Nase voll von der Pandemie – und trotzdem nichts gerochen?
Die Zurich Gruppe Deutschland kämpft mit KI, Kunst und einer verdammt cleveren Kampagne gegen das große Vergessen – und warum ein Fliederduft manchmal mehr wert ist als ein Aktienportfolio.
Was ist dein Lieblingsmoment?
Keine rhetorische Frage. Sondern eine existenzielle. Lieblingsmomente sind das, was bleibt, wenn der Rest des Lebens zwischen Steuererklärung, Digital Detox und Kreditraten verschwimmt. Die Reise ans Meer mit der Mutter, der bosnische Mokka am Küchentisch, der Fliederduft aus Kindheitstagen – emotionale Anker, konserviert im limbischen System.
Bis Covid kam und sie auslöschte. Still, schleichend, nachhaltig. Millionen Menschen in Deutschland litten an Anosmie – einem oft unterschätzten Symptom der Pandemie: dem (teilweisen oder vollständigen) Verlust des Geruchssinns.
Und das Problem daran?
„Nicht riechen zu können bedeutet einen erheblichen Verlust der Lebensqualität“, sagt Prof. Dr. Thomas Hummel, einer der weltweit führenden Experten für Geruchs- und Geschmackssinn. „Der Geruchssinn ist eng mit Erinnerungen und Emotionen verknüpft. Wenn man nicht mehr riecht, wird das Leben schwarz-weiß.“
Boom. Genau da setzt Zurich an. Die Versicherung? Ja, aber eben nicht nur. Sondern ein Konzern, der gerade ein ziemlich cleveres Rebranding der Kategorie Versicherung durchzieht – mit Künstlicher Intelligenz, Kunst, Neuroscience und ziemlich viel Gefühl.
Versicherung gegen das Vergessen
„Mit unserer Kampagne wollen wir auf die vergessene Pandemie-Folge aufmerksam machen“, erklärt Nicola Schmitz, Head of Strategic Brand Marketing bei Zurich Deutschland. „Und zeigen, dass Versicherung mehr sein kann als Policen und Paragraphen. Es geht um Lieblingsmomente. Um Identität. Um ein Stück Leben.“
Dafür hat Zurich ein multidisziplinäres Team losgeschickt – nach Barcelona, Berlin, Amsterdam. Gemeinsam mit den kreativen Köpfen von Presence, Sounddesignern von Mosche, der Algorithmic Perfumery aus den Niederlanden und dem Neurowissenschaftler Thomas Hummel entstand The Lost Sense Experience: Eine Ausstellung, die Geruch, Erinnerung und Technologie zu einem multisensorischen Gesamtkunstwerk verschmilzt. KI-generierte Duftbilder, Soundscapes und persönliche Geschichten von Menschen, deren Nase seit Covid schweigt – emotional, nah, poetisch.
„Das Leben kommt in Farbe zurück“
Die Protagonisten? Keine Werbefiguren, sondern echte Menschen:
Darja aus Bosnien, die den Duft ihres traditionellen Kaffees vermisst.
Sigrid aus Potsdam, die den Fliederduft aus Kindertagen seit Jahren nicht mehr wahrnimmt.
Emily, deren Sommerferien am Freibadbecken jetzt olfaktorisch gelöscht sind.
Dominik, der an den Minzgeruch im Garten seiner Tante denkt – aber ihn nicht mehr findet.
Afrika, die das salzige Meer aus ihrer Kindheit im Senegal vermisst.
Diese Menschen erzählen von Verlust. Und Hoffnung. Denn – und das ist vielleicht die mutigste Message der Kampagne – Riechen kann man wieder lernen.
„Riechtraining ist die derzeit wirksamste Therapieform bei postviralen Riechstörungen“, erklärt Hummel. „Es braucht Ausdauer, aber die Riechzellen wachsen nach. Das Gehirn vernetzt sich neu. Manche riechen am Ende sogar besser als vorher.“
Science meets Soul meets Strategy
Das Ganze ist kein bloßer PR-Stunt zum 150-jährigen Jubiläum der Zurich Gruppe Deutschland – sondern ein Paradebeispiel dafür, wie Markenführung heute funktioniert: emotional, relevant, kollaborativ. Statt sich hinter dem Buzzword „Purpose“ zu verstecken, liefert Zurich Substanz. Ein „Erlebnis, das Versicherung erlebbar macht“, wie Schmitz es nennt.
Und es funktioniert: Die Kampagne dockt da an, wo Versicherung früher aufhörte – im Zwischenraum zwischen Erinnerung und Identität. Zwischen Duft und Dasein. Zwischen neuronaler Plastizität und Markenkern. Zurich versichert eben nicht nur Häuser, sondern auch Lebensgeschichten.
Zum Schluss noch ein Pro-Tipp für alle, die wissen wollen, wie Zukunft riecht:

Vom 01. bis 03. August 2025 könnt ihr The Lost Sense Experience live erleben – in der Julia Stoschek Foundation in Berlin. Kunst, KI, Duftdesign und Erinnerungen, die unter die Haut gehen. Eintritt frei, Kopf offen halten.
Denn manchmal reicht ein Hauch Flieder, um das Leben zurückzubringen
