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Nach Freispruch ertrunken: Killer oder Killerwellen? Der mysteriöse Tod des Tech-Milliardärs

Yacht
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Aktualisiert
Lesezeit7 Min · 1.314 Wörter

Bei allem Mitgefühl – dieser Fall bietet Stoff für Agenten-Thriller, Enthüllungsbücher und Hollywood-Blockbuster. Der Tod von Mike Lynch und die alles entscheidende Frage: Kann es so viel Zufall wirklich geben? Er, der britische Bill Gates, verkauft seine Firma für elf Milliarden Dollar an Hewlett Packard. Bilanzfälschung, heißt es plötzlich. Nach einem spektakulären Betrugsprozess wird er freigesprochen. Als er das mit Freunden feiert, stirbt er in den Wellen des Mittelmeeres. Seine preisgekrönte Luxusyacht geht 900 Meter vor der Küste Siziliens unter. Auch sein Anwalt ertrinkt. Sein mitangeklagter Finanzchef joggt zwei Tage zuvor durchs beschauliche Cambridgeshire und wird von einem Auto überfahren. Alle Freigesprochenen tot. Die Ermittlungen laufen, Geheimdienste sind involviert…

Der Fall Mike Lynch

Selfmade-Milliardär, in London in einfachen Verhältnissen geboren. Ein fleißiger Schüler. Ein Stipendium bringt ihn an die Universität Cambridge, er studiert Mathe und Biochemie und forscht schon Anfang der 1990er Jahre als einer der ersten im Bereich Machine Learning. Mit 26 gründet er seine eigene Firma: Cambridge Neurodynamics und entwickelt Programme zur computerbasierten Erkennung von Fingerabdrücken. Sein erster Kunde: die britische Polizei. Lynch baut sein Start-up aus zu „Autonomy Corporation“. Im Oktober 2011 zahlt ihn Computer-Gigant Hewlett-Packard elf Milliarden Dollar dafür. Ein genialer Exit.

Durch sein Know-how im Bereich Künstlicher Intelligenz wird Lynch als Bill Gates Großbritanniens gefeiert. Er gründet die Cybersecurityfirma Darktrace, arbeitet mit britischen und amerikanischen Geheimdiensten zusammen. Der damalige Premierminister David Cameron ernennt ihn zum Wissenschaftsberater, die BBC nimmt ihn ins Direktorium auf. Bis unangenehme Anschuldigungen aufkommen: Hewlett-Packard erkennt Unstimmigkeiten in den Bilanzen der „Autonomy Corporation“, alle Umsätze scheinbar aufgebläht. Der Wert der 11-Milliarden-Dollar-Company halbiert sich darauf in nur wenigen Monaten. Der US-Konzern erstattet Anzeige wegen Bilanzfälschung und Betrug. Der Beginn einer Schlammschlacht, wie sie in der Tech-Szene selten vorkommt: 13 Jahre dauert sie.

Lynch wird im Vereinigten Königreich angeklagt und in die USA ausgeliefert und dort ein Jahr unter Hausarrest gestellt. Der Tech-Milliardär bekommt Risse auf seiner Festplatte.

Im März dieses Jahres startet der Milliarden-Prozess in San Francisco. Die ganze Tech-Branche schaut vom benachbarten Silicon Valley rüber. Die Wetten abends in den Bars: Ist Mike Lynch wirklich so genial oder einfach nur ein Betrüger? Am 6. Juni sprechen die Geschworenen ihn in allen Anklagepunkten frei. Eine Überraschung für viele Beobachter. Lynch will diesen Sieg gebührend feiern und lädt Familie, Freunde und Vertraute auf seine Luxusyacht „Bayesian“ ins Mittelmeer ein. Work hard, play hard eben: Eine Woche cruisen kostet hier 195.000 €. Aber wen interessiert Geld? Der 59-Jährige ist einer der reichsten Menschen Großbritanniens und endlich wieder frei.

Aus 49 Metern Tiefe haben sie am Donnerstag nun seine Leiche mit Tauchrobotern aus dem Schiffsrumpf gehoben. Seine Tochter Hannah (18) galt als vermisst. Heute wurde sie im Wrack gefunden – ertrunken. Seine Ehefrau Angela Barcares (57) konnte mit aufgeschnitten Füßen gerettet werden. Unter den Toten: Der New Yorker Strafrechtler Chris Morvillo, Partner der Kanzlei Clifford Chance, und seine Frau Neda. Er hatte Lynch im Prozess verteidigt. Ebenfalls ertrunken: Jonathan Bloomer, Verwaltungsrat von Morgan Stanley International, mit Ehefrau Judy. Was eine riesige Party werden sollte, endete am Meeresgrund.

Von den 22 Passagieren überleben nur 15. Darunter auch Charlotte Golunski. Die 38-Jährige liegt mit ihrer einjährigen Tochter Sophia in einer der Kajüten, als das Wasser einbricht. Sie werden aus den Betten geschleudert: „Ich schrie um Hilfe. Aber alles, was ich hörte, waren die Hilfeschreie der anderen. Alles war dunkel, ich konnte meine Augen nicht öffnen.“

Ihr Baby geht für zwei Sekunden unter, aber Charlotte kann das kleine Mädchen retten: „Ich habe sie mit aller Kraft über Wasser gehalten, meine Arme hoch nach oben gestreckt, um sie vorm Ertrinken zu bewahren.“ Rettungskräfte ziehen die Heldenmutter und das Baby in Sicherheit.

Offiziell heißt es, dass die Yacht „Bayesian“ am 19. August im Mittelmeer von einem Orkan überrascht worden sei. Um 4 Uhr morgens, als sie noch geankert und alle geschlafen hätten. Wetterexperten haben rotierende Gewitterzellen gemessen, die vor der Südküste Italiens umhergewirbelt seien. Die Rede ist von Tornados und gewaltigen Wasserhosen. Der Kapitän schießt rote Alarmsignale in den Sturm und sagt später, dass man das Unwetter nicht habe kommen sehen…

Die „Bayesian“ ist aber nicht irgendein Schiff, sondern eine 56 Meter lange Luxusyacht, ausgezeichnet mit diversen Designpreisen. Sie wurde in der italienischen Werft Perini Navi entworfen, einst Weltmarktführer im Bau überproportional großer Boote, dann insolvent. So ragt auf der „Bayesian“ mit 75 Metern der höchste Aluminiummast der Welt. Der Hufkiel schneidet sich 9,83 Meter tief durchs Wasser.

Dass so eine gewaltige Yacht von Wellen umgekippt wird und innerhalb von nur 60 Sekunden untergeht? 900 Meter vor der Küste Siziliens. In Sichtweite der Inselhauptstadt Palermo. Die Seeunfallbehörde Großbritanniens MAIB (Marine Accident Investigation Branch) hat vier Ermittler einfliegen lassen, die das jetzt untersuchen sollen.

Ein wichtiger Zeuge ist dabei Karsten Börner, ein deutscher Kapitän. Er ankerte zum Unglückszeitpunkt mit dem Segelkreuzfahrtschiff „Sir Robert Baden Powell“ neben Mike Lynch. Er sagt: „Die Bayesian lag schräg hinter uns. Wir mussten aufpassen, dass wir da nicht voll drauf treiben. Deshalb haben wir immer mal wieder geschaut – und plötzlich war sie verschwunden. Mein Steuermann sagte: ‚Die sind gesunken.‘ Ich habe ihn ausgelacht: ‚So ein Riesenschiff, das sinkt nicht einfach so.‘“

Erste Untersuchungsberichte dokumentieren: Die „Bayesian“ ist innerhalb von 16 Sekunden gekentert und innerhalb von nur 60 Sekunden komplett untergegangen.

Kapitän Börner sagt: „Ein großes Rätsel, wie das so schnell gehen konnte.“ Das habe ihm auch der Maschinist der „Bayesian“ nach der Rettung anvertraut, zumal alle Schotten geschlossen gewesen sein sollen.

Wie er die Orkan-Nacht erlebte? Karsten Börner schildert, dass es Unwetterwarnungen gab. Er cruise oft vor der Küste Siziliens und kenne die Verhältnisse dort: „Das war brutal. Windstärke 12. Es waren Tonnen von Wasser, die da herunterkamen. Um unser Schiff mit dem Bug im Wind zu halten, haben wir den Motor gestartet und das hat relativ gut geklappt.“

Mit seinem Boot habe er sofort nach Überlebenden gesucht. Andere Rettungsboote eilten aus dem Hafen herbei.

Eines der Rätsel bis heute, warum die „Bayesian“ nicht selbst in den Hafen von Porticello gefahren ist. Der war nur 900 Meter entfernt und der Kiel der Luxusyacht war extra so konstruiert worden, dass er für Fahrten in flachen Gewässern eingezogen werden kann.

Italienische Behörden ermitteln. Einige Crewmitglieder würden sich nicht trauen auszusagen, weil sie vor der Abreise strenge Verträge haben unterschreiben müssen.

Die britischen Sonderermittler der Marine Accident Investigation Branch registrieren, dass in dieser Sturmnacht nur ein einziges Schiff im ganzen Mittelmeer gesunken ist: und zwar das von Mike Lynch. Eine der besten Yachten der Welt…

Killerwellen oder doch vielleicht Killer?

Die Agenten müssen überprüfen, ob es einen Zusammenhang gibt zu einem weiteren tragischen Unglück, das sich am Samstag, 17. August, in der Grafschaft Cambridgeshire nordöstlich von London ereignete. Also nur zwei Tage zuvor. Steve Chamberlain, der langjährige Finanzchef von Mike Lynch und Mitangeklagter in San Francisco, ging dort morgens auf seine gewohnte Joggingrunde. Bei Kilometer zehn, wie auf seiner Tracking-Watch registriert wird, erfasst ihn auf der Landstraße A1123 ein vorbeifahrendes Auto. Der 52-Jährige wird dabei so schwer verletzt, dass er auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt. Neun Wochen nach seinem Freispruch.

Steve Chamberlain war Vorstandsmitglied in Mike Lynchs neuer Cybersecurity-Company Darktrace. Sie rühmten sich damit, dass sie vorzugsweise ehemalige Geheimdienstmitarbeiter einstellen.

Ein Streit um Milliarden, beide Angeklagte und deren New Yorker Star-Anwalt verunglücken innerhalb von zwei Tagen tödlich, der eine am Samstag, die anderen am Montag. Eine preisgekrönte Luxusyacht, die in 60 Sekunden auf den Meeresgrund vor Palermo sinkt, während alle anderen Boote weiterfahren. Ein Drama ausgerechnet bei der groß angekündigten Freiheitsparty. Im Background eine Cybersecurity-Company mit dem Namen Darktrace besetzt mit englischen und amerikanischen Geheimdienstlern – so fangen spannende Agenten-Thriller an, oder?

Portrait Tom Junkersdorf

Tom Junkersdorf