrontiert ist? Die Ausbildung zum MHFA-Ersthelfer schließt genau diese Lücke. Sie gibt nicht nur praktische Werkzeuge an die Hand, sondern trägt dazu bei, das Stigma um psychische Gesundheit zu brechen. Denn letztlich geht es darum, Menschen in Krisen beizustehen – und genau das sollte in unserer (Arbeits)Welt hoffentlich selbstverständlich sein.
Die Essenz der Ausbildung ist simpel: Es geht darum, zu erkennen, zu handeln und zu helfen, bevor es zu spät ist. Und genau diese Haltung brauchen wir – in Unternehmen, im Alltag, überall. Die Investition? Minimal. Der Gewinn? Immens.