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Play it like Snoop Dogg: Die neue Superpower der Cultural Tastemaker

Snoop Dog
Grafik: Anja Horn
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Aktualisiert
Lesezeit4 Min · 836 Wörter

„Fo shizzle my nizzle!“ Was das bedeutet? So viel wie: „Auf jeden Fall, mein Freund“. Es ist die Sprache von Snoop Dogg. Täglich erleben wir den Rapper bei den Olympischen Spielen. Er ist längst so etwas wie das inoffizielle Maskottchen in Paris. Ausgerechnet er, der nie Sport gemacht hat und höchstens einen Weltrekord im Kiffen hält, überstrahlt alles und verdient fast mehr als alle Olympia-Stars zusammen. 15 Millionen Dollar zahlt ihm der US-Sender NBC dafür, dass er den TV-Experten gibt – 500.000 Dollar am Tag. Warum? Weil er das ist, was Marketing-Experten die neue Superpower nennen: Er ist ein Cultural Tastemaker.

Nur ein Star zu sein, eine Goldmedaille zu gewinnen oder einen Rekord zu brechen – das reicht heute nicht mehr. Das können schlichtweg zu viele. Wer wirklich heller als die Olympia-Flamme scheinen will, braucht mehr. Der braucht die Superpower. Und die heißt Cultural Tastemaker.

Cultural Tastemaker sind Menschen, die die Gabe haben, eine ganze Community um sich herum zu versammeln, zu inspirieren und auf den Geschmack zu bringen. Die uns sagen, was wir cool finden, bevor wir überhaupt wissen, was das ist und warum wir diese eine Sache nun besser finden sollen als alle anderen.

Es sind Visionäre, die größer sind als ihre eigene Bubble. Die sich aus ihrem eigenen Genre herauskatapultiert haben und ein eigenes Sonnensystem bilden und Massen anziehen wie schwarze Löcher es im Weltall mit der Materie tun.

Und genau so einer ist Snoop Dogg. Sein Arbeitgeber NBC schwärmt, dass der Rapper viel größer sei als jeder Song – er sei Teil der Popkultur und könne so Menschen begeistern, die normale Fernsehprogramme gar nicht mehr erreichen. Die Einschaltquoten sind laut Senderangaben um 79 Prozent gestiegen. Wenn Snoop auftritt, schalten im Schnitt 35 Millionen Amerikaner ein, so viele wie lange nicht mehr.

Seit 1988 überträgt NBC die Olympischen Spiele exklusiv. Allein für die Übertragungsrechte von 2022 bis 2032 haben sie sieben Milliarden Dollar investiert. Für ihren Botschafter des Glücks, wie sie Snoop Dogg nennen, zahlen sie an jedem der 16 Olympia-Tage 500.000 Dollar. Die Summe setzt sich aus seinem Honorar, Spesen und einer Beteiligung an den hohen Einschaltquoten zusammen.

Im Vergleich dazu: US-Athleten bekommen für eine Goldmedaille eine Prämie von 37.500 Dollar und arbeiten oft mehrere Jahre darauf hin. Deutsche Olympia-Athleten leben meist von Sporthilfe, 800 Euro brutto im Monat. Aber Snoop snoopt eben über allen.

Selbst die New York Times feiert seine Olympia-Auftritte. Es sei das nächste Kapitel seines drei Jahrzehnte andauernden Aufstiegs: „Snoop hat sich von einem obszönen, Marihuana-liebenden Musiker zu einer vielseitigen, fröhlichen, Marihuana-liebenden Persönlichkeit entwickelt. Er ist heute Unternehmer, Schauspieler, Werbeträger und Philanthrop.“

Er rappt über Alkohol („Gin and Juice“) oder Promiskuität („Drop it like it’s hot“) und wird zum Superstar der wichtigsten Sportveranstaltung des Planeten. Er darf sogar die olympische Flagge tragen. Er fährt mit den US-Basketballern im Teambus und lässt sich vom 23-fachen Goldgewinner Michael Phelps Schwimmtraining geben.

Snoop Dogg, die Stil-Ikone in der Fashion-Hauptstadt Paris. Mal geht er mit Dressurfrack, Helm und Reiterstiefeln perfekt gekleidet zum Dressur-Finale, als wolle er selbst noch mitreiten. Mal trägt er ein Shirt in Gedenken an die tödlich verunglückte Basketball-Legende Kobe Bryant. Dann kommt er mit einer personalisierten Jacke seines Senders NBC. Jeder Look ein Statement. Ein Brückenbauer. Ein Menschenfänger. 100 Millionen Follower auf Instagram und TikTok.

Seine Karriere – es ist die DNA des HipHop. Er hat sie geprägt. Aufgewachsen als Calvin Broadus Jr. im Armenviertel in Long Beach, Kalifornien. Seine Mutter nennt ihn Snoop, weil er die Comicserie „Peanuts“ liebt. In der Highschool Kokain. Er landet im Gefängnis und entscheidet sich, sein Leben zu ändern und ins Musikgeschäft einzusteigen. HipHop-Mastermind Dr. Dre entdeckt ihn, der legendäre Tupac Shakur wird zum Freund. Sein erstes Album „Doggystyle“ verkauft sich allein in den USA vier Millionen Mal. 16 Grammy-Nominierungen, er dreht Hollywood-Movies („Starsky and Hutch“) und entwickelt seine eigene Sprache: Von „Fo shizzle my nizzle“ bis „All hood“, alles gut.

Heute ist Snoop Dogg der neue Sonnenkönig von Paris. Ein Cultural Tastemaker. Ein globaler Geschmacksmacher. Von der HipHop-Kultur in die Welt des Luxury Lifestyles bis hinein in die Herzkammer des Sports. Nur wenige besitzen diese Superpower. Jay-Z ist so einer. Auch der kann das. Oder Pharrell Williams, der als Chefdesigner von Louis Vuitton auch die olympische Flagge in Paris tragen durfte.

Wir werden bald noch mehr von diesen Tastemakern sehen. NBC kündigt bereits an, das Programm mit Snoop Dogg auszubauen. Ein Wertewandel in der Medienbranche: Statt der gewohnten Moderatoren, Nachrichtensprecher und üblichen Experten (meist Ex-Sportler) will der Sender in Zukunft verstärkt auf Persönlichkeiten der Popkultur setzen.

Spannend, was das für das deutsche Fernsehen bedeutet. Beim Öffentlich-Rechtlichen leben sie Diversity neuerdings, indem bei allen Übertragungen zum alten weißen Mann eine mehr oder minder alte weiße Frau ans Mikro gesetzt wird. Aber ob diese Doppelmoderation auch immer gleich doppelt so gut ist?

Wir Business Punks sind auf den Geschmack gekommen. Play it like Snoop, let’s play hard.

Portrait Tom Junkersdorf

Tom Junkersdorf