AnlagePunk

„Papierdokumente wie Bargeld sind nicht mehr zeitgemäß“

kontaktloses Bezahlen kontaktloses Bezahlen Karte Smartphone Smartwatch
Frank Thelen / frank.io | Marco Grundt Fotografie
Erschienen
Aktualisiert
Lesezeit7 Min · 1.446 Wörter

Wer kratzt beim Bezahlen noch die letzten Cent-Stücke zusammen und zückt die Scheine aus dem Geldbeutel? Bargeldloses Bezahlen wird seit 2018 in Deutschland immer beliebter. Durch die Coronapandemie ist es sogar ausdrücklich erwünscht. Der Trend wird beschleunigt. Karte, Smartphone, Smartwatch: Möglichkeiten, bargeldlos zu bezahlen, gibt es viele.

Im Interview sprechen Unternehmer Frank Thelen und Visa-Marketingchefin Merle Meier-Holsten über die Vorteile von digitalen Bezahlmethoden, ihre Sicherheit und wie sich die Digitalisierung in diesem Bereich entwickelt.

Was war das Letzte, das Sie mit Bargeld bezahlt haben?

Meier-Holsten: Ich gehöre zu den Menschen, die in der Tat nur selten Bargeld in der Tasche haben. Wenn ich nach dem Joggen Brötchen für das Frühstück holen möchte, gehe ich zu einer Bäckerei, bei der ich mit meiner Smartwatch bezahlen kann. Wenn ich mal bar bezahle, dann nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Thelen: Ich habe keinen Geldbeutel mehr. Papierdokumente wie Bargeld sind nicht mehr zeitgemäß, weil sie viele Nachteile haben. Bargeld überträgt Viren und ist eine Ressourcenverschwendung. Deswegen bezahle ich auch nicht mehr damit. Es gibt aber auch immer wieder Gelegenheiten, bei denen man nur mit Bargeld zahlen kann. In solchen Fällen habe ich mit meiner Frau den Deal, dass sie bezahlt.

Warum kann man nicht überall bargeldlos bezahlen?

Meier-Holsten: In Deutschland wurde die Entwicklung im Bereich kontaktloses Bezahlen langsamer angegangen als in anderen Ländern, in denen das schon deutlich etablierter ist.

Wir holen jedoch immer stärker auf. Corona hat hier als Katalysator gewirkt. Die Tendenz zu digitalen Bezahlverfahren war zwar schon immer da, ist aber erst durch die Pandemie wirklich beschleunigt worden. Wenn man jetzt sieht, wie sicher die Verfahren sind, dann führt das zu einer nachhaltigen Veränderung im Verhalten.

Wir sehen bei Visa auch anhand der Zahlen, dass die Nachfrage der Konsument*innen nach bargeldlosem Bezahlen immer größer wird. Und das merken natürlich auch die Einzelhändler*innen.

Also ist es eine Entscheidung der Einzelhändler*innen, ob sie die Möglichkeit anbieten, kontaktlos zu bezahlen oder nicht?

Meier-Holsten: Ja, es ist eine Entscheidung der Einzelhändler*innen. Digitales Bezahlen ist heutzutage auch ein klarer Wettbewerbsvorteil. Als Einzelhandel möchte ich die Kundschaft abholen, und ihr die Möglichkeit geben, zu bezahlen, wie sie es möchte.

©Marco Grundt Fotografie

Wie profitiert der Einzelhandel davon?

Thelen: Das Bargeld-Management fällt zum Beispiel weg. Sprich, ob man das Rückgeld passend rausgeben kann oder nicht. Auch um die Hygiene muss man sich dann keine Gedanken mehr machen.

Meier-Holsten: Bei vielen kleinen Einzelhändler*innen ist es auch so, dass sie ihre Erträge am Ende eines Arbeitstages noch zur Bank bringen und einzahlen müssen. Das ist beim digitalen Bezahlen kein Thema. Außerdem spart es auch Zeit. Mitarbeiter*innen müssen sich beispielsweise nicht um eine detaillierte Abrechnung kümmern und das Geld zur Kasse bringen.

Zusätzlich kann auch mehr Umsatz generiert werden, weil die Wartezeit in der Schlange an der Kasse kürzer ist.

Welche Vorteile hat das kontaktlose Bezahlen für die Kundschaft?

Meier-Holsten: Den Konsument*innen ist wichtig, dass sie einfach, schnell und sicher bezahlen und ihre Ausgaben im Überblick behalten können. Das ist beim kontaktlosen Bezahlen alles gegeben. Man kann ganz genau nachvollziehen, welche Transaktionen man gemacht hat und wundert sich nicht, wohin die 50 Euro aus dem Geldbeutel wieder verschwunden sind.

Wenn das Bargeld abhanden kommt oder es geklaut wird, dann ist es weg. Wenn ich eine digitale Zahlung nicht autorisiert habe, kann ich mein Geld wiederbekommen.

Wieso sind wir mit kontaktlosen Bezahlsystemen so hinterher?

Thelen: „Good is the biggest enemy of great”. Warum können wir keine Behörden digitalisieren? Weil wir gute analoge Behörden haben. Es ist ein Problem, dass wir uns auf guten analogen Strukturen in Sicherheit wähnen, nur weil sie aktuell noch funktionieren.

Meier-Holsten: An der Stelle ist auch viel Aufklärung und Unterstützung nötig. Ich muss ehrlich sagen: Ich war erstaunt über den Wissensstand zum Thema digitales Bezahlen, als wir bei Visa die ersten Consumer Researches gemacht haben. 

Es gibt so viele Mythen, die um dieses Thema kursieren. Wir müssen erstmal transparentes Wissen vermitteln, um eine neutrale Basis zu schaffen, damit sich die Kundschaft oder Händler*innen für eine kontaktlose Bezahlalternative entscheiden können.

Was ist denn die größte Wissenslücke?

Meier-Holsten: Es fängt bei so Standard-Sachen an wie: Was ist der Unterschied zwischen einer Debitkarte und einer Kreditkarte? In Hinblick auf die unterschiedlichen Formfaktoren wie Smartphone und Smartwatch, fragen sich manche Menschen, wie die Karte ins Handy kommt? Das war vor zwei Jahren noch eine klassische Frage.

Auch die Sicherheit ist ein ganz großes Thema. Viele lehnen mobiles Bezahlen vor dem Hintergrund ab, weil sie denken es sei nicht sicher, ohne Informationen darüber zu haben. Gleichzeitig ist vielen die Token-Technologie kein Begriff. Dabei wird anstelle der echten Kartennummer eine Art „Pseudo-Kreditkartennummer“ generiert, ein sogenannter Token. Jeder dieser Token wird individuell erstellt und ist an ein einziges Gerät gebunden. Demnach kann niemand anderes diesen Token nutzen. Bei jeder Zahlung mit dem Handy werden an das Bezahlterminal ausschließlich Zahlungsdaten übermittelt – darunter der erwähnte Token.

Apropos Sicherheit: Auf dem Smartphone befinden sich Apps wie Google oder Facebook. Ich kann mir vorstellen, dass viele Angst haben, dass diese Apps auch das Bezahlverhalten tracken.

Meier-Holsten: Das ist die typsiche Datenschutzdiskussion, die es in unserer Gesellschaft gibt und die auch berechtigt ist. Deshalb muss man aber auch mit gewissen Vorurteilen aufräumen, um diese Angst zu nehmen.

Thelen: Es gibt zwei große mobile Betriebssysteme. Über die APIs, also die Application Programming Interfaces, ist geregelt, auf welche Daten Zugriffe gemacht werden können.

Wenn man mit der Smartwatch oder dem Smartphone bezahlt, muss man auf die jeweiligen Betriebssysteme vertrauen.

Da haben wir aber eine gute Basis, weil Apps nicht mehr einfach Daten untereinander austauschen können, ohne dass User*innen darüber informiert werden. Deswegen muss man in meinen Augen keine Angst haben, wenn man zum Beispiel Google Maps verwendet, dass die App auf die Bezahlmethoden zugreifen kann.

Es gibt Momentan ja viele Debatten rund um Digitalisierungsprozesse. Welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?

Thelen: Auf Basis der Digitalisierung kann man Handelsgeschäfte effizienter weiter entwickeln. Immer wenn man einen analogen Baustein hat, ist man begrenzt. Deswegen brenne ich dafür, dass man Papier abschaffen soll. An jedem Punkt, an dem jemand etwas abtippen muss, ist es ein Widerstand und eine Stelle, an der ein Geschäft nicht skalieren kann. Deswegen hoffe ich, dass wir diesen Schwung durch Corona weiter behalten und in Zukunft noch stärker digitalisieren.

Wie würde für Sie die optimale Zukunft der Digitalisierung aussehen? 

Thelen: Für mich ist Digitalisierung die Basis, um in die nächste Generation zu kommen. Wenn man nicht digitalisiert, dann wird man die ganzen Entwicklungen, die jetzt kommen, nicht mehr mitnehmen können. Die sind inkompatibel mit der analogen Welt. 3D-Druck, künstliche Intelligenz, Interface der Sprache: Die basieren alle darauf, dass das Kerngeschäft digitalisiert ist.

©Frank Thelen / frank.io 

Digitalisierung ist also nicht ein Thema, das man irgendwie mal machen sollte, sondern, das man machen muss, wenn das Unternehmen eine Zukunft haben soll. Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt.

Wir müssen diesen Schritt machen in Deutschland, auch wenn wir das alte Geschäft noch haben. Wir haben so viel Papier, weil wir über Jahrzehnte Weltmeister im Ausdrucken und Abheften geworden sind, sodass wir unsere ganze Organisation nicht digitalisiert bekommen. Aber das muss passieren, auch mit Bezahlströmen, damit das Geschäft skalierbar wird.

Womit können wir in Zukunft zahlen? In welche Richtung entwickelt sich die Technologie?

Thelen: Wir werden mehr biometrische Verfahren haben, beim Bezahlen. Sei es der Fingerabdruck oder sei es der 3D-Scan, der das Gesicht erkennt.

Das Zweite ist: Wir als Menschheit wollen mit den Systemen interagieren. Noch müssen wir mit dem Daumen auf unserem Smartphone herumtippen. In Zukunft werden wir direkt mit der Cloud verbunden sein. Sodass man direkt mit dem Gehirn lesen und schreiben kann. 

Wie könnte das genau aussehen?

Thelen: Was zu 100 Prozent kommen wird, ist der App Store im Gehirn. Das wird erst im medizinischen Bereich angewendet, beispielsweise dass man Impulse geben kann, um Fehlfunktionen im Rückenmark zu korrigieren.

Die Verbindung zwischen der Cloud, also irgendwelchen Daten, und unserem Körper wird kommen. Wir müssen uns damit wohlfühlen, müssen über diese emotionale Hürde hinweg und müssen das auch sicher regulieren. Aber am Ende des Tages werden – hoffentlich im Guten – Mensch und Maschine näher aneinanderrücken. Das ist aber noch einige Jahrzehnte entfernt.

Portrait Nicole Plich

Nicole Plich

Nicole studiert den Klassiker „Irgendwas mit Medien” und hat noch den idealistischen Anspruch mit Wörtern die Welt zu bewegen. Wenn sie im Internet mal nicht nach lustigen Donald Trump-Memes sucht oder Fantheorien zu Game of Thrones liest, interessiert sie sich für Popkultur, Wirtschaft und was im Bundestag so vor sich geht.