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Erst Pokerqueen, dann Knast: Jessica Chastain über ihre Rolle als Molly Bloom

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Aktualisiert
Lesezeit7 Min · 1.374 Wörter

Erst Pokerqueen, dann Knast. „Molly’s Game“ ist eine Ode an eine starke Frau. Hauptdarstellerin Jessica Chastain über die echte Molly Bloom und ihre eigene Rolle in Hollywood.

Das Interview führte Patrick Heidmann

Frau Chastain, während der Vorbereitung auf Ihre Rolle haben Sie die echte Molly Bloom getroffen. Wie war das?

Anfangs war ich, muss ich offen zugeben, ein bisschen voreingenommen. Aber als wir uns trafen und lange unterhielten, öffnete mir das die Augen, und mir wurde klar, was für eine beeindruckende Frau sie tatsächlich ist.

Was genau hat Sie denn beeindruckt?

Auf einer eher schlichten Ebene finde ich es einfach sehr inspirierend, wie oft sie sich nicht hat unterkriegen lassen. Egal wie oft sie umgehauen wird – und das wurde sie ja wahrlich nicht nur einmal –, sie steht doch jedes Mal wieder auf und macht weiter. Das muss man erst einmal schaffen. Darüber hinaus faszinierte mich noch eine zweite Ebene, die weniger mit ihrer Persönlichkeit zu tun hat.

Nämlich?

Ich fand es bemerkenswert, wie sehr sich an Molly ablesen lässt, was unsere Gesellschaft mit Frauen macht. Denn die Molly, die diese Pokerrunden leitete und all das Geld scheffelte, war nicht wirklich sie selbst, sondern eine von ihr selbst geschaffene Kunstfigur, modelliert nach den Ansprüchen, die unsere Gesellschaft an Frauen mit Macht und Ambitionen stellt. Denn egal was eine Frau kann oder sagt – das ist nichts wert, wenn sie für Männer nicht sexuell begehrenswert ist. Diese Lektion lernt Molly spätestens, als ihr Boss sie runtermacht für ihr Kleid und ihre Schuhe. Also kauft sie sich ein Outfit, das eigentlich null ihr Ding, aber sexy ist. Nach und nach verändert sie sich dabei so sehr, dass ihr Anwalt schließlich sagt, sie könne so nicht vor Gericht, denn sie sehe nur noch aus wie eine Erotikfilmversion von Molly Bloom. Mich hat das an die Kardashians erinnert. Die haben auch geschnallt, dass Frauen zunächst einmal für ihr Äußeres beurteilt werden – und daraus dann auf erstaunliche Weise Kapital geschlagen.

Das kann man auch über Molly Bloom sagen. Mitspieler mussten sich mit bis zu 250 000 Dollar in die Pokerrunden einkaufen, die sie veranstaltet hat. Doch am Ende ist sie gescheitert. Das FBI warf ihr vor, einem ihrer Kunden bei der Geldwäsche geholfen zu haben. Hatte sie zu hoch gepokert?

Eben nicht, Molly Bloom selbst war ja keine Zockerin. Ganz im Gegenteil, sie war jemand, der überhaupt nichts davon hielt, dem Zufall auch nur irgendetwas zu überlassen. Stattdessen hat sie immer auf intensivste Vorbereitung gesetzt. Gescheitert ist sie letztlich daran, dass sie nicht machen wollte, was Männer sie angewiesen haben zu tun. Angefangen bei ihrem Vater über ihren ersten Boss und Spieler X, wie er im Film heißt, bis zu den Gangstern, die sie bedrohten, und schließlich den Leuten vom FBI, mit denen sie nicht kooperierte.

Haben Sie selbst einen Bezug zum Poker?

Meine Mutter hat mir Pokern beigebracht, als ich noch ziemlich klein war. Wir haben immer um die Süßigkeiten gespielt, die ich an Halloween von meiner „Süßes oder Saures“-Tour mit nach Hause brachte. War ein cleverer Schachzug meiner Mutter, unseren Zucker-Input zumindest ein bisschen zu reduzieren, denn ich habe natürlich ständig verloren. Der Funke ist aber nie übergesprungen. Ob Pokern oder Pferdewetten – Glücksspiel lässt mich kalt. Nein, schlimmer: Während andere den Kick des Nervenkitzels lieben, kriege ich davon eher Panik. Die Bank gewinnt letztlich sowieso immer. Eigentlich bin ich da Molly Bloom recht ähnlich: Auf Glück und Zufall möchte ich nicht setzen, nur auf harte Arbeit.

Insgesamt gibt es viele Schauspieler, die pokern. Zufall? Oder ist dieses Sich-nicht-in-die-Karten-schauen-Lassen etwas, was man in Ihrem Beruf einfach gut kann?

Im Gegenteil. Für mich hat ein Pokerface gar nichts mit Schauspielerei zu tun. Beim Bluffen geht es ja um Manipulation, darum, die Wahrheit eben gerade nicht zu zeigen. In meinem Job ist das Gegenteil das A und O. Da ist zwar die Ausgangslage eine fiktive, aber dann geht es vor allem um Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit und eben nicht ums Lügen.

Stichwort Ehrlichkeit: Sie sind bekannt dafür, in Interviews und auf Twitter kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wie furchtlos sind Sie?

Ich bin gar nicht furchtlos, und auch alles andere als frei von Schwäche. Ich fühle mich manchmal eher ziemlich verletzlich und zerbrechlich. Trotzdem bin ich eine starke Frau, so wie meiner Meinung nach jede Frau stark ist. Und ich bin in gewissem Sinne vielleicht eine Kämpferin, einfach weil ich ehrlich bin. Ich habe tatsächlich keine Angst, meine Meinung zu sagen und Missstände zu benennen.

Nicht zuletzt im Kontext des Weinstein-Skandals und dessen Folgen …

Absolut, wobei wir alles, was seit ein paar Monaten in Hollywood passiert, nicht unter dem Schlagwort Weinstein-Skandal zusammenfassen sollten. Die Sache ist viel größer als dieser Mann. Und er selbst ist nicht die Wurzel des Übels, sondern lediglich ein Symptom dessen, was über lange Zeit schon schieflief. Nicht nur in meiner Branche, sondern ganz allgemein in unserer Gesellschaft. Wenn Macht zu lange zu ungehindert und unkontrolliert wuchern darf, führt das zu Problemen. Das zeigt ja auch die #MeToo-Bewegung.

Sie haben sich sehr früh und lautstark in diese Debatten eingeschaltet. Hatten Sie nie Sorge, das könnte Konsequenzen für Ihre Karriere haben?

Doch, mir war schon auch mulmig. Der erste große Enthüllungsbericht über Weinstein ist, wenn ich mich richtig erinnere, am 5. Oktober erschienen. Ich habe ihn gleich retweetet und mich täglich zu der Sache öffentlich geäußert. Noch bevor er oder irgendwelche anderen Leute ihre Jobs verloren und so. Diese Männer waren anfangs ja alle noch in ihren Machtpositionen, und natürlich konnte ich nicht wissen, ob sie mir schaden würden oder nicht. Aber darüber habe ich mich hinweggesetzt, inspiriert von den Frauen, die tatsächlich mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen sind. Deren Mut war ja noch unendlich viel größer als meiner. Wie hätte ich da ruhig bleiben und so tun können, als hätte nicht auch ich immer wieder Gerüchte gehört und verstanden, dass es da ein System des Missbrauchs gab, das sich unabhängig von Einzelpersonen oder auch nur einer einzelnen Branche etabliert hatte.

Sind Sie denn optimistisch, dass sich nun wirklich etwas verändert?

Oh ja, das bin ich! Das Wundervolle an der Menschheit ist doch, dass sie sich weiterentwickelt. Und gerade ist ein richtiger Veränderungsprozess im Gange. Natürlich liegt es an uns, das auch wirklich zuzulassen. Aber im Moment ist auf jeden Fall Bewegung drin in unserer Gesellschaft – und das finde ich als jemand, der Stagnation für einen großen Fehler hält, schon mal ungemein wichtig.

Auch jenseits von sexueller Nötigung müssen Frauen in der Filmindustrie aber viel härter kämpfen als männliche Kollegen um Erfolg zu haben, nicht wahr?

Für mich selbst gilt das mittlerweile nicht mehr wirklich, denn ich bin in einer sehr komfortablen Position in meiner Karriere angekommen. Aber für fast alle Regisseurinnen. Selbst nach einem gefeierten ersten Film müssen sie kämpfen, einen zweiten, vielleicht etwas größeren drehen zu dürfen. Männern dagegen wird nach einem ersten kleinen Independentfilm nicht selten gleich die Regie eines neuen „Star Wars“-Films angeboten. Wie kann das sein? Dass Frauen hinter der Kamera doppelt so hart arbeiten und sich immer wieder aufs Neue beweisen müssen, ist jedenfalls ein bedauerlicher Fakt.

Haben Sie Ihre eigene Produktionsfirma Freckle Films 2016 auch deshalb gegründet, damit sich daran endlich etwas ändert?

Genau. Ziel der Firma ist es, die Filmindustrie ein wenig aufzurütteln und zu verändern. Ich will meinen Teil zu mehr Diversität in unserer Branche beitragen und ein paar zusätzliche Optionen für Frauen hinter der Kamera schaffen, ob nun als Drehbuchautorinnen oder Regisseurinnen. Ich bin der festen Überzeugung, dass nur mehr Frauen auf solchen Positionen dafür sorgen werden, dass wir auch auf der Leinwand andere Frauen sehen. Solche, die uns überraschen und nicht bloß alte Klischees wiederholen.

BP_CoverDer Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 01/2018. Titelgeschichte: MCFit-Gründer Rainer Schaller folgt nur einem Prinzip: seinem Instinkt. Mehr Infos gibt es hier.

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