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„New York Ende der 60er. Das wär’s“ – die Band Parcels im Interview

„New York Ende der 60er. Das wär’s“ – die Band Parcels im Interview
Mia Rankin
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit6 Min · 1.122 Wörter

Party like it’s 1969: Die Jungs aus Byron Bay wissen darum und liefern einen Hit nach dem anderen für den Dancefloor. Doch hinter dem großen, bunten Fun verbirgt sich eine überraschende Tiefe. Ein Deeptalk mit der Band Parcels über Inspiration, Zeitreisen und die Wahlheimat Berlin.

Parcels, ihr seid als Disco-Pop-Partyband aus Byron Bay bekannt. Aber mit dem neuen Doppelalbum „Day/Night“ zeigt ihr eine andere Seite: Warum plötzlich so deep?

Wir waren diesmal definitiv besser vorbereitet. Wir haben viel Zeit damit verbracht zu spielen. Vielleicht gab es in diesem Sinne eine neue Art von Stimmung, die wir in die Musik übertragen haben. Wir haben der neuen Musik viel Raum gegeben, damit die tiefen Momente mehr Wirkung haben können.

Wie viel Zeit und Raum habt ihr dem neuen Album denn gegeben?

Wir haben vor ungefähr 18 Monaten mit den Aufnahmen begonnen, in kurzen Abschnitten. Zwischenzeitlich mussten wir wegen Corona unterbrechen. Wir waren in einem Studio außerhalb von Paris. Ein kleines, wunderschönes Studio in einem großen Haus mit Garten, in dem wir unbedingt arbeiten wollten.

Klingt romantisch. Wie würdet ihr die Atmosphäre dort beschreiben?

Es hat sich einfach sicher angefühlt. Wie in unserer eigenen kleinen Welt außerhalb der Stadt. Wir haben dort sogar geschlafen und wurden bekocht. Für uns hat in den Monaten der Aufnahmen nichts anderes existiert. Wir haben wirklich die ganze Zeit nur in diesem Studio verbracht.

Erzählt doch mal kurz von eurem Alltag während der Aufnahmen.

Wir haben oberhalb des Studios alle gemeinsam geschlafen. Wir haben Musik gemacht, gemeinsam Mittag gegessen, wieder Musik gemacht und dann gemeinsam zu Abend gegessen. Jeden Tag. Es fühlte sich fast schon wie eine Tradition an, immer wieder zurück an den großen, runden Tisch zu kommen, um zusammen Pausen zu machen.

„Day/Night“, Virgin (erscheint am 5.11.)

Ihr habt gleich zwei Alben in einem produziert. Eigentlich ein Konzept der Vergangenheit. Warum so ein großes Doppelalbum?

Die Idee war, die Band in zwei Hälften zu teilen, um zu versuchen, erst eine dunklere Seite – musikalisch und auch textlich – zu umarmen, um dunklere Charaktere zu erkunden. Und uns dann zu erlauben, weiter in Richtung positiverer Klänge und extrovertierter Texte zu gehen. Wir wollten mit unserem Album von Anfang an diese Dualität repräsentieren.

Gehen wir mal noch tiefer ins Detail: Wie macht sich die Dualität eures Albums bemerkbar?

Auf der einen Seite ist „Day“ die meiste Zeit wie ein warmer, einladender Raum, während „Night“ auf der anderen Seite offensichtlich die dunklere Seite und den Schatten des Lebens zeigt. Das Album erlaubt uns, in die Seiten von uns selbst zu gehen, die wir oft verdrängen. Es sind Songs über Menschen, die Welt, die Liebe und über die Verbindungen zwischen diesen Dingen.

Gibt es eine zentrale Message?

Anstatt zu versuchen, eine einzige Botschaft zu vermitteln, wollen wir die Welt so darstellen, wie wir sie erleben. Oder wie wir sie erlebt haben, als wir diese Platte produziert haben. Wir wollen einfach die polaren Gegensätze zeigen und vor allem verdeutlichen, wie sie miteinander verbunden sind und wie ähnlich sie sich eigentlich sind. Es gibt nämlich kein Licht ohne Schatten.

Das klingt aber wirklich außergewöhnlich deep für eine Discoband.

Wir haben uns auf jeden Fall etwas verändert. Man kann ja auch nicht immer Party machen. Und manchmal entstehen die besten Partys, wenn du eigentlich gar keine Party erwartet hattest.

An euren extravaganten Outfits im 70er-Look haltet ihr dennoch fest. Was liebt ihr an diesem Style so?

Der Style ist ziemlich cool. Vor allem auf der Bühne lieben wir es, uns außergewöhnlich zu kleiden. Diese Art von Kleidung hat irgendwie eine andere Message als moderne Kleidung. Es ist aufregend und macht Spaß.

Besteht der Job als Musiker:in auch im gezielten Auswählen der Outfits?

Früher wollten wir noch viel mehr Kontrolle über unsere Outfits haben. Das ist mittlerweile nicht mehr so. Das haben wir vor allem durch die vielen Magazin-Shootings gelernt, bei denen wir die Aufgabe an Fotograf:in, Stylist:in und den Rest des Teams abgeben. Die wissen am besten, wie sie uns als Band zeigen. Mittlerweile haben wir da volles Vertrauen.

Kleines Gedankenexperiment: Würdet ihr zurück in die 70er reisen wollen, wenn ihr könntet?

Ja, wir würden wirklich gerne einen Trip durch New York machen, aber lieber Ende der 60er. Das wär’s. Mitten im Jazz-Zeitalter. Aber wir sind eigentlich auch ziemlich angetan von der Zeit heute. Wir sind begeistert von dem Level an Konversation und Kommunikation, das heute auf der Welt herrscht.

Ihr kommt ursprünglich aus Byron Bay, Australien. Seit knapp sechs Jahren lebt ihr jetzt in Berlin. Was reizt euch so an dieser Metropole?

Es war damals eine sehr spontane Aktion, nach Berlin zu ziehen. Jeder in der Band hat andere Gefühle gegenüber dieser Stadt, doch wenn wir alle mal länger verreist sind, freut sich jeder Einzelne, wieder zurückzukommen. In Berlin können wir einfach in Shorts und Flipflops in den Supermarkt gehen. Und man bekommt zu jeder Zeit Essen und Zigaretten, das ist in Paris zum Beispiel nicht der Fall.

Gibt es bestimmte Orte oder Menschen in Berlin, die euch besonders inspiriert haben?

Wir haben uns am meisten von der Menge an Leuten inspirieren lassen, die wir tanzen gesehen haben. In Australien gab es elektronische Musik so nicht. Daher wussten wir nicht, dass sie so geschmackvoll sein kann. Jede Nacht gibt es diesen dunklen Pool an Menschen, die tanzen. Genau das, was wir wollten. Es ist einfach eine andere Welt.

Stichwort Inspiration – wer steht bei euch stilistisch Pate?

Die erste Band, die uns da in den Sinn kommt, ist die französische Band Phoenix, mit der wir auf Europatour waren. Es war wirklich beeindruckend zu sehen, wie eine ältere Band, die schon eine Weile dabei ist, diese großen Touren immer noch durchzieht. Wie alle Mitglieder immer noch befreundet sind und jedes Mal wieder Spaß an ihrer Musik haben. Sie haben diese Leidenschaft, weshalb wir zu ihnen aufschauen.

Ihr konntet länger nicht touren. Wie groß ist die Vorfreude?

Wir wollen unbedingt wieder Konzerte spielen. Wir haben jetzt Anfang November ein paar Shows. Und, wenn alles gut läuft, dann wird 2022 hoffentlich ein Jahr voller Konzerte sein. Daumen sind gedrückt.

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Portrait Katharina Boecker

Katharina Boecker

Katharina hat Germanistik und Anthropologie in der westfälischen Provinz Münster studiert, welche sie für den Journalismus verlassen hat. Sie lebt jetzt in Berlin und sammelt dort an allen Ecken Inspirationen fürs Schreiben - und fürs Leben im Allgemeinen. Wenn sie nicht gerade nach vergessenen 80er-Hits im Internet sucht, interessiert sie sich für Politik, Popkultur und Sport.