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Planet Labs: Wie eine Satelliten-Firma jeden Tag Bilder aus der Ukraine liefert

Planet Labs: Wie eine Satelliten-Firma jeden Tag Bilder aus der Ukraine liefert
Planet Labs PBC
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Aktualisiert
Lesezeit8 Min · 1.645 Wörter

14. Februar, Valentinstag. Wer erinnert sich noch, was sie oder er an diesem Tag gemacht hat? Wahrscheinlich jedenfalls noch nicht an Krieg in der Ukraine gedacht. Aber schon damals gab es deutliche Vorboten. Die „New York Times“ und Planet Labs haben bereits gewarnt:

Denn Satellitenfotos zeigten, wie Russland seine militärische Präsenz an der Grenze des Landes aufstockte. Satellitenfotos von Planet und Konkurrenzenabieter Maxar haben seitdem geholfen, den Krieg nachzuvollziehen:

Wir haben mit Planet-Cofounder Robbie Schingler über sein Unternehmen gesprochen. Der folgende Text ist vor dem Krieg entstanden:

Der Chiribiquete-Nationalpark in Kolumbien: eine Landschaft mit tiefgrünen Wäldern, mit steil aufragenden Tafelbergen. So abgelegen, dass die Wissenschaft viele ihrer Gipfel nie erforscht hat. Aber hier befindet sich ein Schatz der Natur: Es ist die Heimat vieler Tier- und Pflanzenarten, ein Naturraum, der unter Schutz steht. Theoretisch.

Denn Satellitenbilder zeigen: Menschen roden den Wald. Die amerikanische Firma Planet Labs kann mit Aufnahmen aus den Jahren 2017 und 2021 belegen, dass die Bäume des Regenwaldes gefällt wurden. Wo vier Jahre zuvor nur ein paar Flecken braunes Erdreich im satten Grün der Wälder aufschienen, da sind sie 2021 bereits vervielfacht.

Robbie Schingler ist Chief Strategy Officer und Co-Gründer von Planet Labs. Er hofft, dass solche Bilder in Zukunft verhindern, dass diese Bäume gefällt werden. „Es gibt da diese leistungsbasierten Systeme. Die UN sagen also: »Hey, lasst eure Bäume stehen. Wenn ihr das macht, geben wir euch Geld. Damit könnt ihr eure Wirtschaft umbauen.« Dies soll die Grundlage dafür sein, dass es mehr lohnt, die Umwelt zu schützen, als sie auszubeuten.

Denn wer in einer groß angelegten grünen Transformation die Wirtschaft auf andere Faktoren hin als bloß Geld optimieren will, braucht einen Maßstab dafür. Objektiv soll der bitte sein, nachprüfbar – wie eben ein Fotobeweis an der Ziellinie der Laufstrecke.

Dabei klingt das Geschäftsmodell von Planet Labs zunächst ein wenig nach Big Brother: Aus dem All haben sie dein Haus fotografiert und alle anderen Häuser auf der Welt. Heute, gestern, vorgestern. Und morgen werden sie es wieder tun, übermorgen und an all den Tagen darauf. Satelliten, die weite Bahnen durchs Weltall ziehen, unsichtbar für das Auge, du kannst sie nicht sehen. Aber sie können dein Haus sehen, deine Straße, deine Stadt. Das ist die Aufgabe der Satelliten von Planet Labs: ein Bild von jedem Ort auf der Erde an jedem Tag. Bloß ist Big Brother eine alte Idee, ein Konzept aus einem über 70 Jahre alten Roman. Und Planet Labs geht es auch um etwas ganz anderes. Aber Risiken gibt es natürlich trotzdem.

Robbie Schingler muss es wissen. „Es gibt jede Menge Risiken, Mann!“, sagt er. Schingler ist kein Kritiker, kein Journalist, kein Freiheitsrechtler, aber diese riskante und vielversprechende Idee war auch seine. Planet Labs ist jüngst an die Börse gegangen. Interessanter ist aber dabei eigentlich, dass die Firma sich selbst öffentlich auferlegt hat, mit der Technologie verantwortungsvoll umzugehen. Oder genauer gesagt: „Die Entwicklung der Menschheit in Richtung einer nachhaltigeren, sicheren und prosperierenden Welt zu beschleunigen, indem man Veränderungen der Umwelt und der Gesellschaft beleuchtet.“

So lautet die Formulierung des Unternehmenszwecks. Denn Planet Labs ist nach US-amerikanischem Recht als Public-Benefit Corporation gelistet, als PBC. Das bedeutet: Das öffentliche Interesse muss immer mitbedacht werden. Aber was genau verbirgt sich dahinter: „Die Interessen der Öffentlichkeit“? Das wird Schingler gemeinsam mit seinen Co-Gründern in Zukunft sorgfältig abwägen müssen.

Das Modell PBC ist nur einer der Gründe, warum der CSO sagt, dass man wegen seiner Firma keine Sorgen haben muss. Ein anderer: Der Satellit hat zwar dein Haus fotografiert, aber es ist nicht genau zu erkennen. Was in dem Haus vor sich geht, das ist für Planet Labs ohnehin nicht relevant. Es soll um etwas Größeres gehen: um Big Data. Um sehr viele Daten und um den Wissensvorsprung, der sich aus ihrer Verfügbarkeit ergibt.

Die beste Auflösung, die Planet Labs derzeit bietet, beträgt etwa einen halben Meter pro Pixel. Dafür betreibt das Unternehmen 18 Satelliten unter dem Namen Skysat. Für die tägliche Aufnahme der ganzen Erdoberfläche ist ein weiteres System namens Planetscope im Einsatz. Es besteht aus gut 200 Satelliten, die nur etwa so groß wie Schuhkartons sind.

Wenn diese kleinen Maschinen also gestern, heute, morgen Fotos von deinem Haus machen, dann werden sie es nur klein abbilden. Einen Swimmingpool im Garten könnte man erkennen. Dass sich daneben jemand sonnt, würde verschwimmen.

Ans eigene Sonnenbad zu denken, wenn es um Satellitenbilder geht, ist deshalb auch zu ichbezogen. Das Individuum verschwimmt, die großen Dinge aber, die nicht einzelne, sondern viele Menschen betreffen, die sollen dafür sichtbar werden.

Wie etwa diese Tragödie der jüngsten Vergangenheit: Ende August 2021 versuchten Menschen in Afghanistans Hauptstadt Kabul verzweifelt, in die Flugzeuge zu gelangen und das Land zu verlassen, während die Taliban die Kontrolle übernahmen. Es sind Schicksale, die von oben nur als Pixelbruchteile erscheinen, nur Schatten auf dem Flugfeld. Aber dank der Bilder von Planet Labs werden sie eben sichtbar bleiben. Auch dann, wenn ein Regime entscheidet, das Internet zu blockieren.

Co-Founder Schingler hat eine Menge Hoffnungen, wie die Technologie seiner Firma der Menschheit und dem Planeten nutzen könnte. „Regierungen haben seit 50 Jahren den Planeten aus dem All beobachtet, für die Wissenschaft, Verteidigung, Geheimdienste“, sagt der ehemalige Nasa-Mitarbeiter. Bei der US-Weltraumbehörde traf er auch auf Co-Founder Will Marshall. „Aber es gab noch keine Cloud, kein Machine-Learning. Selten findet man eine Branche, die noch nicht digitalisiert ist.“ Das ist die Nische, in der Planet sich ausbreiten will. Natürlich, auf diese Idee sind nicht nur Schingler und Marshall gekommen – mit dem Unternehmen Maxar haben sie einen direkten Konkurrenten, der derzeit sogar eine etwas höhere Auflösung bieten kann.

Doch auch staatliche Akteure werden so schnell nicht aus dem Weltraum verschwinden. „Früher kosteten Satelliten ein paar Hundert Millionen Dollar, gar Milliarden. Weil einige jetzt viel kleiner und billiger sind, ist die Eintrittsbarriere niedriger“, sagt Schingler. „Aber man kann nicht jede Mission schrumpfen. Und viele fortgeschrittene Anwendungen im Weltraum können wir nur nutzen, weil Regierungen schon lange daran gearbeitet haben.“ Für Schingler ist auch die Nasa ein potenzieller Auftraggeber und Kooperationspartner. „Es geht dabei nicht um Wettbewerb, sondern um gemeinsamen Erfolg.“

Und eigentlich geht es auch nur am Rande um Fotos. Fotos, erklärt Schingler, sind etwas fürs menschliche Auge und nicht für Big-Data-Analysen. „Unsere Satelliten können weit mehr sehen als das Auge“, sagt Schingler. „Infrarot, Moleküldetektoren, Radarsignaturen. Die große Chance ist, diese Datensätze zu kombinieren. Ein Überblick über die Tatsachen und Kenntnis vom Geschehen.“ Es ist eines der zentralen Versprechen von Planet Labs: Lüge und Wahrheit unterscheiden zu helfen, Fake News von Fakten. Zu sehen, was in Kabul, in Kolumbien oder auf Raketenbasen mitten in der Wüste passiert, ohne vor Ort zu sein. „Genau das brauchen wir dringend. Eine Quelle für ein faktenbasiertes Verständnis der Welt“, sagt Schingler. „Um Risiken zu verstehen und bessere Entscheidungen zu treffen. Am aufregendsten finde ich dabei, welche Rolle das bei der Nachhaltigkeitstransformation spielen kann.“

Anlegerinnen und Anleger werden aber auch an ihr Investment denken. Seit Dezember 2021 wird Planet Labs an der Wall Street gehandelt. Das Unternehmen wählte dafür das Spac-Modell, eine bereits an der Börse gelistete, leere Firmenhülle, die mit Planet fusionierte.

Und man muss sagen: Der Kurs bewegte sich seit der Listung nicht himmelwärts, sondern in die exakt entgegengesetzte Richtung. Seit dem IPO ging es mit Stand Mitte Januar rund 35 Prozent bergab. Das hing nach Unternehmensangaben auch damit zusammen, dass ein staatlicher Auftrag ausgefallen war, weil in dem nicht näher genannten Land nämlich „ein nicht anerkanntes Regime“ die Kontrolle übernommen habe. Der Deal ging verloren.

Wer die Satellitenanalysen nutzen darf, wird Planet Labs auch in Zukunft abwägen müssen. Welche Regierungen, welche Firmen dem Purpose im Weg stehen und welche ihm dienen. Schingler hofft, dass sich Gewalt und Konflikte mit besserem Zugang zu Daten verhindern lassen.

Die Satellitentechnologie kann ihren Ursprung nicht verhehlen – der liegt im militärischen und geheimdienstlichen Bereich. Ein Feld, auf dem sich auch Planet weiter betätigen wird. Nicht das einfachste Terrain. Denn es geht immer um widerstreitende Interessen.

Da ist zum Beispiel die Aufnahme von Planet-Labs-Satelliten, die ein leeres Stück Land in der chinesischen Provinz Gansu zeigt. Aber nach ein paar Wochen ist es gar nicht mehr so leer. Straßen durchziehen die Fläche, und eckige Strukturen sind zu sehen. Planet Labs’ Einordnung: wahrscheinlich Raketensilos für Waffen.

Satellitenaufnahmen dieser Art waren bisher höchsten Regierungskreisen oder Militärs vorbehalten. Am 30. August 2019 verbreitet der damalige US-Präsident Donald Trump auf Twitter ein Foto. Es zeigt eine iranische Raketenbasis. Trump wollte beweisen, dass die USA nicht in eine Explosion verwickelt waren, die dort am Tag zuvor stattgefunden hatte. Das Foto hätte eigentlich geheim bleiben sollen. Es zeigte der Welt unbeabsichtigt, wie hochauflösend Satelliten des US-Militärs die Erdoberfläche abfotografieren können. Die Welt weiß nun, dass die USA derart nah ranzoomen können, dass selbst Automodelle auf Satellitenfotos erkennbar sind. Alle anderen Menschen wären für die Preisgabe im Gefängnis gelandet, doch als US-Präsident durfte Trump sich über die Geheimhaltung hinwegsetzen. Ob das strategisch so klug war, steht auf einem anderen Blatt.

Seien es die Bäume im Chiribiquete-Nationalpark in Kolumbien oder iranische Raketen – wo wir hinschauen, ist eine Frage der Interessenlage. Was nicht mehr geht: darauf setzen, dass niemand zusieht.

Dieser Text erschien in Business Punk 1/2022. Hier gibt es das Magazin zum Bestellen. Oder im Kiosk eures Vertrauens.

Jonas Bickelmann